Asset Publisher

KAS
Дан нийтлэл

Denkbilder, Buchfeiern, Glückserinnerungen

Prof. Dr. Michael Braun

Neuerscheinungen der KAS-Literaturpreisträger zur Herbstbuchmesse

Herbstsaison ist Büchersaison. Und vieles ist neu auf der Frankfurter Messe. Für das Publikum werden die Genres durch spezielle Bühnen in den vier Hallen um die Agora noch sichtbarer ausgestellt. Neben dem literarischen Schwerpunktland Tschechien gibt es ein Programm für japanische Popkultur, ein eigenes Kinderfestival sowie eine spezielle Lounge für Krimifans. Gespannt ist die Buchwelt darauf, wer den Buchpreis 2026 bekommt. Nominiert mit ihrem dritten Roman „Anna und Anton“ ist auch Anja Kampmann, EHF 2010-Stipendiatin der KAS.

Asset Publisher

Хуваалцах

Brandneu sind fünf Bücher der Literaturpreisträger. Wir stellen sie hier vor: 

 

Wie teilt man die Gewalten? Safranskis Essay über menschlichen Geist und Künstliche Intelligenz

Wer sagt uns, was wir von der KI halten sollen? Welchen Geist haben wir mit der Entwicklung und Nutzung von Künstlicher Intelligenz aus der Flasche gelassen? Und wozu ist ein „humanistischer Einspruch“ gut? Wenn es einen gibt, der darauf eine profunde Antwort hat, dann Rüdiger Safranski (Literaturpreis der KAS 2014). Der Philosoph, der sich mit Biographien über Dichter und Denker von Goethe bis Nietzsche hervorgetan hat, legt einen luziden Essay über Künstliche Intelligenz vor, die der menschlichen nur zum Schein das Denken leichter macht.

Safranski sieht den Menschen weder als Obmann noch als Opfer der KI. Aus dem Humanismus der frühen Neuzeit, der im Denken des Menschen immer auch seine Selbstgefährdung sah, holt er ein starkes Argument: Die Idee einer Gewaltenteilung begrenzt den Totalanspruch der intelligenten Maschinen, die bekanntlich das Verhältnis von transparenter Macht und geschützter Privatsphäre umkehren. Es müsse regulative Kräfte geben, die verhindern, dass die KI mehr herstellen könne, als wir uns vorstellen können.

Safranski beschreibt die KI als Akteur mit überlegenem Verstand, als „Prothesengott“, der Transzendenz ersetzt, als unberechenbaren Rechenmeister. Aber auch als künstliches Mängelwesen gegenüber dem Menschen, der Stimmung, Verstehen, Gewissen hat. Und, anders als die KI, ein Bewusstsein von Gut und Böse – wie auch von sich selbst. Dieses Selbstbewusstsein ist ein „Mysterium des menschlichen Geistes“ und zugleich „das größte Wunder der Evolution“. Ein denkwürdiger Essay mit viel Spannungskraft!

 

Trostspender, Ratgeber, Mutmacher: Petra Morsbachs Schul-Roman über die Macht des Buches

Was steht hochbegabten Schülern aus bildungsfernen Verhältnissen bevor? Wie gehen begnadete Lehrer mit eigenen Depressionen um? Und welche Rolle spielt das Lesen in einer Bildungsbiographie? Petra Morsbachs (Preisträgerin 2007) neues Buch ist auf den ersten Blick eine fesselnde Milieugeschichte aus der Schule. Es geht um den Lebensweg einer Lehrerin für Deutsch und Geschichte auf einem oberbayerischen Gymnasium, der von den 1960er Jahren bis in unsere Gegenwart geht.  

Die Heldin, Paula, ist von kindauf eine passionierte Leserin. Bücher sind für sie Ratgeber und Trostspender, sie stoßen Gedanken an und spornen dazu an, Dinge von verschiedenen Seiten aus zu betrachten. Kein Wunder, dass einer von Paulas Teen-Schülern seine Lehrerin als Eule der Athene zeichnet, die zuschaut, wie die Göttin mit den „Dämonen der Dummheit“ kämpft.

Petra Morsbach macht aber auch klar: Aufhalten können Bücher den „Turnus von Anmaßung, Zerstörung und Zerknirschung“ nicht. Freilich können sie Mut machen: wie der hellsichtige Offene Brief, den russische Wissenschaftler und Wissenschaftsjournalisten am 25. Februar 2022 gegen den Angriffskrieg auf die Ukraine schrieben. Bücher sind, wie das Sternbild des titelgebenden Orion, „pure Menschenfantasie“, aber Zeugen von „Kunst, Einsicht und Geist“. Deshalb können wir uns Petra Morsbachs Romanheldin als einen glücklichen Menschen vorstellen.  

