Alfred Dregger

Jurist, Oberbürgermeister, Vorsitzender der CDU/CSU-Fraktion Dr. jur. 10. Dezember 1920 Münster/Westfalen 29. Juni 2002 Fulda
Als Alfred Dregger im Juni 2002 verstarb, würdigte ihn sein langjähriger politischer Wegbegleiter Helmut Kohl bei der Trauerfeier im Fuldaer Dom als standhaften und wertorientierten Konservativen. "Er war kein Mann, der morgens aufstand und den Finger in den Wind hielt, um zu sehen, woher der kommt. Er war kein Freund des Zeitgeistes.“

Herkunft und Jugend

Alfred Dregger wurde 1920 als Sohn eines Verwaltungsbeamten im westfälischen Münster geboren. Nach der Schulzeit wurde er zur Wehrmacht einberufen. Von 1933 bis 1939 war er Mitglieder in der Hitlerjugend (HJ), zuletzt im Range eines Scharführers. Laut dem Eintrag in der Mitgliederkartei der NSDAP trat er mit Wirkung vom 1. September 1940 in die Partei ein, übte jedoch kein Amt darin aus. In einem Meldebogen der amerikanischen Militärregierung von 1945 gab Dregger seine HJ-Mitgliedschaft an, jedoch nicht die Parteimitgliedschaft. Da ein Aufnahmeantrag nicht überliefert ist, bleibt offen, ob Dregger zur Gruppe jener gehörte, die nach eigenen Angaben ohne ihr Zutun „automatisch“ aus der HJ in die NSDAP überführt wurden.

Nach Kriegsende studierte Dregger in Tübingen und Marburg Rechts- und Staatswissenschaften. Das Studium schloss er mit dem Ersten und Zweiten Staatsexamen und der Promotion zum Dr. jur. ab. Referententätigkeiten beim Bundesverband der Deutschen Industrie und beim Deutschen Städtetag waren erste berufliche Stationen.

Der Oberbürgermeister von Fulda

Der Weg in die Politik begann 1956 mit der Wahl zum Oberbürgermeister von Fulda. Alfred Dregger war damals der jüngste Oberbürgermeister einer deutschen Großstadt. In diesen Jahren, die er rückblickend als die glücklichste Zeit seines Lebens bezeichnete, widmete er sich vor allem der Bewahrung des historischen Erbes der Stadt. Er entwarf ein umfangreiches Stadtentwicklungskonzept, das unter anderem vorsah, das Verkehrssystems zu modernisieren und ein großen Schul- und Wohnungsbauprogramm ins Werk zu setzen.

Der hessische Landesvorsitzende

1962 erfolgte die Wahl in den hessischen Landtag. 1967, ein Jahr nach der verlorenen Landtagswahl, übernahm Dregger den Landesvorsitz der hessischen CDU.  In den Landtagswahlen, die drei Jahre später stattfanden, verbesssret die CDU sich im vergleich zur vorhergehenden Wahl um 13 Prozent und kam auf mehr als 39 Prozent der abgegebene Stimmen. Auch die Mitgliederzahlen entwickelten sich in den Jahren, in denen Dregger die Partei führte, ausgesprochen positiv: Unter seinem Vorsitz stiegen sie von 22.000 auf 71.000. Darüber hinaus gelang es Dregger, die hessische CDU zu einer modernen Partei mit einer zeitgemäßen Organisationstruktur umzubauen.

Gleichzeitig schärfte Dregger auch sein eigenen Profil, was ihn zu einer bevorzugten Zielscheibe der politischen Linken machte. Dregger, der keinem Kampf aus dem Weg ging und sich auch nicht scheute die Dinge zuzuspitzen, wurde von politischen gegnern wie Journalisten mit Spitznamen wie „Django“, „Don Alfredo“ oder „Alfred der Eisenfresser“ belegt. Dabei wurde er politisch oft als „nationalkonservativ“ eingeordnet, als Vertreter eines sogenannten „Stahlhelm-Flügels“ der hessischen CDU. Selbst sah er sich freilich etwas anders, durchaus als Konservativen, aber auch als Liberalen. Ähnlich wie für Karl Carstens, Richard von Weizsäcker und andere CDU-Politiker der 1970er Jahren gab es für ihn keinen Widerspruch zwischen beiden Haltungen.

Die hessischen Wähler scheinen ihn jedenfalls nicht so wahrgenommen haben, wie ihn teile der Presse darstellten. Ansonsten hätte die CDU bei der Landtagswahl von 1974 wohl nicht ein Ergebnis von 47,5 Prozent erzielt. Zum Regieren reichte das freilich nicht. Dreggers CDU verpasste knapp die absolute Mehrheit, so dass die sozial-liberale Landesregierung unter Albrecht Osswald im Amt bleiben konnte.

Gleichwohl war die CDU weiterhin im Aufwind. Sie profitierte nicht zuletzt von dem großen Unmut, den die Schulpolitik und die Gebietsreform der Landesregierung bei vielen Hessen hervorrief.

