Über den Aufstieg des Postliberalismus und die Zukunft der liberalen Ordnung
Der Postliberalismus hat sich in den vergangenen Jahren von einer intellektuellen Randströmung zu einer ernstzunehmenden politischen Kraft entwickelt. Aurelian Craiutu zeichnet die ideengeschichtlichen Wurzeln dieser heterogenen Bewegung nach und zeigt, warum ihre Kritik am Liberalismus heute auf Resonanz stößt. Zugleich wird deutlich, dass postliberale Denker trotz gemeinsamer Gegner höchst unterschiedliche Gesellschaftsentwürfe vertreten. Der Beitrag plädiert dafür, diese Strömung weder zu überschätzen noch vorschnell abzutun, sondern ihre Einwände als Hinweis auf die Schwächen liberaler Demokratien ernst zu nehmen.
Prof. Dr. Aurelian Craiutu
18. Juni 2026
Essay
ullstein bild - CARO / Olaf Schuelke
Transhumanismus und liberale Demokratie
Techno-Optimismus als Absage an die Kunst des Politischen
Welche Vorstellung der 'Res Politica' hat der Transhumanismus? Dirk Lüddecke legt dar, auf welchen Grundannahmen der Transhumanismus beruht, und erläutert, warum ihm ein im eigentlichen Sinne des Wortes politisches Denken fremd ist. Der Transhumanismus, argumentiert Lüddecke, habe keinen Begriff von der Würde der Person und vom aktiven, eigenverantwortlichen Bürger. Mit den Prinzipien der liberalen Demokratie sei dieser Denkstil deshalb nicht vereinbar.
Prof. Dr. Dirk Lüddecke
11. Juni 2026
Essay
picture alliance
Streitbare Demokratie
Historisch-politische Betrachtungen zu einem bundesdeutschen Leitkonzept
Alexander Gallus zeichnet die ideen- und verfassungsgeschichtliche Genese der „streitbaren Demokratie“ nach – von den Krisenerfahrungen der Weimarer Republik über Exildebatten der 1930er und 1940er Jahre bis zur institutionellen Verankerung im Grundgesetz. Im Zentrum steht die Frage, wie Demokratien ihre Feinde abwehren können, ohne dabei ihre eigenen liberalen Grundlagen zu beschädigen. Anhand zentraler Akteure wie Karl Loewenstein, Wilhelm Hoegner, Thomas Mann oder Karl Mannheim wird gezeigt, dass die wehrhafte Demokratie das Ergebnis eines politischen Lernprozesses war. Der Beitrag verbindet ideengeschichtliche Rekonstruktion mit aktuellen Fragen und diskutiert vor dem Hintergrund der Verbotsdebatten um die AfD die schwierige Balance zwischen Volkssouveränität, Verfassungsschutz und demokratischer Offenheit.
Prof. Dr. Alexander Gallus
28. Mai 2026
Essay
Public Domain
Fragwürdige Analogien
„Auch wenn China, wie Westad schreibt, durch Aktivitäten der USA in seinen Nachbarstaaten eine Einkreisung fürchten sollte und zu deren Verhinderung sein Bündnis mit Russland pflegt, gleicht die Welt vor 1914 mit ihren festgefügten Bündnissystemen der heutigen, sehr viel fluideren internationalen Situation kaum.“
Odd Arne Westad: Der kommende Sturm. Der nächste große Krieg und wovor die Geschichte uns warnt. Stuttgart 2026 (Klett-Cotta).
Prof. Dr. Hermann Wentker
21. Mai 2026
Rezension
ullstein bild - ArenaPAL / Clive Barda / ArenaPAL
Über die Schönheit des Widersprüchlichen
Isaiah Berlins zersplittertes Vermächtnis neu betrachtet
Was ist Liberalismus – und wie hat der russisch-britische Philosoph Isaiah Berlin (1909–1997) ihn beschrieben? Ausgehend von Berlins einflussreicher Unterscheidung von negativer und positiver Freiheit setzt sich Arie M. Dubnov kritisch mit seinem Verständnis von Liberalismus als spannungsreicher, historisch geprägter Denkform auseinander. Im Mittelpunkt stehen die Widersprüche zwischen individueller Freiheit, kollektiver Zugehörigkeit, Werten und politischer Realität, die Berlins Werk durchziehen. So erscheint Liberalismus weniger als geschlossenes System denn als fragile, umkämpfte Haltung, deren Aktualität gerade heute neu zur Debatte steht.
Prof. Arie M. Dubnov
7. Mai 2026
Essay
Krieg und Frieden | Resilienz der Demokratie | Erinnerungskultur
"In der Debatte" bietet einen Blick ins politisch-historische Feuilleton im April 2026 – analysiert, bewertet, ordnet ein und fasst zusammen.
