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Wie soll die deutsche Geschichte geschrieben werden?

z Stephan Georg Raabe

Einleitungsrede zur Diskussion in der Gazeta Wyborcza vom 21. Juni 2007

Wie soll die deutsche Geschichte geschrieben werden?!!

Einführungsrede am 21. Juni 2007 im Sitz der Gazeta Wyborcza in Warschau zur Buchvorstellung und Diskussion von

Golo Manns Deutscher Geschichte im 19. und 20. Jahrhundert

(Begrüßung und Dank in polnischer Sprache.)

Das Thema lautet heute: Wie soll deutsche Geschichte geschrieben werden?

Golo Mann ist ein sehr gutes Beispiel dafür, wie Geschichte in hervorragender Weise geschrieben werden kann: als historische Literatur, aus der jeweiligen Zeit heraus, geistig unabhängig, wissenschaftlich redlich und gut lesbar. In diesem Sinn ist Golo Mann ein bedeutender historischer Erzähler.

1958 ist die Deutsche Geschichte Golo Manns erstmals erschienen, 1966 leicht ergänzt worden in einer Sonderauflage und dann immer wieder neu aufgelegt worden. Ich bekam das Buch 1982 geschenkt. Seitdem, also seit 25 Jahren, begleitet es mich, so wie mich die Geschichte Polens „Im Herzen Europas“ von Norman Davies seit einigen Jahren begleitet.

Obwohl die Forschung weiter voranschritt, hat die Deutsche Geschichte Golo Manns bis heute Bestand und kann mit Gewinn und Genuss gelesen werden.

Das mag daran liegen, dass er Freude an der deutschen Geschichte mit seinem Buch wecken wollte, trotz der tief schwarzen Zeiten, die er im 20. Jahrhundert zu beschreiben hatte. Es ist schon bemerkenswert, dass Golo Mann 13 Jahre nach Hitler eine deutsche Geschichte schreibt, die Freude wecken soll, dass er bewusst die nationalsozialistische Zeit, in der das Interesse „zur angewiderten Neugier“ wird, in einen größeren Zusammenhang deutscher Geschichte einordnet. Golo man schrieb 1958 also gewissermaßen eine Geschichte mit pädagogischer Absicht.

Zwar gewinnt man aus der Geschichte keine praktischen Ratschläge, erläutert Golo Mann in seinem Vorwort von 1966; aber wir lernen in der Geschichte den Menschen besser kennen und dadurch auch uns selber. Wir lernen „die Anlagen und Möglichkeiten unseres Volkes“ kennen, „sein Versagen wie seine Schöpfungen; die Herkunft und Gegenwart“. Wir lernen „wie die einzelnen sich in der Geschichte bewährt haben oder nicht“.

Auf „die Aufforderung der Gecken in Deutschland zum Nationalstolz“ habe er nie gehört, schreibt Golo Mann. Und doch wollte er sein Buch als national in einem geistigen Sinne verstanden wissen. Es ist nicht Sache des Nationalstaates die Geschichte vorzugeben, aber die Sache der Geschichtsschreiber, das nationale Geschehen zu vergegenwärtigen, ein jeder aus seiner Perspektive.

Und noch eine Betrachtung ist bemerkenswert, die sich im Teil des Buches über die Gründung des Deutschen Reiches 1870 befindet:

Die Frage, was wäre gewesen, wenn die Geschichte anders verlaufen wäre, ist eigentlich eine unhistorische, weil eine spekulative Frage.

Golo Mann schreibt dazu: „über solche Fragen nachzudenken, darf man sich von den Positivisten nicht verbieten lassen. Aber in der Schwebe müssen sie bleiben; ein lehrreiches, nie zu entscheidendes Spiel.“

Nicht in der Schwebe bleibt dagegen seine Beschreibung und Bewertung des nationalsozialistischen Wahns in Deutschland. Insofern ist das Buch ein sprechender Beweis dafür, dass dieser tief beschämende Teil deutscher Geschichte nicht erst mit der 1968er Protestgeneration in Deutschland angegangen und aufgearbeitet wurde.

Mit Heinrich Heine, dem Golo Mann ein ganzes Kapitel einräumt, möchte ich schließen. Es ist ein Vers Heines, der mir – der ich doch Raabe heiße - angesichts dessen, was mir in den letzten Wochen in Polen politisch, europapolitisch um die Ohren fliegt, ganz aus dem Herzen spricht:

Andre Zeiten, andere Vögel!

Andere Vögel, andere Lieder!

Sie gefielen mir vielleicht,

wenn ich andre Ohren hätte!

Vielen Dank für Ihre Aufmerksamkeit.

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