CC BY Gordon Welters

#KASkonkret

„Verschwörungen ziehen sich durch die gesamte Gesellschaft“

von Maximilian Nowroth

#KASkonkret_18: : Fake Facts, Verschwörungstheorien und das große Misstrauen

Bestseller-Autorin Katharin Nocun über irre Ideologien, verunsicherte Menschen und die Frage, wie man Verschwörungsgläubige aus ihrem Sumpf herausholt.
Beginnen wir am besten mal mit ein paar Fakten: Elf Prozent der Erwachsenen in Deutschland sind davon überzeugt, dass es „geheime Mächte gibt, die die Welt steuern“. Auf unsere Bevölkerung umgerechnet entspricht das knapp sieben Millionen Menschen. Diese erschreckend hohe Zahl ist das Ergebnis einer aktuellen und repräsentativen Umfrage zu Verschwörungstheorien.

 

 

Grund genug für uns bei #KASKonkret, diesem Phänomen mal auf den Grund zu gehen – und dafür hatten wir in Folge 18 unserer Veranstaltungsreihe eine echte Expertin zu Gast: Katharina Nocun ist Co-Autorin des Bestsellers „Fake Facts“ und beschäftigt sich seit Jahren intensiv mit Verschwörungen. In dem Buch schreibt sie übrigens bewusst nicht von „Theorien“, sondern von Mythen, Ideologien und Erzählungen.

 

„Der Begriff der Theorie kommt ja aus der Wissenschaft“, sagt die Berlinerin. „Und eine Theorie muss vor allem falsifizierbar sein. Ich muss also zumindest die Chance haben, durch Studien zu belegen, dass jemand sich geirrt hat. Und dann würde der Forscher auch wahrscheinlich sagen: Ok ich ziehe meine Theorie zurück oder gebe ihr zumindest ein Update.“

 

„Verschwörungserzählungen deuten wissenschaftliche Fakten um“

 

Bei Verschwörungsideologen dagegen sei das anders. Nocun nennt ein Beispiel: „Da gibt es ja auch diese berühmte Verschwörungserzählung, die besagt, die Erde sei nicht rund oder von innen hohl. Oder Hitler würde darin wohnen. Dabei hat die Wissenschaft solche Dinge schon seit über hundert Jahren sehr eindeutig geklärt. Und trotzdem bleiben diese Gruppierungen bei ihrer Meinung. Genau deswegen wollen wir eben nicht von Theorien sprechen.“

 

 

Natürlich sollte man bei Debatten nicht gleich jede Abweichung vom Konsens als Spinnerei abstempeln – das würde den Austausch unterschiedlicher Meinungen im Keim ersticken. Aber wo genau liegt die Grenze zwischen berechtigter Skepsis und Verschwörung? Katharina Nocun sieht sie da überschritten, wo jemand nicht mehr nur eine Vermutung aufstellt und diese auch so kennzeichnet, „sondern einfach behauptet: Das ist so. Ohne Belege.“ Häufig würden Verschwörungen ein geschlossenes Weltbild transportieren, das sehr stark mit Feindbildern arbeitet und wissenschaftliche Fakten umdeutet.

 

Der Mitte 30-jährigen ist es wichtig zu betonen, dass sich Verschwörungen nicht erst durchs Internet verbreitet haben. Bereits bei historischen Ereignissen wie dem Zweiten Weltkrieg oder der Spanischen Grippe hätten krude Ideologien eine große Rolle gespielt. Und so unterschiedlich die Menschen auch sind, die ihnen Glauben schenken – eine Sache hätten viele gemeinsam:

 

„Wir wissen aus der Forschung, dass gerade unsichere Zeiten einen ganz besonderen Nährboden für die Verbreitung von Verschwörungsmythen darstellen.“ Der Grund: Einige Menschen könnten sehr schlecht mit Unsicherheiten umgehen. „Für sie ist das eine Art Hilfskonstrukt“, sagt Nocun. „Indem ich glaube, es gibt eine große Verschwörung, habe ich das Gefühl: Zumindest gibt es irgendeinen Plan und klare Schuldige.“

 

Dieser psychologische Erklärungsansatz lässt sich auch auf das Jahr 2020 anwenden – schließlich leben wir wegen der Corona-Pandemie in Zeiten von permanenter Unsicherheit und Mythen rund um die Frage, wer angeblich dahintersteckt, verbreiten sich wie ein Virus. Aber sind denn eigentlich manche Menschen anfälliger für Verschwörungen als andere? Oder anders gefragt: Gibt es Risikogruppen für falsche Fakten?

