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Veranstaltungsberichte

Jüdisches Leben in der Freien und Hansestadt Hamburg (Verfasserin: Saskia Hübner)

von Karolina Vöge
Podcast zum Thema Aufklärungs- und Bildungsarbeit gegen Antisemitismus und zur Stärkung der Verankerung jüdischen Lebens in der Freien und Hansestadt Hamburg. Eine Maßnahme der digitalen Politischen Bildung der KAS Hamburg.

Angesichts der antisemitischen Vorfälle in den letzten Monaten und Jahren und der damit verbundenen anhaltenden und intensiven Diskussion über eine Zunahme des Antisemitismus in Deutschland, erklärte der Antisemitismusbeauftragte der Bundesregierung Felix Klein: „Antisemitismus ist ein gesamtgesellschaftliches Problem“ (Die Bundesregierung: Jüdisches Leben in Deutschland, 2018). In Anbetracht dieser Erklärung ist eines eindeutig: Unsere Gesamtgesellschaft ist gefordert, für den Kampf gegen Antisemitismus einzustehen und sich mit dieser Thematik intensiv zu befassen. Hierzu zählt insbesondere die Stärkung der Aufklärungs- und Bildungsarbeit bezüglich des jüdischen Lebens in Geschichte und Gegenwart.

Dem Politischen Bildungsforum Hamburg der KAS liegt es am Herzen, die feste und uneingeschränkte Verankerung jüdischen Lebens in Deutschland und speziell in Hamburg zu stärken und durch unsere Arbeit zu verdeutlichen. So sprachen wir am 30.06.2020 in unserem Podcast mit Frau Dr. Carmen Bisotti über das jüdische Leben, die Kultur und die jüdische Geschichte in Hamburg. Frau Dr. Bisotti ist Leiterin des Bildungsprojektes Geschichtomat am Institut für die Geschichte der deutschen Juden, wobei ihre Schwerpunkte auf der deutschen Nachkriegsgeschichte, der Erinnerungskultur und der Kulturvermittlung liegen. Der Geschichtomat wurde 2013 erstmalig realisiert und ist ein Schülerprojekt zur Vermittlung jüdischer Geschichte und Kultur in Deutschland. Am Holocaust-Gedenktag dieses Jahres wurde das Projekt mit dem erinnerungspolitischen Obermayer Award in Berlin gewürdigt.

Frau Dr. Bisotti nahm im Gespräch vor allem auf ihr Schülerprojekt Geschichtomat Bezug und schilderte ihre bisher gesammelten persönlichen Erfahrungen und ihre Unterrichtsmethoden im Umgang mit SchülerInnen. Frau Dr. Bisotti ist es hierbei wichtig, offen mit den SchülerInnen über die jüdische Kultur und Geschichte zu sprechen und so genügend Kommunikationsfreiraum zu schaffen. Durch Gespräche und einen offenen Austausch untereinander wird den SchülerInnen vor allem die Angst genommen, möglicherweise etwas „Falsches“ zu sagen, so Dr. Bisotti. Durch eine solche Herangehensweise lassen sich unter den Schulkindern zum Beispiel gängige Vorurteile gegenüber der jüdischen Geschichte und Kultur schneller identifizieren und aufklären. Ebenso legt Frau Bisotti einen großen Wert darauf, die jüdische Geschichte und Kultur anhand von gegenwärtig sichtbaren Gegenständen oder Strukturen in Hamburg zu erläutern. Die SchülerInnen gehen innerhalb des Projektes Geschichtomat in ihrer Nachbarschaft auf Spurensuche nach jüdischen Namen, Persönlichkeiten, Gedenkstätten oder jüdischen Orten. Auf diese Weise lernen SchülerInnen die Vielfalt, die Relevanz und vor allem auch die Gegenwärtigkeit der jüdischen Kultur und Geschichte in der Hansestadt Hamburg kennen.

Auf die Frage hin, ob Frau Dr. Bisotti während ihrer Projektarbeit an Schulen antisemitischen Haltungen oder antisemitischem Gedankengut begegnet sei, antwortete sie entschieden: „Nein“. Frau Dr. Bisotti fiel jedoch auf, dass SchülerInnen häufig dieselben, immer wiederkehrenden Vorurteile gegenüber der jüdischen Kultur und Geschichte zeigen. Diese Vorurteile bergen jedoch die Gefahr, sich in antisemitisches Gedankengut zu wandeln, so Dr. Bisotti. Hierbei sieht Frau Dr. Bisotti keineswegs den Fehler bei den Schülerinnen und Schülern oder deren sozialem Umfeld, sondern in der Art und Weise wie an den Schulen aufgeklärt und gelehrt wird. Ihrer Meinung nach wird an Hamburger Schulen vornehmlich die Rolle der Juden als Opfer von Verfolgung, vor allem in Bezug auf die NS-Zeit, thematisiert und nicht die jüdische Kultur oder die weitaus vielseitigere Geschichte der Juden im Allgemeinen. So sei die Entwicklung von gängigen Vorurteilen, wie beispielweise dass alle Juden Opfer von Verfolgung seien, eine logische Konsequenz aus einer zu einseitigen Geschichtserzählung und Unterrichtsweise. Der Geschichtsunterricht an den Hamburger Schulen ist ein Ort, an welchem am effektivsten und am nachhaltigsten Antisemitismusprävention geleistet werden könne. Doch könne dies nur dann geschehen, wenn vor allem an der Qualifikation der Lehrkräfte gearbeitet und näher auf die allgemeine Geschichte der Juden eingegangen werde, ohne dieser dabei eine „Sonderstellung“ zuzuschreiben.

Das Gespräch mit Frau Dr. Bisotti machte auf eine verbesserungswürdige Unterrichtsform in puncto der jüdischen Geschichtserzählung an Hamburger Schulen aufmerksam und bot durch eigens erprobte Methoden neue Ansätze zur Vorbeugung von Vorurteilen und antisemitischen Gedankenguts.

Bei dem Veranstaltungsformat handelte es sich um ein digitales Interview, welches seit dem 3. Juli 2020 über einen Link als Audio-Datei auf Instagram, Facebook, unserer Homepage und Anchor zum Abspielen, Kommentieren und Mitdiskutieren zur Verfügung steht.

Text verfasst von: Saskia Hübner
Text veröffentlicht von: Dr. Karolina Vöge

Ansprechpartner

Dr. Karolina Vöge

Portrait Frank Karl Soens

Regionalbeauftragte für Norddeutschland

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