bpk / Deutsches Historisches Museum

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Opfer des politischen Extremismus

dari Andreas Schulz

Die Ermordung Walther Rathenaus am 24. Juni 1922.

Hochpolitische Motive führten zu dem Mord an Walther Rathenau vor 100 Jahren: Hauptantrieb der Täter war es, mit dem liberalen Politiker einen hochrangigen Vertreter der Republik aus dem Weg zu räumen und damit eine Staatskrise zu provozieren. Während des Gerichtsverfahrens gegen die Mörder und ihre Hintermänner wurde dieser Zusammenhang jedoch bagatellisiert und die Tat nurmehr als nationalistisch verblendete Handlung Einzelner verhandelt. Diese falsch angelegte Versöhnungsstrategie gegenüber den Extremisten belastete fortan die Erinnerung an Rathenau und stellte eine schwere Hypothek für die politische Kultur der Weimarer Republik dar.

Die Nachricht von der Ermordung des deutschen Außenministers Walther Rathenau versetzte die Republik in einen emotionalen Ausnahmezustand. Tagelang beherrschten organisierte Protestkundgebungen, Demonstrationsstreiks und spontane Massenaufläufe das öffentliche Leben. Am Tag der Beisetzung Rathenaus am 27. Juni 1922 versammelten sich Millionen Menschen, um ihrem Entsetzen über das hinterhältige Attentat Ausdruck zu verleihen. Zum ersten Mal schien sich die durch territoriale Grenzkämpfe, Putschversuche und politischen Terror bedrohte, in feindliche Lager gespaltene Republik auf ein gemeinsames Ziel zu orientieren: die Abwehr des gewaltbereiten Extremismus und den Schutz der republikanischen Verfassungsordnung.

Paradoxerweise hatte der Rathenaumord also zunächst eine pazifizierende Wirkung auf Politik und Gesellschaft. Die Massenkundgebungen wurden allenthalben als ein emotionales Bekenntnis zur Republik verstanden. Sie lenkten den Blick in die Zukunft und schienen auf eine Demokratisierung der politischen Kultur vorauszuweisen. In den Reihen der radikalen Republikfeinde dagegen machte sich Ernüchterung breit. Die Regisseure des Anschlags und ihr Unterstützermilieu mussten das unmittelbare Scheitern ihres Mordplans erkennen. Ihr politisches Kalkül hatte darauf abgezielt, durch eine Serie politischer Attentate einen Bürgerkrieg zu entfesseln. Als Endziel ihrer Eskalationsstrategie schwebte den Verschwörern die Etablierung einer von der Reichswehr gestützten Rechtsregierung vor, die eine Revision der aus der Novemberrevolution hervorgegangen Weimarer Verfassung einleiten würde.

 

Kollektive Staatstrauer

Die Haltung der Öffentlichkeit und mehr noch das entschiedene Reagieren der staatlichen Organe durchkreuzten die Bürgerkriegsstrategie der Attentäter. Unmittelbar nach Bekanntwerden des Mordanschlags hatte sich der Reichstag zu einer Sondersitzung versammelt. In aufgewühlter Atmosphäre forderte die Mehrheit der Abgeordneten eine konsequente Bestrafung der Schuldigen und ihrer Hintermänner. Reichskanzler Josef Wirth wies ohne nähere Kenntnis der Tatumstände die Verantwortlichkeit für das Attentat dem politischen Rechtsextremismus zu. Dieser verbreite »unter dem Deckmantel nationaler Gesinnung« »Terror und Nihilismus«, so der Zentrumspolitiker. Von der kollektiven Staatstrauer mit der Aufbahrung Rathenaus im Plenarsaal des Reichstags als symbolischem Höhepunkt ging ein Signal republikanischer Entschlossenheit aus. Das öffentliche Gedenken des Politikers wurde zur Einheit stiftenden Erinnerungszeremonie der Weimarer Demokratie.

