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Kommunalwahlen in Frankreich 2026

Anja Czymmeck, Max Willem Fricke, Nele Katharina Wissmann

Ein Gradmesser für die Präsidentschaftswahlen

Im März 2026, sechs Jahre nach der letzten Wahl, werden in Frankreich die Kommunalvertretungen neu gewählt. Als letzte landesweite Direktwahlen vor der Präsidentschaftswahl 2027 messen die Parteien diesem Urnengang eine besondere Bedeutung bei, obwohl kommunale Ergebnisse traditionell nur begrenzt nationale Stimmungen abbilden. Angesichts der instabilen nationalen politischen Lage, in der die Kommunalwahlen in diesem Jahr stattfinden werden, könnte sich diese Tendenz jedoch ändern. Seit der Auflösung der Nationalversammlung im Jahr 2024 ist die politische Steuerungsfähigkeit auf staatlicher Ebene geschwächt, parlamentarische Mehrheiten bleiben instabil und das Vertrauen in nationale Institutionen steht unter großem Druck. Es scheint, als könnte die politische Bedeutung der Kommunalwahlen daher diesmal stärker auf nationaler Ebene durchschlagen, beziehungsweise von dieser beeinflusst werden. Entsprechend verschiebt sich der Blick auf die Kommunen: 2026 werden sie zu zentralen Prüfsteinen politischer Glaubwürdigkeit, Handlungsfähigkeit und Organisation.

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Politischer und institutioneller Rahmen 2026

Wenn nationale Regierungsfähigkeit umstritten ist, rücken jene Ebenen in den Fokus, auf denen Politik konkret umgesetzt und überprüft werden kann. Besonders deutlich wird dies an der Rolle der Kommunen – und an der politischen Funktion und dem Vertrauen der Bürgerschaft in die Bürgermeister.

 

Kommunen und Bürgermeister als politische Machtzentren

Die Kommunen spielen im politischen System Frankreichs eine zentrale Rolle. Sie sind für Politikfelder zuständig, die den Alltag der Bürgerinnen und Bürger unmittelbar prägen – etwa Wohnraum, Bildung, Gesundheitsversorgung, Sicherheit, Mobilität und Sauberkeit[i].

Auf kommunaler Ebene erfahren Bürger am unmittelbarsten, wie politische Entscheidungen ihre Lebensrealität beeinflussen. Gerade angesichts der politischen Instabilität auf nationaler Ebene wird hier politische Handlungsfähigkeit besonders sichtbar. Laut einer Umfrage von OpinionWay für die Tageszeitung Les Echos und Radio classique sind Sicherheit (58 %), Lebensumfeld und Umwelt (47 %), lokale Steuern (41 %) sowie Sauberkeit (39 %) die zentralen Themen, die Einfluss auf das Wahlverhalten haben[ii].

Gerade diese Tatsache macht im Jahr 2026 in Frankreich mehr als je zuvor das Bürgermeisteramt zu einer der einflussreichsten und wichtigsten politischen Funktionen unterhalb der nationalen Ebene. Umfragen zeigen, dass es derzeit das Amt ist, dem die Franzosen in der aktuellen Zeit noch weiterhin großes Vertrauen schenken. Der Bürgermeister ist weiterhin die politische Institution, der die Menschen am meisten vertrauen (69 %). Dieses hohe Vertrauen ist seit über zehn Jahren stabil und liegt unabhängig von Krisen bei rund 70 %. Besonders wichtig für dieses Vertrauen sind die wahrgenommene Ehrlichkeit (61 %) und die Fähigkeit, Versprechen einzuhalten (50 %)[iii].

Die besondere Rolle der Kommunen und Bürgermeister erschöpft sich 2026 jedoch nicht in Exekutivmacht und politischer Sichtbarkeit. Sie bilden zugleich das organisatorische Rückgrat parteipolitischer Mobilisierung – eine Funktion, die im Vorfeld der Präsidentschaftswahl 2027 erheblich an strategischer Bedeutung gewinnt.  

