KAS

#KASkonkret

„Risiko für unsere Debattenkultur“

von Maximilian Nowroth

#KASkonkret_14: Wie stellen wir uns der Krise?

Norbert Lammert ist Vorsitzender der Konrad-Adenauer-Stiftung und setzt sich für den offenen Austausch von Meinungen ein. In Folge 14 von #KASkonkret sprach er über die Veränderung der KAS, „Cancel Culture“ und eine geplante Bustour.

Wäre die Konrad-Adenauer-Stiftung kein politisches Bildungswerk sondern ein Unternehmen, könnte man sagen: Die Corona-Krise hat das Geschäftsmodell im Kern getroffen. Immerhin hat die KAS zu normalen Zeiten jeden Tag vier bis fünf Präsenzveranstaltungen irgendwo in Deutschland durchgeführt. 

Seit Mitte März aber mussten alle Pläne über Bord geworfen werden und es brauchte neue Ideen, um politische Bildung zu vermitteln und damit die Demokratie zu stärken. Wie genau geht das in diesen Zeiten – oder mit anderen Worten: Wie hat Corona die KAS verändert? 

Darum ging es in Folge 14 unserer digitalen Veranstaltungsreihe #KASkonkret, zu Gast war der KAS-Vorsitzende Norbert Lammert. Zu Beginn schilderte der ehemalige Bundestagspräsident, wie er persönlich die vielzitierte „neue Normalität“ wahrnimmt: „Ich gehöre nicht zu denen, die sagen, diese Krise hätte unsere Gesellschaft grundlegend verändert. Davon bin ich nicht überzeugt“, sagte der 71-Jährige. Dass die Krise allerdings Spuren hinterlassen werde, die selbst nach der Überwindung weiter eine Rolle spielen, da sei er sich sicher.  

„Das Digitale ersetzt das Analoge nicht“ 

Als konkretes Beispiel nannte Norbert Lammert eine Veranstaltung mit Bundeskanzlerin Angela Merkel: Ende Mai sollten 300 Gäste zu einer Podiumsdiskussion über die deutsche Ratspräsidentschaft nach Berlin kommen. Wegen Corona mussten die meisten Stühle aber leer bleiben und die Kanzlerin war per Video zugeschaltet. Doch auf digitalen Kanälen schalteten sich mehr als 800 Zuschauerinnen und Zuschauer live dazu. 

Außen- und Sicherheitspolitik in der deutschen EU-Ratspräsidentschaft Tobias Koch
Eine Livestream-Veranstaltung in der Akademie der Konrad-Adenauer-Stiftung unter Einhaltung der Abstandsregeln.

Das Fazit des Stiftungsvorsitzenden: „Ich habe für mich die vorläufige Schlussfolgerung gezogen, dass das Eine das Andere sicher nicht ersetzt. Man kann es aber in einer intelligenten Weise verknüpfen.“ Daher wolle die KAS künftig mehr hybride Formate anbieten. „Also Veranstaltungen, die an einem Ort stattfinden, die wir aber gleichzeitig für verschiedene Interessenten verfügbar machen. Einschließlich der Beteiligungsmöglichkeiten auf sozialen Plattformen“, erklärte Lammert.

Allein zwischen Mitte März und Anfang Juli hat die Adenauer-Stiftung mehr als 300 digitale Veranstaltungen angeboten. Dass diese Transformation nicht nur eine Herausforderung war, sondern auch neue Chancen bot, berichtete Ulrike Hospes – die Leiterin des Büros Bundesstadt Bonn:  

„Summer Schools für angehende Abiturienten, Diskussionsrunden, Lesungen – all dies hat online in den letzten Monaten stattgefunden. So zum Beispiel die deutsch-französische Zukunftswerkstatt, die wir gemeinsam mit dem Institut français in Bonn und unserem Büro in Paris durchgeführt haben. Dadurch entstehen ganz neue Möglichkeiten der internationalen Zusammenarbeit.“ 

Neben der Zukunft der KAS ging es in dem Livestream mit Norbert Lammert auch um die Debattenkultur in Deutschland. Dazu gab es eine Frage des Facebook-Zuschauers Benjamin – er wollte wissen, wie der Stiftungsvorsitzende die Diskussion um die „Cancel Culture“ bewertet – also die Tendenz, dass Empörungswellen in sozialen Medien den Boykott von Andersdenkenden befördert. 

„Bei den heutigen elektronischen Kommunikationsmöglichkeiten kann jeder zu beinah jedem Thema eine mehr oder weniger durchdachte Meinung in nahezu beliebigem Umfang vervielfältigen und in die Welt blasen“, antwortete Lammert. „Allerdings scheint das mit einer zunehmenden Empfindlichkeit verbunden zu sein, Dinge, die andere sagen und einem nicht gefallen, möglichst für unzulässig zu erklären. Das finde ich außerordentlich unangenehm.“ 

Diese Tendenz sei besonders auf den Flügeln des politischen Spektrums zu beobachten. „Und wenn irgendjemand irgendetwas sagt, was der eigenen Meinung diametral entgegensteht, dann wird nicht nur – was selbstverständlich möglich ist und erlaubt sein muss – gesagt: ,Da bin ich anderer Meinung.‘ Sondern dann wird die andere Meinung als vollständig indiskutabel zurückgewiesen. Mit dem Ziel, sie aus den Medien und aus der Öffentlichkeit zu verbannen.“ Dieser Effekt sei in jüngster Zeit stärker geworden – und damit auch das Risiko für die politische Debattenkultur. 

Bustour Gemeinsam.Demokratie. Gestalten. KAS
Bustour Gemeinsam.Demokratie. Gestalten.

KAS Bustour: „Standort für spontane Dialoge“ 

Eine politische Stiftung muss sich da natürlich überlegen, wie sie ihren Beitrag zum offenen Austausch leisten kann. Die KAS hat sich schon Anfang des Jahres gefragt: Wie kann man Menschen dort erreichen, wo sie sich im Alltag aufhalten? Und daraus sei dann folgende Idee entstanden, erzählte Lammert:    

„Lass uns doch mal einen großen, alleine von der Dimension her nicht übersehbaren Bus so ausrichten, dass er nicht nur als fahrende Werbung für Angebote der Stiftung wahrgenommen wird, sondern auch an Ort und Stelle als Standort für spontane Dialoge, Gespräche, Informationen und Hinweise auf weitere Kontakte oder Texte dienen kann. Allein für die nächsten zwei bis drei Monate seien mehr als 83 Einsatzorte geplant, in kleineren und größeren Städten. 

Am 1. September gibt es eine große Auftaktveranstaltung auf dem Marktplatz im thüringischen Eisenach, dort wird Norbert Lammert gemeinsam mit der Journalistin Dunja Hayali diskutieren. Schaut doch gerne mal vorbei! 
 

Bei #KASkonkret geht es übrigens am kommenden Dienstag wie gewohnt um 18 Uhr weiter – dann sprechen wir darüber, wie vorbildlich das Land Taiwan mit Corona umgeht und was wir in Deutschland davon lernen können. Bis dann, wir sehen uns! 

Ansprechpartner

Dr. Ulrike Hospes

Dr

Leiterin Büro Bundesstadt Bonn und Politisches Bildungsforum NRW

Ulrike.Hospes@kas.de +49 (0) 2241 246 4257 +49 (0) 2241 246 5 4257
Ansprechpartner

Frank Windeck

Frank Windeck bild

Referent DigitalAkademie, Büro Bundesstadt Bonn, Politisches Bildungsforum NRW

Frank.Windeck@kas.de +49 2241 246-2314 +49 2241 246-54257