 

Vollglück in der Beschränkung: Michael Köhlmeier schreibt über seine ersten Erfahrungen mit dem Erzählen

Erzählen hilft. Das sagt auch Michael Köhlmeier (Preisträger 2017): die abschweifenden Märchen der Großmutter. Die seltsamen Krankheitsgeschichten der Mutter. Was der Vater ihm aus der Geschichte erzählte. Vom Unfalltod der Tochter erzählt haben Michael Köhlmeier (2008) und seine Frau Monika Helfer (2022), die im Sommer 2026, ebenso tragisch, verstorben ist.

Köhlmeier nennt das Erzählen „[s]ein privates Glück“. Und veranschaulicht das an Geschichten aus seiner Kindheit und Jugend. Damit betont wird die Bedeutung von Erzählen in Köhlmeiers Familie. Den Kern schält der Autor schon in der ersten Episode heraus. Wegen der zeitweiligen Lähmung der Mutter und zur Entlastung des Vaters wurde das Kleinkind mit der Schwester zur kinderlosen Tante in Coburg geschickt. Die Großmutter brachte die Geschwister nach einigen Jahren zurück zum Vater. Die Trennungszeit wird anekdotisch historisiert – ganz im Stil von Hebels Kalendergeschichte „Unverhofftes Wiedersehen“: sie reicht von Stalins Tod über die Krönung Elisabeths II. bis zum Ende des Koreakriegs. Und weil die Familienzusammenführung mitten ins deutsche Wirtschaftswunder fällt, gibt es ein märchenhaftes Ende obendrein. Der Vater geht mit den Geschwistern zum Rohbauhaus, das die wiedervereinigte Familie mit Türscheiben aus Honigglas und weißen Metallbetten empfängt.

Eine Kostprobe von Köhlmeiers hintersinnigem Humor liefert das Schlusskapitel. Dort sitzt er 2020 im Beichtstuhl des Wiener Stephansdoms und erzählt dem Priester hinter dem Holzgitter, wie er einmal im Leben dachte, gleich werde er sterben: als er als Kind neugierig in das Haus eines Blinden eindrang und dort von ihm auf bedrohliche Weise bemerkt wurde. Wie das in einer Parallelgeschichte und noch im Beichtstuhl (mehr darf hier nicht verraten werden) aufgelöst wird, pointiert ein privates Glück, in dem der Schrecken und die Schönheit eine erzählerische Allianz schmieden. Die Kindheit erzählt Michael Köhlmeier im Sinne von Jean Paul als „Vollglück in der Beschränkung“ und, mit eigenen Worten im ORF-Trailer, wo sein Buch als Audio gesendet wurde, als „Schale, aus der das weitere Kind springt“.

 

Michael Kleebergs entdeckungsfreudiger Hemingway-Roman

Michael Kleebergs neuer Roman passt haargenau in unsere postheroisch aufgewühlte Zeit. Es ist, zugeschnitten auch zum 65. Todesjahr des Nobelpreisträgers, ein nahezu lupenreiner Hemingway-Roman. Zugleich ist es ein autofiktionaler Kleeberg-Roman, was so viel heißt, als dass der Autor, wenn er „Ich“ sagt, sich dabei immer augenzwinkernd oder stirnrunzelnd mit ins Spiel bringt.

Kleeberg hat das Buch in der Berliner Humboldt-Bibliothek und zuletzt in Toronto in einer Kooperationsveranstaltung mit der KAS gelesen, eingeführt von dem dortigen Büroleiter Dr. Bernd Althusmann. Beiderorts hat er erzählt, was ihn mit Hemingway verbindet: mehr als nur das Schreiben von Abenteuerromanen: „wer Schriftsteller werden will, muss mit Kurzgeschichten beginnen“. Im Roman schickt Kleeberg seinen Erzähler, der geistvollerweise den Namen des Autors trägt, an Hemingways Lebensorte. Dort lässt er ihn mit überlebenden Zeitzeugen, Ex-Geliebten und Ehefrauen, Hemingways Freunden, Söhnen und Nachlassverwaltern zusammentreffen. Da ist Martha Gellhorn, Hemingways dritte Frau, legendäre Journalistin, die beim dreistöckigen Whisky mit frappierenden Wahrheiten über Hemingway herausrückt. Da ist der nazi-anfällige Flieger-Star Udet, da ist der Heinz Rühmann. Und Hemingways Sohn Gregory, der ihn über seine und des Vaters fluide Geschlechterrolle aufklärt, über die Frau im Mann und die Frau als Mann.