Mit Zustimmung des Reichstags ergriff die Regierung Maßnahmen zum Schutz der Republik. Sowohl die polizeilichen Ermittlungsbehörden als auch der neu etablierte Staatsgerichtshof ließen keinen Zweifel an ihrem Aufklärungswillen aufkommen. Bereits wenige Tage nach der Mordtat waren die Attentäter unter tätiger Mithilfe der Bevölkerung identifiziert. Obgleich sie sich ihrer Festnahme einige Wochen lang entziehen konnten, nahm ihre Flucht schließlich ein tödliches Ende. Mit der Entdeckung der Täter und der Aufklärung der Tatumstände war den Erwartungen der Öffentlichkeit binnen kurzer Zeit Genüge geleistet und der im Raum stehende Vorwurf mangelnden Verfolgungswillens staatlicher Organe entkräftet worden. In den Jahren zuvor hatte sich die Reichsregierung bei der Niederschlagung kommunistischer Aufstandsversuche auch des Einsatzes bewaffneter Freikorps bedient. Unter dem Eindruck der fortgesetzten Attentatsserie gegen hochrangige Politiker wurde den damit in Verbindung gebrachten paramilitärischen Verbänden der Rechten jetzt staatlicherseits jegliche moralische Legitimation abgesprochen. Die Regierung Wirth hatte Handlungsfähigkeit bewiesen und ihre Entschlossenheit bekräftigt, dem politischen Extremismus mit allen Mitteln der Gesetzgebung und Strafjustiz Einhalt zu gebieten.

Objektiv trug diese sicherheitspolitische Zeitenwende und das mit ihr verbundene politische Bekenntnis zur Wehrhaftigkeit der Republik zur Beruhigung einer polarisierten Öffentlichkeit bei. Nach den Belastungen des durch Ruhrkampf, Inflation und das unnachgiebige Reparationsregime der Alliierten gezeichneten Jahres 1923 schien die Republik tatsächlich in eine ruhigere Phase einzutreten. Sowohl für den Übergang zu einer auf vertraglichen Abmachungen beruhenden Vereinbarungspolitik mit den Siegermächten als auch für eine Zusammenarbeit der republiktreuen Kräfte im Inneren hatte der am 1. Februar 1922 zum Außenminister ernannte Walther Rathenau persönlich bis unmittelbar vor seinem gewaltsamen Tode entscheidende Voraussetzungen geschaffen. Im Lager der republikanischen Kräfte wurde der bis dahin so umstrittene, von vielen auch angefeindete Politiker deshalb zu einer zentralen Symbolfigur demokratischer Traditionsstiftung, ja geradezu zum Märtyrer der von extremistischen Kräften bedrohten Weimarer Republik.  

 

Protagonist einer neuen Zeit

Das allmähliche Verblassen des Rathenaumythos bereits ab Mitte der 1920er Jahre zeigt allerdings, wie fragil die Voraussetzungen dieser Erinnerungspolitik gewesen sind und wie abhängig deren Zustimmungsfähigkeit von den jeweiligen Zeitumständen war. Ein Grund für das bald sich einstellende kollektive Vergessen mag auch in der Persönlichkeit Walther Rathenaus zu suchen sein, der befreundeten Zeitgenossen wie späteren Historikern rätselhaft erschienen ist. Als Sohn eines der erfolgreichsten Industriellen des Kaiserreiches seit 1915 in verantwortlicher Position des Weltunternehmens AEG stehend, als gefragter Publizist und Politikberater, Großkapitalist mit künstlerischen Neigungen, vor allem aber als Hauptakteur der Kriegswirtschaft und Mitarchitekt einer eigenständigen republikanischen Außenpolitik stand Rathenau bis zu seinem Todesjahr stets im Fokus einer kritischen Öffentlichkeit. Viele bewunderten die Aura unnahbarer Überlegenheit des modernen Erfolgsmenschen, der, obgleich in seinem Umfeld kommunikativ und gesellig auftretend, im Privaten »ein ungewöhnlich einsamer Mensch« (Martin Sabrow) geblieben ist. Ob dieses Bild auf Zuschreibungen beruhte oder auf Selbstinszenierung ‒ Rathenau war jedenfalls keine populäre Identifikationsfigur.

Er verkörperte wie kein zweiter Politiker den Übergang in eine neue Welt, der viele Mitlebende sich nicht zugehörig fühlten. Für die Propagandisten der Dolchstoßlegende war Rathenau ein Handlanger der »Novemberverbrecher«, ein Kriegsgewinnler zudem, der sich 1919 nur zum eigenen Vorteil in den Dienst der neuen Ordnung stellte. Weil er als Außenminister nach anfänglichem Zögern die Verständigung mit den Reparationsmächten auf der Konferenz von Genua 1922 einleitete, war er für das deutschnationale Lager ein exponierter Repräsentant der in diesen Kreisen verhassten sogenannten »Erfüllungspolitiker«. Als sozial arrivierter, polyglotter und vermögender Unternehmer jüdischer Konfession eignete sich Rathenau zudem geradezu idealtypisch für das antisemitische Zerrbild des »internationalen Judentums«.

