Spätestens seit dem „Summit on European Digital Sovereignity“, der im Beisein des französischen Präsidenten Emanuel Macron, des Bundeskanzlers Friedrich Merz sowie vieler europäischer Digitalminister im November 2025 in Berlin stattfand, wurde auch einer breiteren Öffentlichkeit bewusst, dass das Thema Digitale Souveränität auf der politischen Agenda oben angekommen ist. Die hohe Abhängigkeit von wenigen außereuropäischen Anbietern bei Hardware, Software und Services hat sich zum strategischen Risiko entwickelt. Die Digitale Souveränität als Ausdruck der „Fähigkeiten und Möglichkeiten von Individuen und Institutionen, ihre Rolle(n) in der digitalen Welt selbstständig, selbstbestimmt und sicher ausüben zu können“ (IT-Planungsrat/ÖFIT) ist aber nicht nur durch diese Abhängigkeiten gefährdet. Auch die Instrumentalisierung von Technologiezugängen als politisches Druckmittel, die Gefahr von Datenzugriffen aus Drittstaaten auch auf Speicherorte im europäischen Rechtsraum oder die Sorge um eine sichere Funktionalität von nichteuropäischen proprietären Computersystemen bei einem politisch motivierten Eingriff verdeutlichen auch die veränderten geopolitischen Verhältnisse. Diesen strategischen Risiken muss sich Deutschland und auch Europa stellen.
Open Source Lösungen für Schleswig-Holstein
Um diese Abhängigkeiten aufzulösen und die Digitale Souveränität der Landesverwaltung zu erhöhen hat das Land Schleswig-Holstein im letzten Jahr begonnen, proprietäre Software durch Open Source Lösungen zu ersetzen. Im Oktober 2025 hat die Landesverwaltung den Umstieg des Mailsystems von Microsoft Exchange und Outlook auf die Open-Source-Lösungen Open-Xchange und Thunderbird für mehr als 40.000 Postfächern vollständig vollzogen. Ab Dezember 2025 wurde auf nahezu 80 Prozent aller Arbeitsplätze über sämtliche Ressorts hinweg mit der Open Source Büro-Software LibreOffice gearbeitet.
Klarheit bei Ziel und Weg der Umstellung ist entscheidend
Dirk Schrödter, Chef der Staatskanzlei Schleswig-Holstein sowie Minister für Digitalisierung und Medienpolitik, betonte bei der Podiumsdiskussion der Konrad-Adenauer-Stiftung, „nur mit Open Source Lösungen kriegen wir die volle Gestaltungsmacht und die volle Kontrolle über die IT-Systeme, die wir einsetzen.“ Er schilderte, welche Voraussetzungen für eine erfolgreiche Umstellung entscheidend sind: Bei solchen großen Migrationsprojekten ist ein ausreichender planerischer Vorlauf nötigt. Es bedarf einer neuen kollaborativen Art der Zusammenarbeit zwischen Verwaltung, Anbietern und Dienstleistern, um die Herausforderungen im Betrieb zu lösen. Die Umstellung ist nicht nur als IT-Projekte zu verstehen, sondern als Innovationsprojekte der Verwaltung zu begreifen. Es ist hilfreich, das Gesamtprojekt in Teilprojekte zu zerlegen, die für alle technisch wie auch organisatorisch machbar sind. Die Begleitung durch ein Change-Management für Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter muss eine Unterstützung am Arbeitsplatz, Anleitungen und Video-Tutorials bereitstellen. Auch bei Führungskräften ist ein Verständnis nötig, dass manche Prozesse länger dauern können. Klarheit bei Ziel und Weg der Umstellung ist entscheidend.
Minister Schrödter betont auch die wirtschaftlichen Vorteile: „Mit den Lizenzgebühren finanzieren wir nicht mehr den technologischen Fortschritt irgendwo auf der Welt und lassen damit die technologische Schere immer weiter auseinander gehen, sondern stellen sicher, dass wir die Mittel nun in die heimische Digitalwirtschaft investieren können.“
Als nächste Schritte kündigte er an, dass für die Kollaboration bis zum Sommer 2026 Nextcloud die Nutzung von Sharepoint vollständig ablösen wird. Neben der Einführung von OpenTalk wird die Ablösung von Windows vorbereitet und für das Management der Zugriffsrechte soll zukünftig Nubus anstatt Active Directory eingesetzt werden.
