Einzeltitel

Der Zacken im Buch

de Michael Braun

Neuerscheinungen von Literaturpreisträgern der KAS zu Weihnachten

Vor Buchempfehlungen kann man sich in der Adventszeit kaum retten. Buchhandlungen, Kritiker, Redaktionen wetteifern um die besten Listen unter den Bestenlisten. Halten wir es hier etwas kleiner und konservativer, will heißen: erzählen wir „vom Bestand“, wie es Uwe Tellkamp (Preisträger der Stiftung 2009) in dem jüngst erschienenen Sammelband „konservativ?!“ tut, und werfen in bewährter Tradition einen Blick auf die Neuerscheinungen von Stiftungspreisträgern auf dem aktuellen literarischen Weihnachtsmarkt.

Zacken im Buch: Patrick Roths neue Weihnachtsgeschichte

Von der Bibel als Film und wie im Film erzählen: Das praktiziert Patrick Roth (Preisträger der KAS 2003) in seinen Romanen und Erzählungen immer wieder auf hochgradig spannende Weise. Auch vom Weihnachtsgeschehen hat er sich inspirieren lassen. Die Erzählung „Lichternacht“ (2006) erzählt von Nahtoderfahrung und geistiger Neugeburt in der Lichterstadt New York. Die neue Weihnachtserzählung heißt „Sylvias Geheimnis“ und führt über Film-Noir-Drehbücher und einen „spirituellen Western“ zu der merkwürdigen Geschichte von einem Mädchen, das überlebte, weil eine Kugel nicht sie traf, sondern in einem Buch steckenblieb, das sie am Körper trug. Das Buch, aus dem der Metallzacken noch stak, hatte ihr im wahrsten Sinne das Leben gerettet. Was das für ein Weihnachtsbuch war und was es mit dem Zacken, einem symbolischen Lesezeichen, auf sich hat, kann man im Erstdruck der Geschichte nachlesen. Sie erscheint am 21.12.2019 in der „Neuen Zürcher Zeitung“.
 

 „Komm! Ins Offene, Freund!“: Safranskis Hölderlin-Biographie

2020 ist ein Hölderlin-Jahr. Wie ist es um den Dichter unter den Deutschen bestellt?  Antworten darauf gibt Rüdiger Safranski (Literaturpreis der KAS 2014), der, überpünktlich zum 250. Geburtstag des Dichters, Hölderlins Leben in einer eleganten und spannenden Biographie erzählt. Der Dichter galt schon zu Lebzeiten (1770-1843) als schwierig. Als er im November 1794 Schiller in Jena besuchte, erkannte er Goethe nicht, der mit im Zimmer war. Zeitlebens versuchte er dem ihm aufgetragenen Pfarrerschicksal zu entrinnen, schlug er sich als Hauslehrer durch, arbeitete er mit den Studienfreunden Schelling und Hegel an einer „neuen Mythologie“. Das war der Versuch, Gott anders zu denken, als Grundleger für Philosophie und Poesie. In seinen Elegien und Hymen zeigt sich Hölderlin förmlich ergriffen – mit seinen Worten: „von Apoll geschlagen“ – durch einen „Anderen“, der Gott sein kann oder eben auch Natur oder Geschichte.         

Safranski wirft Licht auf die Lyrik Hölderlins und auf dessen Roman „Hyperion“, der von den Ekstasen des Dichters erzählt. Er trägt die wenigen Fakten über die geheimnisvolle Frankreichreise des Dichters zusammen, von der er 1802 in geistiger Umnachtung zurückkehrte. Auch seine unerfüllte Liebe zu der Frankfurter Bankiersfrau Susette Gontard wird behandelt. Ebenso die zweite Hälfte seines Lebens, die Hölderlin bei dem Tübinger Schreinermeister Zimmer verbrachte, der meinte, der Dichter habe „seine Phantasie auf Kosten des Verstandes bereichert“. Safranskis Biographie bringt uns einen Dichter nahe, der zu bedeutend ist, um vergessen zu werden, der aber immer noch fern genug ist, um sich über seine Gedichte und sein zerrissenes Leben zu wundern. “Komm! Ins Offene, Freund!“: Dieses Hölderlinzitat ist eine Einladung zum Lesen, auch dieser vorzüglichen Biographie. 
 