 

Zunehmend rassistisch motivierter Antisemitismus

In der Forschung wurde dem Mordmotiv deutschvölkischen Judenhasses besondere Bedeutung beigemessen. Rathenau selbst hatte sich jedoch wie andere Bürger jüdischer Konfession kaum je zu dieser Bedrohung öffentlich geäußert oder sich darüber besonders besorgt gezeigt. Dennoch ist davon auszugehen, dass er die schleichende Veränderung der Einstellung der Mehrheitsgesellschaft zur jüdischen Bevölkerung wahrgenommen hat. Dass über Antisemitismus öffentlich nicht gesprochen wurde, ist durchaus typisch für die Vertreter der postemanzipatorischen Generation. Im deutsch-jüdischen Bürgertums war angesichts des sozialen Aufstiegs im Kaiserreich der Fortschrittsoptimismus ungebrochen. Den aufkommenden Antisemitismus nahm man als diffusen Antimodernismus wahr, über den die Zeit hinweggehen würde. Dass diese Gewissheit schon beim dreißigjährigen Rathenau ins Wanken geraten sein könnte, legt ein anonym verfasster Essay nahe, den er 1897 unter dem Titel »Höre, Israel!« in Maximilian Hardens Zukunft publizierte. Darin hielt er dem Judentum mangelnde Veränderungs- und Anpassungsbereitschaft vor. Sein Appell, sich der Mehrheitsgesellschaft zu assimilieren, lief auf eine Selbstaufgabe jüdischer Kultur hinaus. Mit dieser Stellungnahme, von der er sich später distanzierte, sorgte Rathenau für Irritation auch im liberalen Reformjudentum. Seine auch im Weiteren eher indifferente Haltung zur »Judenfrage« wird nur vor dem Hintergrund eines markanten Einstellungswandels der Mehrheitsgesellschaft seit den 1890er Jahren verständlich. Dieser vollzog sich unter dem Eindruck zunehmender Einwanderung jüdischer Migranten aus den Pogromländern Ost- und Südosteuropas. Aufgrund ihrer vermeintlich spezifischen Kulturmerkmale wurden diese Zuwanderer als »fremdvölkische Ostjuden« rassistisch klassifiziert. Soziale Ausgrenzungen im akademischen Milieu und im preußisch-deutschen Offizierskorps wiesen auf einen das gesamte Judentum diskriminierenden Rassenantisemitismus voraus. Rathenau selber musste in Jugendjahren die demütigende Erfahrung machen, als Jude nicht zum Reserveleutnant befördert worden zu sein.

Prägender noch als diese Zurücksetzung dürfte die Erkenntnis gewesen sein, dass die zunächst auf wenige Segmente der Gesellschaft begrenzte soziale Diskriminierung allmählich in einen breit vernetzten antisemitischen Diskurs überging. Objektiv verschlechterte sich unter wachsendem Anpassungsdruck und Alltagsdiskriminierung die Lebenssituation der jüdischen Bevölkerung seit der Jahrhundertwende. Sie führte zu einer Polarisierung auch innerhalb des Judentums, wo sich viele vor die Alternative des »Untertauchen im Deutschtum« (Gershom Scholem) oder der Abschottung im jüdischen Sozialmilieu gestellt sahen. Walther Rathenau beteiligte sich nicht an der jüdischen Identitätsdebatte, deren Extrempositionen die Bereitschaft zur Akkulturation einerseits und das zionistische Projekt eines jüdischen Nationalstaats auf der anderen Seite markierten. Rathenau konnte keinen Widerspruch zwischen seiner jüdischen Konfession und seiner Nationalität erkennen. Als preußisch-deutschnational sozialisierter Liberaler begegnete er dem traditions- und kulturverhafteten »Ostjudentum« mit dem gleichen Überlegenheitsdünkel wie die nichtjüdische Bevölkerung. Dabei wird er registriert haben, dass auch im bürgerlichen Milieu Vorbehalte gegen einen angeblich übermäßigen jüdischen Einfluss in Staat und Gesellschaft salonfähig wurden. Eine Konversion zum Christentum kam für Rathenau dennoch nicht in Betracht. Dass auch er sich in einem Klima zunehmender Distanzierung gegenüber Juden neu orientieren musste, dürfte Selbstzweifel geweckt, das Fremdheitsgefühl gegenüber der bürgerlichen Lebenswelt verstärkt haben.