 

Kommunalwahlen als strategische Infrastruktur der Parteien

Über ihre institutionelle Bedeutung hinaus sind Kommunen die zentralen Orte politischer Wählermobilisierung. Kommunalwahlen dienen Parteien weniger als unmittelbare Abstimmung über nationale Machtfragen, sondern als Instrument zur Festigung gesellschaftlicher Verankerung, zur Erschließung neuer Wählergruppen und zum Aufbau dauerhafter lokaler Netzwerke.

Mobilisierung erfolgt dabei traditionell weniger ideologisch, sondern vielmehr über konkrete Präsenz, persönliche Bekanntheit und lokale Vertrauensbeziehungen. Ein zentrales Instrument ist die Aufstellung kommunaler Wahllisten. In Gemeinden mit mehr als 1.000 Einwohnern werden Gemeinderäte über vollständig besetzte, paritätische Listen gewählt, deren Kandidatenzahl den zu vergebenden Sitzen – ergänzt um Ersatzkandidaturen – entspricht. Die Fähigkeit, vollständige und ausgewogene Listen aufzustellen, wird somit zu einem Messwert tatsächlicher organisatorischer Stärke der Parteien.

Diese Tatsache wurde bei den letzten Kommunalwahlen zum Stolperstein für die junge En-Marche-Bewegung des Präsidenten Emmanuel Macrons (heute Renaissance), deren lokale Netzwerke noch nicht ausreichend gefestigt waren. Auch der Aufwind des rechts­populistischen Rassemblement National auf nationaler Ebene konnte sich mangels tragfähiger kommunaler Strukturen nicht in durchschlagende Erfolge vor Ort übersetzen. Beide Parteien haben in den vergangenen sechs Jahren aus ihren Schwächen gelernt und gezielt in ihre lokalen Strukturen investiert.

Dennoch bleibt entscheidend: Hinter jeder Wählerliste stehen Menschen, die bereit und in der Lage sein müssen, Verantwortung zu übernehmen. Schon bei den vorgezogenen Parlamentswahlen 2024 wurden die Rechtspopulisten von dieser Realität eingeholt. Zwar stellte die Partei in den meisten Wahlkreisen Kandidaten auf, doch gab es Kontroversen über die Qualität und Tragfähigkeit einiger Bewerber, die von Medien und politischen Gegnern kritisch bewertet wurden. Dies löste Diskussionen über die Fähigkeit der Partei aus, glaubwürdige und verlässliche Kandidaten zu präsentieren.

 

Präsidentschaftswahlen 2027 als strategischer Referenzrahmen

Die Kommunalwahlen 2026 finden am 15. bzw. 22. März (2. Wahlgang) in Frankreich in einer politischen Situation statt, in der die Präsidentschaftswahl 2027 faktisch bereits den zentralen Referenzpunkt politischen Handelns darstellt. Nationale Instabilität, geschwächte Regierungsfähigkeit seit der Auflösung der Nationalversammlung 2024 und der offene Machtkampf um die Nachfolge Emmanuel Macrons überlagern den Wahlkampf auf lokaler Ebene. In diesem Kontext verschiebt sich die Funktion der Kommunalwahlen: Sie dienen nicht mehr ausschließlich der Auswahl kommunalpolitischer Gestaltungsoptionen, sondern werden zunehmend als strategisches Vorspiel nationaler Machtentscheidungen gelesen.

 

Kommunalwahlen als Vorlauf nationaler Machtoptionen

Vor diesem Hintergrund nutzen Parteien, Fraktionen und potenzielle Präsidentschaftskandidaten die Kommunalwahlen 2026 gezielt als Testfeld nationaler Politikfähigkeit. Der Fokus liegt weniger auf einzelnen lokalen Projekten als auf der Erprobung politischer Narrative, der Sichtbarkeit politischer Führungspersönlichkeiten und der Demonstration organisatorischer Stärke. Kommunale Ergebnisse werden damit nicht isoliert bewertet, sondern hinsichtlich ihrer Signalwirkung für 2027 interpretiert.

