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Essay

Die nukleare Hochrüstung der Bundesrepublik im Kalten Krieg

von Dr. Karl-Heinz Kamp

Militärische Abschreckung zwischen Hoffnung und Realpolitik

Mehr als 7000 amerikanische Atomwaffen lagerten während des Kalten Kriegs auf westdeutschem Boden. Dabei bestand das Paradox, dass diese Waffen einsatzbereit sein mussten, um niemals eingesetzt zu werden. Warum akzeptierten deutsche Regierungen das existenzielle Risiko, das mit dem möglichen Einsatz von Atomwaffen einherging und das bis zur eigenen Vernichtung reichen konnte? Karl-Heinz Kamp schildert die Grundzüge der nuklearen Verteidigungsstrategie nach dem Zweiten Weltkrieg.

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Die USA verfügen heute über rund 3700 einsetzbare Atomsprengköpfe, von denen etwa 1800 aktiv sind und mit Raketen, Marschflugkörpern oder Flugzeugen ins Ziel gebracht werden können. Die übrigen 1900 sind funktionsfähig, werden aber in sicheren Lagerstätten in Reserve gehalten. Kalkuliert man grob die maximale Sprengkraft all dieser aktiven und gelagerten Kernwaffen, so entspricht sie in etwa der von 50 000 derjenigen Bombe, mit der die Amerikaner 1950 Hiroshima zerstörten.

Eine solche Anhäufung atomarer Zerstörungskraft übersteigt beinahe unsere Vorstellungskraft, denn schon der Einsatz eines Bruchteils dieser Waffen würde ausreichen, um die Erde dauerhaft unbewohnbar zu machen. Zahllose Holywood-Produktionen haben die Horrorvisionen dargestellt, in denen wenige Überlebende eines Atomkrieges aus ihren Bunkern kriechen und durch eine Welt stolpern, die es nicht mehr gibt.

 

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Dennoch sind diese Zahlen eher klein im Vergleich zu dem atomaren Waffenpotential, das die USA im Kalten Krieg in der Bundesrepublik Deutschland stationiert hatten. Über 7000 amerikanische Atomwaffen lagerten Anfang der 1970er Jahre auf westdeutschem Boden – alle aktiv und jederzeit einsatzbereit. Mehr noch, ein großer Teil dieser Waffen wäre nicht nur mit Raketen oder Flugzeugen von deutschem Boden abgefeuert worden, sondern wäre auch auf deutschem Boden – sowohl im Westen als im auch Osten – detoniert. Nukleare Artilleriegranaten hatten eine Reichweite von nur etwa 20 bis 30 Kilometern. Atomminen wurden entlang der innerdeutschen Grenze im Boden vergraben, die im Kriegsfall gewaltige Gräben reißen sollten, um den Gegner am Vormarsch zu hindern. Kleine nukleare „Rucksack-Bomben“ wurden von tragbaren Raketenwerfern auf Ziele in zwei bis vier Kilometern Entfernung gerichtet, wobei „klein“ hier eine relative Größe ist, da die Sprengkraft dieser Bomben immer noch der von zwanzig Tonnen herkömmlichen Sprengstoff entsprach.

All dies wurde Deutschland nicht etwa oktroyiert, sondern geschah im Rahmen der nuklearen Abschreckung der NATO mit Wissen und ausdrücklicher Billigung der verschiedenen Bundesregierungen. Soldaten der Bundeswehr nahmen regelmäßig an Übungen teil, in denen der Einsatz von einhundert oder mehr Atomwaffen gegen einen Angriff des Warschauer Paktes simuliert wurde.

Wie konnte es sein, dass verantwortliche deutsche Politiker jedweder Couleur dieser NATO-Nuklearstrategie nicht nur zustimmten, sondern sie auch tatkräftig mit entwickelten? Und wie ging man mit der Möglichkeit eines Scheiterns der Abschreckung um, das zwangsläufig zur völligen Verwüstung des eigenen Landes geführt hätte?

 

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Warum die NATO gegründet wurde – und Deutschland Mitglied geworden ist

Die nordatlantische Verteidigungsallianz, die NATO, wird angesichts aktueller Bedrohungen mehr denn je benötigt, um Stabilität und Sicherheit zu gewährleisten. Doch warum wurde das Verteidigungsbündnis 1949 gegründet, wer bedrohte die westliche Gemeinschaft – und wieso ist die Bundesrepublik Deutschland der NATO 1955 beigetreten?

