I. Europäische Einigungspläne der Zwischenkriegszeit

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Obwohl das 20. Jahrhundert in besonderem Maße von zwei europäischen Bruderkriegen geprägt war, haben die Kriegsphasen sowie die Zwischenkriegszeit auch eine Fülle von Einigungs- und Friedensplänen, sowohl aus dem privaten als auch dem staatlichen Bereich, hervorgebracht.

  • Die Paneuropa-Idee Coudenhove-Kalergis

    Zu jenem zählt die Paneuropa-Idee des Grafen Richard Nikolaus Coudenhove-Kalergi (1894-1972), der 1923 in dem programmatischen Buch Paneuropa seine Vorstellungen eines europäischen Zusammenschlusses entwarf. Seine Ide eines europäischen Staatenbundes fand außerordentlichen Anklang und führte in vielen europäischen Ländern zu Sektionsgründungen der von ihm initiierten und geleiteten Paneuropa-Bewegung. Coudenhove-Kalergi zeichnete mit Kriegsszenarien, einer Bedrohung des zersplitterten Kontinents durch Russland sowie einem drohenden wirtschaftlichen Ruin drei Gefahren für Europa nach, dessen einzige Rettung er in „Paneuropa” sah, einem Zusammenschluss aller demokratischen Staaten Kontinentaleuropas zu einem wirtschaftlichen und politischen Zweckverband. Dabei zählte er Russland und England nicht zu Paneuropa. Dieses Paneuropa sollte in vier Schritten verwirklicht werden: erstens eine Gruppierung der europäischen Staaten, zweitens ein Abschluss obligatorischer Schiedsverträge und gegenseitige Grenzgarantie zwischen den Staaten Europas, drittens ein Defensivbündnis zum Schutze der gemeinsamen Ostgrenze sowie viertens die Anbahnung einer Zollunion. So visionär die Konzeption Coudenhoves auch war, großen politischen Einfluss konnte sie nicht gewinnen.

  • Das Memorandum der französischen Regierung über die Organisation einer europäischen Bundesordnung

    Eine Initiative von staatlicher Seite ging vom französischen Ministerpräsidenten Aristide Briand aus, der am 5. September 1929 der Völkerbundsversammlung seine Grundgedanken über die europäische Einigung vortrug. Die Außenminister der europäischen Staaten baten Briand, seine Ideen in einem Memorandum zusammenzufassen, das acht Monate später, am 1. Mai 1930, der Öffentlichkeit übergeben wurde. Da das Memorandum einen Mangel an Zusammenhalt in Europa als das ernsthafteste Hindernis für eine politische Einigung und eine wirtschaftliche Expansion analysierte, schlug die französische Regierung einen Vertrag vor, der die Solidarität zwischen den europäischen Staaten feierlich bekräftigen sollte. Konkrete Strukturen der europäischen Einigung sollten eine „Europäische Konferenz” aus allen europäischen Regierungen, die Mitglieder des Völkerbundes waren, ein ständiger politischer Ausschuss als Vollzugsorgan sowie ein Sekretariat zur Durchführung der Beschlüsse bilden. Als Ziel der Organisation schwebte Frankreich die Errichtung eines politischen Bundes sowie eine gegenseitige Annäherung der europäischen Volkswirtschaften vor. Das Memorandum appellierte: „Nie war die Stunde günstiger und nie war es dringender, ein Werk des Aufbaus in Europa zu schaffen. (...) Es ist eine Entscheidungsstunde, wo ein waches Europa sein Schicksal selbst bestimmen kann. Einig sein, um zu leben und zu gedeihen – das ist die gebieterische Notwendigkeit, vor der fortan die Völker Europas stehen.” Die Reaktionen der europäischen Regierungen waren zwar im Grundsatz positiv, aber auch hinhaltend und unverbindlich. Letztlich verständigte man sich im September 1930 lediglich auf die Einrichtung einer "Studienkommission für die Europäische Union", die jedoch nach einigen Sitzungen ihre Arbeit einstellte.

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Dr. Melanie Piepenschneider

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Leiterin Politische Bildung der Konrad-Adenauer-Stiftung

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