Diese nationale Überlagerung verändert den Ton des Kommunalwahlkampfs nachhaltig. Lokale Debatten folgen zunehmend nationalen Konfliktlinien – insbesondere in den Bereichen Kaufkraft, Migration, Sicherheit und institutionelles Vertrauen. Polarisierung und Personalisierung gewinnen an Bedeutung, während pragmatische, konsensorientierte Lösungsansätze an Resonanz verlieren. Kommunalwahlen werden damit weniger als lokaler Problemlösungsmechanismus wahrgenommen, sondern als politischer Stimmungstest mit nationaler Reichweite.

 

Nationale Verwertbarkeit und ihre Folgen für Parteien und Wählerschaft

Die stärkere nationale Aufladung erhöht zugleich den strategischen Druck auf die Parteien. Lokale Bündnisse, Kandidaturen und Listenaufstellungen orientieren sich verstärkt an ihrer nationalen Anschlussfähigkeit. Parteizentralen greifen häufiger in kommunale Entscheidungsprozesse ein, um kohärente politische Signale zu setzen. Dies führt nicht selten zu Spannungslagen zwischen nationalen Strategien und lokal verankerten Akteuren. Bereits in den vergangenen Jahren standen Parteizentralen aufgrund der sogenannten „Parachute-Kandidaten“ (bildlich Kandidaten, die von Paris aus wie mit dem Fallschirm abgeworfen werden) zum Nachteil von lokal gut verankerten Kandidaten, in starker Kritik.

Sicherlich wird auch das Wählerverhalten von nationalen Entwicklungen beeinflusst. Im Unterschied zu den Europawahlen 2024, die insbesondere als Protestwahl aufgefallen sind[iv], ist ein solcher Effekt bei den Kommunalwahlen 2026 eher nicht zu erwarten. Der Grund ist, dass diejenigen, die auf nationaler Ebene momentan die (relative) Mehrheit haben (Renaissance und Verbündete) sowie diejenigen, die Verantwortung tragen (Macron), kommunal gar nicht stark verankert sind (siehe Absatz dazu)[v]. Dennoch steigt parallel das Risiko politischer Entfremdung, wenn der Eindruck entsteht, dass kommunale Entscheidungen zunehmend von nationalen Machtkämpfen überlagert werden[vi].

Insgesamt erfahren die Kommunalwahlen 2026 damit eine funktionale Verschiebung: Sie gehen über ihre klassische Rolle hinaus, lokale Legitimation zu schaffen, und werden zugleich zu einem Test für die nationale Politikfähigkeit der Parteien. Wichtiger als kurzfristige Stimmungen ist dabei, welche politischen Akteure lokale Verankerung, organisatorische Stärke und nationale Anschlussfähigkeit verbinden – und damit echte Chancen für 2027 haben.

 

Zentrale Akteure und Parteien

Die zunehmende Nationalisierung der Kommunalwahlen 2026 zeigt sich besonders deutlich in den Strategien der politischen Parteien. Vor diesem Hintergrund passen alle relevanten Akteure ihre kommunalen Strategien gezielt an.

 

PS und LR: Lokale Bastionen unter nationalem Legitimationsdruck

Die Parti socialiste (PS) stützt ihre politische Existenz weiterhin maßgeblich auf ihre kommunale Verankerung. In 15 der 42 Städte mit über 100.000 Einwohnern, darunter Paris, Nantes, Rennes und Lille, stellt sie aktuell den Bürgermeister. Diese kommunale Präsenz fungiert zunehmend als politisches Gegengewicht zu ihrer nationalen Schwäche. Angesichts niedriger Zustimmungswerte auf nationaler Ebene setzt die PS bewusst auf profilierte, lokal etablierte Persönlichkeiten, um ihre Hochburgen zu verteidigen und zugleich die Ambitionen von La France insoumise (LFI) einzudämmen. Für die PS werden die Kommunalwahlen 2026 weniger zur Chance auf politische Expansion, sondern eher zur Bewährungsprobe ihrer noch bestehenden Glaubwürdigkeit und Legitimität[vii].

