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Die zweite Runde der Kommunalwahlen 2026 in Frankreich

од Anja Czymmeck, Max Willem Fricke, Nele Katharina Wissmann

Bündnisse und Taktiken im Fokus

Der zweite Wahlgang der Kommunalwahlen 2026 zeigt einmal mehr das wachsende Desinteresse vieler Bürgerinnen und Bürger an lokalen Wahlen. Mit einer geschätzten Beteiligung von rund 57 % [1], deutlich niedriger als 2014 (62,1%), betrachten viele das parteipolitische Geschehen skeptisch oder distanziert. Hinzu kommt, dass die politische Situation seit der Auflösung der Nationalversammlung 2024 bei vielen ein Gefühl von Unsicherheit und Stillstand hinterlassen hat. Vor diesem Hintergrund bleibt offen, ob die Präsidentschaftswahl 2027 die Wählerschaft wieder stärker mobilisieren kann. Für die Parteien gilt erneut: Nach den Wahlen ist vor den Wahlen. Sie müssen die Ergebnisse und die Reaktionen der Wählerinnen und Wähler auf Bündnisse und Allianzen sorgfältig auswerten und diese Erkenntnisse bei der Aufstellung künftiger Kandidaturen für die Präsidentschaftswahlen – auch parteiübergreifend – berücksichtigen.

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Les Républicains: lokal stark, strategisch unsicher

Bei den französischen Kommunalwahlen konnte die konservative Partei Les Républicains (LR) mehrere symbolisch wichtige Städte von der linken Seite übernehmen. Zu den bedeutendsten Gewinnen zählen Brest, Besançon und Clermont-Ferrand, die zuvor von linken Mehrheiten regiert wurden. Besonders der Machtwechsel in Clermont-Ferrand gilt als bemerkenswert, da die Stadt seit Jahrzehnten als sozialistische Hochburg galt. Auch in weiteren Städten wie Limoges, Cherbourg und Tulle gelang es konservativen Kandidaten, sich durchzusetzen. Insgesamt zeigt sich damit eine starke lokale Verankerung der Partei vor allem in mittelgroßen Städten.

Gleichzeitig blieb der Erfolg in den großen Metropolen begrenzt. In Paris verlor die konservative Kandidatin Rachida Dati deutlich (41,52% gegen 50,52% des sozialistischen Kandidaten Emmanuel Grégoire), während in Lyon der Kandidat des bürgerlich-konservativen Lagers knapp unterlag. Auch in Nantes verfehlte ein konservativer Herausforderer trotz eines vergleichsweisen starken Ergebnisses den Wahlsieg. Besonders schwach schnitt LR in Marseille ab, wo sie historisch niedrige Werte erreichte. Diese Ergebnisse verdeutlichen die Schwierigkeiten der Partei, in großen urbanen Zentren ausreichend Unterstützung zu mobilisieren.

In einigen Großstädten konnte die konservative Seite indirekte Erfolge verbuchen. In Toulouse wurde der amtierende Bürgermeister Jean-Luc Moudenc wiedergewählt, der politisch der Rechten nahesteht. In Bordeaux gewann mit Thomas Cazenave ein Kandidat aus dem politischen Zentrum, der jedoch auch von konservativen Kräften unterstützt wurde. Ein ähnliches Bündnis zeigte sich in Annecy, wo ebenfalls ein Kandidat mit Unterstützung des bürgerlichen Lagers erfolgreich war.

Mehrere Wahlsiege des bürgerlich-konservativen Lagers wurden durch Kooperationen mit Parteien aus dem politischen Zentrum begünstigt. Ein Beispiel dafür ist Clermont-Ferrand, wo der konservative Kandidat gemeinsam mit Parteien des sogenannten „zentristischen Blocks“ antrat und sich gegen eine linke Koalition durchsetzen konnte. In Städten wie Besançon, Brest und Tulle profitierte das konservative Lager außerdem davon, dass sozialistische Kandidaten Bündnisse mit der linksradikalen Partei La France insoumise eingingen, was von den Wählerinnen und Wählern abgestraft wurde.