First ladies der Literatur: Sarah Kirschs und Christa Wolfs Briefe im geteilten Deutschland

Zwei Dichterinnen, zwei Leben in einem zeitweise geteilten Land, ein Briefwechsel: Sarah Kirsch (die erste Preisträgerin der Stiftung, 1993) und Christa Wolf haben über gut drei Jahrzehnte hinweg, zwischen 1962 und 1992, Briefe gewechselt. Die Dokumente, 272 an der Zahl, von der Epistel bis zur Postkarte, sind nun aus den Nachlässen in der Berliner Akademie der Künste und des Deutschen Literaturinstituts in Marbach herausgeholt und in einer ansehnlichen Edition zusammengefasst worden. Es ist ein exemplarischer Austausch deutscher Briefe, in dem, bei aller Nähe im Schreiben, das Politische zusehends trennend wirkt.

Es beginnt in Halle, wo Sarah Kirsch im Nachgang zu einem Lyrikseminar, vermittelt durch Gerhard Wolf, dessen Frau Christa kennenlernt. Das war Anfang der 1960er Jahre. Die Briefe bezeugen bald schon Vertrautheit, es geht um Liebesdinge, die 'kleinen Gegenstände' des Schreibens, aber nicht wirklich um einen künstlerischen Dialog. Früh kristallisiert sich heraus, dass Wolf, die sechs Jahre Ältere, eine eher mütterliche Rolle spielt, abwägend und auch „rauh“, wie Kirsch meint, die hingegen oft rigoros schreibt, bohèmehaft und verspielt.

Am besten verstehen sich die Briefpartnerinnen da, wo sie am liebsten leben: auf dem Land, inmitten von Natur und Garten. Sarah Kirsch wohnt seit den 1980er Jahren in der niedersächsischen Marsch, Christa Wolf im Mecklenburgischen. Von einem intensiven gemeinsamen Sommer, im Jahre 1976, erzählen Wolfs „Sommerstück“ (1989) und Kirschs Chronik „Allerlei-Rauh“ (1988), die beide die jeweils andere als Figur in den Text einschleusen.

Die Distanz beginnt mit dem Protestbrief der DDR-Autoren gegen die Biermann-Ausbürgerung. Kirsch und Wolf stehen da als „ladies first“ den Protestierern voran. Und werden dann first ladies im geteilten Land: Wolf als populäre Romanautorin, Kirsch dann später als vielgerühmte Lyrikerin. Nach der Wende trennen sich die Weltanschauungen, Kulturbetriebsskandale beenden die Korrespondenz.
 

Fakten und Fiktionen: Norbert Gstreins Roman über die Ethik des Verbergens

Das Schreiben von Norbert Gstrein (Literaturpreis 2001) kreist um das Verhältnis von Fakten und Fiktionen. Wann ist eine Geschichte wahr, wie nehmen wir sie wahr, und wie ist das mit den Geschichten, die man nur erzählt, um andere Geschichten eben nicht erzählen zu müssen? Der neue Roman von Gstrein „Als ich jung war“ beginnt gleich mit mehreren unerzählten Geschichten. Eine Braut ist gestorben, in der Hochzeitsnacht, ein Skilehrer ist in den Rocky Mountains tödlich verunglückt, ein Mädchen ist sexuell genötigt worden. Der Ich-Erzähler hat mit allem zu tun, gibt sich unschuldig, erzählt andere Geschichten und ‚alternative Fakten‘. Es wird gegen ihn ermittelt, durch einen österreichischen Kommissar und einen amerikanischen Sheriff. Das liest sich spannend und hintergründig, manchmal mit schwarzem Humor, denn der Erzähler ist ein junger Fotograf, der in der „Hochzeitsfabrik“ seines Vaters, einem Viersternehotel, die Bilder von den Brautpaaren vor einem steilen Abgrund zu machen pflegt. Norbert Gstrein erzählt mit stilistischem Feingefühl für die versteckten Alltags- und Lebenslügen. Er macht die Leser zu Zeugen – und zu Skeptikern gegenüber einer Wahrheit, die eindeutig sein will.
 