Auch Les Républicains (LR) beziehen ihre verbliebene politische Stärke vor allem aus der lokalen Ebene und müssen die Kommunalwahlen dazu nutzen, politisch weiter präsent zu bleiben. Trotz empfindlicher Verluste bei den Kommunalwahlen 2020 – etwa in Marseille und Bordeaux – hält die Partei weiterhin 14 Bürgermeisterämter in Städten mit über 100.000 Einwohnern. Davon allerdings Nîmes mit 150.000 Einwohnern die größte Stadt und damit keine der 10 bevölkerungsreichsten Städte[viii]. Diese kommunale Stärke kontrastiert zunehmend mit dem anhaltenden Bedeutungsverlust auf nationaler Ebene. Gerade deshalb kommt den Kommunalwahlen 2026 für LR eine strategische Schlüsselrolle zu. Ihre Position im Senat, in dem sie weiterhin die Mehrheit stellt, hängt strukturell von starken kommunalen Ergebnissen ab. Weitere Verluste würden nicht nur das lokale Machtgefüge, sondern auch die institutionelle Stellung der Partei im politischen System Frankreichs erheblich schwächen. 

 

Divergierende nationale Dynamiken, gemeinsame kommunale Schwäche: Präsidentenmehrheit (Renaissance und Verbündete) und Rassemblement National

Trotz gegensätzlicher nationaler Entwicklungen – die Macron-Partei Renaissance verlor zwischen 2017 und 2024 ihre Mehrheit in der Nationalversammlung (von 350 auf 168 Sitze), während der Rassemblement National (RN) deutlich zulegen konnte (von 8 auf 143 Sitze) – teilen beide Parteien eine zentrale Schwäche: ihre begrenzte kommunale Verankerung. Damit bleibt die lokale Ebene für Renaissance wie für den RN ein strategischer Schwachpunkt und ein entscheidendes Thema für die Kommunalwahlen 2026.

Für Renaissance stellen die Kommunalwahlen im Jahr 2026 daher einen doppelten Realitätstest dar. Bereits 2020 war es der Bewegung nicht gelungen, sich nachhaltig in den Kommunen zu etablieren. Angesichts des absehbaren Endes von Emmanuel Macrons Präsidentschaft im Jahr 2027, schwacher Zustimmungswerte sowie zunehmender interner Zukunftsdebatten geht es für die Partei weniger um kurzfristige Wahlerfolge als vielmehr um die grundlegende Frage ihrer politischen Überlebensfähigkeit jenseits des macronistischen Machtzentrums. Mit Gabriel Attal rückt ein neues Gesicht in den Vordergrund, dass diesen Übergang symbolisieren soll. Attal betont bewusst Demut und verzichtet darauf, der Partei konkrete Zielmarken zu setzen – ein klares Zeichen für ihre defensive Ausgangslage. Punktuelle Erfolge – etwa in Bordeaux, Marseille oder Paris – gelten vor allem dort als realistisch, wo Kooperationen mit Kräften der demokratischen Mitte möglich erscheinen[ix]. Für Renaissance ist 2026 daher weniger eine Chance auf einen großen Durchbruch, sondern vor allem ein Test ihrer organisatorischen Anpassungs- und Anschlussfähigkeit. Langfristig wird nur eine starke lokale Verankerung den Erfolg sichern, ob dies jedoch in den letzten sechs Jahren gelungen ist, bleibt fraglich.

Der Rassemblement National geht aus einer gestärkten nationalen Position in die Kommunalwahlen 2026, bleibt jedoch strukturell nur schwach lokal verankert. Mit rund zehn Bürgermeisterämtern, einer begrenzten Präsenz in Großstädten und lediglich acht Stadträten aus dem Wahlgang 2020 verfügt die Partei bislang über eine schmale kommunale Basis. Innerparteilich wird dieses Defizit zunehmend als strategische Achillesferse wahrgenommen – insbesondere mit Blick auf den Anspruch des RN, bei der Präsidentschaftswahl 2027 Regierungsverantwortung zu übernehmen.

