Veranstaltungsberichte

„Sie töteten nicht, um zu essen, sie töteten, um zu töten.“

Mit gerade einmal 14 Jahren musste die zu der Zeit in Frankreich lebende Jüdin polnischer Nationalität, Micheline Papiernik, hautnah den Terror der Nationalsozialistischen Regierung Deutschlands erleben. Als Adolf Hitlers Wehrmacht 1940 auch den Norden Frankreichs besetzte, mussten Bürger jüdischen Glaubens um ihr Leben bangen. So auch Papiernik und ihre Familie, die sie nach Ende der Schreckensherrschaft nie wieder gesehen hat.

In der Aula der Patronato Nuestra Señora Del Pilar-Schule haben sich am Morgen des 2. Oktober 2014 ungefähr 150 Schüler zusammengefunden, um sich die Erlebnisse der Holocaustüberlebenden Micheline Papiernik anzuhören. Vorgestellt wird die bereits 89 Jahre alte Dame von Lidia Assorati, welche seit mehr als einem Jahr gemeinsam mit der Konrad-Adenauer-Stiftung e.V. Zeitzeugengespräche von Holocaustüberlebenden mit Schülern diverser Altersgruppen veranstaltet. Papiernik, so erscheint es, ist eine sehr aktive und lebensfrohe Dame. In dem Vorgespräch gibt sie an, dass sie gerne von ihren Ereignissen spricht, um die Erinnerungen aufrecht zu erhalten. Trotz der Grausamkeiten, die sie erlebt und gesehen hat, sei es ihr wichtig, so sagt sie, solche Geschichten von Generation zu Generation weiterzugeben.

1940 war ein Jahr, das das Leben der Familie Papiernik von einen auf den anderen Moment verändert hat. Sie sei doch noch ein Kind gewesen, als der Krieg anfing. Die Deutschen stießen mit einer enormen Schnelligkeit und Härte in Frankreich vor und besetzten weite Teile Nordfrankreichs. Papiernik erinnert sich noch genau, wie die deutschen Soldaten am 14. März 1941 an der Tür ihres Hauses standen, um den Vater zum „Arbeiten“ abzuholen. Einige Minuten wurde ihnen Zeit gegeben, um ein wenig Kleidung einzupacken und so musste sie letztendlich gemeinsam mit ihrer Mutter und der kleinen Schwester, ihren Vater in das Arbeitslager begleiten. Knapp ein Jahr hätten sie dort verbracht seien nicht schlecht behandelt worden, berichtet die Überlebende.

Zurück in Paris, im Jahr 1942, war es bereits unmöglich für die Familie, in ihr altes Zuhause zurückzukehren. Unterkunft fanden sie im Haus von Papierniks Tante. Im selben Jahr folgten zudem noch die Gesetze gegen die Juden, welche das Leben der jüdischen Gemeinde weitgehend eingeschränkte. Diese Gesetze beinhalteten sowohl das Ausgehverbot für Juden nach 12 Uhr mittags und die Pflicht des Tragens des gelben Judensterns, als auch das Besuchsverbot von Kinos oder Marktplätze. Bis dahin wussten sie dennoch nichts von den Deportationen und Massenmorden der europäischen Juden in den umliegenden Ländern, berichtet die 89 Jährige.

Weiterhin verschlimmerten sich die Lebensumstände für viele jüdische Bürger, der Mangel an Lebensmitteln sowie die ständige Angst vor Übergriffen der deutschen Soldaten war allgegenwärtig. Papierniks Familie flüchtete nach Bourganeuf und fand Unterschlupf in einer Schule, wo sich neben einigen Familien auch viele Kinder ohne Eltern zwischen 5 und 14 Jahren aufhielten. Wenige Zeit später wurden sie von deutschen Soldaten entdeckt und in Wagons eines Zuges gezwungen. Während der Zugfahrt, die einige Tage dauerte und durch Frankreich und Deutschland führte, fehlte es an allem. Ohne Wasser und eingezwängt auf engstem Raum mit weiteren hunderten von Menschen war bereits die Zugfahrt eine grausames Erfahrung, erzählte Papiernik. Was sie jedoch in dem Konzentrationslager Ausschwitz im Osten Polens erwartete, war schlimmer als die Hölle, fügte sie hinzu.

Im Konzentrationslager angekommen, mussten alle Juden nackt in die Duschen. Kleidung, Schuhe und Habseligkeiten wurden ihnen abgenommen und gesammelt. Papiernik erinnert sich, dass die Aufseher sich wie Tiere verhalten haben. „Sie töteten nicht, um zu essen, sie töteten, um zu töten.“ Emotional berichtet sie von dem Tod ihres Vaters, der nach vier Monaten im Konzentrationslager an Dehydration starb. „Er hatte jeglichen Lebensmut verloren und wusste, dass es sein Ende ist,“ gibt Papiernik an. Misshandlungen und der Massenmord waren präsent in ihrem Leben im Lager. Laut Micheline haben es alle Überlebenden „nur geschafft dank vieler kleiner Wunder.“

In der anschließenden Fragerunde mit den Schülern, erklärt Papiernik, dass sie nach dem Kriegsende zuerst für 15 Jahre in Uruguay lebte und dann 1964 nach Buenos Aires gekommen ist. Sie hat sich direkt in die Stadt verliebt, da sie sie an Paris erinnert habe. Ein Schüler fragt, was der positive Effekt sei, dass sie in Schulen geht und vor Jugendlichen spricht. „Dass die Jugend von heute das Land von morgen mache,“ antwortet Frau Papiernik. „Niemand soll vergessen, was mir und weiteren Millionen europäischer Juden passiert ist. Von Generation zu Generation soll meine Geschichte weitererzählt werden, damit so etwas nie wieder vorkommt.“