Adnan Abidi, Reuters

Auslandsinformationen

Zwischen Wettrüsten und Allianzbildung

von Romina Liesel Elbracht, Ann-Margret Bolmer

Wie Pakistan und China die indische Verteidigungspolitik bestimmen

Obgleich Indiens nationale Sicherheit nach der Unabhängigkeit des Landes 1947 gleichermaßen durch Konflikte mit den Nachbarstaaten Pakistan und China gefährdet wurde, ist es aktuell vor allem das Reich der Mitte, das zum Maßstab indischer Verteidigungsmaßnahmen avanciert. Das indische Militär muss sich grundlegenden Reformen unterziehen, um zukünftigen Herausforderungen gewachsen zu sein. International will das aufstrebende Indien seine Strategische Autonomie zwischen den Weltmächten wahren.

In Indien kreist der öffentliche Diskurs nicht selten um Pakistan und um die Terrorgefahr, die, so der Vorwurf von indischer Seite, von dem Land ausgeht. Gleichzeitig ist die konventionelle Überlegenheit Indiens, demonstriert durch den Gewinn aller Kriege gegen Pakistan, omnipräsent. Während Pakistan für Indien ein kurzfristiges taktisches Problem ist und bleibt, avanciert China zunehmend zum entscheidenden Parameter der indischen Rüstungsmodernisierung, der das künftige Machtverhältnis in der Region maßgeblich prägen wird. Ein weiterer Aspekt ist die nach wie vor angespannte Situation in der Kaschmir-Region, auf die Indien und Pakistan einen Anspruch erheben. Dieser Konflikt erreichte im Februar 2019 einen zusätzlichen Höhepunkt während des Terroranschlags im Bezirk Pulwama. Die indische Regierungspartei Bharatiya Janata Party (­BJP) verlagerte im Anschluss ihre politische Wahlkampagne auf das Thema der nationalen Sicherheit und schaffte es damit, ihr Wahlergebnis aus 2014, bei dem sie im indischen Unterhaus die absolute Mehrheit erhielt, bei den diesjährigen Parlamentswahlen sogar zu überbieten. Ein Dialog zwischen Indien und Pakistan scheint zum jetzigen Zeitpunkt in weite Ferne gerückt. China zeigt sich unterdessen als Unterstützer Pakistans und strebt weitere Investitionen im Zuge seiner Seidenstraße-Initiative an.

Indien teilt sowohl mit Pakistan als auch mit China umstrittene Grenzen, die die konkurrierenden territorialen Ansprüche der Länder unterstreichen. Die Line of Control (LoC), eine De-facto-Grenze zu Pakistan, und die Line of Actual Control (­LAC), die das von Indien kontrollierte Gebiet von dem chinesisch kontrollierten Gebiet im Bundesstaat Jammu und Kaschmir trennt, sind seit Jahrzehnten Ursprung zahlreicher Konflikte. Indien befindet sich inmitten eines sicherheits­politisch herausfordernden Umfelds und steht mit den oben genannten Staaten zwei unmittelbaren Gegnern gegenüber, die ihre Militärkapazitäten derzeit entscheidend modernisieren.

Der nachstehenden Analyse soll folgende These zugrunde liegen: Obwohl der Faktor Pakistan das (Auf-)Rüstungsverhalten Indiens weiterhin entscheidend mitbestimmt und einen Schwerpunkt der indischen Außenpolitik darstellt, entwickelt sich China rapide zur langfristigen strategischen Herausforderung vor allem im Rüstungsbereich. Diese Entwicklung geht einher mit der Frage, ob Indien angesichts des militärischen Drucks eher ein Bandwagoning an die ­USA vorziehen wird oder weiterhin den langjährigen Verbündeten Russland präferiert. Gleichzeitig steht die Frage im Mittelpunkt, welche rüstungspolitischen Dynamiken zwischen Weltmächten und denen, die es werden wollen, derzeit eine Rolle spielen. Laut Analyse des Stockholm International Peace Research Institute (­SIPRI) war Indien im Zeitraum 2014 bis 2018 zweitgrößter Waffenimporteur nach Saudi-­Arabien, während die ­USA bei Waffenexporten unangefochten auf dem ersten Platz rangiert, gefolgt von Russland, das, trotz Rückgangs der Exporte, größter Waffenlieferant Indiens bleibt.