Entsprechend zielt die Strategie des RN im Kommunalwahlkampf darauf ab, seine lokale Präsenz auszubauen und zugleich sein politisches Profil auf andere Themen zu erweitern. Neben dem Kernthema Sicherheit rücken verstärkt Fragen von Wohnen, Verkehr und Lebensqualität in den Vordergrund, um kommunale Regierungsfähigkeit zu demonstrieren und das Image einer reinen Protestpartei zu überwinden. Erfolgschancen sieht der RN vor allem in Städten wie Toulon, Marseille[x] und Nîmes, wo soziale Spannungen und sicherheitspolitische Debatten auf etablierte lokale Konfliktlinien treffen.

Insgesamt zeigt sich: Renaissance und RN sehen sich 2026 zwar unterschiedlichen nationalen Trends gegenüber, stehen aber vor ähnlichen kommunalen Herausforderungen. In den Kommunalwahlen wird sich für beide Parteien zeigen, ob es ihnen gelingt, nationale politische Dynamik in stabile lokale Strukturen zu übersetzen – oder ob die Lücke zwischen nationaler Präsenz und kommunaler Verankerung für die Wählerinnen und Wähler spürbar bleibt.

 

Druck der politischen Ränder

Auch die Akteure der politischen Ränder verfolgen eigenständige Strategien, die weniger auf kurzfristige kommunale Machterfolge als auf nationale Sichtbarkeit und Mobilisierung zielen.

Die rechtsextreme Partei Reconquête tritt trotz weiterhin begrenzter lokaler Strukturen bei den Kommunalwahlen 2026 an und versucht sich so aus der nationalen Versenkung seit den Präsidentschaftswahlen 2022 freizukämpfen. In Paris setzt die Partei mit Sarah Knafo auf eine stark personalisierte Kampagne. Als prominente Vertreterin des Zemmour‑Lagers inszeniert sie sich als „Stimme des Wandels“ und wirbt mit dem positiv besetzten Narrativ eines „Wiederaufbaus der Stadt“. Ziel ist dabei weniger die Eroberung kommunaler Mandate als die mediale Präsenz und die Ansprache politisch aufgeschlossener urbaner Milieus im Hinblick auf künftige nationale Mobilisierung. Laut Parteichef Zemmour möchte die Partei ihre Ideen in der Fläche verbreiten[xi]. Überraschend erreicht Knafo in den Umfragen derzeit solide 9 % und liegt damit vor dem Kandidaten des rechtspopulistischen Rassemblement National, Thierry Mariani[xii]. Dies widerspricht sowohl dem nationalen Trend – in dem Reconquête kaum noch eine Rolle spielt – als auch den lokalen Gegebenheiten, da Paris traditionell nur über eine sehr geringe rechtspopulistische Wählerschaft verfügt. Ein neuer Trend zeichnet sich seit den vorgezogenen Parlamentswahlen 2024 ab: In Paris selbst (alle Wahlkreise der Hauptstadt zusammengerechnet) erhielt das Rassemblement National beim ersten Wahlgang etwa 10,7 % der Stimmen. Das ist ein deutlicher Anstieg im Vergleich zu früheren Wahlen und zeigt eine relative Stärkung im urbanen Zentrum, bleibt aber deutlich unter dem nationalen Durchschnitt von rund 29–33 % für den RN.