“More Bang for the Buck”

Ein Teil der Erklärung liegt in der Faszination, die Kernwaffen zu Beginn des Atomzeitalters gerade auf das Militär ausübten. Waren viele Wissenschaftler, die an der Entwicklung der Atombomben von Hiroshima und Nagasaki mitgewirkt hatten, noch schockiert über die Zerstörungskraft, die mit ihrer Hilfe freigesetzt worden war, galten für die Mehrheit der amerikanischen Militärs in den 1950er Jahren Kernwaffen im Vergleich zu großen konventionellen Armeen als wesentlich kostengünstigere Alternative. Man war sich sicher, künftig mit einer deutlich kleineren Zahl an Streitkräften auskommen zu können, wenn man nur über eine ausreichende Menge von Atomwaffen verfügte. In strategischen Planspielen berechneten die Militärs, wie viele Divisionen man durch wie viele Kernwaffen ersetzen könne und die US-Streitkräfte wurden entsprechend reduziert. All dies, weil in den Worten des amerikanischen Verteidigungsministers Charles Erwin Wilson (1890–1961) Atomwaffen more bang fort the buck, also mehr Schlagkraft pro Dollar bieten würden.

Dabei passten die Träume der amerikanischen Militärs von der atomaren militärischen Revolution in den allgemeinen Zeitgeist der 1950er Jahre. Der Begriff „Atomzeitalter“ löste nicht, wie man heute denken würde, Beklemmungen aus, sondern wurde mit Fortschritt und Moderne assoziiert. Atomkraft sollte saubere Energie praktisch unbegrenzt und extrem kostengünstig machen – so die Vorstellung – und die Anwendungsmöglichkeiten schienen schier unendlich zu sein. Von kleinen Atomreaktoren getriebene Autos waren ebenso geplant wie nuklear betriebene Flugzeuge. Straßen sollten nuklear beheizt werden, um das Glatteis-Problem im Winter zu lösen. Hafenbecken oder Tunnel sollten nicht mehr ausgebaggert oder gebohrt, sondern mit kleinen Kernwaffen gesprengt werden. Kurz, es gab kaum einen Lebensbereich, der nicht von „dem Nuklearen“ profitieren sollte.

Bundeskanzler Konrad Adenauer im Atlantikrat. Die Bundesrepublik Deutschland ist am 9. Mai 1955 in Paris als 15. Staat in den Atlantikrat - die NATO - aufgenommen worden. picture-alliance / dpa | dpa
Bundeskanzler Konrad Adenauer im Atlantikrat. Die Bundesrepublik Deutschland ist am 9. Mai 1955 in Paris als 15. Staat in den Atlantikrat - die NATO - aufgenommen worden.

Die Faszination gegenüber den vorgeblichen Segnungen des Atomzeitalters schwappte von den USA auch auf Europa über, nicht zuletzt deshalb, weil der glitzernde amerikanische Wohlstand für die vom Krieg zerstörten europäischen Staaten das Maß aller Dinge war. Geradezu zwangsläufig fanden deshalb auch Kernwaffen eine breite Unterstützung in Politik und Militär, zumal das Argument der kostengünstigen Verteidigung angesichts der zerstörten Volkswirtschaften und der ausgemergelten europäischen Armeen besonders attraktiv schien. Über die nuklearen Gefahren sah man in Europa ebenso hinweg, wie in den USA. Schließlich war die Bedrohung durch die Sowjetunion geografisch näher und damit deutlicher zu spüren.

Darum verwundert es nicht, dass auch einige europäische Staaten über eigene Kernwaffen nachdachten, darunter auch solche, die gegenüber den atomaren Machtspielen der Supermächte eher zurückhaltend zu sein schienen. Das neutrale Schweden etwa entwickelte aufgrund seiner räumlichen Nähe zur Sowjetunion das Konzept der sogenannten Totalverteidigung und überlegte ernsthaft, taktische Atomwaffen zu entwickeln. Die Schweiz, ebenfalls neutral, dachte in die gleiche Richtung und begann mit militärisch-nuklearen Forschungen. Beide Länder stellten Ihre Bemühungen allerdings bald wieder ein, weil die Herausforderungen zu groß erschienen und die Öffentlichkeiten nur schwer zu überzeugen waren. Auch Spanien und Italien strebten nach eigenen Atomwaffen, gaben aber die Bemühungen rasch wieder auf, vor allem, nachdem man den Kostenumfang erkannt hatte. Lediglich Großbritannien und Frankreich entwickelten letztlich ein eigenes Atomarsenal.