 

Abb. 1: Anteil der größten Waffenimporteure weltweit 2014 – 2018 (in Prozent)

https://www.kas.de/documents/259121/7090421/elbracht_bolmer_waffenimporteure_DE_web.svg/8ff4f73e-1b92-dfb5-a93d-a8cfee247966?t=1568626752828

Quelle: Eigene Darstellung nach SIPRI database 2019.

 

Indiens ständiger Wettlauf mit China

China ist nach wie vor ein zentrales Thema für die indischen Regierungschefs in Bezug auf Sicherheits- und Verteidigungsstrategien, dies aber in einer viel multidimensionaleren Form als noch in den 1960er Jahren. Damals führte China nach dem Sieg im Grenzkrieg von 1962 zwei Jahre später einen Atomtest durch, der den Indern große Sorgen bereitete.

Die Gefahr, die Indien aktuell in China sieht, lässt sich anhand folgender Punkte zusammenfassen:

  • 1. eine lange indisch-chinesische Grenze, an der China die Oberhand behält, wenn es um Bodenangriffsoffensiven geht,
  • 2. die Aufrechterhaltung der chinesischen Unterstützung Pakistans,
  • 3. eine industrielle und wirtschaftliche Dominanz gegenüber Indien,
  • 4. steigende chinesische Seemacht-Kompetenzen, die Indien im Indopazifik entscheidend herauszufordern vermögen.

Was die indischen Luftstreitkräfte betrifft, so zeichnen sich diese derzeit vor allem durch eine schwer durchschaubare Typenvielfalt aus, die eine Interoperabilität zwischen den verschiedenen Systemen erschwert, sowie durch das schnelle Altern der einmotorigen indischen Flotte, wie die einstrahligen russischen Abfangjäger MiG-21. Bei anderen Modellen wie den französischen Mehrzweckkampfflugzeugen Mirage 2000 und Rafale mangelt es an Stückzahlen. Aufgrund von Sicherheitsbedenken der Indien beliefernden Staaten sind keine Codes verfügbar, die eine Kommunikation russischer Systematik mit westlichen Daten möglich machen würden. Das bedeutet für Indien, dass keine Synergien zwischen den Flotten geschaffen werden können.

Die indische Antwort auf steigende chinesische Kapazitäten, die von Atom-U-Boot-Flotten bis zu modernen Flugzeugträgern reichen, erscheint bislang unzureichend. Zum einen liegt dies an dem knappen indischen Budget sowie zum anderen am fehlenden Zugang zu westlicher Technologie, welche der chinesischen erfahrungsgemäß überlegen ist. Anstatt sich für einen einheitlichen Kurs zu entscheiden, der auf U-Booten, Schiffen, Elektronik und Datenbanken aus dem Westen basiert, wählt Indien für die Zukunft eine Strategie, die auf drei verschiedenen Flugzeugträgern fußt, von denen jeder ein anderes Flugzeug tragen wird. Trotz des im Grunde existierenden Zugangs zu überlegener Technologie bedeuten die derzeitigen indischen Beschaffungsstrategien somit, dass ein technologischer Vorteil nicht vorhanden ist und der massive militärisch-industrielle Komplex Chinas angesichts der fraktionierten und nicht kompatiblen indischen Flotte einen signifikanten Vorsprung erlangen wird. Zusammenfassend ist festzuhalten, dass China eine deutliche langfristige Bedrohung für Indien darstellt, zumal Indien keiner klaren Strategie zum Umgang mit China folgt.

 

Tabelle 1: Streitkräfte Indiens und Chinas im Vergleich (nach Waffengattungen, Klassen bzw. Soldaten, Stand 2019)

https://www.kas.de/documents/259121/7090421/elbracht_bolmer_streitkr%C3%A4fte_DE_web.svg/46fd6598-cd38-fc78-9c79-063394e91b2d?t=1568627097250

Quelle: Eigene Darstellung nach The International Institute for Strategic Studies 2019, The Military Balance 2019, London, zitiert in: Pant / Bommakanti 2019.

