In vielen EU-Mitgliedstaaten gibt es einen starken politischen Druck, soziale Medien für Kinder unter 16 Jahren schnell mit Altersbeschränkungen zu versehen. Angesichts der bestehenden Schäden im Markt ist diese Reaktion nachvollziehbar. Trotz klarer Verpflichtungen, insbesondere nach dem Digital Services Act, zeigt sich zunehmend, dass viele große Online-Plattformen weiterhin Praktiken anwenden, die weder dem Geist noch den konkreten Anforderungen des europäischen Regulierungsrahmens entsprechen. Die zentralen Geschäftsmodelle und die auf maximale Nutzung ausgerichteten Designanreize großer Social-Media-Plattformen sind weitgehend unverändert. Rechtsverstöße bleiben häufig folgenlos.
Eine Altersgrenze darf jedoch kein Selbstzweck sein. Wenn sie alleinsteht, nimmt sie Kindern die Chance, die Vorteile digitaler Technologien zu nutzen. Das wäre problematisch, denn das eigentliche Versagen liegt bei den etablierten Technologieunternehmen. Sie haben unter den heutigen Marktregeln keine sicheren Produkte für Kinder bereitgestellt.
Europa kann es besser machen. Europa kann Kinder besser schützen, neue Wettbewerber ermöglichen und digitale Souveränität dort konkret machen, wo sie für Bürgerinnen und Bürger am unmittelbarsten spürbar ist: im digitalen Alltag ihrer Kinder. Erforderlich ist eine „Safe Social“-Politik, die Sicherheit verbindlich vorschreibt und Marktanreize so setzt, dass sich verantwortungsvolles Handeln auch wirtschaftlich lohnt. Die EU sollte verbindliche Zertifizierungsstandards für „Safe Social“-Produkte schaffen – mit einem Schutzanspruch, wie er auch bei Spielzeug, Elektronik und anderen Produkten für Kinder selbstverständlich ist.
Jedes Produkt, das als sicher zertifiziert wird, kann eine Ausnahme vom Verbot erhalten und den Markt für unter 16-Jährige betreten. Zu den Kriterien sollten unter anderem Einschränkungen von Autoplay, Engagement-Zählern, algorithmischer Kuratierung, und Push-Benachrichtigungen gehören. Hinzu kommen datenschutzfreundliche Verfahren zur Altersverifikation. Kanada, Deutschland und Australien bewegen sich bereits in Richtung eines ähnlichen Modells aus Verbot und zertifizierten Ausnahmen. Ein entsprechender europäischer Ansatz wäre daher weder beispiellos noch international ungewöhnlich. Damit dieser neue Markt aber nicht erneut durch Netzwerkeffekte von marktbeherrschenden Plattformen kontrolliert wird, müssen alle neuen Anbieter einfache Interoperabilitätsstandards erfüllen – vergleichbar mit E-Mail oder SMS. Das fördert Wettbewerb und Innovation und gibt europäischen Entwicklern die Möglichkeit, skalierbare Alternativen anzubieten.
Die Kombination aus Schutzstandards, Zertifizierung und Interoperabilität kann den Verkauf gefährlicher Produkte an Kinder beenden. Zugleich entsteht ein neuer wettbewerblicher Markt für „Safe Social“.
Besuchen Sie auch die Playlist des European Data Summit – Day 1 mit der Keynote zu Safe Social von Ben Scott.