Pierre-Adrien Hanania

Zukunftswerkstatt

Wann wacht Europa endlich auf?

von Martin Reuber

Deutsch-französische Zukunftswerkstatt

Das Potenzial für den eigenen Weg in die digitale Wettbewerbsfähigkeit ist da, was Europa zum Durchstarten fehlt, ist eine digitale Entfesselungskultur.

Der Begriff "Entfesselungskultur" fiel zwar nicht, bildete aber das unsichtbare Zentrum der Diskussion zwischen dem Deutsch-Franzosen Pierre-Adrien Hanania, der bei der privaten Beratungsagentur Cap Gemini für die Digitalisierungsstrategie im Public Sector zuständig ist, und Marco-Alexander Breit, der im Bundeswirtschaftsministerium die Stabsstelle Künstliche Intelligenz leitet und für die staatliche Seite sprach. Europa mangelt es, darin waren sich beide einig, an einer Organisation von ditialen Gravitationszentren und an einem Mindset für den Aufstieg Europas zur digitalen Weltmacht. Was Breit mit dem Begriff einer digitalen Ökologie und seiner Counterpart mit dem Aufbau von Datenspielplätzen bildlich sehr schön zusammenfassten, hatte Hanania in seinem Eingangsstatement präzise benannt: Der Zugang zur Daten und die Vernetzung von Personen, Ideen, Strukturen und Investoren. Smart Cities und Smart Campus stellten solche Inkubatoren neuer Produktideen und ihrer Realisierung dar.

Nicht, dass die beiden den Datenmissbrauch unterschätzten, ihnen kam es aber darauf an, dass in Europa, insbesondere in Deutschland und Frankreich, eine Kultur der Ermöglichung zu kurz komme, wenn vorrangig über den Datenmissbrauch gesprochen werde. Dem diente die Forderung, Datenspielplätze zu schaffen, die kreative Köpfe nicht in Graubereiche der Legalität abdränge. Hanania nannte Finnlands Ziel, zunächst 1% der Bevölkerung im praktischen Umgang mit KI zu schulen. Deutschland und Frankreich hätten großes Interessen an dieser nordischen Initative gefunden. Solche Datenspielplätze böten Start ups und mittleren Unternehmen der Digitalwirtschaft die Chance, ihre Produkte im engen Austausch mit Kunden weiterzuentwickeln.

In Deutschland, so Breit, herrsche immer noch die Philosophie vor, Lösungen für regionale Märkte anzubieten und den Kunden erst ein ausgereiftes Produkt vorzulegen. Wettbewerbsfähig aber könne die euorpäische Industrie im Vergleich zu den USA und China nur werden, wenn sie bei der Skalierung ihrer Produktideen globale Lösungen in den Blick nähme und schneller werde. Europas Anspruch, rule maker der digitalen Welt zu werden, seine ethischen Leitlinien zum Standard zu erheben und das europäische Modell im Unterschied zu dem der USA und Chinas weltweit durchzusetzen, beruhe auf der Attraktivität seiner digitalen Produkte, des politisch-gesellschaftlichen Mindsets, der infrastukturellen und finanziellen Grundlagen und seinem selbstbewussteren Auftreten in der Welt

Die Frage, wie denn Europa mit restriktiveren ethischen, politischen und rechtlichen Leitlinien für die Datenökonomie gegenüber den USA und China wettbewerbsfähiger werden könne, beantworteten Hanania und Breit mit dem Mehrwert für Unternehmen, der in einer höheren Datensicherheit und in einem größeren Vertrauen in das Datenhosting und Datenmanagement in Europa läg. Wichtig sei aber, dass die diese Leitlinien operationalisierbar und frühzeitig bekannt seien, um bei der Erstellung von Tools und Apps berücksichtigt werden zu können. Daten, auch darin waren sich beide einig, sind die neue Währung. Und wie bei jeder Währung, so hängt auch im Fall der Daten ihr Wert vom Vertrauen der Nutzer ab.

Auf zwei Feldern muss Europa besser also werden: Bei der Förderung einer kreativen Kultur bereits in den Bildungseinrichtungen und bei der Schaffung einer organisatorischen und finanziellen Infrastruktur für die Kooperaton.