Der Bruder Jochen beispielsweise, als rheinland-pfälzische Vogelfänger
Bernhard auf die Erde geholt hatten - zum eigenen bis heute nicht
überwundenen Schaden. Seither kann die CDU in jenem Bundesland nicht mehr
regieren. Jochen kommentierte das so: „So geht's, wenn man mit den Brüdern
Vogel nicht anständig umgeht."
Ihr gutes Verhältnis zueinander trotz der politischen Gegnerschaft ihrer
Parteien verdanken sie unter anderem der Erziehung ihrer Mutter, die
positive Zeitungsartikel über den einen stets dem anderen zuschickte. Dazu
kommt beider Humor. Bei Bernhard ist er unbestritten, er fehlt aber auch
Hans-Jochen nicht. Nachdem der Ältere als SPD-Kanzlerkandidat gegen Helmut
Kohl aufgestellt worden war, telegrafierte der Jüngere: „Lieber Bruder, du
gehst einen schweren Gang. Ein neuer Fahrer macht aus einem Auto, das nicht
fahrtüchtig ist, keinen Rennwagen." Hans-Jochen konterte: „Lieber Bruder,
lieber ein zuverlässiger Oldtimer als ein ferngesteuerter Rennwagen mit
konditionsschwachem Beifahrer."
Humor hat, wer über sich lächeln kann. Bernhard zum Beispiel, wenn er
erzählt: Als er 1965 in den Bundestag gewählt wurde, war Ludwig Erhard
Bundeskanzler, und der Alte, Konrad Adenauer, brachte dem damals jüngsten
Abgeordneten bei einer Tasse Tee die Relativitätstheorie des Alterns im
rheinischen Tonfall bei: „Herr Vogel, Sie glauben wohl, Sie seien jung. Das
will ich Ihnen sagen: Die Jungen von heute sind wesentlich jünger als Sie."
Bernhard Vogels Heiterkeit darf nicht über seinen harten Kern
hinwegtäuschen. Zweimal ist er gegen den Willen von Helmut Kohl dessen
Nachfolger in Mainz geworden, als CDU-Landesvorsitzender gegen Heiner Geißler
und als Ministerpräsident gegen Wilhelm Gaddum. Das änderte nichts daran,
dass er stets mit Kohl verbunden blieb und auch in der Spendenaffäre
vermitteln konnte. Seine Kommunikationsfähigkeit ist es auch, die seinen
nachhaltigen Einfluss in der Union mitbegründet.
Anschaulich berichtet Bernhard Vogel von seiner Berufung nach Thüringen -
diesmal mit dem Willen von Helmut Kohl. Vogel, Vorsitzender der
Konrad-Adenauer-Stiftung, dachte wohl, dass er in dieser Aufgabe sein
Lebenswerk abrunden werde. Am 27. Januar 1992 sitzt er mittags mit der
Leitung der Harms-Seidel-Stiftung in einem Münchner Wirtshaus, „als eine
dralle bayerische Kellnerin ruft: Haast hia oana Vogel?" Am Telefon ist der
Bundeskanzler. Vier Stunden später ist Vogel in Erfurt. Am Abend ergibt die
geheime Abstimmung über seine Nominierung zum Thüringer Ministerpräsidenten
40 Ja- und eine Gegenstimme. Erst nach Mitternacht ist er im Gästehaus
Cyriaksburg. „Einen Schlafanzug und eine Zahnbürste hatte ich nicht dabei.
Heute weiß ich, es begann das größte Abenteuer meines Lebens." Darauf war er jedoch gut vorbereitet. Schon als Mainzer Ministerpräsident
hatte Vogel Jahr für Jahr einen anderen Bezirk der DDR besucht.
Dass Bernhard Vogel von seinem Humor verlassen wurde, geschah selten. Am
bekanntesten ist die Szene, als die eigene Landespartei ihn 1988 mit einem
ehrgeizigen Fraktionsvorsitzenden, dessen Namen heute kaum noch einer kennt,
gestürzt hatte. Da sauste Vogel aus dem Saal, nachdem er zuvor pathetisch
gerufen hatte: „Gott schütze Rheinland-Pfalz!" Doch bald schon sollte sein
Lachen zurückkehren. Das hat er heute noch als neuer alter Vorsitzender der
Adenauer-Stiftung.
Bernhard Vogel hat - genauso wie sein Bruder – ein Leben lang darauf
verzichtet, Vogel-Strauß-Politik zu betreiben. Beide sind auch nicht dem
Vogelzug des Aristophanes gefolgt. In dessen Komödie „Die Vögel" wird ein
neues Reich gegründet, „Nephelokokkygia": das Wolkenkuckucksheim. Bald
stellen sich Schmarotzer, Neider und andere Figuren ein, wie sie Bernhard
Vogel auf den Bühnen seines Lebens gewiss kennengelernt hat. Auch deshalb
hat er es vorgezogen, statt ins Wolkenkuckucksheim zu fliegen, lieber an der
Bewahrung der Schöpfung auf Erden mitzuwirken und deren Berge mitunter
mühselig zu ersteigen.
Mit freundlicher Genehmigung des Rheinischen Merkurs (erschienen am 13. Dezember 2007)