Mit einem klaren Appell eröffnete Dr. Ulrike Hospes, Landesbeauftragte und Leiterin des Politischen Bildungsforums NRW, die zweitägige Fachkonferenz. Erinnerungsarbeit müsse Sensibilität für Unterdrückung, Verfolgung und Vernichtung schaffen und zugleich die Grundwerte des Rechtsstaates als historisch errungene und immer wieder neu zu verteidigende Prinzipien vermitteln. Im Zentrum der Tagung stand der fachliche Austausch über zeitgemäße pädagogische Ansätze.
Nach einem Grußwort von Sabine Mistler, Landesvorsitzende des PhV NRW, begann die inhaltliche Arbeit mit einem Vortrag und anschließender Diskussion zum Thema „Erinnerungskultur und jüdisches Leben“. Sylvia Löhrmann, Beauftragte des Landes Nordrhein-Westfalen für die Bekämpfung von Antisemitismus, für jüdisches Leben und Erinnerungskultur, stellte die Demokratie ins Zentrum ihrer Ausführungen und verwies auf Artikel 1 des Grundgesetzes. Als direkte Antwort auf die Verbrechen des Nationalsozialismus formuliert, bilde er bis heute das Fundament des gesellschaftlichen Zusammenlebens. Daraus ergebe sich der Auftrag, die Unantastbarkeit der Menschenwürde auch im schulischen Alltag konkret erfahrbar zu machen. Lehrkräfte könnten diesen Verfassungsauftrag nutzen, um historische Verantwortung und demokratische Werte greifbar zu vermitteln.
Zugleich betonte Löhrmann, dass Erinnerungskultur dynamisch bleiben müsse. Sie dürfe nicht ritualisiert oder auf symbolische Gedenktage reduziert werden, sondern müsse Bezüge zur Lebenswelt junger Menschen herstellen und demokratische Haltungen im Alltag stärken.
Die anschließende Podiumsdiskussion widmete sich antisemitischen Vorfällen im Kontext pädagogischer Angebote der NS-Erinnerungsarbeit und Demokratiebildung. Prof. Dr. Dr. Dr. Dominik Groß, Antisemitismusbeauftragter der RWTH Aachen, der Rapper Ben Salomo, Jörg Rensmann von RIAS NRW, Sebastian Salzmann von SABRA sowie Roland Hirte von der Gedenkstätte Buchenwald brachten unterschiedliche Perspektiven aus Wissenschaft, Bildungsarbeit und Praxis ein.
Ben Salomo schilderte eindrücklich, dass viele Jugendliche Antisemitismus im Alltag nicht klar erkennen und deshalb selten intervenieren. Es fehle häufig an einem geschärften Problembewusstsein. Sebastian Salzmann ergänzte, dass Unterricht zu Antisemitismus anspruchsvoll sei und nicht konfliktfrei verlaufe. Lehrkräfte benötigten Strategien, um Klassen behutsam mitzunehmen und Diskussionen strukturiert zu moderieren. Eine einzelne Methode könne dabei nie alle Schülerinnen und Schüler gleichermaßen erreichen.
Dominik Groß ging auf die veränderte Wahrnehmung seiner Rolle seit dem 7. Oktober ein. Trotz internationaler Spannungen liege sein Fokus klar auf dem Schutz und der Unterstützung jüdischer Studierender und Hochschulangehöriger. Politische Entwicklungen bildeten den Hintergrund, doch im Zentrum stehe die konkrete Verantwortung für die Menschen vor Ort.
Am Nachmittag arbeiteten Lehrkräfte sowie Bildungsmultiplikatorinnen und Bildungsmultiplikatoren in fünf praxisnahen Workshops. Im Workshop „Täterorte, Gedenkorte, Forschungsorte“ entstand ein visualisierter Zeitstrahl zur Geschichte Brauweilers. Im Workshop „Zwischen Geschichte(n) und Bildung“ wurden Unterrichtsmaterialien des Jüdischen Museums Westfalen erprobt, darunter ein Kinderbuch über Ilse Reifeisen.
Ein besonderer Schwerpunkt lag auf inklusiven Ansätzen. Der Workshop „Inklusive Erinnerung – Barrierefreiheit und Inklusion in der Erinnerungspädagogik“ des IBB Dortmund vermittelte zentrale Prinzipien wie einfache Sprache, altersgerechte Zugänge, kompetenzorientiertes Arbeiten, frühzeitige inklusive Planung und aktive Teilhabe. Die Ergebnisse aller Workshops wurden im Plenum vorgestellt und gemeinsam reflektiert.
Den Abschluss des ersten Tages bildete die Filmvorführung „In Liebe, Eure Hilde“, begleitet von einer medienpädagogischen Einordnung durch Frauke Kracht. In der anschließenden Diskussion wurde deutlich, dass der Film viele thematische Anknüpfungspunkte bereithält, jedoch eine sorgfältige didaktische Vorbereitung erfordert. Entscheidend sei, Vorwissen, Gruppendynamik und emotionale Belastbarkeit der Schülerinnen und Schüler einzuschätzen sowie ein klares Lernziel zu definieren. Der Film könne als emotionaler Anker dienen, an dem Reflexion und historisches Lernen gezielt ansetzen.
Der zweite Tag begann mit einer gemeinsamen Ergebnisreflexion unter der Moderation von Dr. Christian Koecke. Im Anschluss stellte Ruth-Anne Damm, Co-Gründerin und Geschäftsführerin von Zweitzeugen e.V., die Arbeit ihres Vereins vor. Ziel sei es, junge Menschen zu befähigen, als Zweitzeuginnen und Zweitzeugen Verantwortung zu übernehmen und Lebensgeschichten von Holocaust-Überlebenden weiterzutragen. Die Teilnehmenden erhielten Einblicke in Aufbau, Methoden und pädagogische Begleitung der Schulworkshops.
Beim „Markt der Möglichkeiten“ konnten sich die Teilnehmenden zudem über Förderprogramme, Kooperationspartner und pädagogische Angebote informieren und gezielt Kontakte knüpfen. Die Konferenz bot zudem intensiven Raum für fachlichen Austausch und Vernetzung. Lehrkräfte, Gedenkstättenpädgagoginnen und Gedenkstättenpädagogen nutzten die Gelegenheit, Erfahrungen zu teilen, Kontakte zu vertiefen und neue Kooperationen anzustoßen.
Den Schlusspunkt setzte eine Podiumsdiskussion zu Fördermöglichkeiten und strukturellen Rahmenbedingungen für Projekte der NS-Erinnerungskultur. Teresa Blatt von der Konrad-Adenauer-Stiftung, Dr. Erik Lindner von der Axel Springer Stiftung, Andreas Weinhold von Bildungspartner NRW sowie John Kessel vom Ministerium für Schule und Bildung NRW diskutierten finanzielle Förderwege, Antragsverfahren und Kooperationen zwischen Schulen, Stiftungen und außerschulischen Partnern. Ein zentrales Ergebnis: Nachhaltige Erinnerungsarbeit braucht verlässliche Strukturen, langfristige Förderung und eine enge Vernetzung der beteiligten Akteurinnen und Akteure, um dauerhaft im Schulalltag verankert zu werden.
Die Fachkonferenz machte deutlich: Erinnerungsarbeit ist kein abgeschlossener Auftrag. Sie ist eine dauerhafte Aufgabe demokratischer Bildung. Sie lebt vom Engagement, von Professionalität und von guter Vernetzung. Und sie lebt von den Menschen, die sie Tag für Tag in Schule und Gesellschaft tragen.
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