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Aus der Vogelperspektive

Bernhard Vogel: Der CDU-Grande wird 75. Anekdotische Erinnerungen an wichtige Wegmarken seines Lebens

Namen sind nie nur Schall und Rauch. Es gibt die Theorie, dass sie eine vorausbestimmende Wirkung für die Berufswahl haben. Zur Berufung der Brüder Bernhard (CDU) und Hans-Jochen (SPD) als Politiker passt Vogel trefflich. Vögel haben den Überblick, leben aber auch gefährlich. Ihre Parteien hätten mit ihnen den Vogel abschießen können, wenn sie beide jeweils so frei gelassen hätten, wie sie es brauchten. So aber mussten die Brüder ihnen hin und wieder den Vogel zeigen.

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Der Bruder Jochen beispielsweise, als rheinland-pfälzische Vogelfänger

Bernhard auf die Erde geholt hatten - zum eigenen bis heute nicht

überwundenen Schaden. Seither kann die CDU in jenem Bundesland nicht mehr

regieren. Jochen kommentierte das so: „So geht's, wenn man mit den Brüdern

Vogel nicht anständig umgeht."

Ihr gutes Verhältnis zueinander trotz der politischen Gegnerschaft ihrer

Parteien verdanken sie unter anderem der Erziehung ihrer Mutter, die

positive Zeitungsartikel über den einen stets dem anderen zuschickte. Dazu

kommt beider Humor. Bei Bernhard ist er unbestritten, er fehlt aber auch

Hans-Jochen nicht. Nachdem der Ältere als SPD-Kanzlerkandidat gegen Helmut

Kohl aufgestellt worden war, telegrafierte der Jüngere: „Lieber Bruder, du

gehst einen schweren Gang. Ein neuer Fahrer macht aus einem Auto, das nicht

fahrtüchtig ist, keinen Rennwagen." Hans-Jochen konterte: „Lieber Bruder,

lieber ein zuverlässiger Oldtimer als ein ferngesteuerter Rennwagen mit

konditionsschwachem Beifahrer."

Humor hat, wer über sich lächeln kann. Bernhard zum Beispiel, wenn er

erzählt: Als er 1965 in den Bundestag gewählt wurde, war Ludwig Erhard

Bundeskanzler, und der Alte, Konrad Adenauer, brachte dem damals jüngsten

Abgeordneten bei einer Tasse Tee die Relativitätstheorie des Alterns im

rheinischen Tonfall bei: „Herr Vogel, Sie glauben wohl, Sie seien jung. Das

will ich Ihnen sagen: Die Jungen von heute sind wesentlich jünger als Sie."

Bernhard Vogels Heiterkeit darf nicht über seinen harten Kern

hinwegtäuschen. Zweimal ist er gegen den Willen von Helmut Kohl dessen

Nachfolger in Mainz geworden, als CDU-Landesvorsitzender gegen Heiner Geißler

und als Ministerpräsident gegen Wilhelm Gaddum. Das änderte nichts daran,

dass er stets mit Kohl verbunden blieb und auch in der Spendenaffäre

vermitteln konnte. Seine Kommunikationsfähigkeit ist es auch, die seinen

nachhaltigen Einfluss in der Union mitbegründet.

Anschaulich berichtet Bernhard Vogel von seiner Berufung nach Thüringen -

diesmal mit dem Willen von Helmut Kohl. Vogel, Vorsitzender der

Konrad-Adenauer-Stiftung, dachte wohl, dass er in dieser Aufgabe sein

Lebenswerk abrunden werde. Am 27. Januar 1992 sitzt er mittags mit der

Leitung der Harms-Seidel-Stiftung in einem Münchner Wirtshaus, „als eine

dralle bayerische Kellnerin ruft: Haast hia oana Vogel?" Am Telefon ist der

Bundeskanzler. Vier Stunden später ist Vogel in Erfurt. Am Abend ergibt die

geheime Abstimmung über seine Nominierung zum Thüringer Ministerpräsidenten

40 Ja- und eine Gegenstimme. Erst nach Mitternacht ist er im Gästehaus

Cyriaksburg. „Einen Schlafanzug und eine Zahnbürste hatte ich nicht dabei.

Heute weiß ich, es begann das größte Abenteuer meines Lebens." Darauf war er jedoch gut vorbereitet. Schon als Mainzer Ministerpräsident

hatte Vogel Jahr für Jahr einen anderen Bezirk der DDR besucht.

Dass Bernhard Vogel von seinem Humor verlassen wurde, geschah selten. Am

bekanntesten ist die Szene, als die eigene Landespartei ihn 1988 mit einem

ehrgeizigen Fraktionsvorsitzenden, dessen Namen heute kaum noch einer kennt,

gestürzt hatte. Da sauste Vogel aus dem Saal, nachdem er zuvor pathetisch

gerufen hatte: „Gott schütze Rheinland-Pfalz!" Doch bald schon sollte sein

Lachen zurückkehren. Das hat er heute noch als neuer alter Vorsitzender der

Adenauer-Stiftung.

Bernhard Vogel hat - genauso wie sein Bruder – ein Leben lang darauf

verzichtet, Vogel-Strauß-Politik zu betreiben. Beide sind auch nicht dem

Vogelzug des Aristophanes gefolgt. In dessen Komödie „Die Vögel" wird ein

neues Reich gegründet, „Nephelokokkygia": das Wolkenkuckucksheim. Bald

stellen sich Schmarotzer, Neider und andere Figuren ein, wie sie Bernhard

Vogel auf den Bühnen seines Lebens gewiss kennengelernt hat. Auch deshalb

hat er es vorgezogen, statt ins Wolkenkuckucksheim zu fliegen, lieber an der

Bewahrung der Schöpfung auf Erden mitzuwirken und deren Berge mitunter

mühselig zu ersteigen.

Mit freundlicher Genehmigung des Rheinischen Merkurs (erschienen am 13. Dezember 2007)

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