Auslandsinformationen

Editorial

von Gerhard Wahlers
Wer in den vergangenen Jahren in Deutschland die öffentliche Debatte über Jugend und Politik verfolgte, konnte den Eindruck einer Generation gewinnen, die zunehmend engagiert ihre Interessen vertritt und gleichzeitig das Gefühl vermittelt, mit den eigenen Anliegen nicht angemessen gehört zu werden. Und die vor allem ein Thema umtreibt: der Klimawandel.

Klimastreiks und die Fridays for Future-Bewegung bestimmten spätestens seit 2019 weitgehend das Bild von „der Jugend“ in Deutschland. Aber wie belastbar ist dieser Eindruck? Die Bundestagswahl im September 2021 jedenfalls ließ gewisse Risse in diesem Bild entstehen, hatten sich doch ebenso viele Erstwähler für die Liberalen entschieden wie für die Grünen, den vermeintlich „natürlichen“ Favoriten.

Wenn wir also schon in Deutschland kaum von einer Generation mit homogenen Interessen ausgehen können, so wird das Panorama beim Blick über Deutschland und Europa hinaus noch vielfältiger. Die Wünsche und Prioritäten, das gesellschaftliche Umfeld und die politischen Beteiligungschancen junger Menschen unterscheiden sich teilweise erheblich. Während Jugendliche in der westlichen Welt frei für ihre Interessen demonstrieren können, kann sie dies in anderen Ländern ihre Freiheit oder sogar ihr Leben kosten. Können sich junge Menschen in den wohlhabenderen Nationen auch deshalb mit wichtigen und grundlegenden Zukunftsfragen beschäftigen, weil die eigenen materiellen Bedürfnisse in der Gegenwart in den meisten Fällen gedeckt sind, prägen Sorgen um das eigene finanzielle Auskommen und das ihrer Familien andernorts das alltägliche Leben vieler ihrer Altersgenossen. Und wird in Deutschland über eine Absenkung des Wahlalters auf 16 Jahre auch wegen der zahlenmäßigen Überlegenheit älterer Wähler diskutiert, stellen junge Menschen in Subsahara-Afrika die Mehrheit der Bevölkerung.

Und doch lassen sich über Grenzen hinweg auch Gemeinsamkeiten finden: Politisches Interesse und Einsatzwille auf der einen Seite, Distanz zu den traditionellen Institutionen wie Parteien auf der anderen – dieses gemeinsame Charakteristikum der jungen Generation etwa stellen Elisabeth Hoffmann, Florian Karner, Katharina Hopp, Alina Reiß, Sebastian Grundberger, Thomas Schaumberg und Laura Rubio beim Blick auf Westafrika, Südostasien und Lateinamerika heraus. Sie zeigen auf, dass Probleme wie Korruption, fehlende Jobchancen und – gerade in Pandemiezeiten – die Gesundheit der Angehörigen viele Jugendliche beschäftigen. Den Klimawandel erkennen viele zwar als international zu lösende Herausforderung durchaus an, aber „Klimastreiks und ähnliche Aktionen sind (…) bestenfalls ein Randphänomen in wirtschaftlich besser gestellten Gegenden“, wie unsere Autoren schreiben.

Etwa ein Viertel der jungen Menschen weltweit ist von Gewaltkonflikten betroffen. Andrea Ellen Ostheimer zeichnet in ihrem Beitrag nach, wie sich bei den Vereinten Nationen der Diskurs zur Rolle Jugendlicher in Konflikten im Laufe der vergangenen Jahre gewandelt hat und dabei vermehrt den positiven Beitrag der Jugend bei der Konfliktvorbeugung und -mediation in den Mittelpunkt stellt.

Der israelisch-palästinensische Konflikt wiederum prägt den Alltag junger Menschen in den palästinensischen Gebieten. Steven Höfner und Alena Jabarine schildern die Situation einer Generation, die unter der Doppelbelastung aus israelischer Besatzung und dem verkrusteten Autoritarismus von Fatah und Hamas leidet und versucht, eine gemeinsame Stimme zu finden – nicht zuletzt mit Hilfe digitaler Mittel.

„Gefürchtet und umgarnt zugleich“ wird die junge Generation in Subsahara-Afrika, so Benno Müchler und Anna Reismann. Schon die schiere Zahl junger Menschen – unter ihnen viele potenzielle Wähler – sorgt dafür, dass die Jugend zumindest vor den Urnengängen regelmäßig umworben wird. In der Praxis aber bleibt die Jugendpolitik vieler Staaten und auch der Afrikanischen Union von der Lebenswirklichkeit der Adressaten oft weit entfernt. Speziell auf Nigeria blickt Vladimir Kreck und analysiert, wie in dem bevölkerungsreichsten Land des Kontinents junge Menschen durch rechtliche, kulturelle und wirtschaftliche Schranken von politischer Teilhabe ferngehalten werden.

Einen Fokus auf Bildungs- und Berufschancen junger Menschen legen Kevin Oswald und Luiz Gustavo Carlos. Strukturelle Chancenungleichheit führt dazu, dass in Brasilien eine „Generation Weder-Noch“ heranwächst, die zu einem viel zu großen Teil weder eine Ausbildung noch einen Arbeitsplatz bekommt – eine Situation, auf die frühere linke Regierungen genauso wenig wie die heutige Regierung Bolsonaro eine nachhaltige Antwort gefunden haben.

Schließlich doch noch einmal der Blick nach Europa: Um junge Menschen auf beiden Seiten des Rheins für die deutsch-französische Partnerschaft zu begeistern, haben die Studenten Hugo Leclerc und Jannis Stöter im Frühjahr 2021 den Thinktank La DenkFabrik gegründet. Mit den Auslandsinformationen sprachen die beiden über ihr Projekt, den Zustand der deutsch-französischen Partnerschaft und darüber, wie Jugendliche auf dem Alten Kontinent stärker in den europäischen Integrationsprozess einbezogen werden können.

Junge Menschen wollen weltweit etwas bewegen. Auf die Frage, was genau ihnen dabei wichtig ist und auf welche Hürden sie treffen, gibt es jedoch keine einheitlichen Antworten. Das machen die Beiträge dieser Ausgabe der Auslandsinformationen deutlich. Und: Der in der deutschen Debatte oft beschworene Gegensatz zwischen Jung und Alt erscheint bei der Betrachtung vieler Themen, die Jugendliche rund um den Globus beschäftigen, irreführend. Frieden, demokratische Teilhabe, eine Wirtschaft, die auf Leistung und fairen Chancen beruht statt auf Korruption: Hier dürften sich die Ziele junger Menschen mit den Wünschen weiter Teile der jeweiligen Gesellschaften decken.

Ich wünsche Ihnen eine anregende Lektüre.

Ihr

Dr. Gerhard Wahlers ist Herausgeber der Auslandsinformationen (Ai), stellvertretender Generalsekretär und Leiter der Hauptabteilung Euro­päische und Internationale Zusammenarbeit der Konrad-Adenauer-Stiftung (gerhard.wahlers@kas.de).
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