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Fruchtbare Wurzeln

Dolf Sternberger

Am 28. Juli 2007 wäre der herausragende politische Publizist 100 Jahre alt geworden. Sein Wort vom „Verfassungspatriotismus“ ist aktueller denn je.

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Es hat bisweilen den Anschein, als müsste der Schriftsteller und

Politikwissenschaftler Dolf Sternberger - würde

er noch leben - ausgerechnet einen von ihm erfundenen Schlüsselbegriff in

seinem "Wörterbuch des Unmenschen" verstecken. Wenn heute der Begriff des

"Verfassungspatriotismus" diskutiert wird, heißt es, er sei papieren,

emotions- und farblos. Zu einem Text könne man kein patriotisch-liebevolles

Gefühl entwickeln. Wie solle man denn das Fahnenmeer nach der

Fußballweltmeisterschaft, den ausgelassenen, fröhlichen, jungen und

gefahrlosen Patriotismus jemals mit einem so bedenkenträgerhaft und blutleer

erscheinenden Wort in einem Zusammenhang sehen?

Haben die Zeitläufte den Begriff, von dem Ralf Dahrendorf abschätzig gesagt

hat, er sei eine "Kopfgeburt", inzwischen überlebt? Man würde Dolf

Sternberger - gerade im Jahr seines 100. Geburtstages – Unrecht antun, wenn

man die Missverständnisse, die sich um diesen Terminus ranken, nicht ganz

genau in den Blick nähme und zurückzuschneiden versuchen würde.

Was hat er wirklich gemeint und inwiefern kann sein Denken uns heute bei der

Frage nach dem Verhältnis von Staat und Gesellschaft Orientierung verleihen?

Noch spannender ist allerdings die Frage, ob sein Bild vom Grundgesetz und

der politischen Ordnung, die es gewährleisten sollte, bald 60 Jahre nach

seiner Verabschiedung noch mit der Realität übereinstimmt.

Alternativer Entwurf

Weitsichtig beschreibt Sternberger - er hat als Ehemann einer Jüdin am

eigenen Leib verspürt, was Unfreiheit und Verfolgung bewirken - bereits zwei

Jahre vor dem Inkrafttreten des Grundgesetzes, wie er sich einen künftigen

Patriotismus für sein Land vorstellte. Für ihn ging es darum, ein Gegenbild

zum völkisch-nationalen Patriotismus zu entwerfen, weil er zum einen diesen

Patriotismus als entehrt empfand. Zum anderen aber vermutete er - ähnlich

wie Konrad Adenauer -, dass noch viele seiner Zeitgenossen dieser Form des

Nationalgefühls mit einiger Begeisterung nachhingen.

Als alternativen Entwurf und gleichsam als Akt der Vergangenheitsbewältigung

versuchte Sternberger die Existenz eines patriotischen Denkens zu beweisen,

das sich in allererster Linie auf die Gesetze des Staates und die

persönliche Freiheit des Einzelnen richten sollte: "Der Begriff des

Vaterlandes erfüllt sich erst in der politischen

Verfassung." Schon das schält den Kern seines Gedankens klar heraus: Der

Staat, auf den sich die Liebe seiner Bürgerinnen und Bürger richtet, kann

nur der Verfassungsstaat sein, der die Freiheit sichert.

Seine Botschaft verhallte, und sein Begriff gewann keine Akzeptanz. Er

selbst hat später eindringlich die Gründe geschildert: Es habe kaum

Begeisterung geherrscht, als der Parlamentarische Rat die Arbeit abschloss,

die Bevölkerung habe nicht allzu viel davon erfahren: "Die Mitglieder dieser

verfassunggebenden Versammlung ihrerseits taten ihr Werk eher in einer

gedrückten Seelenlage. Es war nur ein Teil der Nation, für den sie handeln

konnten. So meinten viele von ihnen auch dem Staat, den sie widerstrebend

schufen, einen bloß vorläufigen ... Charakter aufprägen zu sollen. Der

klanglose Name ,Grundgesetz' zeugt von solcher Zurückhaltung. Man sprach mit

gedämpfter Stimme, arbeitete mit zögernden Händen - in der Trauer um die

Zertrennung der Nation, in der zagen Hoffnung auf einen künftigen freien Akt

des ganzen Deutschland."