 

Chinesische Ambitionen in Pakistan

Die strategische Zusammenarbeit zwischen China und Pakistan vermag Neu-Delhi militärisch stärker als alles andere herauszufordern. Abgesehen von der Seekooperation hat sie auch an anderen Fronten zugenommen und profitiert von der verbesserten Interoperabilität zwischen den Streitkräften beider Länder. Diese erstreckt sich auch auf militärische Hardware mit zunehmender Kompatibilität in der Ausrüstung. Die pakistanische Luftwaffe setzt in China gebaute Jets ein und führt gleichzeitig gemeinsame Übungen mit der Luftwaffe der chinesischen Volksbefreiungsarmee (­VBA) durch.

Der chinesisch-pakistanische Wirtschaftskorridor (­CPEC) ist bedeutender Bestandteil der chinesischen Belt and Road Initiative (­BRI) und führt durch den von Pakistan kontrollierten Teil Kaschmirs. Nur 50 Kilometer von dem letzten Anschlagsort entfernt befindet sich eine von China finanzierte Autobahn. Es ist daher nicht verwunderlich, dass das Land ein deutliches Interesse an der Deeskalation des Konflikts hat, zumal China seine eigenen wirtschaftlichen Interessen verfolgt und den Wirtschaftskorridor als Ganzes sichern will. Die Vetomacht China war es auch, die am 13. März 2019 zunächst erneut den Vorschlag im Sicherheitsrat der Vereinten Nationen blockierte, den Anführer der Terrorgruppe Jaish-e Mohammed (JeM), Masood Azhar, der frei in Pakistan leben soll, auf die Terroristenliste der VN zu setzen. Auf der einen Seite hat China diese Entscheidung mittlerweile revidiert, was Neu-Delhi als positives Signal in seine Richtung versteht. Auf der anderen Seite bleibt festzuhalten, dass China nicht die innenpolitischen Probleme Pakistans lösen kann, aber die Interessen und die potenziellen finanziellen Gelegenheiten derzeit zu groß sind, um Pakistan aus den Augen zu lassen.

Indiens Streben nach militärischer Stärke

Im Zeitraum 2014 bis 2018 gingen 40 Prozent der weltweiten Waffenkäufe in die Region Asien und Ozeanien – ein Indikator für die steigende Militarisierung des Kontinents. Vor allem im Bereich der Nuklearwaffen rüstete das Dreieck aus Pakistan, China und Indien in 2018 erheblich auf. Während China in Erweiterung und Diversifizierung seines nuklearen Arsenals investierte, erhöhten sowohl Indien als auch Pakistan die Menge an spaltbarem Material, die im nächsten Jahrzehnt zu einem signifikanten Anstieg von Nuklearwaffen führen kann. Dabei werden die Waffen weniger zum eigentlichen Einsatz gebaut, sondern eher als Mittel der Abschreckung zum Erhalt des Status quo zwischen Indien auf der einen Seite sowie Pakistan und China auf der anderen. Denn auch wenn Indien weltweit das einzige Land ist, das mit zwei nuklearen Gegnern an seinen Grenzen konfrontiert ist, so muss es keine nukleare Eskalation von chinesischer Seite erwarten. Ähnlich wie Indien verfolgt auch China die no-first-use policy, die den Gebrauch von Nuklearwaffen nur im Falle eines nuklearen Angriffs vorsieht, jedoch nicht als Mittel zur Verteidigung gegen konventionelle Waffen. Warum aber investieren sowohl China, Pakistan als auch Indien dennoch in die nukleare Aufrüstung? China wird von dem Wunsch angetrieben, mit dem allgegenwärtigen Kontrahenten ­USA gleichzuziehen. Indien verfolgt ein ähnliches Ziel mit der Motivation, an das chinesische Arsenal heranzureichen. Zum Vergleich: 2018 verfügte Indien über 130 bis 140 nukleare Sprengköpfe, China über 290 und die Vereinigten Staaten über 6.185. Schon der Bau der ersten indischen Atombombe Smiling Buddha war motiviert vom chinesischen Atomwaffenversuch in 1964. Nach dem indischen Atomwaffentest 1974 argumentierte Pakistan, dass es nun zum Zwecke der Verteidigung gezwungen wäre, ebenfalls Atomwaffen zu bauen. Zwischen Indien und Pakistan bestand ab diesem Zeitpunkt eine mutually assured destruction, eine in Zeiten des Kalten Krieges nicht ungewöhnliche Dynamik. Der indische Verteidigungsexperte Harsh V. Pant vom King’s College London beschreibt Indiens nukleare Aspirationen wie folgt: „Security and status will continue to guide India’s nuclear policy in future.“

