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"Weine Mutter Polen, denn dein bester Sohn ist gegangen"

von Stephan Georg Raabe

Eindrücke aus Polen nach dem Tod des Papstes

Bericht zur gesellschaftlichen Situation

„Weine Mutter Polen, denn dein bester Sohn ist gegangen“

Eindrücke aus Polen nach dem Tod des Papstes

von

Stephan Raabe

Leiter der Konrad-Adenauer-Stiftung in Polen

Warschau, 8. April 2005

Polen trauert und nimmt in beeindruckender Weise Abschied von „seinem“ Heiligen Vater, Karol Wojtyla - Johannes Paul II., der heute zu Grabe getragen wird. Auf den Plätzen des Landes nehmen die Menschen Teil an den Beerdigungsfeierlichkeiten in Rom. Ein ganzes Volk hält seit einer Woche inne und erinnert sich. Die Menschen drängt es, gemeinschaftlich auf Straßen und Plätzen, durch vielerlei Zeichen und auch in den Medien ihrer Trauer Ausdruck zu verleihen und dem Toten die letzte Eh-re zu erweisen. Sie versammeln sich überall im Land zu gemeinsamen Messfeiern, zu schweigendem Gedenken. Hunderttausende kamen so in den vergangenen Ta-gen wiederholt in den großen Städten zusammen, darunter sehr viele Jugendliche, die sich mit spontanen öffentlichen Initiativen von ihrem Papst verabschieden. Über Internet und Handys informiert zogen in Krakau etwa 150.000 junge Menschen in einem Schweigemarsch durch die Stadt. 300.000 Gläubige versammelten sich auf dem Warschauer Pilsudski Platz am Dienstag zum nationalen Trauergottesdienst, wo bereits am Sonntag 150.000 Teilnehmer eine Gedenkmesse gefeiert hatten, ähnlich viele wie 1979, als der Papst seine erste Pilgerreise nach Polen unternahm. Gut eine Million Menschen, zumeist junge Menschen, feierten am gestrigen Abend auf einer Wiese bei Krakau eine Vigil mit Kerzen. Wer einmal einen Weltjugendtag miterlebt hat, der kann nachempfinden, welche Anziehungskraft dieser charismatische Mann aus Polen gerade auf Jugendliche ausübt. Zur Mittagszeit bringen Sirenen und Glo-cken die Städte in Polen zum Schweigen, auch jetzt, da der Beerdigungsgottesdienst in Rom beginnt. An vielen Orten brennen Kerzen, liegen Blumen vor Bildern des Papstes. Häuser und Straßen, Busse und Taxen sind beflaggt. In Polen ist Staats-trauer bis zum Tag des Begräbnisses, der überwiegend arbeitsfrei ist. Das gesamte öffentliche Leben und auch die Medien sind ganz vom Tod des Papstes bestimmt. Eine ernste, gedämpfte Stimmung herrscht allenthalben.

Wie soll man all dies verstehen: den Ernst, die Trauer, das Pathos? - Es ist, als ob einer aus der Familie hinübergegangen sei, ein Vater und mehr noch: Immer öfter spricht man von „Jan Pawel dem Großen“ - selbst in der eher nüchternen, liberal-katholischen Wochenzeitung Tygodnik Powszechny. Der Primas von Polen, Kardinal Glemp, bezeichnet den Papst als „den größten Sohn des polnischen Volkes“. „Weine Mutter Polen, denn dein bester Sohn ist gegangen“, ruft der Vorsitzende der Bi-schofskonferenz, Erzbischof Michalik, den Menschen zu. In den Gazetten ist vom „König unserer Gewissen“, dem „letzten Propheten“, dem „Schutzengel Polens“, von dem, der die Menschen liebte und in aller Welt Brücken baute, die Rede.

Es war ein Glück, diesen Heiligen kennen zu lernen, wird der nach dem Kommunis-mus erste frei gewählte Ministerpräsident Polens, Tadeusz Mazowiecki, zitiert. Der linksdemokratische Staatspräsident Kwasniewski betont, das Pontifikat Johannes Paul II. habe die Welt und Polen geändert. Ohne diesen Papst gäbe es nicht die heu-tige polnische Freiheit. Sejm und Senat ehren in einer außergewöhnlichen Sonder-sitzung schweigend den Papst und lauschen noch einmal symbolträchtig seinen Wor-ten – aller politische Streit hat Ruhe. Selbst der Ex-General Jaruzelski, der Anfang der 80er Jahre Polen unter das Joch des Kriegsrechts zwang, kommt nicht umhin, die große Identifikation des Papstes mit Polen und der Polen mit dem Papst anzuer-kennen. Sie hat Mauern und Gewaltsysteme überwunden.