Pamela Krosta-Hartl, Geschäftsführerin des Zentrums für Digitale Souveränität der Öffentlichen Verwaltung (ZenDiS), beschrieb den digitalen Verwaltungsarbeitsplatz als das Herz des Verwaltungshandelns. Das vom ZenDiS bereitgestellte Paket OpenDesk versammelt bereits existierende und millionenfach erprobte Anwendungen in einer Suite, die diese aufeinander abgestimmt für den Arbeitsplatz zur Verfügung stellt, wie es auch proprietäre Lösungen tun. Sie bestätigte, dass eine „Schritt-für-Schritt-Implementierung“ die Erfolgsaussichten erhöht. Sie erläuterte, dass die ebenfalls vom ZenDiS bereitgestellte Plattform OpenCode nicht nur für den gegenseitigen Austausch sinnvoll sei, sondern beispielsweise bei Sicherheitsproblemen für die automatisierte Erstellung eines Lagebildes der betroffenen Anwendungen hilfreich ist.
Henri Schmidt MdB, Mitglied im Ausschuss Digitales und Staatsmodernisierung, verwies auf die kaufmännische Abhängigkeit bei proprietären Lösungen zum Beispiel bei Preisanpassungen. Er hält das Argument des Skalierens mit Bezug auf die Entscheidung für die großen Cloudanbieter für nicht begründet. Henri Schmidt nannte vier Aspekte der Souveränität: 1. Datensouveränität, 2. technische Souveränität, 3. politische Souveränität und 4. kaufmännische Souveränität. Dass es gegenüber Open Source Vorbehalte gibt, räumte er ein, schlug aber vor, „von Schleswig-Holstein zu lernen und einfach nachmachen.“
Adriana Groh, Geschäftsführerin der Sovereign Tech Agency, betonte den Wert des Ehrenamts generell. Das gilt für den Fußballclub, für die Freiwillige Feuerwehr und ebenso für die Menschen aus der Open Source Community, die sich abends noch einmal hinsetzen und Softwarecode überprüfen, der überall verbaut ist. Sie beklagte die Unsichtbarkeit dieses wichtigen Engagements und den mangelnden Support. Welche Verantwortung hat der Staat bei der Instandhaltung einer digitalen Infrastruktur, die auf Open Source und das Engagement von Freiwilligen basiert? Genau hier setze die Sovereign Tech Agency an. Das Open-Source-Ökosystem braucht aber den internationalen Austausch. Daher engagiert sich die Agency eben auch auf diesem Feld und ist zum Vorbild für Europa geworden.
Nur durch Offenheit schaffen wir Wettbewerb
Dirk Schrödter wies darauf hin, dass bei Office-Anwendungen eine Situation besteht, wo proprietäre Software den Markt verschließt. Open Source ist ein marktliberaler Ansatz und sollte Teil der DNA der CDU sein, denn nur durch Offenheit schaffen wir Wettbewerb. Und Wettbewerb schafft Innovation. Natürlich geht es auch darum, den Wirtschaftsstandort zu stärken. Wie schaffe ich eine breite Anbieterlandschaft? Pamela Krosta-Hartel könnte sich gut vorstellen, die Vergabe der öffentlichen Hand an Souveränitätskriterien wie Interoperabilität und offene Schnittstellen zu knüpfen. Die Beschaffung kann hier auch Marktperspektiven eröffnen. Auf dem Podium war man sich einig, dass auch im Bereich Chips, Hardware oder Services Abhängigkeiten existieren. Hier müsse man Prioritäten setzen, um strukturelle Abhängigkeiten abzulösen. Da sei die hohe Förderung von Rechenzentren weniger nachvollziehbar, als es eine deutlichere Förderung der Chipentwicklung wäre. Und wenn Geld wirklich keine Rolle spielen würde, so Minister Dirk Schrödter, wäre ein souveränes großes LLM (large language model) natürlich toll.
Hier können Sie den vollständigen Mitschnitt der Veranstaltung sehen.
forum digital: Was bedeutet Digitale Souveränität?
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