Die Aufrüstung im Nuklearwaffenbereich in Indien, Pakistan und China ist weniger für den wirklichen Einsatz als zur Abschreckung bestimmt.

Neben der Nuklearpolitik hat dabei die militärische Unterlegenheit gegenüber China zu Land, zu Wasser und zu Luft erhebliche Auswirkungen auf den indischen Verteidigungssektor. In diesem Zusammenhang sind die lange Grenze zu China im Nordwesten des Bundestaates Jammu und Kaschmir und die weiter nordöstlich gelegene Grenze im Bundesstaat Arunachal Pradesh von größter Bedeutung. Im Sommer 2017 kam es zu einem Patt der indischen und chinesischen Armeen im Gebiet von Doklam in Bhutan. Die Region liegt nahe an dem für die indische Infrastruktur wichtigen Chicken Neck, einem schmalen indischen Landkorridor mit Grenzen zu Nepal und Bangladesch, der den Nordosten Indiens mit dem Rest des Subkontinents verbindet.

Durch die Militärbasen, die Teil des sogenannten String of Pearls sind, welchen China im Indopazifik und ganz besonders um den indischen Subkontinent herum errichtet hat, muss Indien auch an seinen maritimen Grenzen wachsam sein. Diese von Neu-Delhi empfundene Einkreisungspolitik des chinesischen Rivalen ist Teil von dessen ­BRI, wodurch China bereits enge Beziehungen zu vielen Nachbarstaaten Indiens wie Sri Lanka, Malediven, Pakistan, Nepal, Bangladesch sowie Myanmar unterhält und wodurch es in Schlüsselregionen im Indischen Ozean, die Indien als traditionelle Einflusssphären begreift, eine starke Präsenz zeigt. Je nachdem, wie sich die Beziehungen zwischen Indien und China in naher Zukunft entwickeln, kann die chinesische Herangehensweise dazu führen, dass Indien erhebliche, besonders wirtschaftliche Verluste erleidet sowie viel Macht und Einfluss in einer Region verliert, die das Land als eigenen Hinterhof betrachtet. Das ambivalente indisch-­chinesische Verhältnis ist grundsätzlich sowohl von Zusammenarbeit als auch durch Rivalität geprägt. Davon zeugt auf der einen Seite die Äußerung des neuen indischen Außenministers Jaishankar, zwei Wochen nachdem das Pentagon seinen Indo-Pacific Strategy Report veröffentlichte: „[T]he Indo-Pacific is for something, not against somebody.“ Und auf der anderen Seite schlägt China in seinem neuesten Defense White Paper gegenüber Indien ebenfalls neutrale Töne an. Denn trotz der Gebietskonflikte an der ca. 3.400 km langen indisch-chinesischen Grenze avancierte China in den letzten 20 Jahren auch zum wichtigsten Handelspartner Indiens. Nichtsdestotrotz mahnen indische Strategieexperten zur Vorsicht. Denn China bedrohe, anders als die ­USA, Indiens nationale Sicherheit durch anhaltende Grenzstreitigkeiten.