Als das Grundgesetz seinen "Dreißigsten" feierte, hatte sich die Situation

deutlich geändert. 1979 schreibt Sternberger: "Noch immer trauern wir, noch

immer hoffen wir. Doch ist den nationalen Gefühlen seither ein helles

Bewusstsein von der Wohltat dieses Grundgesetzes zugewachsen." Aus der

,Verschattung" sei das Grundgesetz hervorgetreten: "Wir leben in einer

ganzen Verfassung, in einem ganzen Verfassungsstaat, und das selbst ist eine

Art von Vaterland."

Diesmal fiel sein Wort auf fruchtbare Wurzelgründe, ja es wurde sogar zur Basis für einen überparteilichen Konsens, dessen Bedeutung nicht zu

unterschätzen ist. Fast 40 Jahre nach den Achtundsechzigern und 30 Jahre

nach dem Höhepunkt des RAF-Terrors genügt der Hinweis darauf, dass die

freiheitliche Verfassungsordnung der Bundesrepublik auch von links immer

wieder vehement infrage gestellt worden ist. Die Frankfurter Schule und die

kritische Linke erteilten ausdrücklich ihre Zustimmung. Jürgen Habermas

begeisterte sich für den Verfassungspatriotismus, der dadurch aber auch eine

Umdeutung erfuhr. Die auf die deutsche Nationalgeschichte bezogene

Argumentation und Herleitung Sternbergers wollte die Linke nicht mittragen

und setzte dagegen ein universalistischeres, vom Nationenbegriff weitgehend

abgekoppeltes Begriffsverständnis.

Von dieser Verengung und Vereinnahmung seines Begriffes, der die gemeinsame

Geschichte, die Sprachkultur, aber auch die Erfahrung von Krieg und

Vertreibung ausblendet, distanzierte sich Dolf Sternberger zwei Jahre vor

seinem Tod deutlich: "Ich wollte nicht einen Ersatz für den nationalen

Patriotismus bieten . . . Vielmehr wollte ich darauf aufmerk

sam machen, dass Patriotismus in seiner europäischen Haupttradition schon

immer und wesentlich etwas mit Staatsverfassung zu tun hatte, ja dass

Patriotismus ursprünglich und wesentlich Verfassungspatriotismus gewesen

ist." Wenn auch sein Begriff mit der Freude über die Wiedervereinigung, die

er nicht mehr selbst erleben durfte, in der Diskussion zunächst wieder etwas

in den Hintergrund geraten ist: Sein antitotalitärer Patriotismus- und

Staatsbegriff hat 1990 einen Sieg errungen.

Nicht nur, dass die "neuen Länder" mit ihrem Beitritt zum ”Geltungsbereich

des Grundgesetzes" die "Magnetkraft" dieser Grundordnung unter Beweis

gestellt haben. Nein, er hätte seine Auffassung bestätigt gefunden, nach der

die Gewalt des Staates nicht an einem Ort konzentriert sein dürfe, "weder

oben noch unten, weder links noch rechts", sondern "vielmehr weit herum

verteilt" sein und sich in den Parlamenten aller Ebenen, den Verwaltungen,

den Gerichten und der Bürgergesellschaft abspielen müsse.

Aber auch heute ist sein Begriff von hoher Gegenwärtigkeit und ermahnt zur

Wachsamkeit. "Gegen erklärte Feinde", so schreibt Dolf Sternberger, ”muss

die Verfassung verteidigt werden, das ist patriotische Pflicht." Vielleicht

würde er heute nicht nur vor wirren Extremisten warnen, sondern im Sinne

eines "Wehret den Anfängen" auch den aktuellen Umgang mit dem Grundgesetz

kritisieren.

Es gibt explizite Feinde, es gibt aber auch ein liebloses und schadvolles

Verhalten gegenüber unserer Verfassung. Wenn die Verfassung dem politischen

Vorhaben im Wege steht, wird nicht das Vorhaben angepasst und in Einklang

mit der Verfassung gebracht, sondern nach der "Verfassungsänderung" gerufen.

