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#KASkonkret

Ist weniger Welthandel eine Lösung gegen den Corona-Schock?

von Maximilian Nowroth

KASkonkret_#36: Unsere Interviewreihe zu Fragen der Zeit

Außenhandelsexpertin Marina Steininger vom Münchner ifo-Institut sprache in Folge 36 von #KASkonkret über den Trend zur Deglobalisierung und falsche Schlussfolgerungen.

Das Coronavirus hat nicht nur weit über 100 Millionen Menschen, sondern auch die gesamte Weltwirtschaft infiziert. Globale Lieferketten waren monatelang unterbrochen, Grenzen teilweise geschlossen. Das trifft besonders Unternehmen in Deutschland, deren Erfolg stark vom Handel mit anderen Ländern abhängt. Mitte Februar hat das Statistische Bundesamt Zahlen veröffentlicht, die den Corona-Schock verdeutlichen: Der deutsche Außenhandel ist im Jahr 2020 um mehr als neun Prozent eingebrochen – und damit so stark wie seit der Finanzkrise nicht mehr.

Exporte im Dezember 2020: +0,1 % zum November 2020 Statistisches Bundesamt (www.destatis.de)
Quelle: Statistisches Bundesamt (www.destatis.de)

In der Gesellschaft und sogar in Teilen der (volkswirtschaftlichen) Forschung wird daher die Frage laut, ob ein so großes Maß an Globalisierung überhaupt gesund ist. Diesen Diskurs haben wir in Folge 36 unserer digitalen Veranstaltungsreihe #KASkonkret vertieft: Welchen Einfluss hat die Pandemie auf den Welthandel? Und welche Folgen ergeben sich daraus für unseren Wohlstand?

Zu Gast war Marina Steininger, promovierte Volkswirtin und wissenschaftliche Mitarbeiterin am Zentrum für Außenwirtschaft des Münchner ifo-Instituts – einem der renommiertesten deutschen Wirtschaftsforschungsinstitute. Zunächst ging es um die Frage, was die aktuelle Krise eigentlich von der Finanzkrise im Jahr 2008/2009 unterscheidet.

„Corona ist ein komplett anderer Schock“, betonte Steininger. Die Pandemie breite sich unabhängig vom wirtschaftlichen Geschehen aus und zwinge die einzelnen Länder dazu, Gegenmaßnahmen zu treffen – und die Wirtschaft runterzufahren. Außerdem treffe diese Krise alle Sektoren, „das ist ein großer Unterschied“, sagte die 30-Jährige.

 

30 Prozent der ökonomischen Folgen durch Corona sind von der Globalisierung beeinflusst

 Ihre Doktorarbeit trägt den Titel „Die Rolle von Handelsfreiheit, Protektionismus und der Pandemie in einer globalisierten Welt“. Ein Ergebnis zeigt, wie die Globalisierung die ökonomischen Folgen des Virus beeinflusst: „Wir haben herausgefunden, dass 30 Prozent des Schocks durch die globalen Wertschöpfungsverflechtungen beeinflusst sind.“ Konkret seien „offenere Sektoren“ wie etwa die Automobilindustrie besonders stark von dem Virus betroffen.

Eine simple Schlussfolgerung wäre: Lasst uns die Produktion wieder mehr in die Heimat holen! So einfach ist es aber nicht, sagte Marina Steininger – und berief sich auf eine weitere Studie: „Ich habe den Status Quo des Welthandels genommen und dann die Welt quasi geschlossen. Das heißt: Ich habe simuliert, dass jedes Land mehr Produktion im Inland hat. Auf diese simulierte Welt habe ich die Corona-Lockdownmaßnahmen draufgesetzt.“


Das Ergebnis dieser Analyse beantwortet die Frage, wie groß die Corona-Auswirkungen in einer „deglobalisierten Welt“ wären. Und tatsächlich wären die negativen Auswirkungen „dann im Grunde genauso hoch wie in einer offeneren Welt“.


Warum das so ist, illustrierte die Volkswirtin am Beispiel Deutschlands: „In einer deglobalisierten Welt müssten wir auf einmal Produkte herstellen, bei denen wir überhaupt nicht wettbewerbsfähig sind.“ Das erhöhe die Preise und verschlechtere die Qualität. Wenn dann noch der Corona-Schock dazukomme, und andere Länder nicht als Zulieferer dienen könnten, „sind wir noch mehr von uns selbst abhängig“. Eine Abwärtsspirale, „die den Nachteil des tatsächlichen Corona-Schocks fast kompensiert“.

 

„Freie Märkte sind ein Kernbestandteil der Sozialen Marktwirtschaft“

 

Aber wie sieht es zum Beispiel im Medizinsektor aus? Hätte da ein höherer Anteil heimischer Produktion nicht dabei geholfen, die Engpässe bei der Schutzausrüstung zu verhindern – oder zumindest zu verkleinern? „Das kann sein“, sagte Marina Steininger. „Man hätte aber auch direkt einen größeren Vorrat anschaffen können. Also es ist nicht so einfach zu sagen, dass wir durch Deglobalisierung und Renationalisierung besser gefahren wären.“    

Wie wichtig der globale Handel für Deutschland ist und bleibt, betont Georg Schneider, Referent für Wirtschaftspolitik im Politischen Bildungsforum NRW. Er weist dabei auch auf ein politisches Erbe hin: „Zu den wesentlichen Zielen Konrad Adenauers und Ludwig Erhards gehörte die Öffnung Deutschlands zur Welt. Freie Märkte als Kernbestandteil der Sozialen Marktwirtschaft haben Deutschland und seinen Partnern ein ungeahntes Maß an Wohlstand gebracht. Nun liegt es in unserer Verantwortung, für diese Freiheit auch auf den Märkten einzustehen.“

 

Es war ein spannender Gesprächsabend mit vielen inspirierenden Einblicken aus der Welt der Wirtschaft und der Forschung. Die nächste Folge von #KASkonkret kommt wie immer am kommenden Dienstag um 18 Uhr, dann spricht Susanna Zdrzalek mit dem Politikwissenschaftler und Sicherheitsexperten Karl-Heinz Kamp über die Zukunft der NATO. Seien Sie wieder live dabei. Bis dann, wir sehen uns!

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