Im März 2019 konnte die Defence Research and Development Organisaton (­DRDO) Indiens erfolgreich einen eigenen Satelliten in der erdnahen Umlaufbahn abschießen. Mit der sogenannten Mission Shakti schaffte es die indische Raumfahrttechnologie, ein Exempel seiner Stärke zu statuieren, und sieht sich nun auf einem Level mit den einzigen drei Staaten, denen dies bisher gelungen ist – den ­USA, China und Russland. Auch die indische Raumfahrtbehörde war im Juli 2019 erfolgreich. Mit Chandrayaan-2 will Indien im September seine erste Mondmission durchführen. Indien ist dabei nicht die einzige asiatische Großmacht, die sich in diesem Jahr ins All begeben hat: Anfang des Jahres landete eine chinesische Sonde auf der erdabgewandten Seite des Mondes. Sollte es im Weltall zu einem Wettstreit zwischen beiden Ländern kommen, so würde China trotz aller indischer Erfolge führend bleiben. Das chinesische Weltraumbudget ist fast doppelt so hoch wie das indische und die fortgeschrittene Technologie der Chinesen erlaubte diesen schon 2007 den Abschuss eines Satelliten.

Defizite in Budget und Beschaffung

Die derzeit von der indischen Politik geforderten Reformen im indischen Verteidigungsministerium sind aufgrund finanzieller Engpässe kaum durchführbar. Trotz Anstieg des Verteidigungsbudgets in den vergangenen Jahren sinkt der Etat für Modernisierung kontinuierlich. Dabei gehört Indien zu den fünf Nationen mit den höchsten Militärausgaben weltweit, doch wurde über die Hälfte des Gesamtbudgets für Verteidigung 2017/2018 für Personal- und Pensionsgehälter aufgewendet. Und im Vergleich zu China zieht Indien den Kürzeren: Im Jahr 2018 betrugen die chinesischen Verteidigungsausgaben 250 Milliarden US-Dollar, die indischen „nur“ 66,5 Milliarden. Darüber hinaus verursachen strukturelle Schwierigkeiten Probleme in der einheimischen Rüstungsproduktion sowie bei der Beschaffung neuer militärischer Ausrüstung.

Obwohl Premierminister Modi in seiner ersten Amtszeit versprach, diese zum Herzstück der „Make in India“-Kampagne zu machen und die nationale Waffenproduktion zu fördern, ist davon bis heute wenig zu sehen. Der einheimischen Rüstungsproduktion mangelt es an Qualität. Hinzu kommen Schwierigkeiten, pünktliche Lieferungen zu gewährleisten. Auch der Versuch, ausländische Rüstungsunternehmen dazu anzuregen, ihre Produkte für das indische Militär in Indien anzufertigen, ist bisher von mäßigem Erfolg gekrönt. Die einzige groß angelegte bilaterale Beschaffungsmaßnahme, die im Laufe der letzten Legislaturperiode beschlossen wurde, war die indisch-russische Produktion von AK-203-Gewehren im indischen Bundesstaat Uttar Pradesh.

Symptomatisch für die undurchsichtigen und langwierigen indischen Beschaffungsmaßnahmen steht der Kauf einiger Rafale-Kampfflugzeuge. Kam es 2012 unter der damals regierenden United Progressive Alliance zunächst zu einer Einigung über den Erwerb von 126 Flugzeugen von der französischen Firma Dassault, so reduzierte die National Democratic Alliance diesen Deal 2016 auf 36 Flugzeuge – zu einem teureren Preis als noch in 2012. In der Öffentlichkeit verteidigte die Regierung diesen Kauf damit, dass ein größeres Waffenpaket mit mehr Leistungen erworben worden sei. Doch nicht nur der hohe Preis sorgte für erregte Gemüter; es war auch die durch erneute Verhandlungen verzögerte Lieferzeit, die die ohnehin geschwächte Luftwaffe noch weiter überstrapazieren würde.