La France Insoumise (LFI) verfolgt, gestützt auf die nationalen Zerwürfnisse innerhalb des Linksbündnisses, einen bewusst eigenständigen und konfliktbetonten Kurs gegenüber anderen linken Kräften, insbesondere der Parti socialiste. Kommunalmandate dienen LFI vor allem als Projektionsflächen politischer Auseinandersetzung und als organisatorische Basis für außerparlamentarische Mobilisierung. Im Unterschied zu PS und LR steht für LFI weniger die Verwaltung bestehender Machtstrukturen als die Politisierung des kommunalen Raums im Zentrum. Insgesamt bleibt das Ziel von La France insoumise bescheiden und zielt auf zwei bis drei Bürgermeisterämter ab. Vorrangig geht es der Bewegung darum, die Zahl ihrer Mandatsträger in den Gemeinderäten zu erhöhen und damit die Chancen auf den Einzug in den Senat bei den Senatswahlen im Herbst 2026 zu erhöhen. Die oberste Priorität bleibt dabei unverändert: die Präsidentschaftswahl. Trotzdem bleibt: proportional zur Stärke in der Nationalversammlung gesehen bietet La France Insoumise die größte Anzahl an Listenplätzen, noch vor dem Rassemblement National[xiii].

Insgesamt zeigen diese unterschiedlichen Ansätze deutlich die zentrale Dynamik der Kommunalwahlen 2026: Sie verschieben sich von lokal abgeschlossenen Machtkämpfen hin zu einem strategisch auf die nationale Ebene ausgerichteten Wettbewerb. Kommunale Kandidaturen, Kampagnen und Wahlergebnisse werden zunehmend unter dem Gesichtspunkt ihrer nationalen Aussagekraft betrachtet – als Vorentscheidungen, Signale und Mobilisierungstests auf dem Weg zur Präsidentschaftswahl 2027.

 

Ausblick

Eine am 8. Januar 2026 von Ifop für Fréquence Commune veröffentlichte Umfrage[xiv] zeigt kurz vor den Kommunalwahlen 2026 eine starke Forderung der Bevölkerung nach einem grundlegenden Wandel der lokalen Demokratie. 74 % der Franzosen wünschen sich, dass Gemeinden künftig nicht mehr von Parteien, sondern von parteiunabhängigen Bürgern aus der Zivilgesellschaft geführt werden.

Besonders geschätzt werden Kandidierende mit lokaler Verwurzelung und Praxisnähe. Mehr als die Hälfte bevorzugt sogar Personen, die noch nie ein politisches Mandat ausgeübt haben. Politische Erfahrung wird akzeptiert, solange sie nicht mit Parteizugehörigkeit verbunden ist. Entsprechend wünschen sich 66 % der Befragten, dass bei den Wahlen 2026 eine bürgergetragene, partizipative Liste in ihrer Gemeinde antritt.

Auch potenzielle Kandidaten teilen diese Haltung: 75 % von ihnen würden lieber auf einer solchen Bürgerliste als auf einer Parteiliste kandidieren, besonders in kleineren Gemeinden. Zudem halten 74 % das derzeitige kommunale Regierungssystem für zu hierarchisch und fordern mehr direkte Beteiligung. 22 % befürworten sogar Formen direkter Demokratie.

Die Franzosen erwarten für die Kommunalwahlen 2026 also nicht nur neue Gesichter, sondern auch eine neue Art der kommunalen Regierungsführung: stärker partizipativ, horizontal und bürgernah.

 

Fazit

Die Kommunalwahlen 2026 erlauben keine direkte Prognose für den Ausgang der nächsten Präsidentschaftswahl. Vielmehr dienen sie als politische Standortbestimmung der parteipolitischen Lager. Sie machen das Spannungsfeld sichtbar, in dem sich die Parteien derzeit bewegen: zwischen lokaler Verwurzelung, der persönlichen Bekanntheit der Kandidaten und einem wachsenden Anspruch auf nationale Macht.

Zwar liefern die Wahlergebnisse wichtige Hinweise auf politische Stimmungen, organisatorische Stärke und Mobilisierungspotenziale, sie spiegeln jedoch keine präsidialen Mehrheiten wider. Lokale Konstellationen, spezifische Themen und die starke Personalisierung der Kommunalpolitik überlagern nationale Parteipräferenzen.

