Europa steht vor tiefgreifenden geopolitischen Umbrüchen – und genau hier setzte die gemeinsame Veranstaltung des Politischen Bildungsforums Niedersachsen der Konrad-Adenauer-Stiftung und der Gesellschaft für Sicherheitspolitik (Sektion Oldenburg) an. Rund 90 Minuten diskutierten die Teilnehmerinnen und Teilnehmer mit dem Politikwissenschaftler Siebo M. H. Janssen über die Frage, welche Rolle Europa in einer zunehmend konfliktreichen Weltordnung einnehmen kann und sollte.
Nach der Begrüßung durch Martin Ahnesorg und Manuel Ley wurde schnell deutlich: Die sicherheitspolitische Lage Europas hat sich grundlegend verändert. Kriege an den Außengrenzen, insbesondere durch Russlands Aggression, hybride Bedrohungen sowie neue systemische Rivalitäten – etwa mit China – fordern die Europäische Union in bislang ungekanntem Maße heraus.
Im Zentrum des Vortrags stand die Entwicklung der Europäischen Union von einem Friedensprojekt hin zu einem sicherheitspolitischen Akteur. Historische Bezugspunkte wie die Ideen Stresemanns, die europäische Einigung nach dem Zweiten Weltkrieg sowie die Integration über Verträge Maastricht, Nizza und Amsterdam bis hin zum Vertrag von Lissabon verdeutlichten, dass Europas heutige Rolle das Ergebnis eines langen politischen Prozesses ist. Gleichzeitig wurde betont, dass die EU in zentralen Fragen der Außen- und Sicherheitspolitik weiterhin stark von den Mitgliedstaaten geprägt bleibt.
Ein zentrales Spannungsfeld bildet die Frage nach europäischer Souveränität. Einerseits strebt die EU danach, als eigenständiger globaler Akteur aufzutreten, andererseits bleibt sie sicherheitspolitisch in hohem Maße von den USA und der NATO abhängig. Die Diskussion griff dabei auch die veränderte Rolle der Vereinigten Staaten auf – insbesondere unter dem Eindruck früherer und möglicher zukünftiger politischer Kurswechsel in Washington. Ein weiterer Schwerpunkt lag auf inneren Herausforderungen der Europäischen Union. Politische Fliehkräfte, etwa durch rechtspopulistische Bewegungen in verschiedenen Mitgliedstaaten, stellen den Zusammenhalt der EU auf die Probe. Gleichzeitig zeigen Krisen wie die Finanz- und Eurokrise, die Migrationsbewegungen seit 2015 oder die COVID-19-Pandemie sowohl Defizite als auch Fortschritte europäischer Zusammenarbeit. Während nationale Interessen häufig dominieren, wurde auch auf Beispiele gelungener Solidarität verwiesen.
In der sicherheitspolitischen Praxis steht Europa vor der Aufgabe, seine Verteidigungsfähigkeit auszubauen. Initiativen zur stärkeren Kooperation sowie Formate wie „Koalitionen der Willigen“ wurden als mögliche Wege diskutiert, um Handlungsfähigkeit zu erhöhen – auch jenseits einstimmiger Entscheidungen aller Mitgliedstaaten. In der anschließenden Diskussion wurde deutlich, dass die Erwartungen an Europa hoch sind: Die EU soll Frieden sichern, Freiheit schützen und gleichzeitig wirtschaftlich sowie politisch stabil bleiben. Zugleich wurden die Grenzen dieses Anspruchs offen benannt. Europas Rolle in der Welt bleibt ein Balanceakt zwischen Anspruch und Wirklichkeit.
Abschließend formulierte der Referent drei mögliche Zukunftsszenarien: eine zunehmende Fragmentierung Europas, ein pragmatisches „Weiter so“ oder eine vertiefte Integration im Sinne einer stärkeren gemeinsamen Außen- und Sicherheitspolitik. Welche Richtung die EU einschlagen wird, hängt maßgeblich vom politischen Willen ihrer Mitgliedstaaten ab. Die Veranstaltung bot den Teilnehmenden eine fundierte Einordnung aktueller Entwicklungen und zeigte zugleich Perspektiven für die zukünftige Rolle Europas auf. Sie machte deutlich: Die Frage nach Frieden, Freiheit und Verteidigung ist für Europa keine abstrakte Debatte, sondern eine konkrete politische Herausforderung unserer Zeit.
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