Das führt, so enthüllt es der „Kleeberg“ im Roman, zu einem Geheimnis in Hemingways Biographie. Auf Taormina, einem Ort in Sizilien, kam Hemingway zu sich selbst: nicht als Frauenheld, Großwildjäger, trinkfester Abenteurer, sondern als homosoziale Figur, die felsenfest an die Legenden glaubt, die über sie kursieren, und sie auch noch weiterverbreitet. Ein prächtiges Denkspiel, eine brisante Doppelbiographie über Realität und Fiktion eines berühmten Schriftstellerlebens.

 

Preußen anders erzählen: Bücher von Günter de Bruyn zum 100. Geburtstag

Die Hälfte seines Schriftstellerlebens hat Günter de Bruyn (1926-2020) in der DDR verbracht. Als zwar zurückgezogener, aber wachsamer und stets selbstkritischer Autor hat er sich einen Namen gemacht. In der Zeit der Wiedervereinigung hielt es de Bruyn mit den freundlichen Mahnern und bekannte sich zwischen „Jubelschreien, Trauergesängen“ (so der Titel seines Essaybandes von 1991) zu einer freien deutschen Kulturnation.

Über seine Jugend in Berlin („Zwischenbilanz. Eine Jugend in Berlin“, 1992) und seine Zeit in der DDR („Vierzig Jahre. Ein Lebensbericht“, 1996) hat der Autor zwei autobiographische Bücher geschrieben, die der S. Fischer Verlag nun in einer Gesamtausgabe herausbringt. Danach erschien eine Reihe von Preußenbüchern. Sie verherrlichen weder militaristische noch koloniale Herrschaftsformen. Preußen ist für de Bruyn eine Landschaft voller Geschichte und Geschichten, ein Erzählraum von europäischem Format. Heute also auch ein Anti-AfD-Impfstoff. De Bruyn kam in der christdemokratischen Politik gut an. Wolfgang Schäuble hielt 1996 in Weimar die Laudatio auf den Preisträger der KAS, Angela Merkel würdigte ihn in Frankfurt/Oder zu seinem 80. Geburtstag, und am 24.11.2011 ehrte ihn der damalige Bundespräsident Christian Wulff in Schloss Bellevue zum 85. Geburtstag mit einer Soiree.

Land und Leute der Berlin-Brandenburger Region stehen auch im Mittelpunkt der Feierlichkeiten zum 100. Geburtsjahr des Autors. Im Günter de Bruyn Haus in Beeskow, aber auch in Berlin, Potsdam, Görsdorf finden vom Frühjahr bis zum Winter 2026 Lesungen, Filmvorführungen, Diskussionen, Führungen statt. Die in Beeskow sitzende Günter de Bruyn Stiftung hat ein Stipendium („Abseits“) für Schreibende ausgeschrieben.

Zudem erscheint der Nachlass-Roman „Die neue Mittagsgöttin“. Dieses Buch profiliert die Meisterschaft de Bruyns als Nacherzähler großer Geschichten, in denen es, wie in seinen Adaptionen von „Tristan und Isolde“ (1975) und „Die neue Udine“ (2021), um den Konflikt zwischen Gewissen und Gesellschaft geht. „Die neue Mittagsgöttin“ überträgt Wilhelm Bölsches naturalistischen Berlin-Roman „Die Mittagsgöttin“ (1891) ins 21. Jahrhundert. Aus dem urbanen Zeugnis einer Schwellenzeit macht de Bruyn die Geschichte eines polykritischen Erfahrungswandels.

 

Envois: Die nächsten Neuerscheinungen ehemaliger KAS-Preisträger werden im vorweihnachtlichen Bücherreport vorgestellt: Daniel Kehlmanns Kolonialroman „Afrika“, Lutz Seilers Europa-Roman „Das tickende Herz“, Marica Bodrožićs Essay „Sterben“ und Patrick Roths Vorlesung „Licht aus dem Dunkel. Über den dramatischen Zusammenhang von Traum und Abendmahl”.

 


 

Literatur:

Günter de Bruyn: Die neue Mittagsgöttin. Roman. Frankfurt a.M.: S. Fischer, 2026.

Michael Kleeberg: Achilles in Taormina. Roman. München: Penguin, 2026.

Michael Köhlmeier: Mein privates Glück. München: Hanser, 2026.

Petra Morsbach: Orion. Roman. München: Penguin, 2026.

Rüdiger Safranski: Die vierte Kränkung. Menschlicher Geist im Schatten der Künstlichen Intelligenz. München: Hanser, 2026.

Asset Publisher

Холбоо барих

Prof. Dr. Michael Braun

Prof. Dr
Referent Literatur
michael.braun@kas.de +49 30 26996-2544

comment-portlet

Asset Publisher