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Bhutan ist spitze

của Christoph Grabitz

Pressefreiheitsranking 2020

Ausgerechnet das winzige Königreich Bhutan zählt zu den Ländern mit der größten Pressefreiheit in Asien. Das ergibt sich aus dem Pressefreiheitsranking 2020 von Reporter Ohne Grenzen, das jetzt erschienen ist. Woran liegt das? Das Medienprogramm Asien war im November 2019 vor Ort.

Ein Besuch bei der ältesten Zeitung Bhutans ist eine Reise in die Vergangenheit: Das Redaktionsgebäude von „Kuensel“, was Genauigkeit heißt, ist ein schmaler von Efeu berankter Zweckbau am Rande der Hauptstadt Thimphu. Drinnen sind die Wände mit Holz vertäfelt wie in einem Vereinsheim aus den 70er Jahren. Es gibt noch Telefone mit Wählscheiben. Streng dreinblickende Sekretärinnen mit Dutt setzen ihre Kaffeetassen auf Häkeldeckchen-Untersetzern ab. Die Zeit verrinnt zäh im Takt der Druckmaschinen im Nebengebäude.

Bis vor zwanzig Jahren waren Internet und Fernsehen in Bhutan verboten. Erst seit 2004 sind Mobiltelefone erlaubt. Das Königreich hat das Fernsehen ausgelassen und wurde direkt ins Zeitalter der Digitalisierung katapultiert. Trotz dieses gewaltigen Umbruchs und von kleineren Rückschlägen abgesehen verbessert sich die Pressefreiheit stetig. Im heute erschienen Ranking zur Pressefreiheit 2020 von Reporter ohne Grenzen belegt Bhutan einen für asiatische Verhältnisse sagenhaft guten 67. Platz. Es steht damit an erster Stelle in Südasien und in Reichweite zu den Staaten Asiens mit der größten Pressefreiheit: Südkorea (Platz 42), Taiwan (Platz 43) und Japan (Platz 66).

 

Ohne Pressefreiheit keine Demokratie – und ohne Demokratie keine Pressefreiheit

Wie in jedem Jahr wird das Ranking auch in diesem Jahr kritisiert werden: Es fuße nicht auf genug Daten um „die“ Pressefreiheit objektiv zu messen, befinden manche. Es sei eine mit dem erhobenen Zeigefinger des Westens erstellte „Hitparade“. Die Kritik ist berechtigt, blendet aber aus, dass das Ranking hauptsächlich dazu gedacht ist Aufmerksamkeit zu erregen. Es arbeitet eine Wechselwirkung heraus, die nicht oft genug betont werden kann in diesen für den Journalismus weltweit so schwierigen Zeiten: Ohne Pressefreiheit keine Demokratie – und ohne Demokratie keine Pressefreiheit.

Bhutan ist dafür ein gutes Beispiel. Das Land zählt zu den jüngsten Demokratien weltweit. Die ersten freien Wahlen zur Nationalversammlung fanden 2008 statt. Der zum Zeitpunkt seiner Krönung 28 Jahre junge heutige König Jigme Khesar Namgyel Wangchuck, der in den USA und England Philosophie studiert hat, führte sein Volk behutsam vom Absolutismus in eine konstitutionelle Monarchie nach dem Vorbild Westminsters. Wangchuk ist ein Freund der freien Presse.

 

Das Narrativ vom Himalaya-Idyll hinterfragen

Zeitgleich mit den ersten freien Wahlen, das ist kein Zufall, blühte der Journalismus auf. Er begann das Narrativ vom Himalaya-Idyll ohne Sorgen zu hinterfragen. Er hinterfragte kritisch, inwieweit dieses Narrativ eine sehnsüchtige Projektion eines überarbeiteten, auf Naturverbundenheit, Yoga und Gut-zu-sich-selber-sein fixierten Westens sei.  

Plötzlich wurden kritische Fragen gestellt, freilich noch immer in aller Vorsicht.  Zur Mangelernährung in einigen Landesteilen, zur hohen Jugendarbeitslosigkeit oder zum hohen Alkoholkonsum der Bevölkerung. Im Zuge der Demokratisierung hatte eine wichtige Emanzipation stattgefunden: Weg von dem in Asien noch immer verbreiteten Selbstverständnis der Medien als devote, die bestehenden Verhältnisse nicht kritisierende Überbringer von Nachrichten. Hin zur Wächterfunktion der Presse.

Heute ist – Platz 67 von 180! – noch immer Raum für Verbesserung. Die wichtigste Zeitung Kuensel steht noch immer zu 51 Prozent im  Staatseigentum. Der einzige TV- und Rundfunkveranstalter in Bhutan, der Bhutan Broadcasting Service, BBS, steht ohne eine gesetzliche Absicherung seiner redaktionellen Unabhängigkeit in Staatseigentum.

Noch immer gibt es kein Gesetz, das den Zugang zu Informationen regelt.  Noch immer gibt zu wenig gut ausgebildete Journalisten, die der in den sozialen Netzwerken grassierenden Desinformation einen fundierten, wertebasierten und inhaltlich ansprechenden Journalismus entgegensetzen könnten. Namgay Zam, Executive Director der Journalists' Association of Bhutan, JAB, ist eine junge, im Westen ausgebildete Journalistin, die unverblümt und laut ausspricht, was sie denkt: „Auf der Haben-Seite steht eine liberale und für die Belange des Journalismus offene Regierung sowie unser König, der die Entwicklung einer freien Medienlandschaft unterstützt. Das größte Hindernis für die Pressefreiheit sind die schwierigen ökonomischen Rahmenbedingungen – in Bhutan und weltweit.“

 

Welches Interesse hat die Welt am Journalismus in Bhutan?

Eingeklemmt zwischen den Riesen Indien und China, mit einer Grenze zu Tibet, befindet sich Bhutan in einer geopolitisch sensiblen Region. Mehr und mehr Regierungen in Asien beobachten daher genau, wie Bhutan seinen eigenen Weg geht, der sich fundamental von den übermächtigen Nachbarn unterscheidet. Alles äußerliche, alles Sendungsbewusstsein, die Frage der Systemkonkurrenz: Bhutan verschließt sich diesen Äußerlichkeiten mit berückender Konsequenz und stellt seine eigenen Regeln auf. Der Handel mit Tabak ist verboten. In der Verfassung ist festgeschrieben, dass 60 Prozent der Fläche des CO2 neutralen Landes mit Bäumen bedeckt bleiben muss. Das Bruttonationaleinkommen wird ergänzt durch das Konzept des Bruttonationalglücks.

In einer Zeit, in der in Indien immer stärker Hindu-nationalistische Kräfte an Einfluss gewinnen und China nicht nur wirtschaftlich sondern auch im Bereich der Soft-Power umfassenden Geltungsanspruch erhebt, steht Bhutan für einen dritten, stets unprätentiösen Weg.

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Christoph Grabitz

Christoph Grabitz (2020)

Leiter des Medienprogramms Asien

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