Strategische Partnerschaften, die gepflegt werden wollen

Angesichts der zunehmenden geopolitischen und militärischen Bedrohung durch China erscheint ein verstärktes Bündnis mit den ­USA für Indien auf den ersten Blick reizvoll. Allerdings waren die bilateralen Beziehungen zwischen den ­USA und Indien historisch betrachtet nicht immer von Freundschaft geprägt. Nach seiner Unabhängigkeit 1947 weigerte sich das junge Indien konsequent, in den Orbit der westlichen Bündnisse um die ­USA einzutreten. Obgleich Indien als blockfrei galt, war eine enge militärische Kooperation mit der Sowjetunion gegeben. Das Ende des Kalten Krieges und die wirtschaftliche Entwicklung Indiens hatten einen großen Einfluss auf die Außenpolitik des Landes. Die Russische Föderation der 1990er Jahre war für Indien kein strategischer Stützpfeiler mehr, wie es die Sowjetunion während der beiden Kriege mit Pakistan 1965 und 1971 gewesen war. Die regionalen Initiativen Indiens nach dem Ende des Kalten Krieges und sein Nuklearwaffenprogramm waren Ausdruck einer selbstständigeren Außenpolitik des Landes. Es war auch jenes Nuklearwaffenprogramm, welches das Verhältnis zu den ­USA vor der Jahrtausendwende kurzzeitig vergiftete. Die Vereinigten Staaten antworteten mit Sanktionen auf die indischen Atombombentests von 1998. Spätestens unter Georg W. Bush und mit der Entbindung von den Sanktionen vertiefte sich die indisch-amerikanische Zusammenarbeit signifikant und mündete schließlich im Nuclear Deal, der zwischen den beiden Ländern 2005 unterzeichnet wurde.

Die Beziehungen zwischen Indien und den USA sind historisch ambivalent und auch derzeit in Hinblick auf Pakistan sowie Russland zwiegespalten.

Bei der Abschlusserklärung der letzten 2+2-Gespräche 2018 zwischen den indischen und amerikanischen Außen- und Verteidigungsministern wurde der Status Indiens als Major Defense Partner (­MDP) für die ­USA unterstrichen. Auch sollen die Streitkräfte beider Nationen in Zukunft mehr gemeinsame Übungen abhalten. Als Meilenstein im sicherheitspolitischen Bereich konnte gleichzeitig die Unterzeichnung des Communications Compatibility and Security Agreement (­COMCASA) gewertet werden. Ziel ist, den Kauf einer bestimmten Militärtechnologie aus den ­USA durch Indien zu erleichtern und Indien den Erwerb von Verschlüsselungstechnologie aus den ­USA zu erlauben, die in der Kommunikation des Militärs und der Nachrichtendienste zum Einsatz kommt.

Der amerikanische Außenminister Mike Pompeo benannte die indischen Luftangriffe im Anschluss an den Terroranschlag im Februar 2019 als „Anti-Terror-Operation” und wurde dafür von Pakistan kritisiert. Das Statement wurde im Zusammenhang mit dem amerikanischen Umwerben Indiens gesehen, das darauf abzielt, ein Gegengewicht zu Chinas zunehmenden Einfluss in der Region zu schaffen. Die jüngsten Auseinandersetzungen zwischen Indien und Pakistan hinterließen grundsätzlich eine Bandbreite an offenen Fragen. Eine betrifft den Einsatz von F-16-Kampfflugzeugen aus US-Produktion. Wären diese tatsächlich zum Einsatz gekommen, so hätten sich die Pakistaner über die verhängten Einschränkungen bei dem Kauf hinweggesetzt, zumal es von US-Seite als unmissverständlich gilt, dass die Maschinen nicht gegen Indien genutzt werden dürfen und ausschließlich bei Verteidigungs- oder Anti-Terror-Operationen eingesetzt werden sollen. Von indischer Seite ist problematisch, dass es sich bei der von den Pakistanern abgeschossenen Maschine um eine über­alterte MiG-21 aus Russland handelte, die im Kampf mit der hochmodernen F-16 den Kürzeren zog und den aktuellen Zustand indischer Kampfflugzeuge kritisch hinterfragen lässt. Laut indischer Angaben ist nur die F-16 in der Lage, die Rakete des Typs Advanced Medium Range Air-to-Air Missile (­AMRAAM), deren Reste Air Force-Informationen zufolge gefunden wurden, zu tragen. In der letzten Juliwoche 2019 wurde bekannt, dass die ­USA das F-16-Programm Pakistans mit geschätzten 125 Millionen US-Dollar technisch und logistisch weiterhin unterstützen werden. Damit einher geht ein 24/7 end-use-monitoring durch 60 entsendete Vertreter vor Ort. Das Pentagon formulierte in seinem Bericht dazu, dass das grundlegende militärische Gleichgewicht in der Region durch den neuesten Verkaufsdeal allerdings nicht verändert würde. Erschwerend für eine Vertiefung der indisch-amerikanischen Kooperation kommen darüber hinaus aktuelle Handelsstreitigkeiten zwischen beiden Ländern hinzu. Problematisch ist für die US-Seite zudem, dass sich Moskau und Neu-Delhi im Oktober 2018 auf den Kauf des russischen Langstrecken-Boden-Luft-Raketen-Systems „Triumf“ vom Typ S-400 einigten. Besagtes System soll der Abwehr von Kampfflugzeugen und Marschflugkörpern dienen und wird wahrscheinlich primär entlang der Grenze zu China installiert werden. Dabei forderte der US-Senat Indien auf, keine weiteren russischen Waffenkäufe zu tätigen, solange Russland mit Sanktionen belegt ist.