 

Verharmlosung der Mordmotive

Die öffentliche Kritik an Rathenau hatte allerdings wenig mit seinen privaten Lebensumständen zu tun. Sie galt seiner Stellung im Weltkrieg, insbesondere der Verquickung seiner wirtschaftlichen Interessen als Rüstungsfabrikant mit seiner Funktion als Organisator der Kriegsrohstoffversorgung. Hinzu kamen seine wechselnden Positionen zur Bestimmung der Kriegsziele, gefolgt von einem erratischen Agieren während der Waffenstillstandsverhandlungen. Dass Walther Rathenau aus dem politischen Abseits, in das er sich manövriert hatte, 1922 überraschend in ein hohes Staatsamt berufen wurde, beflügelte antisemitische Verschwörungsfantasien. Die Vermutung lag deshalb nahe, dass der Mordanschlag dem exponierten Politiker der »Judenrepublik« galt. Und tatsächlich waren die Täter aus dem völkisch-nationalistischen Lager kaiserlicher Marinesoldaten und Freikorpskämpfer rekrutiert worden. Im rasch durchgeführten Strafprozess vor dem Leipziger Staatsgerichtshof wurde deshalb als Mordmotiv nationalistisch verblendete Einzeltäterschaft verhandelt. Dieser Erzählung folgte auch die Anklage im zwei Jahre später anberaumten Hauptverfahren, das die republikfeindlichen Aktivitäten der paramilitärischen Organisation Consul aufklären sollte. Der ominöse Münchner Geheimbund um den Kapitänleutnant Ehrhardt hatte, wie aus heutiger Sicht eindeutig feststeht, durch die Schockwirkung der Attentate eine Staatskrise provozieren und einen politischen Umsturz herbeiführen wollen. Über ein organisiertes Netzwerk war den Attentätern bei der Tatvorbereitung und der späteren Flucht Unterstützung geleistet worden. Der Kontext einer politischen Verschwörung blieb während der Prozessdauer indes weitgehend im Dunkeln und ein Großteil der Tatbeteiligten auf freiem Fuß. Das politisch wie prozesstaktisch zu erklärende Justizversäumnis wog schwer. Es erhöhte angesichts der weitherzigen Auslegung der Tatmotive die Risikobereitschaft des weiterhin aktiven Rechtsextremismus. Indem Staatsanwaltschaft und Gericht den Angeklagten eine patriotische Gesinnung zubilligten, stuften sie die zur Geheimhaltung verschworenen Handlanger der hochverräterischen Brigade Ehrhardt zu einer Bande irregeleiteter Heimatschützer herab.

 

Ein Märtyrer der Demokratie

Durch die Versöhnungsjustiz des Staatsgerichtshofs wurde der Mordanschlag auf Walther Rathenau bagatellisiert und damit seiner hochpolitischen Dimension beraubt. Darin liegt aus heutiger Sicht eine besondere Tragik, war doch der Außenminister kein beliebiges Opfer blinder Gewalt. Rathenau wurde als Symbolfigur einer von völkischen Republikfeinden verfemten »Erfüllungspolitik« und als hoher Repräsentant des verhassten Weimarer »Systems« planvoll exekutiert. Er starb insofern tatsächlich als ein Märtyrer der Weimarer Demokratie.

Die Weimarer Erinnerung an Walther Rathenau wurde von den wechselnden Stimmungslagen der Bevölkerung bestimmt. Bereits zwei Jahre nach Rathenaus Tod maß dessen jüdischer Parteikollege Ludwig Haas in seiner Gedenkrede auf den Außenminister im Juli 1924 dem eigentlichen Tatkomplex kaum noch Bedeutung bei. Die emotionale Debatte über den Dawesplan und die Reparationslasten veränderte den Blick auf die Attentäter. Dem liberalen Politiker erschienen diese nun als orientierungslose junge Nationalisten, deren Radikalismus durch den »Gewaltfrieden« der Alliierten provoziert worden war. Dieselbe kausale Verknüpfung zwischen rechtsradikalen Attentaten und der nationalen Demütigung durch den Versailler Vertrag konstruierte wenige Monate später die Urteilsbegründung des Staatsgerichtshofs im Prozess gegen die Organisation Consul. Indem sie den zu milden Haftstrafen verurteilten Organisatoren und Tätern des Mordkomplotts ehrenhafte Motive bescheinigten, begaben sich Politik und Justiz auf einen abschüssigen Integrationspfad. Die anhaltende Militarisierung der politischen Kultur durch kampfbereite Extremisten offenbarte das Scheitern staatlicher Resozialisierungspolitik. Indem sie den feindlichen Antagonismus ihrer Gegner unterschätzte, entzog diese falsch angelegte Versöhnungsstrategie dem Gedenken an Walther Rathenau seine Basis.

 

Andreas Schulz ist Apl. Professor für Neuere Geschichte an der Goethe-Universität Frankfurt am Main und Generalsekretär der Kommission für Geschichte des Parlamentarismus und der politischen Parteien e.V., Berlin. 

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2021 April 2
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