Der Bonner Hauptbahnhof an einem frühen Donnerstagnachmittag – Menschen jeden
Alters und verschiedenster Nationen sind hier versammelt. Als die Stadtbahn in den gut gefüllten Bahnsteig einfährt, strömen aus den geöffneten Türen Bewohner Bonns. Die wartende Menge drängt sich in den leicht gefüllten Zug, unter ihnen zwei junge Frauen, elegant chic gekleidet, High Heels, Jeans, Blazer und Kopftuch. Hier scheinen Kulturen aufeinanderzuprallen. Hanna Bader kennt das Phänomen, denn die Bonner Studentin arbeitet mit Jugendlichen zusammen, die einen Migrationshintergrund haben.
Bonn, die Heimatstadt der UN und anderer internationaler Organisationen, ist auch zu zehn Prozent Heimatstadt von Menschen aus anderen Ländern. Allein in Bonn-Auerberg leben Menschen aus über 100 verschiedenen Nationen. 100 verschiedene Nationen bedeutet 100 verschiedene Kulturen. Ist es möglich als Jugendlicher in diesem Schmelztiegel die eigene Identität zu erkennen?
Eine große schlanke Frau, blondes langes Haar und eine Kette mit Jakobsmuschel um den Hals, studiert Lebensmittel- und Ernährungswissenschaften an der Uni Bonn - das ist Hanna Bader. 2008 verbrachte sie ein halbes Jahr entwicklungspolitischen Freiwilligendienst in einem Waisenhaus in Sambia, eine harte, aber wunderschöne Zeit, eine Erfahrung, die ihr weiteres Leben beeinflussen würde. Zurück in Deutschland entdeckte sie durch einen arabischen Sprachkurs ihre Interesse an dem Kulturkonflikt, dem Immigranten mit muslimischem Hintergrund begegnen. In dem Arbeitskreis „Muslime und Christen“ ihrer katholischen Gemeinde sah sie eine Möglichkeit, sich in diesem Bereich zu betätigen. Nun verbringt sie ihre Zeit viermal in der Woche mit Jugendlichen in der Evangelischen Lukasgemeinde in Auerberg, auch „Forum“ genannt. Voller Elan erzählt sie von ihrer Arbeit: „Es ist mehr als ein Job“, wiederholt sie immer wieder.
Im Forum treffen sich Jugendliche, viele marokkanischer oder türkischer Abstammung, um Zeit miteinander zu verbringen auf verschiedene Art und Weise. Hanna macht mit ihnen Hausaufgaben, leitet eine Bastelgruppe und eine Geschichtswerkstatt. Entzückt erzählt sie von dem fünfjährigen Afghanen, ihrem „kleinsten“, dem sie spielerisch deutsch beibringt in der Sprachförderung. Für sie liegt in der Sprache das Hauptproblem: viele Jugendliche beherrschen weder die deutsche noch ihre Muttersprache vollkommen sicher. Hinzu kommt die Religion: die Jugendlichen, die sich mit der Religion ihrer Eltern identifizieren, kennen diesen Glauben oft nicht gut. Wie Hanna erzählt sind oft die einfachsten Grundlagen nicht bekannt, so auch als Hanna einem muslimischen Jungen die fünf Säulen des Islam erklärt. Mit Sorge sieht sie, dass viele Jugendliche unsicher im Bezug auf ihre Kultur sind: „Sie sitzen oft zwischen zwei Stühlen“, zwischen der Kultur der Eltern und der hiesigen.
Zugleich erzählt sie uns voller Bewunderung von einem Freund mit ausländischen Wurzeln, der sein ganzes Geld zu seinem Onkel schickt, so dass er sich selber kein Essen mehr leisten konnte. „Sobald der entfernteste Verwandte Hilfe braucht, setzt jeder in der Familie alles daran zu helfen“, erzählt sie mit einem gewissen Stolz auf ihre Freunde, die Jugendlichen.
Gerade diese Freundschaft lässt in ihr auch Ziele und Wünsche für ihre Arbeit entstehen. In dem Willen „schulisch das beste aus ihnen herauszubekommen“, forderte Hanna eine Marokkanerin in der 7. Klasse Gesamtschule dazu auf, ins Gymnasium zu wechseln. „Es war eines meiner schönsten Erlebnisse“, sagt sie, als das Mädchen ihr erzählte, dass dieses Gespräch das ausschlaggebende Ereignis für ihren Schulwechsel gewesen sei. Sie will den Jugendlichen bei der Integration helfen und den „ Kulturaustausch zwischen deutscher und eigener Kultur“ fördern. Ihr Hauptwunsch: in den Jugendlichen „das Bewusstsein dafür zu festigen, wer sie sind“.
Von Lea Janßen und Agnes Rugel