"In der Debatte" blickt im April auf eine von Machtpolitik und neuen Kriegsformen geprägte Weltordnung, die das Völkerrecht schwächt und von Europa angesichts begrenzter multilateraler Verlässlichkeit und amerikanischer Unberechenbarkeit größere sicherheitspolitische Souveränität fordert. Die liberalen Demokratien bewahren sich trotz aller Krisen ihre Erneuerungsfähigkeit. Die deutsche Erinnerungskultur ist ein fortdauernder Prozess, der sich gegen politische Instrumentalisierung behaupten muss.
Denise Lindsay M.A.
23. April 2026
In der Debatte
Vordenker der Neuen Rechten: Armin Mohler und der antiliberale Konservatismus in der Bundesrepublik
„Maik Tändler liefert mit seiner Arbeit über Mohler ein dicht geschriebenes Buch, das sich wie eine historische Kartierung der ideellen Landschaft der Bundesrepublik rechts der Mitte liest.“
Maik Tändler: Armin Mohler und die intellektuelle Rechte in der Bonner Republik. Wallstein-Verlag, Göttingen 2025.
Dr. Nils Lange
16. April 2026
Rezension
Die historischen Konfliktfelder, die Irans Zukunft bestimmen
Zwischenruf auf Episode #5 des Geschichtspodcasts von F.A.Z. und Adenauer-Stiftung: „Demokratie im Iran?“
Die Folge des Geschichtspodcasts von F.A.Z. und Adenauer-Stiftung hatte die Hintergründe und Auswirkungen der fragwürdigen „demokratischen Blüte“ der Mossadegh-Zeit 1951 bis 1953 in den Blick genommen. Der „Zwischenruf“ weitet diesen Fokus auf die drei zentralen Konfliktfelder aus, die die iranische Geschichte und Gesellschaft spätestens seit dem Beginn des 20. Jahrhunderts prägen. Für eine demokratische Entwicklung nach einem Umsturz wäre ein neuer Gesellschaftsvertrag nötig, der diese strukturellen Konflikte löst.
Mohammad Zarei
1. April 2026
Zwischenruf
Völkerrecht und Machtpolitik | Wehrhafte Demokratie | Wissenschaft und Forschung | Jürgen Habermas
„In der Debatte" bietet einen Blick ins politisch-historische Feuilleton im März 2026 – analysiert, bewertet, ordnet ein und fasst zusammen.
„In der Debatte“ greift im März verschiedene Themen auf: Die umstrittene völkerrechtliche Legitimität der amerikanisch‑israelischen Angriffe auf den Iran sowie die Schwäche und Abhängigkeit der EU machen die Notwendigkeit größerer europäischer Handlungsfähigkeit, Eigenständigkeit und vertiefter Kooperation deutlich. Demokratien zerbrechen nicht plötzlich, sondern unterliegen aufgrund vieler äußerer Faktoren oft einem schleichenden Erosionsprozess. Die wissenschaftliche Freiheit leidet zunehmend unter politischen und gesellschaftlichen Erwartungen, Universitäten aber bleiben weiterhin unverzichtbar für die Demokratie.
Denise Lindsay M.A.
26. März 2026
In der Debatte
Universitätsarchiv Heidelberg, BA Pos I 912
Das politische Denken Carl Joachim Friedrichs
Zwischen Konstitutionalismus, Gemeinschaftsbildung und Totalitarismustheorie
Carl Joachim Friedrich gehört zu den prägenden Politikwissenschaftlern des 20. Jahrhunderts. Mit „Totalitarian Dictatorship and Autocracy“ konzeptionalisierte er mit dem bekannten totalitären „Syndrom“ aus Ideologie, Massenpartei, terroristischer Geheimpolizei, Planwirtschaft sowie staatlichem Nachrichten- und Waffenmonopol eine der einflussreichsten Deutungen totalitärer Herrschaft im Kalten Krieg. Doch Friedrich war weit mehr als ein Theoretiker des Totalitarismus. Sein umfangreiches Œuvre reicht von politischer Ideengeschichte und Konstitutionalismus über Verwaltungswissenschaft und Vergleichende Politik bis hin zu Fragen von Tradition, Autorität und politischer Kultur. Der Beitrag zeichnet den Lebensweg des transatlantischen Gelehrten zwischen Harvard und Heidelberg nach und zeigt, wie seine Totalitarismustheorie aus einem umfassenderen Denken über Gemeinschaft, Verwaltung und die kulturellen Grundlagen politischer Ordnung hervorging. So erscheint Friedrich als ein Denker der politischen Moderne, dessen Werk die Spannungen zwischen Freiheit, Autorität und institutioneller Stabilität auslotet.