Die Bundesrepublik unternahm zwar nie konkrete Schritte hin zu eigenen Kernwaffen, schon deshalb nicht, weil Deutschland als geteiltes Land noch unter dem Vorbehalt der Siegermächte stand und die Bundesrepublik sich im Deutschlandvertrag von 1952 verpflichtet hatte, Atomwaffen weder herzustellen noch zu besitzen. Allerdings war sich Bundeskanzler Konrad Adenauer sowohl der Bedrohung durch die Sowjetunion als auch der geostrategischen Lage Deutschlands an der Nahtstelle zwischen Ost und West bewusst. Deshalb war er, wie auch alle seinen Nachfolger bis zum Ende des Kalten Krieges, davon überzeugt, dass eine glaubwürdige Abschreckung nur mit einem ausreichend großen amerikanischen Atomarsenal gewährleistet werden konnte. Die damit verbundene Option der völligen Selbstauslöschung wurde zwar gesehen, dies schien aber aufgrund der geostrategischen und politischen Realitäten ein unauflösbares Dilemma zu sein.

Um angesichts eines solchen Szenarios die Idee der nuklearen Abschreckung überhaupt vertreten zu können, traten einige Politiker mit zwar zutreffenden, aber auch furchteinflößenden Vergleichen an die Öffentlichkeit. Der deutsche Verteidigungsminister Franz Josef Strauß etwa gestand zu, dass der Einsatz von Atomwaffen in Europe verheerende Folgen haben würde, argumentierte aber im gleichen Atemzug, dass auch ein konventioneller Krieg angesichts moderner Waffen und der dichten Besiedlung Europas den Kontinent völlig verwüsten würde. Die nukleare Abschreckung bot zumindest die Aussicht, dass der Aggressor aus Angst von den Konsequenzen auf einen Angriff verzichten würde. Das mochte in der Sache sogar richtig sein, klang aber nicht wirklich überzeugend, weil es die Öffentlichkeit mit der Aussicht konfrontierte, konventionell zermalmt oder nuklear verstrahlt zu werden. Die Kritik an einer auf Kernwaffen gestützten Sicherheitspolitik ließ sich auf diese Weise kaum zum Verstummen bringen.

 

 

Die absolute Waffe

Während in den USA die Kernwaffenentwicklung weiterging und gerade auf militärischer Seite aufgrund ihrer Effizienz und geringeren Kosten große Unterstützung fand, kamen im zivilen Bereich zunehmend Zweifel an dem atomaren Optimismus auf. Gerade die sogenannten Defence Intellectuals, also die strategischen Denker an den amerikanischen Universitäten oder den Verteidigungsakademien, versuchten die ungeheure Zerstörungsmacht und ihre Folgen gedanklich zu erfassen. Namen wie Bernhard Brodie oder Thomas Schelling sind auch heute noch jedem Studenten der Politikwissenschaft ein Begriff. Sie versuchten zu ergründen, welche Auswirkungen die neue nukleare Realität auf das Wesen des Krieges haben würde und erkannten, dass Begriffe wie „Sieg“ oder „Niederlage“ neu definiert werden müssten.

Ging es in der vor-nuklearen Zeit darum, mit dem Sieg auf dem Schlachtfeld politische Ziele zu erreichen, wurde diese Logik mit dem Aufkommen der Kernwaffen als „absolute Waffen“ zunehmend obsolet. Einen Atomkrieg könne niemand gewinnen und es müsse nur noch darum gehen, ihn zu verhindern. Mehr noch: durch die glaubwürdige Androhung eines Kernwaffeneinsatzes sollte ein Gegner mit der Gefahr gewaltiger Verheerungen konfrontiert werden und damit von jeglichem Angriff absehen – ob nuklear oder konventionell.