So fielen 1977 bei den Kommunalwahlen zahlreiche Städte und Kommunen, die über viele Jahre von der SPD regiert worden waren, an die CDU. In der aus dem Zusammenschluss von Gießen und Wetzlar gebildeten Stadt Lahn konnte die Partei ihr Ergebnis um mehr als 30 Prozent verbessern und die absolute Mehrheit erringen. In Frankfurt stellte die CDU nach den Wahlen mit Walter Wallmann erstmals den Oberbürgermeister.

Der Bundespolitiker

Als Landesvorsitzender der hessischen CDU gewann Alfred Dregger auch bundespolitisch zunehmend an Gewicht. Er trat weiterhin als Vertreter des konservativen Flügels der CDU aus und nahm sich der Interessen der Kriegs- und Aufbaugeneration an. Seit 1969 war Dregger Mitglied des CDU-Bundesvorstands und ab 1977 auch des Präsidiums. Über 25 Jahre gehörte Dregger dem Deutschen Bundestag an und gewann sieben Mal hintereinander das Direktmandat seines Wahlkreises. Umfangreiche Archivmaterialien dokumentieren seinen Einsatz für die Interessen der Menschen in seinem Wahlkreis, wie die Bemühungen um den Erhalt von Arbeitsplätzen sowie um den Ausbau der Verkehrsinfrastruktur im Raum Fulda und die verkehrsmäßige Anbindung der wirtschaftlich schwachen Rhön an das Industrie- und Finanzzentrum im Rhein-Main-Gebiet.

Nach der Wahl Helmut Kohls zum Bundeskanzler wählte die CDU/CSU-Fraktion Alfred Dregger 1982 fast einstimmig zu ihrem neuen Vorsitzenden. In der Debatte um die Nachrüstung zu Beginn der 1980er Jahre trat er für den NATO-Doppelbeschluss ein. Der Schutz der Demokratie vor ihren inneren und äußeren Feinden, die Freiheit des Einzelnen im sozialen Rechtsstaat und die Wiederherstellung der deutschen Einheit in Frieden und Freiheit waren seine wichtigsten Anliegen.

1991 legte Dregger eher widerwillig zugunsten von Wolfgang Schäuble den Fraktionsvorsitz nieder und war fortan Ehrenvorsitzender.

1998 verzichtete er nach langen innerparteilichen Querelen auf eine weitere Kandidatur für den Deutschen Bundestag. Alfred Dregger zog sich in seine Heimatstadt Fulda zurück, wo er 2002 nach längerer Krankheit verstarb. Seit 2005 erinnert die Alfred-Dregger-Allee in Fulda an den langjährigen Oberbürgermeister. Die Geschäftsstelle des CDU-Landesverbandes in Wiesbaden trägt seit 2010 den Namen Alfred-Dregger-Haus.


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Lebenslauf

 

10.12.1920 in Münster/Westfalen geboren
1939-1945 Militärdienst, zuletzt Hauptmann
1946–1950 Studium der Rechts- und Staatswissenschaften in Tübingen und Marburg, Promotion zum Dr. jur.
1954–1956 Referententätigkeit beim Bundesverband der Deutschen Industrie (BDI) und beim Deutschen Städtetag (DSt)
1956–1970 Oberbürgermeister in Fulda
1962–1972 Mitglied des hessischen Landtags
1964–1970 Präsident und Vizepräsident des Deutschen Städtetages
1967–1982 Vorsitzender des Landesverbandes Hessen der CDU
1970–1972 Vorsitzender der CDU-Fraktion im Hessischen Landtag
1972–1998 Mitglied des Deutschen Bundestages
1976–1982 Stellvertretender Vorsitzender der CDU/CSU-Fraktion im Deutschen Bundestag
1982–1991 Vorsitzender der CDU/CSU-Fraktion im Deutschen Bundestag
1984 Ehrenvorsitzender des Landesverbandes Hessen der CDU
1991-2002 Ehrenvorsitzender der CDU/CSU-Fraktion im Deutschen Bundestag
29.06.2002 Verstorben in Fulda

 

Veröffentlichungen

  • Freiheit in unserer Zeit. Reden und Aufsätze. München 1980.
  • Der Preis der Freiheit. Sicherheitspolitik im geteilten Europa. Tübingen 1985.
  • Der Vernunft eine Gasse. Politik für Deutschland. Reden und Aufsätze. Tübingen 1986
  • Einigkeit und Recht und Freiheit. Beiträge zur deutsch-europäischen Einheit. Tübingen 1993.
  • Dilemma der Frontsoldaten. Gegen die zynische Einseitigkeit der Nationalmasochisten. N: Junge Freiheit 95/ 15, S. 2.
  • Mein Blick nach vorn. Würzburg 2000.

 

Literatur

  • Günter Reichert, Dieter Weirich, Werner Wolf (Hg.): Alfred Dregger. Streiter für Deutschland. Frankfurt a.M. 1991.
  • Michael Schwab (Hg.): Alfred Dregger für Fulda und Deutschland - Stationen eines charismatischen Politikers. Dokumentationen zur Fuldaer Stadtgeschichte Nr. 26. Petersberg 2008.

 

Kontakt

Dr. Jan Philipp Wölbern

Dr

Wissenschaftlicher Referent

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