Sebastian Plück

Veranstaltungsberichte

Für Europa lasst uns streiten!

von Johannes Christian Koecke

Bonner Forum zur Einheit. Deutschland und Europa

In Bonn feierte die Konrad-Adenauer-Stiftung am 3. Oktober 30 Jahre Deutsche Einheit und 250 Jahre Ludwig van Beethoven.

 

Covid-19 bringt alles durcheinander, auf tragische und auf erträgliche Weise. Dass das Bonner Forum zur Einheit, die herausragende Veranstaltung der Konrad-Adenauer-Stiftung in Bonn, dabei nicht ungeschoren davon kommen würde, war zu erwarten. Es war ein Erfolg und Ergebnis großer Anstrengungen, dass es vor Ort nur Verschmerzbares war, was diesmal fehlte: Der Smalltalk war hinter Masken versteckt, keine Getränke zur geistigen Erbauung, keine Blumensträuße für den Chor. Da war es schon viel bedauerlicher, dass zwei Drittel der interessierten Bonner Bürgerinnen und Bürger zu der Feierstunde nicht zugelassen werden konnte und sich mit dem Livestream zufrieden geben musste. Die erlaubten 300 Teilnehmerinnen und Teilnehmer verteilten sich im Parkett und auf den Rängen der Bonner Oper, die ein inspirierender Ort für das war, was dann kam.

 

30 Jahre Deutsche Einheit, 250 Jahre Ludwig van Beethoven, diese Daten, so der Vorsitzende der Stiftung Prof. Dr. Norbert Lammert, stellen die Rahmendaten des heutigen Tags der Einheit. Sie stehen in einem tieferen Zusammenhang: Beethoven war republikanisch gesinnter, europäischer Humanist, seine „Ode an die Freude“ wurde folgerichtig Europahymne; die deutsche Einheit konnte aber nur so friedlich erlangt werden, weil die europäische Einheit, die „zweite Seite der Medaille“, den Rahmen für dieses Jahrhundertereignis abgab. „Seid umschlungen, Millionen“ – Lammert legte den Finger in die Wunde der europäischen Einigung – so enthusiastisch der Beethovensche Text ist, so wenig begeistert, so getrübt ist die Wirklichkeit der EU-Politik. „Veränderungen sind möglich!“ so Lammert, „wenn man die Hoffnung nicht aufgibt und daran arbeitet.“ Damit schlug er den Ton an, der zum Ende des Tages noch einmal in der von ihm verfassten und von Stefan Heucke vertonten „Europa-Fantasie“ anklang, die an diesem Tag in der Bonner Oper welturaufgeführt wurde.

 

Vorher war es aber an Prof. Dr. Sir Christopher Clark, vielgeehrter und vielgelesener Professor für Neuere Europäische Geschichte an der Universität Cambridge, den großen historischen Bogen zu schlagen, der uns das Ereignis der Jahre 1989/90 besser einordnen lässt. Die deutsche Einheit erscheint dann als ein insofern singuläres Ereignis der neueren Geschichte, als sie eine tiefgreifende Veränderung der europäischen Ordnung war, die ohne Blutvergießen vonstatten ging, in ihrer revolutionären Energie gezügelt und in die bestehenden Bündnisse EU und NATO eingebettet war. Die anderen Schaltstellen der deutsch-europäischen Geschichte 1648, 1871, 1918 und 1945 waren mit großen Opfern verbunden und haben neue internationale Spannungen ausgelöst oder waren deren Ergebnis. Aber diese Kontinuität der deutschen Einheit hat – so Clark - ihren Preis: Auch 30 Jahre später ist die Wiedervereinigung ein Prozess, der noch nicht zum Abschluss gekommen ist, fremdeln viele Ostdeutsche noch mit den Rahmenbedingungen, denen sie 1990 beigetreten sind.

 

Wo steht Deutschland heute im geopolitischen Zusammenhang? Die USA nehmen sich aus den internationalen Beziehungen heraus, Putins Russland ist der allgegenwärtige Störenfried und Provokateur, China nutzt den Multilateralismus für seinen Machtgewinn, und die EU taumelt von einer Krise in die andere. Längst ist die innereuropäische und zwischenstaatliche Atmosphäre frustriert und polemisch, die Finanzkrise hat den Glauben an die liberale Wirtschaftsordnung untergraben, die Migrationsfrage spaltet die Mitgliedstaaten wie keine zuvor. Und was macht Deutschland? Es wollte nie führen – so Clark -, aber jetzt, wo alle Augen auf es gerichtet sind, habe es sich im Maschinenraum der EU eingerichtet und beschäftige sich mit den vielen Hebeln und Schräubchen der EU-Politik. Nicht deutsche Ingenieurskunst sei jetzt gefragt, sondern Führung mit Weitblick. Clark schloss mit der leidenschaftlichen Forderung nach einem neuen zukunftsgerichteten Narrativ der EU, das dem vielen Pessimismus und dem Gefühl, überall nur ein „Ende“ zu sehen, entgegengesetzt ist. Man sollte einen Historiker nicht auch noch fragen, wie dieses Narrativ denn aussehen könnte.

 

Und dann verstummten die Worte; die Pianisten und der Junge Kammerchor Köln traten auf die Bühne, Musik und gedichteter Text übernahm die Regie, streute Andeutungen von dem, was sein könnte, aus. „Für Europa lasst uns streiten…, um den Fortschritt zu begleiten, der noch nicht begriffen hat, was wir können, was wir wollen.“ Europa ist da, aber es ist noch nicht selbst-bewusst genug, „denn es gibt noch die Dämonen, die in manchen Köpfen sind“. Das ganze hatte etwas Weihevolles, das einen größeren Zusammenhang erahnen ließ. Die Oper bot den feierlichen Rahmen dazu, zu viel Licht hätte der Erkenntnis geschadet. Die Bonnerinnen und Bonner können sagen, sie seien dabei gewesen. Ihr Applaus verriet, dass ihnen das sofort bewusst war.

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