Prilozi o priredbama

Es „brodelt, werfelt, kischt“

од Oliver Ruf

Lenka Reinerová ist der Robinson Crusoe der Pragerdeutschen Literatur

Die Reihe „Literatur und Verantwortung“ von K.A.S. und „Rheinischer Merkur“ stellt in Zukunft das Werk von solchen Schriftstellern vor, die „ihre europäische Verantwortung“ realisieren, indem sie „an die Vergangenheit erinnern, den Dialog der Nachbarn fördern und auf diese Weise zur Bildung einer europäischen Identität beitragen“. Auftaktveranstaltung am 15.11.2005 mit Lenka Reinerová im Universitätsclub Bonn

Es war das Erlebnis einer Koinzidenz innerhalb einer begrenzten literarischen Landschaft: An jenem Abend, irgendwo im Hinterzimmer eines Prager Cafés, hatte Franz C. Weiskopf die junge Frau in einer Ecke im hinteren Teil des Raumes platziert, als ein kleiner dicklicher Mann das Zimmer betrat, einen Packen Zeitschriften auf dem Arm, die er an die Anwesenden verteilte. „Wer bist du?“, frage er die junge Frau, und höchstwahrscheinlich rauchte der Mann währenddessen, denn für das Rauchen, dafür war er – auch – bekannt.

„Er war ein rasender Raucher“, sagt Lenka Reinerová an diesem Abend im Universitätsclub Bonn, wo sie lesen und erklären wird; sie streicht sich über die weißen Haare, die sie scharf und streng gescheitelt hat. Sie macht das oft. Sie ist zart und wirkt zerbrechlich. Kräftig ist ihre Stimme. Kraftvoll sind ihre Worte. Wenn sie gefragt wird, überlegt sie nicht lange, sondern findet gleich den eigenen Ton. Wie in ihren Büchern. Oder wenn sie über die Begegnung mit dem Mann im Prager Hinterzimmer spricht. „Er war ein rasender Raucher“, sagt also Lenka Reinerová und spielt damit auf jenen Mythos an, der Egon Erwin Kisch seit jeher und auch gegenwärtig zugeschrieben wird. „Kisch hat nicht rasend, sondern langsam gearbeitet“, sagt Reinerová. Sie hat den „Rasenden Reporter“ erlebt und überlebt, hat ihn nach der ersten Begegnung im Prager Hinterzimmer kennen gelernt, ist ihm später immer wieder begegnet: In Frankreich im Krieg, in Mexiko im Exil – eine „starke Verbindung“, überhaupt eine „starke Bindung“. So nimmt es kein Wunder, dass Lenka Reinerová, die heute kurz vor ihrem 90. Geburtstag steht und als eine der letzten Vertreter der Prager deutsch-jüdischen Literatur gilt, in ihren Texten an solcherlei Literatur anschließt, die Kisch einstmals begründete. Ihr Werk konturiert das Genre der so genannten literarischen Reportage. Allein die Titel ihrer Bücher, die in der Anzahl überschaubar sind, doch eben darin überraschen (Reinerová stand lange unter Schreibverbot!), verweisen auf den Schauplatz ihres Œuvres: „Das Traumcafé einer Pragerin“, „Zu Hause in Prag, manchmal auch anderswo“ oder auch jüngst in ihrem neuen Werk. Es heißt: „Närrisches Prag. Ein Bekenntnis“.

Das Buch ist eine Fackel. Es brennt und flackert, es lodert mal hell und verliert bisweilen an Ausmaß, es scheint und schillert und brennt hinunter, um erneut zu entflammen, und an dieser Flamme verbrennt man sich dann die Hand, was schmerzt wegen manch strapaziert erzählter Episode, aber auch gut tut. Denn man teilt am Ende mit der Autorin die Empfindung, dass hier, in Prag, eine „gewisse Intimität“ geblieben ist. „Alles zusammen“ an und in dieser Stadt erscheint uns reizend (und ihr „ein bisschen närrisch“). Und wir denken (und sie sagt): „Schön, dass wir es haben“. Das ist es, was in ihrem Buch drin ist: Dasjenige, was ein großstädtischer Kulturspaziergang verlangt: Das Anekdotische. Das Historische. Das Flanieren. Das Treffen. Man könnte auch sagen: Beobachtung und Abschweifung. Es ist poetische Erinnerung, dieses Buch, es ist ein Buch aus Lenka Reinerovás Zeiten und somit ein Zeugnis für ihr Dasein, dieses Buch, weil es stellvertretend Lebenswege umreißt.