Geistreiche „Geister in Princeton“: Neue Stücke von Daniel Kehlmann

Vor zehn Jahren ist Daniel Kehlmann (Preisträger der Stiftung 2006) in seiner Eröffnungsrede zu den Salzburger Festspielen gegen das Regietheater zu Felde gezogen. Nun hat er seine Version von dramatischer Kunst geliefert. Überzeugend! „Vier Szenen“, entstanden in den letzten zehn Jahren und aufgeführt in Graz und Wien, liefern ein ebenso unterhaltendes wie lehrreiches Probestück seiner Bühnenfertigkeit, die schon in den indirekten Mono- und Dialogen seines Bestsellers „Die Vermessung der Welt“ aufblitzte. Gleich im ersten Stück „Geister in Princeton“ scheinen die Hauptfiguren just jenem Roman entsprungen: Albert Einstein nimmt sich des paranoiden österreichischen Logikers Kurt Gödel an, der in die USA emigrierte. Er will ihn auf die amerikanische Staatsbürgerschaftsprüfung vorbereiten. Keine leichte Sache:

EINSTEIN: „Gut, jetzt nehmen wir an, ich bin der Richter. Sehen Sie oft Gespenster?“
GÖDEL: „Sehr oft.“
EINSTEIN: „Sie verstehen nicht. Nicht ich frage jetzt, der Richter fragt, der entscheiden wird, ob Sie Amerikaner werden dürfen. Sie müssen normal und gesund erscheinen. Verstanden?“
GÖDEL: „Ich bin nicht blöd.“
EINSTEIN: „Natürlich nicht. Also. Sehen sie oft Gespenster?“
GÖDEL: „Sehr oft.“
EINSTEIN: „Ich bringe Sie um.“
GÖDEL: „Ich glaube, jetzt habe ich verstanden.“
EINSTEIN: „Gut. Ich bin der Richter. Sie werden geprüft. Sehen Sie Gespenster?“
GÖDEL nach einer kurzen Pause: „Oft.“

So viel Komik einerseits und tragischen Hintergrund andererseits bringen auch die übrigen Dramolette mit: die Literaturbetriebssatire „Der Mentor“, die Dokumentarmontage „Die Reise der Verlorenen“ (über das von Amerika 1939 zurückgeschickte Flüchtlingsschiff „St. Louis“) und die politische Parabel „Heilig Abend“ über das Verhör einer denkradikalen Philosophieprofessorin durch einen sicherheitsfanatischen Geheimdienstpolizisten, in dem die Rollen kippen.

 


 

„Wir haben uns wirklich an allerhand gewöhnt“. Sarah Kirsch und Christa Wolf. Der Briefwechsel. Hrsg. von Sabine Wolf. Berlin: Suhrkamp, 2019.

Norbert Gstrein: Als ich jung war. Roman. München: Hanser, 2019.

Daniel Kehlmann: Vier Stücke. Reinbek: Rowohlt, 2019.

Patrick Roth: Sylvias Geheimnis. In: NZZ, 21.12.2019.

Rüdiger Safranski: Hölderlin. „Komm! Ins Offene, Freund!“ Biographie. München: Hanser, 2019.

Uwe Tellkamp: Weißbuch. Nachrichten aus dem Verteidigungs­ministerium. In: konservativ?! Miniaturen aus Kultur, Politik und Wissenschaft. Hrsg. von Michael Kühnlein. [Mit Beiträgen von Heinrich Detering, Monika Grütters, Hans Maier, Wolfgang Schäuble, Thomas Sternberg u.a.]. Berlin: Duncker & Humblot, 2019. S. 469-472.

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