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Alexander Scheidweiler
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Nicht nur ein Schattendasein am Rande der Gesellschaft

Forum Bürgerkirche St. Gangolf mit Dr. Josef Schuster zum jüdischen Leben in Deutschland

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Beim Forum Bürgerkirche St. Gangolf Trier des Kuratoriums der Markt und Bürgerkirche St. Gangolf Trier und des Politischen Bildungsforums Rheinland-Pfalz der Konrad-Adenauer-Stiftung sprach am 2. Juni 2026 vor fast 300 Gästen zum Thema „Jüdisches Leben in Deutschland“ Dr. Josef Schuster, Präsident des Zentralrates der Juden in Deutschland, Vizepräsident des World Jewish Congress und Mitglied im Deutschen Ethikrat. Er erörterte in seinem Vortrag, wie lebendig das jüdische Leben in Deutschland ist – und warum es zugleich mehr denn je seit der Shoah durch Antisemitismus bedroht wird.

Jüdisches Leben sei mehr als jüdisches Leiden, nicht nur Vergangenheit, sondern trotz eines Allzeithochs der Angriffe auf Jüdinnen und Juden selbstbewusste Gegenwart, so Dr. Schuster. Angesichts von durchschnittlich 24 antisemitischen Vorfällen pro Tag in Deutschland unterstrich der Präsident des Zentralrates der Juden in Deutschland, dass sich dringend bald etwas ändern müsse. Die Behauptung, Antisemitismus habe keinen Platz in unserer Gesellschaft, sei inhaltlich schlicht unzutreffend. Judenhass sei immer noch mitten unter uns und trete im Zuge des aktuellen Konflikts Israels mit der Terror-Organisation Hamas deutlicher und offener denn je seit der Shoah zutage: „Seit dem 7. Oktober 2023 ist alles anders. Der Antisemitismus hat wieder mehr Raum im Alltag eingenommen.“ Es mangele an Bildung, insbesondere an der Vermittlung von Geschichte. Zudem gingen mit der Generation, die den systematischen Völkermord an Jüdinnen und Juden während des Zweiten Weltkriegs erlebt habe, immer mehr Zeitzeugen von uns. Schließlich fungierten das Internet und in besonderer Weise die „social media“ als massive Verstärker von Verschwörungsnarrativen und Hass gegen Jüdinnen und Juden. Inzwischen sei der Antisemitismus zu einer „Brückenideologie für Rechtsextreme, Linksextreme und Islamisten“ geworden. Dr. Schuster erinnerte an den Gründungsimpuls des Zentralrates der Juden in Deutschland im Jahr 1950 und die damalige Entschlossenheit, an eine Zukunft jüdischen Lebens in Deutschland nach den unfassbaren Gräueltaten der Nationalsozialisten zu glauben. Es ging darum, unsere gemeinsame Zukunft aktiv zu gestalten, „nicht nur ein Schattendasein am Rande der Gesellschaft“ zu führen, „sondern sichtbar in ihrer Mitte“ zu leben. In diesem Sinne sei die Entscheidung, eine Dépendance von Yad Vashem in Deutschland einzurichten, überaus begrüßenswert. Es komme jetzt aber vor allem darauf an, dass jeder Mensch in unserer Gesellschaft seinen Teil zur Erinnerungskultur und zum Kampf gegen Antisemitismus beitrage. Eine schweigende Mehrheit dürfe nicht vor lauten Minderheiten zurückweichen: „Seien Sie anständig. Schweigen Sie nicht. Haben Sie Mut. Verharmlosen Sie nicht. Bleiben Sie standhaft. Und kämpfen Sie gegen den Judenhass!“ Schutzmaßnahmen für Jüdinnen und Juden seien wichtig und aller Ehren wert, aber für sich genommen zu defensiv. Angesichts zunehmender antisemitischer Straftaten forderte Dr. Schuster auch ein rechtspolitisches Nachsteuern beim Volksverhetzungsparagrafen und dem Antidiskriminierungsgesetz sowie schärfere Urteile der Justiz. Wo jüdisches Leben in Gefahr sei, sei immer auch die Demokratie gefährdet.

Im Anschluss diskutierten Dr. Inge Kreutz, Chefredaktion des Trierischen Volksfreunds, Dr. Josef Schuster, JProf. Dr. Andreas Lehnertz, Historiker und Direktor des Arye Maimon-Instituts für die Geschichte der Juden, und Dr. Dennis Halft OP, Lehrstuhlverwalter am Lehrstuhl für Abrahamitische Religionen mit Schwerpunkt Islam und interreligiöser Dialog der Theologischen Fakultät Trier, mit den Gästen, die Fragen stellten und Statements hielten, unter anderem über neue Wege im jüdisch-christlichen Miteinander. Es herrschte Einigkeit auf dem Podium, dass das Judentum im Alltag präsent sein, gelebt sowie wertgeschätzt werden müsse, also nicht nur ein Thema für Gedenktage und „Bildungshungrige“ sein dürfe, dass viel mehr mit Jüdinnen und Juden als nur über sie gesprochen werden müsse, dass die von Dr. Schuster benannte „schweigende Mehrheit“ laut werden müsse, dass die für sich genommen natürlich legitime Kritik an Israel allzu häufig zur Verschleierung antisemitischer Aussagen genutzt werde und in diesen Fällen inakzeptabel sei, dass antisemitische Hetze in den social media zügellos wachse und zerstörerisch wirke, sowie dass insbesondere Schülerinnen und Schüler sowie Lehrkräfte sensibilisiert und fortgebildet werden müssten.  

Markus Leineweber vom Kuratorium der Markt- und Bürgerkirche St. Gangolf Trier und Markus Nöhl, Kulturdezernent der Stadt Trier und ebenfalls Kuratoriumsmitglied, betonten in ihren Impulsen unter anderem die lange und wechselvolle jüdische Geschichte der Stadt. In diesem Zusammenhang warfen sie einen anerkennenden, dankbaren und zugewandten Blick auf die zwar kleine, aber sehr aktive heutige jüdische Gemeinde von Trier. Pastor Dr. Markus Nicolay brachte sowohl die „Abgründe, die wir nicht beschweigen dürfen“ als auch seine „Hoffnung auf unsere gemeinsame Zukunft“ zum Ausdruck. „Als Christ und Stadtpfarrer von Trier“, so Dr. Nicolay, „beschämt es mich zutiefst, was im sogenannten ‚Dritten Reich‘ auch die katholische Mehrheitsbevölkerung durch aktives Mittun oder passives Wegschauen und Schweigen, auch in den Jahren, in denen es noch nicht lebensgefährlich war, den Mitbürgerinnen und Mitbürgern jüdischen Glaubens an Schrecklichem angetan oder eben nicht verhindert hat.“ Der Landesbeauftragte der Konrad-Adenauer-Stiftung und Leiter ihres Politischen Bildungsforums Rheinland-Pfalz Philipp Lerch gab zum Ausklang der Veranstaltung seiner Hoffnung Ausdruck, dass die Veranstaltung das Bewusstsein für unsere jüdisch-christlichen Wurzeln, für den Gottesbezug des Grundgesetzes und für die Bedrohung unserer freiheitlich-demokratischen Grundordnung durch Antisemitismus geschärft sowie zu politischem und gesellschaftlichem Engagement aufgefordert haben möge.

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Kontakt Philipp Lerch
Philipp Lerch Portrait
Landesbeauftragter und Leiter Politisches Bildungsforum Rheinland-Pfalz
philipp.lerch@kas.de +49 6131 2016 93 -1

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