 

„Neuere Studien deuten darauf hin, dass Männer anfälliger sind als Frauen“, sagt Katharina Nocun. Außerdem gehe ein niedriger Bildungsgrad eher mit dem Glauben an Verschwörungen einher. Und eine prekäre Beschäftigung könne ein weiterer Faktor sein. „Ich wäre aber vorsichtig zu sagen: Das sind die Risikogruppen und alle anderen sind fein raus“, betont die Berlinerin. „Das zieht sich durch die komplette Gesellschaft.“

 

Als Beleg nennt sie Studien, bei denen sich die Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler Hocheinkommensgruppen angeschaut haben – also Menschen, die mehr als 100.000 Euro im Jahr verdienen. „Auch da gibt es eine nicht unerhebliche Zahl von Leuten, die sagen: Ich glaube an eine jüdische Weltverschwörung“, berichtet Nocun.

 

„Wer an Verschwörungen glaubt, misstraut staatlichen Organen und Medien“

 

Was können wir als Gesellschaft etwas dagegen tun? Christian Koecke, Referent für Politische Grundsatzfragen und Internationale Politik beim Politischen Bildungsforum NRW, analysiert: „Wer an Verschwörungen glaubt, misstraut staatlichen Organen und Medien. Es muss wieder Vertrauen geschaffen werden in Politiker und politische Abläufe.“ Dies gehe nur durch persönliche Begegnungen, „zugewandt und zuhörend“. Das umzusetzen sei unter anderem die Aufgabe der politischen Bildung, aber auch jedes Politikers selbst.

 

 

Aus unserem digitalen Publikum, das per Facebook und Youtube live zugeschaltet war, kam zum Abschluss des Gesprächs noch die Frage, wie man Verschwörungsideologen im privaten Umfeld bei einer Diskussion stellen kann. Die Publizistin Katharina Nócun hat im Zuge der Recherche für ihr Buch mit vielen Beratungsstellen gesprochen – und gibt einen wichtigen Tipp:

 

„Wichtig ist vor allem, dass man möglichst früh eingreift. Immer wenn man das Gefühl hat, da erzählt jemand gerade was von Verschwörungserzählungen, sollte man sofort einhaken.“ Entscheidend seien zwei Fragen: Woher hast du das? Und: Warum glaubst du das? So könne man herausfinden, ob da bereits ein längerer Radikalisierungsprozess im Gang sei – oder derjenige nur zufällig darauf gestoßen ist. Dann sei es wichtig zu sagen: „Ich teile diese Meinung nicht, weil es etwas ist, was offensichtlich nicht der Wahrheit entspricht. Und ich finde es nicht in Ordnung, dass du so etwas verbreitest. Schweigen wird als Zustimmung bewertet“, sagt die Publizistin.

 

Es war ein sehr ausgewogenes und inspirierendes Gespräch, in dem wir eine Menge über die Dynamik hinter Verschwörungsmythen gelernt haben – und wie man diese bremsen kann. Vielen Dank an Katharina Nocun! In der kommenden Woche sprechen wir bei #KASkonkret mit dem CDU-Bundestagsabgeordneten Thomas Jarzombek über die Frage, wie der Staat innovative Geschäftsideen fördern kann. Der Livestream startet wie immer am Dienstag, dieses Mal aber schon um 17 Uhr. Bis dann, wir sehen uns!

Ansprechpartner

Dr. Ulrike Hospes

Dr

Leiterin Büro Bundesstadt Bonn und Politisches Bildungsforum NRW

Ulrike.Hospes@kas.de +49 (0) 2241 246 4257 +49 (0) 2241 246 5 4257
Ansprechpartner

Frank Windeck

Frank Windeck bild

Referent DigitalAkademie, Büro Bundesstadt Bonn, Politisches Bildungsforum NRW

Frank.Windeck@kas.de +49 2241 246-2314 +49 2241 246-54257