Nr. 1 | Juli 2026 – Den Süden verankern: Jordanien und die Stabilisierung Syriens nach Assad
Katrina Sammour
Der Sturz des Assad-Regimes im Dezember 2024 hat die Sicherheitslage entlang der nördlichen Grenze Jordaniens grundlegend verändert. Achtzehn Monate später steht der Süden Syriens vor drei unterschiedlichen Herausforderungen: einem Regierungsvakuum und einer faktischen Selbstverwaltung in Suwaida, dem Zusammenbruch einer dominierenden bewaffneten Gruppierung und der Rückkehr tribaler Autoritätsstrukturen in Daraa sowie einer israelischen Bodenpräsenz in Quneitra, die dort faktisch die Funktion einer lokalen Autorität ausübt.
Alle drei Gouvernements verursachen für Jordanien erhebliche Belastungen. Zudem verstärken sich diese gegenseitig. Der Captagon-Handel wurde weniger zerschlagen als vielmehr dezentralisiert, und über dieselben Routen, auf denen Drogen geschmuggelt werden, gelangen auch Waffen ins Land. Israelische Operationen untergraben die Autorität genau jener Regierung in Damaskus, mit der Jordanien sich für eine Zusammenarbeit entschieden hat. Solange diese Autorität umstritten bleibt, wird auch die Rückkehr von Flüchtlingen aus Jordanienins Stocken geraten. Vor diesem Hintergrund hat sich Amman zum aktivsten staatlichen Partner der neuen syrischen Führung entwickelt und verbindet dabei sicherheitspolitische Zusammenarbeit mit dem Aufbau institutioneller Kapazitäten.
Die vorliegende Publikation untersucht die Reichweite und die Grenzen dieses Engagements. Da Jordaniens zentrale Ziele von der Konsolidierung einer zentralstaatlichen Autorität in Syrien abhängen, so argumentiert der Artikel, ist das Königreich am besten beraten, mit Damaskus statt an Damaskus vorbei zu handeln und die politischen, finanziellen und sicherheitspolitischen Kosten auf eine breitere Koalition regionaler und internationaler Partner zu verteilen.
Aus derselben Logik ergeben sich vier Prioritäten für die kommenden 12 bis 18 Monate: die Anpassung der Strategie zur Drogenbekämpfung an einen dezentralisierten Handel, die Aufrechterhaltung eines diplomatischen Kanals in Suwaida, die Umwandlung der jordanischen Sicherheitsrolle in politischen Einfluss auf dem Korridor zwischen den Golfstaaten und Syrien sowie die Institutionalisierung des Wassermanagements im Jarmuk-Becken.