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Mit einer Stimme - Deutsche und Polen über den russischen Angriff auf die Ukraine

von Dr. Agnieszka Łada-Konefał, dr Jacek Kucharczyk

Deutsch-Polnisches Barometer 2022 Sonderausgabe

Im Vorfeld der Publikation von der diesjährigen Ausgabe des Deutsch-Polnischen Barometers möchten wir die Ergebnisse der Forschung präsentieren, die sich auf Maßnahmen in der Rußlandspolitik konzentrieren, die von den Deutschene und Polen von ihren Regierungen erwartet werden. Die erste Umfrage-Runde erfolgte kurz vor dem Angriff und die Ergebnisse bestätigten die angespannte Stimmungslage in beiden Gesellschaften. Nach dem Kriegausbruch haben wir uns uns entschlossen, ausgewählte Fragen erneut zu stellen und sie mit den Ergebnissen vom „Vorabend“ des Krieges und auch mit Zahlen früherer Barometer-Umfragen zu vergleichen. Dank dessen können wir die Veränderungen beobachten, die die Entscheidung des Kremls, in das Nachbarland einzumarschieren, in der deutschen und polnischen öffentlichen Meinung verursacht hat. Diese Studie wurde im Rahmen der Reihe Deutsch-Polnisches Barometer gemeinsam vom Institut für Öffentliche Angelegenheiten und dem Deutschen Polen-Institut mit Unterstützung der Konrad-Adenauer-Stiftung in Warschau und der Stiftung für deutsch-polnische Zusammenarbeit durchgeführt.

 

Zentrale Ergebnisse

  • Deutsche und Polen nehmen die militärische, politische und wirtschaftliche Bedrohung durch Russland nun auf ähnliche Weise wahr, nachdem das Bedrohungsgefühl auf deutscher Seite seit dem russischen Überfall auf die Ukraine deutlich angestiegen ist.
  • Die Anteile an der Bevölkerung, der sich nach dem Einmarsch Russlands in die Ukraine militärisch bedroht fühlen, haben sich in Deutschland (74%) und Polen (79%) angenähert.
  • Im Vergleich zum Februar 2022 ist das Bedrohungsgefühl in Deutschland heftiger angestiegen als in Polen, wo es schon vor der russischen Invasion auf hohem Niveau lag (69%).
  • Die Polen empfinden die militärische und politische Bedrohung stärker als die wirtschaftliche, in Deutschland ist das Bedrohungsgefühl für alle drei Bereiche ähnlich hoch.
  • Das Gefühl der Bedrohung durch Russland ist bei den Polen unabhängig von den politischen Präferenzen vorhanden. Die überwiegende Mehrheit der Anhänger aller wichtigen politischen Parteien glaubt, dass Russland eine Bedrohung für Polen darstellt.
  • Auch in Deutschland dominiert das Bedrohungsgefühl die Wählerschaft des gesamten Parteienspektrums, allerdings mit signifikanten Abstufungen an den Rändern. Sowohl unter den Anhängern der Linken als auch der AfD gibt es relativ große Gruppen, bei denen das Niveau der Bedrohungswahrnehmung durch Russland relativ niedriger ist.
  • Eine Mehrheit der Polen (58%) und der Deutschen (55%) stimmt zu, dass eine Erhöhung der deutschen Verteidigungsanstrengungen auch die Sicherheit Polens erhöhen wird. Der Prozentsatz der Befragten, die diese Meinung vertreten, ist im Vergleich zu den Umfrageergebnissen von 2018 und 2021 angestiegen.
  • Fast zwei Drittel der Deutschen (67%) und 87 Prozent der Polen sind der Ansicht, dass Russland ein Land ist, auf das man sich nicht verlassen kann und von dem man sich in Energiefragen unabhängig machen sollte. Durch den Einmarsch in die Ukraine ist in beiden Ländern das Misstrauen gegenüber Russland als Energielieferant sprunghaft gewachsen, was der Vergleich mit den Ergebnissen vom Februar 2022 eindrucksvoll belegt.
  • Deutsche und Polen unterstützen nachdrücklich die Maßnahmen der Regierungen als Reaktion auf die russische Aggression. Die größte Zustimmung genießen in beiden Ländern die Verhängung von Wirtschaftssanktionen und die Aufnahme von Flüchtlingen. Die Deutschen äußern häufiger als die Polen Zweifel an der Lieferung von militärischer Ausrüstung an die ukrainische Armee und sind häufiger skeptisch, ob die Gaspipeline Nord Stream 2 tatsächlich nicht in Betrieb genommen werden soll.
  • In Polen ist die Zustimmung zu Waffenlieferungen an die Ukraine seit Februar am deutlichsten gestiegen, in Deutschland die Zustimmung zur Aufnahme ukrainischer Flüchtlinge. In Deutschland ist nach dem russischen Einmarsch die Wertschätzung für die polnische Russlandpolitik gestiegen. Der Prozentsatz derer, die diese polnische Politik generell für „antirussisch“ halten, hat sich kaum verändert. Dass dies nur jeder zehnte deutsche Befragte so sieht, widerspricht der in Polen populären These, dass die Deutschen die Polen für „russophob“ halten.
  • Der Meinungswandel der Deutschen nach dem russischen Einmarsch in die Ukraine ist im Vergleich zu den vorherigen Einschätzungen in allen untersuchten Bereichen deutlich.
  • In der Reaktion auf die russische Invasion in der Ukraine sind die Polen geeint, unabhängig von den politischen Präferenzen. Dies ist eine einzigartige Situation, ist doch die polnische Gesellschaft in fast allen politischen und gesellschaftlichen Fragen – auch bezüglich Deutschland und seine Politik - tief polarisiert, wie auch das Deutsch-Polnische Barometer seit Jahren immer wieder gezeigt hat.
  • In Deutschland gibt es einen Konsens der großen Mitte des politischen Spektrums, dem sich Teile der Wähler von AfD und Linke verschließen. Die Wählerschaften dieser beiden Parteien sind in ihren Meinungen deutlich gespalten.
  • Die deutschen und polnischen Reaktionen auf die russische Aggression sind durch eine nie dagewesene Übereinstimmung der öffentlichen Meinungen beider Länder gekennzeichnet, was vor allem einem Sinneswandel auf deutscher und nicht so sehr auf polnischer Seite geschuldet ist.
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