Aus Sicht des indischen Premierministers Modi könnte aktuell nichts so interessant sein wie die sich entfaltenden Allianzen sowohl zwischen Pakistan und China als auch zwischen China und Russland und was diese für Indiens internationale Beziehungen bedeuten. Indien sieht sich in einer wachsamen Beobachterrolle, zumal die traditionelle (Rüstungs-)Partnerschaft mit Russland für das Land eine wichtige ist und ­chinesische Ambitionen für eine Verbesserung der chinesisch-russischen Beziehungen als Bedrohung des Status quo aufgefasst werden. Nichtsdestotrotz trafen sich Modi und der chinesische Präsident Xi am Rande des Shanghai Cooperation Organisation Summit (­SCO) Mitte Juni 2019 und verständigten sich darauf, den bilateralen Dialog zu strittigen Grenzfragen zu verstärken. Modi unterstrich bei dem Gespräch, dass Pakistan konkrete Aktivitäten gegen grenz­überschreitenden Terrorismus unternehmen müsse, bevor Indien in den Dialog über andere bilaterale Fragen eintreten könne.

Während seiner ersten Amtszeit konnte Indiens Premier Modi vergleichsweise einfach auf die Kooperationsmöglichkeiten mit allen Weltmächten aufbauen, die er seit dem Ende des Kalten Krieges von seinen Vorgängern geerbt hatte. Diese Phase relativer Harmonie ist allerdings vorbei. Moskau und Peking sind erpicht darauf, den Einfluss der ­USA in dem, was sie als ihren Hinterhof betrachten – für Russland der innere Teil Eurasiens und für China der westliche Pazifik –, zu begrenzen. Gleichzeitig besteht das gemeinsame Ziel darin, sich gegenseitig bei der Auseinandersetzung mit den ­USA zu unterstützen.

Ausblick

Wenn Indien nicht in der Rolle des Juniorpartners als Teil einer Allianz fungieren will, muss es intensiv in die Verbesserung seiner nationalen Militärkapazitäten investieren. Ganz im Sinne des von Narendra Modi in der letzten Legislaturperiode ausgerufenen Slogans „Make in India“ wird es in Rüstungsfragen zunehmend um länderübergreifende gemeinsame Initiativen gehen, bei denen die Möglichkeit eines Technologietransfers und einer Produktion in Indien essenzielle Vorgaben von indischer Seite bei der Ausschreibung militärischer Aufträge sein werden. Indien wird dabei auch in Zukunft auf seine Strategische Autonomie beharren und seine Entscheidungen an Einzelfallbeurteilungen knüpfen. Was die militärische Akquisitions­strategie Indiens betrifft, existiert die Empfehlung, ein separates Department of Defense Acquisition (­DDA) einzurichten mit dem Ziel, alle beschaffungsbezogenen administrativen Maßnahmen zu zentralisieren. Gleichzeitig sollten regelmäßig Schulungen für indisches Akquisitionspersonal angeboten werden, um in Anschaffungsfragen künftig effizienter zu agieren.