Es ist der Hinweis auf ein Schicksal, der in diesem Buch steckt. 1916 in Prag-Karolinenthal geboren. Heute die Grande Dame des Prager Kulturlebens, die letzte große Vertreterin des deutschen Schrifttums Tschechiens. Schon damals, aus einer bürgerlichen jüdischen Familie stammend, in Bohemezirkeln verkehrend. Lenka Reinerová traf in jungen Jahren Ernst Bloch, Stefan Heym und schließlich Franz C. Weiskopf, der sie in die Redaktion der „Arbeiter-Illustrierten-Zeitung“ aufnahm, wodurch das Zusammenkommen mit Egon Erwin Kisch, im Hinterzimmer des Prager Cafés, erst möglich wurde. 1939 der Einmarsch der Truppen von Nazideutschland in Prag. Flucht nach Paris, nach Versailles, wo sie erneut mit Kisch zusammenkam. Arbeit für die „Agence France“. Reinerová wurde – wegen ihrer „Aktivitäten“ im „Haus der tschechischen Kultur“ – verhaftet. Inhaftierung in einem Pariser Frauengefängnis, später in einem Frauenlager. Mit der „American League of Writers“ gelang sie 1941 auf mexikanischen Boden, sah Kisch wieder und heiratete den Arzt und Dichter Theodor Balk, traf Anna Seghers und schrieb für die Exilzeitschrift „Freies Deutschland“. Nach dem Krieg zwei Jahre in Belgrad, tätig für den Rundfunk, 1948 Wiedersehen mit Prag. Als Einzige ihrer Familie das Dritte Reich überlebt. Verbannung und Schreibverbot werden aufgehoben und sie selbst Redakteurin, sodann Chefredakteurin der deutschsprachigen Zeitschrift „Im Herzen Europas“. Entlassen wegen angeblicher politischer Unzuverlässigkeit. Erst ab Mitte der Achtziger kann sie wieder unter eigenem Namen publizieren.

Die Lehre aus diesem Leben: Nicht Still-Stehen-Können. Und: Heiterkeit. Vielleicht besser: Heitere Wehmut. Anders formuliert: „Lenka Reinerová ist eine körperlich und geistig straffe Persönlichkeit geblieben. Trotz Verfolgung, Verhaftung und Verlust der Familie im Holocaust ist sie frei von Hass.“ Das sagt Prof. Dr. Birgit Lermen (Universität zu Köln) im Bonner Universitätsclub, bevor Reinerová die Stimme zur Lesung erhebt. „Sie musste lernen, dass absoluter Machtanspruch niemals toleriert werden darf. Ihre Werke sind Zeugnisse für die Verantwortung von Schriftstellern in Europa.“ Gerade deshalb hatten sie die Konrad-Adenauer-Stiftung und der „Rheinische Merkur“ eingeladen. Denn diese Veranstaltung in Bonn hat eine Veranstaltungsreihe eröffnet, die unter dem Slogan „Literatur und Verantwortung“ Literaturen von solchen Literaten vorstellen soll, die „ihre europäische Verantwortung“ realisieren, indem sie „an die Vergangenheit erinnern, den Dialog der Nachbarn fördern und auf diese Weise zur Bildung einer europäischen Identität beitragen“. Prof. Dr. Günther Rüther (Konrad-Adenauer-Stiftung) betont denn auch die „herausragende Rolle“ Prags in diesem Kontext: „Wo könnte sich die Vereinigung Europas deutlicher manifestieren als in dieser Stadt, die immer schon ein europäisches Zentrum der Kultur und der Wissenschaften war, ein Ort des geistigen Dialogs zwischen Tschechen und Juden, aber auch ein Brennpunkt der Geschichte.“

„Ich bin eine Pragerin, bin übrig geblieben aus einer Generation“, sagt Reinerová im Gespräch mit Hans-Joachim Neubauer („Rheinischer Merkur“) in Bonn. Sie kann sich an Österreich-Ungarn erinnern, an die Tschechoslowakei – Umstände, aus deren heraus das Bedürfnis erwuchs, „festzuhalten, was gewesen war“. Sie schrieb und schreibt in deutscher Sprache, von der sie sagt, dass diese für sie zu einem „intimen Instrument“ geworden ist. Wiederum spricht sie von „Intimität“: Das Prag, in dem es „brodelt, werfelt, kischt“, und das Schreiben, das sind die Intimitäten Lenka Reinerovás, die in ihren Büchern zueinander finden, zwangsläufig und zufällig zugleich, wie die Geschichten, die sie erzählt. Ihre Heimat ist eine „schwindende Sprachinsel im tschechischen Meer“ – Prof. Dr. Hans Dieter Zimmermann (TU Berlin) benennt in Bonn derartig treffend die Pragerdeutsche Literatur. Und Lenka Reinerová der Robinson Crusoe auf ihr.

Oliver Ruf ist Publizist und Literaturwissenschaftler sowie Promotionsstipendiat der Konrad-Adenauer-Stiftung.

Bücher von Lenka Reinerová:

  • Närrisches Prag. Ein Bekenntnis. Aufbau-Verlag, Berlin 2005. Gebunden, 160 S., € 16,90.
  • Alle Farben der Sonne und der Nacht. Aufbau-Taschenbuchverlag, Berlin 2005. Broschiert, 190 S., € 6,95. Mandelduft. Erzählungen. Aufbau-Taschenbuchverlag, Berlin 2001. Broschiert, 144 S., € 7,95.
  • Zu Hause in Prag, manchmal auch anderswo. 2. Aufl. Aufbau-Taschenbuchverlag, Berlin 2001, 189 S., € 7,95.
  • Das Traumcafé einer Pragerin. 4. Aufl. Aufbau-Taschenbuchverlag, Berlin 1996, 269 S., € 7,95.

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21.11.2005.
Michael Braun: „In Prag zu Hause und manchmal auch anderswo“

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