Koalitionen werden, wer würde das gegenwärtig bestreiten wollen, auch danach

beurteilt, ob sie gemeinsam eine "verfassungsändernde" Mehrheit zustande

bringen. Ebenso wird mit wechselnder Intensität über die Aufnahme weiterer

Staatsziele in das Grundgesetz debattiert - vom Tierschutz über den Sport

bis hin zur Kultur (zuletzt auf dem Parteitag der FDP).

Der Präsident des Bundesverfassungsgerichts, Hans-Jürgen Papier, stellt

fest, dass sich die Klarheit des Grundgesetzes bewährt habe: "Sie sollte

nicht durch blumige Programmaufträge an den Staat getrübt werden, die

gerichtlich kaum durchsetzbar sind." Auch diese Tendenz ist langfristig

gesehen, wenn schon kein feindliches, so aber doch ein fragwürdiges und

wenig nützliches Handeln - vorausgesetzt, man will den kraftvollen und

präzisen Charakter einer Rahmenordnung gewährleisten, die einen

entscheidenden - wenn nicht, neben den handelnden Personen, den

entscheidenden Beitrag zur Erfolgsgeschichte "Bundesrepublik" geleistet hat.

Gedächtnis der Demokratie

Einen "kleinen gemeinsamen Nenner" sollte man dementsprechend auch

denjenigen abringen können, die den Begriff vehement ablehnen.

Verfassungspatriotismus kann letztlich auch bedeuten, dass es eine

Verantwortung für den Gesetzestext gibt, der die Grundlage für beinahe sechs

Jahrzehnte in Freiheit, Frieden und sozialer Sicherheit gelegt hat und der

sich, wie es Paul Kirchhof formuliert hat, als "Gedächtnis der Demokratie"

bewährt hat.

Eines sollte man dabei nicht vergessen: Die Tatsache, dass die

Diskussionsgeschichte des Gedankens beinahe so alt ist wie die Geschichte

der Verfassung, auf die er sich bezieht, sagt einiges über die Verfassung

selbst aus: Ein Text, der für würdig gehalten wird, eine Begründung für

patriotische Gefühle gegenüber dem Staat zu sein, ist aller Ehren und aller

Bewahrung für die Zukunft wert!

Wer sich Sternbergers Worte zu Gemüte führt, wird besonders angesichts des

immer wieder aufbrechenden Diktums der Politik- und Politikerverdrossenheit

ihre ungeheure Aktualität und ihren berechtigten Optimismus spüren. Und wer

dies tut, wird erahnen, warum der Nestor der deutschen Politikwissenschaft

so leidenschaftlich für seinen Begriff eingetreten ist: "Wir brauchen uns

nicht zu scheuen, das Grundgesetz zu rühmen. Wir mögen im gegebenen

Augenblick die Regierung tadeln, der Opposition Schwäche vorhalten, dem

Parlament die Flut der Gesetze übel nehmen, bei den Parteien insgesamt Geist

und Phantasie vermissen, von der Bürokratie uns beschwert fühlen, die

Gewerkschaften für allzu anspruchsvoll, die Reporter für zudringlich halten

- die Verfassung ist von der Art, dass sie dies alles zu bessern erlaubt, zu

bessern uns ermuntert und ermutigt."

Wer diesem Satz seine Zustimmung erteilt, der kann - bei aller Kritik an der

gegenwärtigen "Performance" von Staat und Politik - eines nicht leugnen:

Dass der berechtigte Stolz auf unser Land, das in den letzten sechs

Jahrzehnten zu einem verlässlichen Partner in der westlichen

Wertegemeinschaft und zum entscheidenden Motor der Einigung und der

Versöhnung in Europa geworden ist, den Stolz auf unser Grundgesetz zwingend

mit einschließen muss. Dolf Sternbergers "Verfassungspatriotismus" ist somit

keine Kopfgeburt, sondern eine Herzensangelegenheit für jeden deutschen

Patrioten.

Mit freundlicher Genehmigung des Rheinischen Merkurs.

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Контакт

Dr. Alexander Brakel

Alexander.Brakel@kas.de
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