Gleichzeitig haben die Kommunalwahlen spürbare Auswirkungen auf die nationale Ebene. Sie beeinflussen Parteistrategien, verschieben innerparteiliche Kräfteverhältnisse und wirken als Katalysator für neue Allianzen, Abgrenzungen und die Vorbereitung künftiger Kandidaturen – insbesondere im Hinblick auf die Präsidentschaftswahlen 2027 und ggf. vorgezogener Parlamentswahlen im Nachgang Letzterer.

Darüber hinaus fungieren die Kommunalwahlen 2026 als Belastungstest politischer Verankerung. Sie zeigen, welche Parteien über stabile lokale Netzwerke verfügen, in der Fläche präsent sind und Wähler mobilisieren können – und bei welchen Akteuren die nationale Sichtbarkeit auf kommunaler Ebene an ihre Grenzen stößt.

In diesem Sinne sind die Kommunalwahlen weniger ein Vorgriff auf den Élysée-Palast als vielmehr ein Gradmesser politischer Substanz, organisatorischer Tiefe und strategischer Anschlussfähigkeit.

 

 

 

[i] https://www.vie-publique.fr/fiches/19613-quest-ce-quune-commune (23. Januar 2026).

[ii] https://www.opinion-way.com/wp-content/uploads/2026/01/OpinionWay-pour-Les-Echos-et-Radio-Classique-Barometre-Municipales-2026-Janvier-2026.pdf (26. Januar 2026).

[iii] https://www.ipsos.com/fr-fr/municipales-2026-le-maire-une-figure-de-confiance-dans-une-democratie-fragmentee (27. Januar 2026). 

[iv] https://www.publicsenat.fr/actualites/politique/europeennes-2024-le-vote-sanction-contre-emmanuel-macron-carburant-de-nombreux-electeurs (23. Januar 2026).

[v] https://www.lemonde.fr/politique/article/2026/01/22/municipales-2026-un-scrutin-incertain-a-un-an-de-la-presidentielle_6663598_823448.html (29. Januar 2026).

[vi] https://www.lemonde.fr/idees/article/2025/10/21/les-maires-s-interrogent-sur-la-maniere-dont-le-chaos-national-influencera-l-humeur-des-electeurs-a-l-heure-des-municipales_6648703_3232.html (29. Januar 2026).

[vii] https://www.politis.fr/articles/2025/12/enquete-municipales-entre-le-ps-et-lfi-le-grand-champ-de-bataille/ (30. Januar 2026).

[viii] https://www.lemonde.fr/politique/article/2025/03/16/municipales-2026-dans-les-grandes-villes-les-republicains-tentent-de-dejouer-leur-disparition-annoncee_6582121_823448.html (30. Januar 2026).

[ix] https://www.lemonde.fr/politique/article/2025/12/17/municipales-2026-renaissance-parie-sur-les-alliances-des-le-premier-tour-pour-tenter-d-eviter-la-deroute-de-2020_6658306_823448.html (29. Januar 2026).

[x] https://www.lefigaro.fr/politique/municipales-2026-jordan-bardella-espere-voir-le-rn-remporter-plusieurs-dizaines-de-communes-20260122 (28. Januar 2026).

[xi] https://www.lefigaro.fr/politique/municipales-reconquete-proposera-evidemment-la-fusion-des-droites-au-second-tour-affirme-zemmour-20260115 (30. Januar 2026).

[xii] https://www.ifop.com/article/le-climat-politique-a-paris-13/ (30. Januar 2026).

[xiii] https://www.ledauphine.com/elections/2025/11/29/on-y-va-franchement-lfi-et-le-rn-envoient-leurs-deputes-stars-a-l-assaut-des-villes (29. Januar 2026).

[xiv] https://www.frequencecommune.fr/2026/municipales-2026-74-des-francaises-ne-veulent-plus-des-partis-a-la-tete-des-communes/ (28. Januar 2026).

 

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Anja Czymmeck
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