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Gedichte wie Gebete

dari Michael Braun

Nachruf auf den metaphysisch nicht obdachlosen Europäer Adam Zagajewski

Wie er zum Gedicht kam, beschreibt Adam Zagajewski einmal in seinen Erinnerungsbildern „Ich schwebe über Krakau“ (2000): ihm war da klar geworden, dass man „selbst das Gebet formen“ kann. Schreiben ist wie Beten, nur ohne gefaltete Hände. Und so traute er sich zu, seiner Lyrik, Essayistik und seinen autobiographischen Schriften ein metaphysisches Obdach zu geben. Und einen kosmopolitischen Pass. Der sprachgewandte Weltbürger, der überzeugte Europäer, der sozusagen kosmo-polnische Dichter ist am 21. März 2021 in Polen verstorben.

Adam Zagajewski wurde 1945 in Lemberg geboren und kehrte, nach zwei Jahrzehnten in Paris (1982-2002), wieder in sein Vaterland zurück. In den USA unterrichtete er viele Jahre am Englischen Department der Houston University und an der University of Chicago. Zagajewskis Lyrik war religiös musikalisch, aber immer auch politisch engagiert, niemals auf den Zinnen einer Partei: „Ich will politische Eindrücke in meiner Lyrik vertiefen, aber nicht Partei für aktuelle Ereignisse ergreifen“, sagte er im KAS-Interview . Er focht für die Freiheit des Wortes. Noch im Januar 2016 publizierte er in der polnischen Tageszeitung „Gazeta Wyborcka“ ein regierungskritisches Gedicht. Wenige Tage nach „9/11“ brachte er sein Gedicht „Versuch, die verstümmelte Welt zu besingen“ (englisch, in „The New Yorker“, 17.09.2001) heraus. Er war ein Wortführer der „Generation 68“, deren Programm er in dem Manifest „Die nichtdargestellte Welt“ (1974) ausformulierte. Vier Jahre später beteiligte er sich an der Arbeit der „Fliegenden Universität“, einer vom Staat unabhängigen, halblegalen Hochschulinstitution.

Adam Zagajewskis Werk gehört zum literarischen Kanon Polens und hat Eingang in Lexika und Schulbücher gefunden. Geistig den Nobelpreisträgern Czesław Miłosz und Wisława Szymborska nahestehend, ist Zagajewskis Werk inspiriert von Religion, Philosophie und Politik. Seine Dichtungen sind historisch tief in der Geschichte Europas verankert und zugleich von großer Modernität. Ironisch und melancholisch, mit der „leisen Musik der letzten Fragen“, wie der damalige NZZ-Feuilletonchef Martin Meyer in seiner Laudatio auf den Literaturpreisträger der Konrad-Adenauer-Stiftung am 2. Juni 2002 in Weimar sagte, schreibt Zagajewski die moderne Geschichte der internationalen Poesie weiter: in den Lyrikbänden „Mystik für Anfänger“ (1997) und „Die Wiesen von Burgund“ (2003), in dem Roman „Der dünne Strich“ (1983), der auf einen Berlin-Aufenthalt des Autors zurückgeht, in den politischen Essays „Solidarität und Einsamkeit“ (1986) und in zahlreichen Essays in der Literaturzeitschrift „Sinn und Form“.

Adam Zagajewski hat, nach dem Literaturpreis der Stiftung, weitere wichtige Preise bekommen, den Eichendorff-Literaturpreis (2014), den Heinrich-Mann-Preis (2015) und den Orden Pour le Mérite für Wissenschaften und Künste (2019). Als er 2015 in die Deutsche Akademie für Sprache und Dichtung aufgenommen wurde, ein Ritterschlag für Schriftsteller, bedankte er sich mit einem poetischen „Selbstbildnis“. Darin heißt es, in der Übersetzung aus dem Polnischen von Karl Dedecius, mit der für Adam Zagajewski charakteristischen Selbstskepsis: „nicht alle Wege der hohen Welt / kreuzen sich mit den Pfaden des Lebens, das, vorerst, / mir gehört“.

 

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Prof. Dr. Michael Braun

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