Indische Medien berichteten kürzlich, dass bis Ende des Jahres 2019 ein modernisiertes indisches U-Boot und dazu passende Leicht­gewichtstorpedos, Shyena, an die myanmarische Navy übergeben werden sollen. Der Deal ist Teil eines Langzeitplans, zu dem auch gemeinsame Übungen mit den indischen und russischen Partnern gehören. Hintergrund ist das Angebot Chinas, wie bereits im Fall von Bangladesch 2017, gebrauchte U-Boote an die myanmarische Marine zu liefern. Indien reagiert hierbei auf seine Befürchtung, dass kleinere Nationen wie Myanmar in seiner unmittelbaren Einflusssphäre durch die Rüstungszusammenarbeit mit Peking zu stark von China abhängig werden könnten.

Deutschland und die EU als strategischer Anker?

Ein für Indien derzeit unberechenbarer US-Partner sowie ein expansiver chinesischer Nachbar lassen aktuell ein window of opportunity für einen intensiveren Einsatz von EU-Seite in Indien zu. Hierbei kommt Frankreich bislang eine Vorreiterrolle zu. Der vielversprechendste Bereich der Zusammenarbeit ist dabei die maritime Sicherheit im Indopazifik. Dafür spricht, dass bis zu 8.000 französische Soldaten in der Region stationiert sind. Frankreich hat gleichzeitig große Aufmerksamkeit auf die Verbesserung seiner Beziehungen zu Indien gelegt. Der Kauf der französischen Kampfflugzeuge Rafale auf indischer Seite steht dabei sinnbildlich für die Vertiefung der strategischen Beziehungen zwischen Indien und Frankreich. Während Macrons Besuch in Neu-Delhi im März 2018 unterzeichneten beide Seiten eine Vereinbarung über die logistische Unterstützung zwischen den Streitkräften einschließlich der Bereitstellung von Tank-, Reparatur- und Anlegeeinrichtungen für die Kriegsschiffe und Flugzeuge des jeweils anderen. Indisch-französische Militärübungen sind ebenfalls häufiger geworden. Zudem erklärte der deutsche Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier bei seinem Indien­besuch im März 2018, dass Deutschland zusammen mit Frankreich „ein[en] neue[n] strategische[n] Anker” für das Land darstellen könnte. Schon jetzt ist die Bundesrepublik der wichtigste europäische Handelspartner Indiens. Es geht nun darum, den Austausch auch in anderen Bereichen – Verteidigung inklusive – intensiver zu suchen, um ein Gleichgewicht in Asien, was auch im deutschen Interesse liegt, aus Deutschland mit zu beeinflussen.

Indien befindet sich in einem schwierigen Sicherheitsumfeld, das einen verstärkten Fokus auf die unmittelbare und erweiterte Nachbarschaft in der Region unbedingt erforderlich macht. Indien muss hier eine Schlüsselrolle einnehmen und in der direkten Konkurrenz mit China statt auf reaktionäres Verhalten auf eigene Initiativen setzen. Strategische Kooperationen mit den bekannten Großmächten wird Indien von Fall zu Fall entscheiden und zukünftig auch davon abhängig machen, ob die maritime Dimension der südasiatischen Sicherheitspolitik von dem jeweiligen Gegenüber verstanden wird. Es bleibt spannend im Indopazifik – und besonders für die größte Demokratie der Welt.

 


 

Romina Elbracht ist Trainee im Auslandsbüro der Konrad-Adenauer-Stiftung in Indien.

 


 

Ann-Margret Bolmer ist Wissenschaftliche Mitarbeiterin im Auslandsbüro der Konrad-Adenauer-Stiftung in Indien. Für eine vollständige Version dieses Beitrags inkl. Quellenverweisen wählen Sie bitte das PDF-Format.
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