Damit war die Idee der Kriegsverhinderung durch gegenseitige nukleare Abschreckung geboren. Sie war weniger ein militärisches Instrument als ein vor allem politisch-psychologisches Mittel, das Angst erzeugen und Vorsicht erzwingen sollte. Militärische Macht hatte somit nicht mehr nur mit reinem Kampf zu tun, sondern auch mit Diplomatie und Kommunikation, also der Fähigkeit, dem Gegner die eigene Entschlossenheit zu vermitteln und ihn dadurch zur Zurückhaltung zu bewegen.

So plausibel diese Ideen auch waren, so konnten sie die nukleare Aufrüstung auf beiden Seiten des Eisernen Vorhangs doch nicht stoppen und die Stationierung von amerikanischen Kernwaffen in Westdeutschland ging nahezu unbegrenzt weiter. Verantwortlich hierfür waren vor allem die Widersprüche und Dilemmas, die das Konzept der Abschreckung kennzeichneten, insbesondere dann, wenn die USA als Schutzmacht ihren Atomschirm über das Territorium der NATO-Verbündeten erweiterten.

13. Januar 1956: Dwight D. Eisenhower, Präsident der Vereinigten Staaten, mit fünf seiner wichtigsten Berater, die er einberufen hatte, um sein Programm „Atoms for Peace“ zu erörtern. Von links nach rechts: Finanzminister Humphrey, Dwight D. Eisenhower, Außenminister John Foster Dulles, Dillon Anderson, Lewis Strauss, Verteidigungsminister Charles E. Wilson.. Abbie Rowe, National Park Service-gemeinfrei
13. Januar 1956: Dwight D. Eisenhower, Präsident der Vereinigten Staaten, mit fünf seiner wichtigsten Berater, die er einberufen hatte, um sein Programm „Atoms for Peace“ zu erörtern. Von links nach rechts: Finanzminister Humphrey, Dwight D. Eisenhower, Außenminister John Foster Dulles, Dillon Anderson, Lewis Strauss, Verteidigungsminister Charles E. Wilson..

Die Dilemmas der nuklearen Abschreckung

Drei Probleme und Dilemmas stachen von Anbeginn ins Auge. Damit Abschreckung funktioniert muss man erstens nicht nur über eine ausreichende Anzahl von Kernwaffen verfügen, sondern man muss auch zeigen, dass man in der Lage ist, diese im Konfliktfall auch einzusetzen. Hierfür braucht es klare Strategien, Verfahren und Pläne, die man in regelmäßigen Manövern erprobt und einübt – nicht nur für sich selbst, sondern auch als Demonstration der eigenen Ernsthaftigkeit an den Gegner. Das führt zu der paradoxen Forderung, dass Kernwaffen einsetzbar sein müssen, um nicht eingesetzt zu werden. Umgekehrt fürchtete mancher, dass zu viel Einsetzbarkeit einen wirklichen Einsatz letztlich wahrscheinlicher machen würde.

Damit verbunden ist das zweite Dilemma, dass man den Atomwaffeneinsatz nicht nur können, sondern auch wollen muss. Wie glaubwürdig ist es eigentlich, dass man bei einem gegnerischen Angriff zu Kernwaffen greift, wenn man gleichzeitig mit der nuklearen Vergeltung des Angreifers und damit mit der weitgehenden Zerstörung des eigenen Territoriums rechnen muss? Wie groß ist die Gefahr der Selbstabschreckung, also die Furcht vor der nuklearen Eskalation, wenn der Gegner nur einen sehr begrenzten Angriff durchführt? Was lag also näher, möglichst viele und vor allem auch „kleine“ Atomwaffen zu stationieren, um dem Gegner die Hoffnung zu nehmen, er könne mit einem begrenzten Angriff Erfolg haben.

Drittens schließlich bestand stets die Furcht vor einem sogenannten Enthauptungsangriff, mit dem der Aggressor die eigenen Kernwaffen präventiv zerstört und man nicht mehr nuklear reagieren kann. Um unter allen Umständen eine Zweitschlagsfähigkeit zu erhalten und stets zu einem Gegenschlag fähig zu sein waren überlegene eigene Atomwaffenbestände erforderlich, ein Gedanke, der das gegenseitige Aufschaukeln der atomaren Waffenarsenale in Ost und West geradezu zwangsläufig förderte.

