Lucas Wahl, Kollektiv25

#KASkonkret

„Journalisten sollten froh sein, wenn ein Narrativ verletzt wird“

von Maximilian Nowroth

KASKonkret_#38: Unsere Interviewreihe zu Fragen der Zeit.

Christoph Kucklick, promovierter Soziologe und Leiter der Henri-Nannen-Schule, sprach in Folge 38 von #KASkonkret über den wirtschaftlichen und deshalb auch inhaltlichen Wandel des Journalismus, die Abgrenzung zum Aktivismus und den Wunsch nach mehr Vielfalt.
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Wenn es noch eine Zahl brauchte als Beleg für die gestiegene Skepsis der Gesellschaft an den Medien, dann gab es sie in dieser Woche: Beim deutschen Presserat sind im Jahr 2020 mehr als 4.000 Beschwerden eingegangen, fast doppelt so viele wie im Jahr davor. Besonders häufig wandten sich Bürgerinnen und Bürger an das Gremium, weil sie am Wahrheitsgehalt der Berichterstattung rund um Corona zweifelten.

In Folge 38 unserer digitalen Veranstaltungsreihe #KASkonkret haben wir darüber diskutiert, wie es um die Glaubwürdigkeit des Journalismus steht. Zu Gast war Christoph Kucklick, Leiter der Henri-Nannen-Schule – einer Kaderschmiede für den journalistischen Nachwuchs. Als Erstes nannte der promovierte Soziologe zwei Gründe für den höheren Rechtfertigungsdruck: „Wir sind nicht mehr die Ersten, die etwas berichten“, sagte der Hamburger. Das habe sich „total verändert“. Meist erfahre das Publikum über Soziale Medien die Neuigkeiten aus erster Hand, beispielsweise über private Accounts von Promis.

 

„Ich empfehle mehr Demut“
 

Der zweite Grund: „Das Publikum, das wir traditionell kennen, ist weg. Das Publikum hört nicht mehr nur zu, sondern spricht mit, hat ganz viele Kanäle. Und das nutzt das Publikum.“ Deswegen sei der Journalismus in einer neuen Rolle und werde viel stärker kritisiert, angegangen und korrigiert. „Ich empfinde das ehrlich gesagt als gut“, sagte Christoph Kucklick.

In dem Gespräch äußerte der promovierte Soziologe das Gefühl, dass deutsche Medienhäuser staatsnäher geworden sind. Er betonte, wie wichtig es ist, gerade in der aktuellen Ausnahmesituation kritisch gegenüber der Regierung zu bleiben. Gleichzeitig empfahl er aber noch eine andere Tugend: Demut. Kolleginnen und Kollegen sollten „ein bisschen vorsichtiger sein mit den Schlüssen, die sie ziehen. Ein bisschen mehr abwarten. Die Unsicherheiten lauter formulieren als zu sicher zu sein, an jedem Zeitpunkt zu wissen, wie jetzt gerade der Stand ist. Und wie es weiter geht.“

 

„Journalismus ist das Gegenteil von Aktivismus“

 

Im zweiten Teil des auf Facebook und Youtube live übertragenen Gesprächs ging es viel um den Wandel des Journalismus – weg von der Werbefinanzierung und hin zu einem Geschäftsmodell, das vor allem Leserinnen und Leser durch digitale Abos tragen. Der Leiter der Henri-Nannen-Schule glaubt, dass dieser betriebswirtschaftliche Paradigmenwechsel auch den Inhalt verändern wird: „Es könnte sich mehr lohnen, zu triggern. Durch steile Thesen, vielleicht durch Aktivismus. Und durch größere Einseitigkeit.“ Es gehe in den Redaktionen jetzt geht mehr um „Mobilisierung“.

 

Allerdings warnte der frühere Geo-Chefredakteur davor, dass Journalisten zu Aktivisten werden. Denn dann täten sie das genaue Gegenteil von dem, was ihren Beruf einzigartig mache. „Journalisten wissen vor einer Recherche nicht, was rauskommt“, betonte Christoph Kucklick. Aktivisten dagegen hofften ganz stark, dass etwas bestimmtes rauskommt. „Sie lassen sich ungern überraschen, weil sie ein bestimmtes Narrativ haben. Journalisten dagegen sollten ganz froh sein, wenn sie überrascht werden und das Narrativ verletzt wird.“

 

 

Auf die Frage, ob er den Eindruck hat, dass die heutigen Jahrgänge der Henri-Nannen-Schule aktivistischer auftreten oder politisch weiter links stehen als früher, sagte er: „Junge und alte Journalist:innen stehen leicht links von der Mitte. Wenn man sich die Gesamtbevölkerung anschaut, ist das ganz leicht verschoben. Genau wie andere Berufsgruppen ein bisschen nach rechts verschoben sind. Das war schon immer so. Und das ist auch jetzt so.“

 

Gleichzeitig erkenne er aber das Problem, dass junge Menschen, deren Traumberuf der Journalismus ist, sich in ihren Ansichten zu sehr ähneln. Das zu ändern sieht er auch in seiner Verantwortung als Ausbilder. „Es ist ein erklärtes Ziel von mir, dass wir an unserer Schule in jeder Hinsicht diverser werden“, sagte Christoph Kucklick.

 

„Vertrauen ist die wichtigste Währung für den Journalismus“


Frank Windeck, früher selbst Journalist und heute Referent für Medien im Bonner Büro der Konrad-Adenauer-Stiftung, weist in diesem Zusammenhang noch einmal auf die Gefahr einer Selbstselektion in der Branche hin: Wenn der Auswahlprozess im Journalismus einseitige politische Einstellungen beim Nachwuchs hervorbringe, dann sei das ein Problem für die Medien. „Denn am Ende des Tages schafft es Misstrauen. Und das für eine Branche, deren wichtigste Währung Vertrauen ist.“

 

Zum Ende des Gesprächs betonte Christoph Kucklick, welche journalistischen Tugenden trotz allen Wandels ewig gelten: unvoreingenommene Recherche und eine Berichterstattung, die auf Fakten basiert. Dieser Anspruch ist es, den der Nannen-Schulleiter verkörpert: „Versuche, etwas so gut wie möglich zu verstehen. Sei der Stellvertreter für deine Mitbürger:innen und versuche, der Gesellschaft etwas Gutes zu tun durch gute, abgewogene Information, die du dann auch noch so aufschreibst, dass sie jeder verstehen kann. Dieses Prinzip des Journalismus finde ich großartig!“


Wir meinen: Dem ist nichts mehr hinzuzufügen. Vielen Dank für dieses inspirierende und reflektierte Gespräch. Bei #KASkonkret geht es wie immer am kommenden Dienstag weiter, dann spricht Moderatorin Susanna Zdrzalek mit der Unternehmerin Britta Winterberg über Innovationen für die Welternährung. Bis dann, wir sehen uns!

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Frank Windeck

Frank Windeck bild

Referent DigitalAkademie, Büro Bundesstadt Bonn

Frank.Windeck@kas.de +49 2241 246-2314 +49 2241 246-54257