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Асобная публікацыя

Wer ist erfolgreicher in der Rolle des Anti-Bush?

Obama stellt McCain als Klon des Präsidenten dar.

Dort, wo die Führung der Republikanischen Partei in Washington, ganz in der Nähe des Kapitols, ihren Sitz hat, steht es rot auf weiß: Noch so und so viele Tage bis zum Sieg. Als wir uns nach den Vorbereitungen und nach der Wählermobilisierung erkundigen, sind es noch 33 Tage - das große Ziel dieser Saison auf einer Art Abreißkalender auf zwei Blatt Papier an zwei Bürotüren fixiert, schnörkellos, als Computerausdruck. Als wir dem Politischen Direktor Rich Beeson später die zugegeben nicht gerade originelle Frage stellen, ob er optimistisch sei, antwortet er nach einigen umständlichen Drehungen mit Ja.

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Noch 33, 32, 31 Tage. Ein paar Stunden später würden Sarah Palin und Joseph Biden, die Kandidaten für das Amt des Vizepräsidenten, vor einem riesigen Fernsehpublikum ihren Auftritt haben. Die Mitarbeiter in der Parteizentrale mochten da auf einen Schlag hoffen, der den demokratischen Senator mit der großen außenpolitischen Reputation aus dem Gleichgewicht werfen und dem Wahlkampf abermals eine neue Wendung geben werde.

Denn für die republikanische Kombination McCain/Palin läuft es gegenwärtig überhaupt nicht so, als sei zur Ablösung des ungeliebten Paares Bush/Cheney nur noch ein unbedeutender Termin Anfang November zu absolvieren. Anfang September hatte es noch gut ausgesehen, und die junge Gouverneurin Palin aus Alaska, eine typische Risikoentscheidung John McCains, hatte die republikanische Parteibasis elektrisiert und das Wahlvolk neugierig gemacht. Aber dann forderte die Bank- und Finanzkrise ihre Opfer; die Wirtschaftslage wurde zum beherrschenden Thema, an dem sich Präsident, Kongress und Kandidaten abarbeiteten - und seither ist Barack Obama seinem republikanischen Konkurrenten in den Umfragen enteilt. Er ist nicht außer Sichtweite, hat sich aber doch sichtbar abgesetzt. Eine Vorentscheidung?

Das Hauptquartier der McCain/Palin-Kampagne liegt ein paar Kilometer weiter südlich jenseits der Stadtgrenze Washingtons in Arlington in Nordvirginia. Dutzende, vielleicht Hunderte meist junger Leute arbeiten in dem Bürohaus rund um die Uhr an jedem denkbaren Aspekt des Wahlkampfs. Forschung, Themen, Werbung, Presse, Tagesbotschaft. Für die vielen Leute in den Großraumbüros ist es erstaunlich ruhig, es geht nüchtern-professionell zu. Vielleicht ist es nur die Erschöpfung, die sich langsam breitmacht nach unzähligen Tagen und Nächten, die sie vor Computerschirmen verbracht haben; aber den Eindruck, dass sie vom Feuer einer Idee oder gar einer Vision erfasst seien, den machen sie nicht. Bei allem Selbstbewusstsein, das ein, wie er selber sagt, "erwachsener" Wahlkampfmanager an den Tag legt, gibt auch er sich nicht als Ausbund an Zuversicht: "Die Finanzkrise und der - im ersten Anlauf gescheiterte - Rettungsversuch des Kongresses haben uns offensichtlich nicht geholfen." Ganz offensichtlich nicht.

Dabei ist der Kampf um die Nachfolge Bushs für die Republikaner von Beginn an mit mehreren Handicaps versehen gewesen: die Partei nach Korruptionsaffären moralisch diskreditiert, ein derart unpopulärer Präsident, dass die politische Ansteckungsgefahr groß ist, der Schatten des Krieges im Irak - der aber mittlerweile ziemlich kurz geworden ist -, generelles Missvergnügen, jetzt auch noch die Gefahr einer Kernschmelze an den Märkten. In den vergangenen Monaten ist viel zusammengekommen. Wenn siebzig bis achtzig Prozent der Wähler der Auffassung sind, das Land sei "auf der falschen Spur", dann wird das in erster Linie der Partei angelastet, die den Präsidenten stellt - und dann macht der demokratische Kandidat für die Nachfolge die Wahl logischerweise zu einem Referendum über Bush. Was Obama bisher auch tut. Und weil Bush regelrecht toxisch zu sein scheint, versucht er, McCain als Bushs Klon darzustellen - was nicht ganz so gut funktioniert, weil auch der Senator aus Arizona den Anti-Bush, den innerparteilichen Rebellen, gibt. Und das mit gar nicht so geringem Erfolg. Seit aber die Wirtschaft alles andere überlagert und verdrängt - war da was neulich im Kaukasus? -, hat McCain wieder einen schweren Stand.