Ist die Logik der nuklearen Abschreckung schon in einem bilateralen System, in dem sich zwei Nuklearstaaten gegenüberstehen, widerspruchsvoll genug, so nimmt die Paradoxie-Schraube eine weitere Umdrehung, wenn es um den Nuklearschutz eines Atomwaffenstaates für seinen nicht-nuklearen Partner geht. Die USA haben von Anfang an ein Schutzversprechen für ihre europäischen Verbündeten gegeben und erklärt, nicht nur mit ihren konventionellen, sondern auch mit ihren nuklearen Waffen für die Sicherheit der europäischen Partner einzustehen. Die USA haben somit ihren eigenen nuklearen Schutzschirm auf das Gebiet der Verbündeten erweitert, weshalb man auch von der „erweiterten Abschreckung“ spricht.

 

San Francisco für Bonn?

Die bis heute gültige Idee eines amerikanischen Atomschirms über Europa hatte gleich ein doppeltes Glaubwürdigkeitsproblem. Glaubte die damalige sowjetische Führung wirklich, dass sie auch dann mit nuklearer Vergeltung rechnen müsse, wenn sie „nur“ einen amerikanischen Verbündeten angreifen würden und nicht die USA selbst? Und zweitens, und dies war ebenso wichtig, glaubten die europäischen Verbündeten an die Verlässlichkeit der nuklearen Schutzmacht und an die deren Bereitschaft zum Atomwaffeneinsatz, wenn die USA jederzeit mit einem sowjetischen Vergeltungsschlag auf eine amerikanische Großstadt rechnen mussten? Plakativ gefragt, wären die USA wirklich bereit, San Francisco oder Boston zu riskieren, um Bonn oder Brüssel zu retten?

Dieses Glaubwürdigkeitsfragen zeigen, dass der nuklearen Abschreckung immer ein geradezu theologisches Element innewohnt, in dem es mehr um Glauben als um Wissen geht. Dies wiederum hing auch immer mit den handelnden Personen zusammen. Bundeskanzler Konrad Adenauer traute den Sicherheitszusagen von US-Präsident John F. Kennedy nicht über den Weg und sah sich in seiner Skepsis bestätigt, als die USA nicht willens waren, etwas gegen den Bau der Berliner Mauer im Jahr 1961 zu unternehmen. Ganz offensichtlich war Amerika doch nicht bereit, das eigene Territorium zu riskieren, um Berlin zu retten. Um die Sorgen der Europäer zu zerstreuen, stationierten die USA in der Folgezeit immer mehr Atomwaffen auf deutschem Boden, um damit eigene Verlässlichkeit zu demonstrieren.

Dabei kam der Ruf nach immer mehr Atomwaffen nicht nur aus Washington selbst, sondern auch aus den europäischen Hauptstädten und insbesondere aus dem Bundeskanzleramt in Bonn. Für Bundeskanzler Helmut Schmidt bestand die theoretische Möglichkeit, dass sich die beiden nuklearen Supermächte USA und Sowjetunion aus eigenem Überlebensinteresse stillschweigend darauf einigen könnten, ihren Konflikt allein auf europäischem Boden auszutragen und ihre eigenen Territorien von Kernwaffeneinsätzen und damit von nuklearer Verwüstung auszusparen. Deswegen forderte er weitreichende Systeme wie atomare Pershing-Raketen oder Marschflugkörper, die von Europa aus sowjetisches Territorium erreichen konnten und damit die Idee eines Sanktuariums zumindest konzeptionell zunichtemachen würden. Die Folge war Ende der 1970 Jahre und Anfang der 1980er Jahre die heftige öffentliche Debatte um die Nachrüstung, bei der es häufig eher um Glaubens- als um Wissensfragen ging.

Alle deutschen Bundesregierungen waren sich der katastrophalen Folgen eines möglichen Scheiterns der nuklearen Abschreckung bewusst. Sie verstanden aber auch, dass Kernwaffen auf deutschem Boden die Chance boten, einen jeglichen Krieg in Europa – ob nuklear oder konventionell - zu verhindern. Diese Logik gilt bis heute.

 

Karl-Heinz Kamp ist Associate Fellow der Deutschen Gesellschaft für Auswärtige Politik und war Präsident der Bundesakademie für Sicherheitspolitik.

 

 

Geschichtsbewusst" bildet eine Bandbreite an politischen Perspektiven ab. Der Inhalt eines Essays gibt die Meinung der Autorin oder des Autors wieder, aber nicht notwendigerweise diejenige der Konrad-Adenauer-Stiftung.

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