Der ehemalige Präsident der Républicains, Eric Ciotti, der mit seinem Anschluss an das Rassemblement National im Jahr 2024 eine umstrittene Strategie gewählt zu haben schien und zunächst nur wenige „Überläufer“ für sich gewinnen konnte, setzte sich deutlich mit zehn Punkten Vorsprung vor dem Kandidaten von Horizons durch. Das Duell in Nizza verdeutlichte bereits im Vorfeld die innerparteilichen Spannungen in der Partei LR. Der aktuelle Parteivorsitzende Bruno Retailleau sorgte für Irritationen, weil er vor der Stichwahl keine eindeutige Wahlempfehlung zugunsten des amtierenden Bürgermeisters Christian Estrosi aussprach, der früher Mitglied seiner Partei war. Später präzisierte Retailleau seine Position in einem Beitrag auf X. Darin stellte er klar, dass er Ciotti nicht unterstütze und dessen Nähe zum rechtsextremen Lager ablehne. Gleichzeitig übte er jedoch auch Kritik an Estrosi und bezeichnete den Wahlkampf in Nizza als besonders konfliktreich. Dem amtierenden Bürgermeister warf er vor, im zweiten Wahlgang gezielt, um Unterstützung aus dem linken politischen Lager zu werben.  Innerhalb der Partei existierten jedoch auch gegenteilige Stimmen. So stellte sich der Präsident des Nationalrats der LR und ehemalige Premierminister Michel Barnier öffentlich hinter Estrosi. Er betonte seine uneingeschränkte Unterstützung für den amtierenden Bürgermeister und verwies darauf, dass Estrosi offiziell von der Partei für die Wahl nominiert worden sei. Dieses Gerangel verdeutlichte, wie kompliziert auch die innere Verfasstheit der Partei LR ist.

 

Präsidentenlager: Konsolidierung der Wählerschaft in mittelgroßen Städten

Die Ergebnisse des Präsidentenlagers zeigen ein deutlich gemischtes Bild. Renaissance konnte mit den Siegen in Bordeaux (50,95 % gegen den grünen Amtsinhaber Pierre Hurmic) und Annecy (49,36 % gegen die Linke) zumindest eine lokale Präsenz sichern und seine strategische Neuausrichtung – weniger Kandidaten, dafür gezielte Allianzen – bestätigen. Auch in Nevers wurde der Amtsinhaber erneut gewählt, und insgesamt verdoppelte Renaissance nach eigenen Angaben seine Anzahl an gewählten Kommunalvertretern auf rund 200 Bürgermeister, was die wachsende lokale Durchschlagskraft unterstreicht.

Horizons erreichte gemischtere Ergebnisse: Der ehemalige Premierminister Edouard Philippe konnte in Le Havre seinen Sitz verteidigen (47,71 %), was seine Präsidentschaftsambitionen stützt, während Christian Estrosi mit 37,2 % gegen Eric Ciotti (48,54 %) verlor. Andere Bastionen der Partei wie Angers (Christophe Béchu, 59,03 %) und Reims (Arnaud Robinet, 51,86 %) blieben gesichert, aber die Partei konnte keine neuen Großstädte erobern.

In den drei größten Städten Frankreichs – Paris, Marseille und Lyon – scheiterten macronistische Kandidaten trotz Allianzen: Diese Niederlagen verdeutlichen die begrenzte Schlagkraft des Präsidentenlagers in den urbanen Zentren trotz strategischer Bündnisse.

Insgesamt zeigt sich damit ein differenziertes Bild: Das macronistische Lager konsolidiert seine Basis in mittelgroßen Städten, profitiert von gezielten Allianzen und lokalen Persönlichkeiten sowie strategischer Konzentration, bleibt aber in den größten Metropolen weitgehend abgekoppelt. Für die Präsidentschaftswahl 2027 liefert dies sowohl Chancen – eine stabile, zentristische Wählerbasis – als auch Risiken: die fehlende Durchsetzungskraft in urbanen Hochburgen.

 

Rassemblement National: regional stark verankert, gläserne Decke in den Großstädten

Bei den Kommunalwahlen 2026 konnte das rechtspopulistische Lager deutliche Zugewinne erzielen, auch wenn die Ergebnisse regional sehr unterschiedlich ausfielen. Während die Partei in mehreren größeren Städten hinter den Erwartungen zurückblieb, gelang ihr vor allem in kleineren und mittelgroßen Kommunen ein spürbarer Ausbau ihrer lokalen Präsenz.