Die Tageszeitung Rzeczpospolita (Republik) beschreibt die intime und zugleich poli-tische Verbindung der meisten Polen mit dem Papst: „Er war mit uns, als wir zu Soli-darität und Freiheit erweckt wurden, aber auch, als man versuchte, uns in das Lager des Kommunismus einzuschließen. Er war mit uns damals, als wir diese Freiheit und den eigenen, unabhängigen Staat, dauerhaft wiedererlangten. ‚Was habt ihr mit Eu-rer Freiheit gemacht?’, fragte er uns später im Ton eines Vaters, der sich über die Zukunft seiner Kinder beunruhigt.“ „Haben wir“, so fragt die Zeitung selbstkritisch wei-ter, „seine Worte, die davor warnten, dem ‚Haben’ den Vorzug vor dem ‚Sein’ zu ge-ben, mit der gebührenden Aufmerksamkeit wahrgenommen?“

Der linksliberale Publizist und Herausgeber der größten polnischen Tageszeitung Gazeta Wyborza, Adam Michnik, ein Jude, zitiert den polnischen Dichter und Nobel-preisträger Czeslaw Milosz mit dem Ausspruch: Polen hat den König bekommen, von dem Polen träumte. Für die Menschen der Solidaritätsbewegung sei er das Licht der Wahrheit und Freiheit in der Dunkelheit von Verlogenheit, Konformismus und Angst gewesen.

Ohne Zweifel: Die allermeisten Polen lieben diesen Nachfolger Petri aus tiefsten Herzen; sie sind dankbar und stolz darauf, die epochale Zeit seines Pontifikates er-lebt zu haben. Mit Genugtuung wird wahrgenommen, dass die ganze Welt um diesen Papst trauert, selbst seine ideologischen, politischen und innerkirchlichen Gegner. Was für ein eindrückliches Bild muss das für viele in Polen sein, wenn die mächtigs-ten Männer der Welt, darunter die drei letzten amerikanischen Präsidenten, der am-tierende und seine Vorgänger, einträchtig vor dem toten Papst, einem der ihren, nie-derknien. Staatschefs aus arabischen Ländern beugen ihr Haupt genauso wie der israelische Staatspräsident vor dem Sarg des toten Kirchenmannes. Es klingt viel von der nationalen Befindlichkeit durch, die für das Verständnis dieses Landes so wichtig ist, wenn es in der Zeitschrift Politika etwa heißt: „Für die Gläubigen war es ein Wunder, das uns zuteil wurde, der Lohn des Himmels für unsere leidvolle Ge-schichte und die Treue, die wir gezeigt haben. Für die Nichtgläubigen der Beleg da-für, dass Wunder möglich sind.“

Gleichzeitig, das deutet sich in manchen Äußerungen bereits an, wird der Verlust des Papstes für Polen eine tiefe Zäsur bedeuten. Ein wichtiger Wegweiser ist nicht mehr da. Einige Fragen, wie es mit der Kirche in Polen weitergehen wird, für die ein neues Kapitel anfängt. Doch die für manch andere so wesentlichen Fragen der Sexualethik, des Zölibats oder der Frau in der Kirche, die anderenorts, kaum ist der Papst tot, medienwirksam in den Vordergrund gerückt werden, spielen in Polen in dieser histo-rischen und zutiefst mitmenschlich geprägten Stunde keine Rolle.

Politisch stehen Parlaments- und Präsidentschaftswahlen, das Referendum zum EU-Verfassungsvertrag in diesem Jahr an. „Trotz seiner Erfolge ist Polen heute verunsi-chert und hört auf manch falsche Propheten“, schreibt der bekannte Publizist Adam Krzeminski und gibt damit die Meinung vieler nachdenklicher Beobachter wieder. Ge-rade bei der Beantwortung der Frage nach der europäischen Identität werde der Papst sehr fehlen, meint der Danziger Erzbischof Goclowski. Der Papst sei „unser Erzieher“ gewesen. Jetzt, so glaubt der Bischof, werde er „wahrscheinlich zu unse-rem Schirmherr, wie der heilige Adalbert“. So oder so: Polen wird mit seinem Heiligen Vater auch in die Zukunft gehen.