Säkularer Götzendienst

Das säkulare Deutschland huldigt einem neuen Götzen: der unbeschränkten Meinungsfreiheit. Erstes Gebot die polternde Provokation. Und die Fürbitten enden mit einem „Das muss man doch auch mal sagen dürfen.“ Darf man. Eine mäßig witzige Trickserie über den Papst senden. Menschen in so genannten Doku-Soaps als verblödet, fernsehsüchtig und fett ins prekäre Licht rücken. Und nicht zuletzt: Mohammed karikieren.

Dafür bietet der Staat umfassende Freiheiten der freien Rede, Meinung und Religion. Niemand kann diese Rechte ernsthaft in Zweifel ziehen, ohne sich von den wichtigsten demokratischen Prinzipien gefährlich zu entfernen. Aber: Auch in einer Gesellschaft, die Pluralität von Religion, sozialer und nationaler Herkunft, Geschlecht und Gesinnung bejaht, gilt das Prinzip der Angemessenheit. Das heißt natürlich nicht, dass in vorauseilendem Gehorsam alle streitbaren Kommentare ihrer Polemik beraubt werden sollen. Auch nicht, alle vermeintlich gotteslästerliche Ironie in einem Akt der Selbstzensur zu unterdrücken. Es heißt nur, dass es etwas gibt, was noch höher zählt als mein theoretisches Recht auf jede beliebige Ansichtssache. Und das ist die Würde des Menschen.

Dessen Achtung erhält durch das deutsche Grundgesetz, nicht zuletzt aber auch durch Texte wie den Pressekodex sehr lebensweltliche Richtlinien. Die Pflicht der Medien ist zunächst einmal die sorgfältige Information. Und darin, das zeigen die meisten zu Skandalen aufgeblasenen Meinungsverschiedenheiten liegt die Crux. Wer seine Meinung lediglich als kraftmeierndes „Ich darf!“ hinausschreit, ist an Information nicht interessiert, die ja Grundlage für jede Meinung ist. Nicht an seiner, nicht an der seiner Leser oder Hörer. Wer die Aufklärung „allein als beherzten Tabubruch“ inszeniert, wie Bischof Franz Kamphaus formuliert, der mag sich auf seine Meinungsfreiheit berufen. Er ist aber nur einer von vielen, die echte Meinung auf dem Altar der selbstverliebten Beliebigkeit opfern. Wenn Meinung allein zum Reflex, zur tagespolitischen Empörung gefriert, dominiert pubertärer Trotz wo Sachverstand herrschen sollte. Das beweist zwar Nerven, aber kein Gespür. Denn eine wesentliche Grundfeste der Meinungsfreiheit ist die Offenheit zum Dialog. Wer sich auf die Pluralität beruft, muss auch an sie glauben.

Britta Voß

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