KAS

Titujt

Glückliche und böse Geheimnisse

Prof. Dr. Michael Braun

Neuerscheinungen der KAS-Literaturpreisträger auf der Leipziger Buchmesse

Im Mittelpunkt der Leipziger Buchmesse, die 2023 in der letzten Aprilwoche stattfindet, stehen die traditionellen Buchstände, darunter auch die Konrad-Adenauer-Stiftung in Halle 4. Es werden der Buchpreis für Europäische Verständigung und der Preis der Leipziger Buchmesse verliehen. Und es findet in und um die Messe ein Lesefest mit 2.400 Veranstaltungen statt. Grund genug, die Frühjahrsnovitäten der Literaturpreisträger der KAS zu mustern.

Kinder als Mörder? Michael Köhlmeiers abgründige Coming-of-Age-Geschichte

Das Böse kommt ganz unscheinbar daher in Michael Köhlmeiers Roman „Frankie“, der eigentlich eine Novelle ist: motivdicht und spannend auf eine abgründige Schlusspointe hin erzählt. Der vierzehnjährige Frankie fährt mit seiner alleinerziehenden Mutter von Wien nach Krems, um dort seinen Großvater aus dem Gefängnis abzuholen. 18 Jahre hat der dort gesessen; die Mutter, die mit ihrem Job als Schneiderin im Theater genug um die Ohren hat, ist sehr reserviert. Doch den Jungen schlägt der entlassene Häftling gleich in Bann, mit einer Mischung aus Jovialität und cowboyhafter Aggression. Warum der Großvater gesessen hat, weshalb er seinen Namen verschweigt, ist Frankie zu stolz zu fragen. Das kann nicht gutgehen, denkt sich der Leser, und richtig: nach einer heftigen Ohrfeige fühlt sich Frankie nur noch mehr hingezogen zu dem 71-jährigen. Er reißt aus, findet eine Damenpistole im Jackett des Großvaters und richtet damit Unheil an. Bis zum Wow-Finish passiert noch einiges, wovon Michael Köhlmeier ohne zu psychologisieren oder zu moralisieren erzählt. Eine dämonische Coming-of-Age-Geschichte mit roadmoviehaftem Plot, die zum Nachdenken über Kinder als Mörder anhält.

 

Wenn der Böse erzählt: Mathias Enards Porträt eines Scharfschützen

„Den Bösen sind sie los, die Bösen sind geblieben“. So wird der leibhaftige Teufel in Goethes „Faust“ verabschiedet. Mathias Énard behandelt einen dieser Bösen in seinem Debütroman aus dem Jahr 2003, der jetzt erst in deutscher Übersetzung erschienen ist. Es ist ein Scharfschütze, den Énard aus der Ich-Perspektive erzählen lässt, zwanzig Jahre alt, der "beste Schütze" seiner Kompanie. Wenn er auf dem Dach eines Hauses in einer belagerten Stadt lauert, reicht ihm ein einziger "perfekter Schuss" am Tag. Über seine Opfer macht er sich nur so viele Gedanken, dass er ihre Bewegungen einstudiert. Vom Töten im Krieg wird gnadenlos, ohne eine Spur von Mitleid erzählt, ebenso von Folter, Massaker und Vergewaltigung. Die demente Mutter wird einmal geschlagen, die sie betreuende Myrna ist Objekt seiner Gewaltfantasien, das Gewehr sein „kalter Kamerad“. Eine Trigger-Warnung ist vonnöten, weil die amoralische Erzählerperspektive den Leser zum erschreckten Zeugen macht. Die Handlung spielt in einem nicht genannten Mittelmeerland. Énard hat sich mit den Bürgerkriegen im Libanon und in Algerien beschäftigt und viele Interviews mit Kriegsveteranen geführt. Dieses Buch ist eine Miniaturversion zu Jonathan Littells „Die Wohlgesinnten“ (2006), eine aufwühlende Lektion darüber, was passiert, wenn sich im Krieg das „Handwerk des Tötens“ (Norbert Gstrein) verselbständigt.

 

Ein Schriftsteller beim Containern? Arno Geigers glückliche Selbstenthüllung

„Ich war ein Vagabund, ein Stadtstreicher, ein Lumpensammler“: Mit einem solchen Bekenntnis hätte man in Arno Geigers neuem Buch nicht gerechnet. Wie kommt es, dass ein allseits applaudierter Schriftsteller, der abends im Wiener Burgtheater auftritt, sich am nächsten Morgen tief in Papiercontainer beugt, um daraus interessante Hinterlassenschaften zu fischen? Als junger Mann hatte er damit begonnen, frühmorgens auf Streifzug durch die Müllstationen der Stadt zu gehen, um dort Dinge herauszuholen, die er nicht zerstampft wissen wollte: weggeworfene Bücher, Brief-Konvolute, Briefmarkensammlungen, Tagebücher. Die Gewohnheit blieb: ein glückliches Geheimnis, das nun offenherzig gelüftet wird. Und vertieft wird zur kulturgeschichtlichen Betrachtung. Aus den Abfällen können wir Botschaften unserer Kultur lesen, sozusagen auf der unbürgerlichen Rückseite der Gesellschaft. Arno Geiger leuchtet diese „Nische der Anarchie“ aus, ohne sich dabei selbst zu schonen. Ein sehr lesenswertes Buch über die andere Seite der Frage, was bleibt.

 

Wozu der Regen? Ralf Rothmanns Tagebuchnotizen

Der Held und sein Wetter ist ein eigenwilliges Thema in der Literatur, F.C. Delius hat darüber eine berühmte Doktorarbeit geschrieben. Bei Ralf Rothmann geht es eine Nummer kleiner. Unter dem Titel „Theorie des Regens“ versammeln sich Notizen des Autors aus fünfzig Jahren: persönliche Beobachtungen, lyrische Einfälle, kleinepische Skizzen aus seiner Werkstatt, die es bislang nicht in die Romane und Erzählungen geschafft haben, darunter eine abenteuerliche Import-Aktion von drei 5er-BMWs aus dem Ruhrgebiet nach Teheran im Jahr 1974. Der hier spricht, ist also kein melancholischer Werther, der bei Regen aus dem Fenster blickt und an Klopstock-Oden denkt, sondern einer, der die Zumutungen der Zeitenwende erträgt und davon exempelhaft zu erzählen weiß in stimmigen Denkbildern. „Es fehlt mir weniger das wahre Glück als vielmehr die Fähigkeit, es zu erkennen. Angstblau las ich statt Augustblau“, heißt es einmal augenzwinkernd. Und der Regen? Nun, wir lernen aus dem Tagebuch, dass der Regen zur friedlichen Betrachtung einer Welt anhält, die Lindenlaub, Post- und Flaschenkästen zum Klingen bringt: „ich blicke durch die Tropfen auf der Fensterscheibe wie durch winzige, schnell zerlaufende Prismen auf mein Leben“.

 


 

Mathias Énard: Der perfekte Schuss. Roman. Aus dem Französischen von Sabine Müller. Berlin: Hanser, 2023.

Arno Geiger: Das glückliche Geheimnis. München: Hanser, 2023.

Michael Köhlmeier: Frankie. Roman. München: Hanser, 2023.

Ralf Rothmann: Theorie des Regens. Notizen. Berlin: Suhrkamp, 2023.

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Prof. Dr. Michael Braun

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