Besonders in einigen Großstädten, die zuvor als mögliche Wahlerfolge galten, blieb der Durchbruch aus. Kandidaten der extremen Rechten scheiterten beispielsweise in Toulon, Marseille und Nîmes daran, in urbanen Milieus mit jüngerer und höher gebildeter Wählerschaft ausreichend Unterstützung zu mobilisieren. Dadurch blieb die Zahl der großen Städte unter ihrer Kontrolle weiterhin sehr begrenzt; unter den Städten mit mehr als 100.000 Einwohnern wird weiterhin lediglich Perpignan von der Partei regiert.

Gleichzeitig bestätigten die Wahlergebnisse die bestehenden regionalen Hochburgen der Partei. Vor allem im Südosten und im Nordosten Frankreichs konnte sie zahlreiche Gemeinden gewinnen oder halten und so ihre territoriale Verankerung weiter ausbauen. Im Mittelmeerraum gelangen unter anderem Wahlerfolge in La Seyne-sur-Mer, Six-Fours-les-Plages, La Valette-du-Var, Fréjus, Menton, Tarascon, Bagnols-sur-Cèze, Agde, Elne und Rivesaltes. Weitere Gewinne verzeichnete die Partei etwa in Carcassonne, Orange und Carpentras.

Auch im Nordosten und im ehemaligen Bergbaugebiet konnte die Partei ihre lokale Präsenz ausbauen. Rund um Hénin-Beaumont gewann sie unter anderem die Rathäuser von Liévin, Lillers, Oignies, Courcelles-lès-Lens und Billy-Montigny. In Ostfrankreich kamen zudem Erfolge in Saint-Avold, Amnéville und Wittelsheim hinzu.

Insgesamt verdeutlichen die Ergebnisse eine zunehmende territoriale Spaltung der politischen Unterstützung: Während die Partei in vielen kleineren Städten und strukturschwächeren Regionen weiter an Einfluss gewinnt, stößt sie in großen urbanen Zentren weiterhin an klare Grenzen, was die Theorie einer gläsernen Decke auch in Hinblick auf die Präsidentschaftswahlen 2027 festigt.  Es kann festgestellt werden, dass der Reflex gegen die extreme Rechte weiterhin vorhanden ist, jedoch nicht mehr so systematisch wie zuvor. Die zahlreichen neuen kommunalen Mandate verschaffen der Partei eine deutlich stärkere lokale Verankerung als in früheren Jahren.

 

Linkes Lager: strategisches Chaos vor den Präsidentschaftswahlen 2027

Die Kommunalwahlen 2026 haben innerhalb des linken politischen Lagers eine zentrale strategische Debatte ausgelöst, insbesondere über den Nutzen von Bündnissen mit La France insoumise (LFI). In mehreren Städten zeigte sich, dass solche Allianzen im zweiten Wahlgang nicht automatisch zu Wahlerfolgen führen. So scheiterte in Toulouse der LFI-Kandidat François Piquemal trotz eines Bündnisses mit dem sozialistischen Kandidaten François Briançon gegen den amtierenden Bürgermeister Jean-Luc Moudenc. Ein ähnliches Ergebnis zeigte sich in Limoges, wo ein gemeinsames Bündnis aus LFI, Sozialisten und weiteren linken Parteien deutlich hinter dem konservativen Kandidaten zurückblieb.

Auch in anderen Städten erwiesen sich solche Bündnisse als problematisch. In Clermont-Ferrand verlor der sozialistische Amtsinhaber Olivier Bianchi nach einer Allianz mit LFI gegen einen konservativen Herausforderer. Ebenso wechselte Brest zur politischen Rechten, nachdem der sozialistische Bürgermeister dort mit LFI kooperiert hatte. Beobachter erklären diese Ergebnisse damit, dass solche Allianzen zwar Teile des linken Wählerlagers zusammenführen können, gleichzeitig jedoch viele moderate und bürgerliche Wähler gegen die Koalitionen mobilisieren.

