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Ein Rosenkranz und ein Buddha

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Anda sitzt mit dem Blick in ihren Schoß gerichtet auf einer der Bänke. In ihren Händen hält sie ihren Rosenkranz, die hellgrauen Perlen sind mit silbernen Kugeln verbunden. Am Ende der Kette hängt ein silbernes Kreuz mit Jesus. Ohne Rosenkranz und Weihwasser fühlt sie sich allein. Heute ist sie in der Kirche, um Gott zu danken. Dafür hat sie schon eine Kerze angezündet. Am Tag zuvor hatte sie zwei Kerzen vor ihrer Augenoperation angezündet, um nach Gottes Unterstützung zu bitten. Sie lächelt, als sie erzählt, dass sie auf dem rechten Auge wieder klar sehen kann. Die linke Pupille fokussiert nicht. In einem Gespräch unbemerkbar. Doch wenn man erfährt, dass ihre Augen gelasert wurden, sieht man die nicht verändernde Größe ihrer linken Pupille.

Sie ist 85 Jahre alt. Ihre weißen Haare schauen wirr aus ihrer bunten Wollmütze hervor. Ihre blauen Augen sind klar, die Haut darunter rot. Ihre faltigen Finger halten den Rosenkranz. Sie sitzt dort in einem braunen Mantel, der von einem Fellkragen mit Leopardenmuster geziert wird. Wenn Anda lächelt, sieht man ihren unteren Schneidezahn, der durch seine Länge hervortritt.

Anda kommt aus Liechtenstein, einem Binnenland zwischen der Schweiz und Österreich. Man hört ihren Dialekt leicht. In der Zeitung las sie von einer Laseraugenoperation in Düsseldorf. Sie kam nach Düsseldorf für die Operation, da besonders wenig Chemikalien verwendet werden. Deswegen besucht sie heute auch eine evangelische Kirche, obwohl sie katholisch ist. Für die Sonntagsmesse wird Anda aber eine katholische Kirche aufsuchen.

Langsam steht Anda auf. Sie greift ihre Taschen und den roten Regenschirm, der ein Farbklecks in der weißen Kirche ist. Sie läuft an dem großen Kerzenständer vorbei. Die Kerzenlichter flackern. Unter einem hohen Fenster im rechten Flügel der Kirche steht eine alte Bibel auf dem Notenständer eines Klaviers. Die Bibel ist geöffnet. Anda liest die verschnörkelte Schrift.

Eine Orgel ertönt. Die tiefen langsamen Töne klingen durch den Raum. Anda wird müde. Sie läuft langsam an dem Altar vorbei. Schaut dabei zu Jesus Christi am Kreuz hoch. Im linken Flügel hängt eine Pinnwand mit von Kirchenbesuchern geschrieben Zetteln. Die Schriften sind kaum leserlich. Anda läuft zurück zum Mittelgang der Kirche. Vor dem Altar hebt sie ihren braunen Mantel am Saum und schaut wieder zur Statur von Jesus auf. Sie knickst. Ihre Haltung ist gebückt. Schnurgerade läuft sie auf die große braune Doppeltür zu.

Sobald sie die Doppeltüren öffnet, hört man wieder andere Geräusche neben der Orgel. Im Vorraum befindet sich ein kleines Café.

Anda legt ihre Taschen auf einem Stuhl ab und setzt sich. Sofort beginnt sie zu erzählen. Sie ist auf die Stuhlkante gerutscht. Nach vorne gelehnt. Konzentriert. Für Anda ist ihr Glaube wichtig. Sie besucht jeden Sonntag die Kirche und wenn sie ein besonderes Anliegen hat sucht sie auch eine Kirche auf. „Ich muss jeden Sonntag in die Kirche, wenn ich mal nicht kann, dann fehlt mir das die ganze Woche.“ Sie schaut aus dem Fenster. Das Gefühl ist kaum zu beschreiben. „Der Sinn des Lebens fehlt mir dann.“

Sie lehnt sich zurück. „Ich hab aber auch einen Buddha.“ Er hat ihr Glück gebracht. Dreimal hat Anda im Lotto gewonnen. In Liechtenstein hat sie zweimal beim Klassenlotto über 10.000 Franken gewonnen. Sie trägt seit dem ersten Lottogewinn immer ihren Buddha mit sich. Seit ein paar Jahren würde er ihr aber kein Glück mehr bringen. Mit ihrer Pension hatte sie vor der Wirtschaftskrise 2008 Aktien gekauft. Ihre wertvollste Aktie von 20.000 Franken war nur noch 660 Franken wert. Vor kurzem jedoch bekam sie einen Brief. Sie lächelt wieder. 16.000 Franken ist die Aktie jetzt wieder wert. Vielleicht bringt der Buddha ihr doch noch Glück.

Glück hat sie erst später im Leben erlebt. „Ich war ja schon jung gebrechlich. Ich bin erst mit dem Alter stark geworden.“ Sie erzählt von ihren unzähligen Krankheitsfällen und Unfällen und unterstreicht die Ereignisse mit ihren gestikulierenden Händen. Nach ihrer ersten Nierenbeckenentzündung mit 23 sagten die Ärzte, sie könne keine Kinder mehr gebären. Ihr Gesichtsausdruck ist starr, als sie an die Zeit zurück denkt, in der sie dachte, sie wird nicht einmal 50 Jahre alt. „Ich hab einen ganz besonderen Schutzengel.“ Ihre Hände sind wieder verschränkt. Sie schmunzelt. Nebenbei erwähnt sie, dass sie trotz der Prognose der Ärzte zwei Kinder gebar. „Das schönste Geschenk Gottes. Zwei gesunde Kinder.“ Ihre Falten vertiefen sich. Lachfalten.

von Zahra Elisa Yacoub

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