Angesichts der Ausgangslage muss man sich wundern, dass der Republikaner bislang überhaupt imstande gewesen ist, das "Rennen" offenzuhalten. Fände diese Wahl in Europa statt, könnten die Möchtegernnachfolger schon mal die Tapeten aussuchen, der Ausgang wäre klar: Die Partei des Amtsinhabers verlöre, die Opposition gewönne. Weil das aber eine amerikanische Wahl ist, spielen neben Enttäuschung, Parteiloyalität und den kulturellen Konfliktlinien, welche die Partei- und Wählerlandschaft durchziehen, auch Charakter, Authentizität und Erfahrung eine Rolle, sogar eine wesentliche Rolle. Und deswegen sei Obama, berichten Wahlforscher, nicht so weit vorne, wie er eigentlich sein müsste - "Wandel" und "Hoffnung" hin oder her.

McCain sei es bislang relativ gut gelungen, Erfahrung und Führungskraft gegen Obamas Unerfahrenheit auszuspielen. Und hinge nicht Bush wie ein Klotz an McCains Bein, behaupten einige seiner Wahlkampfmanager auf der mittleren Ebene, dann bestünde überhaupt kein Grund zum Pessimismus, schließlich sei Omaba ein ganz linker Demokrat. Das stimmt vielleicht, aber das ist möglicherweise die Geschichte von gestern. Die von heute spielt an der Wall Street, in den Sparkassen und in den Portemonnaies der Leute. Also: "Die Sorgen über die wirtschaftliche Zukunft trumpfen Charakter und Hautfarbe", vermutet ein Demokrat, der Obamas einstiger Rivalin Clinton nahesteht. Das sehen auch die Wahlforscher und Demoskopen so - weitgehend.

Wenn das Wirtschaftsthema nicht einen positiven Dreh bekommt oder wenn sich nicht bis zum Wahltag ein neues Thema dazwischenschiebt, das die Debatte bestimmt und etwa McCains sicherheits- und außenpolitische Statur erstrahlen lässt, dann werden er und seine Mitspielerin Palin es sehr schwer haben, die Sache noch einmal zu drehen. Frau Palins einstudierte Darbietung bei der Debatte mit Senator Biden hat die niedrigen Erwartungen übertroffen und vor allem die republikanische Parteibasis befeuert. Ihr Populismus kam an. Aber dem Wahlkampf hat sie eine neue Dynamik vermutlich nicht injiziert. So begeistert waren die Wähler der Mitte, die Unentschieden, denn wiederum nicht.

Aber wer weiß? Vor einem knappen Jahr gab man auf McCain keinen Pfifferling mehr, und auf der Gegenseite schien Hillary Clinton die Nominierung der Demokratischen Partei ganz leicht zuzufallen. Ganz anders ist es gekommen. Deshalb lassen sich die Wahlforscher auch auf keine Prognose und schon gar nicht auf eine Wette ein. Ein Monat sei eine lange Zeit, bis zum 4. November könne noch viel passieren, und überhaupt seien die Wähler "volatil" - was so viel heißen soll wie: unberechenbar. So wie die Sache mit Obamas Hautfarbe nicht zu berechnen sei. Darüber redet man nicht gerne. Wie werden etwa weiße Wähler der unteren Mittelschicht in jener Handvoll Staaten, in der die Entscheidung über den 44. Präsidenten der Vereinigten Staaten fällt, sich in der Sekunde der Wahrheit tatsächlich entscheiden? Für Barack Obama, den exotischen Aufsteiger dunkler Hautfarbe mit dem Versprechen des Neuanfangs? Oder für John McCain, den Kriegshelden mit dem schwer zu zügelnden Temperament, den Einzelgänger und risikofreudigen Spieler?

Mit freundlicher Genehmigung der FAZ. Der Autor, Klaus-Dieter Frankenberger, war auf Einladung der Konrad-Adenauer-Stiftung in Washington, D.C. und berichtet regelmäßig über den us-amerikanischen Wahlkampf.

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Кантакт Paul Linnarz
Paul Linnarz
Leiter des Länderprogramms Japan und des Regionalprogramms Soziale Ordnungspolitik in Asien (SOPAS)
paul.linnarz@kas.de +81 3 6426 5041

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