Einige Gegenbeispiele verdeutlichen die strategische Spannbreite innerhalb der Linken. In Nantes konnte die sozialistische Bürgermeisterin Johanna Rolland trotz eines Bündnisses mit LFI ihr Amt verteidigen, während in Städten wie Paris, Saint-Étienne oder Amiens sozialistische Kandidaten teilweise ohne ein solches Bündnis erfolgreich waren. Diese unterschiedlichen Ergebnisse verstärkten die innerlinken Konflikte über die künftige Bündnisstrategie.

Die Strategie von La France insoumise, sich gezielt auf junge Wählerinnen und Wähler und soziale Brennpunkte zu konzentrieren, war erneut erfolgreich: Die radikale Linke, die bisher kaum Städte regierte, gewann unter anderem in Roubaix, Saint-Denis, La Courneuve und Vénissieux. Für die Grünen ergibt sich ein gemischtes Bild. Zwar konnten einige ihrer wichtigsten Städte gehalten werden, darunter Lyon mit Grégory Doucet und Grenoble, wo Laurence Ruffin Éric Piolle nachfolgt, doch diese Erfolge stehen im Schatten deutlicher Niederlagen. In mehreren großen Städten, darunter Strasbourg, Bordeaux, Poitiers und Besançon musste die Partei erhebliche Verluste hinnehmen. Es zeigt sich damit, dass die Euphorie von 2020, als die Grünen überraschend mehrere Metropolen eroberten, deutlich abgeklungen ist: Das Lager stabilisiert sich zwar in einigen Hochburgen, insgesamt jedoch verliert es an Strahlkraft in den urbanen Zentren

Vor diesem Hintergrund gelten die Kommunalwahlen 2026 für das linke Lager als entscheidender Testlauf für die Präsidentschaftswahl 2027. Die Ergebnisse zeigen, dass die Linke vor einem strategischen Dilemma steht: LFI bleibt ein zentraler Akteur, um im ersten Wahlgang erfolgreich zu sein, gleichzeitig kann eine zu enge Verbindung im zweiten Wahlgang moderate Wähler abschrecken. Dieses Spannungsverhältnis stellt daher die wichtigste politische Lehre der Kommunalwahlen für die kommenden Präsidentschaftswahlen dar.

 

Ausblick

Die Ergebnisse der französischen Kommunalwahlen verdeutlichen die starke Zersplitterung der politischen Landschaft in drei Blöcke und ihre inneren Spannungen. Auf der linken Seite offenbart das gemischte Abschneiden der Bündnisse zwischen Sozialisten und LFI eine strategische Sackgasse: Während lokale Allianzen teilweise notwendig erscheinen, wirken sie in vielen Städten abschreckend auf Wähler und verschärfen zugleich die inneren Konflikte im linken Lager. Gleichzeitig bleibt LFI als klar strukturierte Kraft bestehen, während die Sozialistische Partei weiterhin zwischen Kooperation und Abgrenzung schwankt.

Auch auf der rechten Seite bestätigt sich eine ähnliche Dynamik. Der RN bleibt organisatorisch gefestigt und gewinnt in bestimmten Regionen an Einfluss. Er versucht bewusst das bürgerlich-konservative Lager zu destabilisieren, indem es zu Bündnissen aufruft. Parallel dazu deutet sich eine Annäherung zwischen dem macronistischen Zentrum und dem bürgerlich-konservativen Lager an: Mehrere lokale Bündnisse zwischen dem bürgerlich-konservativen Lager und dem Zentrum sowie die wiederholten Aufrufe zur Bündnisbildung zeigen, dass eine strategische Zusammenarbeit gegen die politischen Extreme zunehmend als Option betrachtet wird.

Die hohe Wahlenthaltung relativiert die Aussagekraft vieler Ergebnisse und verdeutlicht die Distanz zwischen Wählerschaft und politischem System. Zugleich dienen die Wahlen als politischer Stresstest, der die Fragmentierung, strategischen Unsicherheiten und internen Machtkämpfe in allen Lagern sichtbar macht und erste Hinweise auf Dynamiken für die Präsidentschaftswahl 2027 liefert.

 

[1]  Bei den im Text angegebenen Prozentzahlen handelt es sich noch nicht um die amtlichen Endergebnisse. Diese standen beim Erstellen dieses Länderberichts noch nicht fest.

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Anja Czymmeck
Leiterin des Auslandsbüros Frankreich
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16 март 2026
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