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Länderberichte

Der Mittelstand rutscht ab

von Frank Priess

Zur sozialen Lage in Argentinien

Die Armut rückt als Thema immer mehr in den Blickpunkt der argentinischen Öffentlichkeit. Während in zurückliegenden Dekaden gerade der La Plata-Staat durch eine im lateinamerikanischen Vergleich breite Mittelschicht auffiel, scheinen sich die Verhältnisse inzwischen nachhaltig zu verändern.

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Die jüngste Armutsstatistik der Wirtschaftskommission für Lateinamerika (CEPAL) weist nach, daß noch 1980 die Zahl der Haushalte, die unter der Armutsgrenze lagen, in Argentinien nicht die fünf Prozent Marke überschritten hatte.

Im schlimmsten Jahr der Hyper-Inflation, 1990, war der Anteil bereits auf 16 Prozent gestiegen, ging dann etwas zurück, allerdings nur, um am Ende der Tequilakrise wiederum 13 Prozent zu erreichen, ein Wert, der seitdem nicht wieder gesunken ist. 14 Millionen Argentinier, so auch die Weltbank in ihrem Bericht von 1999, leben unter der Armutsgrenze. Dabei leben 5,4 Prozent der Argentinier, mit erheblichen Unterschieden in den verschiedenen Landesteilen, mit weniger als einem Dollar pro Tag. Argentinien ist inzwischen auf Platz 39 des Lebensqualitätsrankings der Vereinten Nationen zurückgefallen und befindet sich auf einem Stand, den die entwickelte Welt bereits vor 25 Jahren erreicht hatte. Staaten wie Singapur, Süd-Korea und Portugal die 1975 noch hinter Argentinien lagen, sind inzwischen vorbeigezogen.

Auch das immer schon vorhandene Ungleichgewicht bei der Verteilung von Einkommen und Reichtum hat sich weiter erhöht. Inzwischen verfügen die reichsten 10 Prozent der argentinischen Bevölkerung über 36 Prozent des Nationaleinkommens, während die unteren 40 Prozent der Einkommenspyramide gemeinsam nur auf 15 Prozent kommen.

Beigetragen hat zu der Situation nicht zuletzt die Arbeitslosigkeit, die in ihrer offenen Form rund 14,5 Prozent beträgt. Der Wettbewerb um die wenigen freien Stellen hat aber auch dazu geführt, daß ein erheblicher Gehaltsdruck auf die Beschäftigten ausgeübt wird und kaum jemand die gewohnten Einkommenshöhen halten kann. Eine Erhebung des nationalen Statistik-amtes INDEC ermittelte für die Beschäftigten im Großraum Buenos Aires im zurückliegenden Jahr durchschnittliche Einkommenseinbußen von rund sieben Prozent. Dies traf, zusammen mit erheblichen Steuerhöhungen der neuen Regierung, nicht zuletzt den Mittelstand, vor allem Haushalte mit Einkommen über 1400 Dollar monatlich, aus dem große Teile einen sozialen Abstieg fürchten oder bereits vollziehen. Innerhalb eines Jahres gingen im genannten Gebiet 42.000 industrielle Arbeitsplätze verloren. 23.000 Menschen verloren im Dienstleistungsbereich ihren Job. Viele andere aber mußten ihre Arbeitsstunden erheblich reduzieren, mit entsprechenden Auswirkungen auf die Einkommen.

"Der klassische argentinische Mittelstand", so der Analytiker und Chef des "Centros de Estudios Unión para la Nueva Mayoria", Rosendo Fraga, "hat sich inzwischen dreigeteilt." Während sich ein oberer Teil erfolgreicher "professionals" und Selbständiger jetzt mit Reisen nach Europa, Importautos und einem Haus im Country-Club zu einer hohen Mittelklasse rechnen könne und ein unterer Teil in die strukturelle Armut abgeglitten sei, kämpfe die mittlere Mittelklasse, abhängig Beschäftigte, Staatsbedienstete, Industrie- und Dienstleistungsangestellte, um ihren Besitzstand.

"Die Realität", so ein Bericht der Zeitschrift "Noticias" vom 23. Dezember 1999, weist darauf hin, daß die argentinische Mittelschicht mehr als jede andere das Opfer der wirtschaftlichen Anpassungen und Nicht-Anpassungen der letzten 25 Jahre geworden ist. Vor allem habe sich der Wettbewerbsdruck der letzten Jahren bei den kleinen und mittleren Unternehmen entsprechend ausgewirkt. Entsprechend steht in allen Umfragen die Bekämpfung der Arbeitslosigkeit bei einer Bevölkerung oben an, die mehrheitlich auch unter der neuen Regierung nicht an eine rasche Verbesserung der wirtschaftlichen Situation des Landes glaubt: Während nach einer Januar-Umfrage des Instituts von Rosendo Fraga 38 Prozent an bessere Zeiten glauben, rechnen 42 Prozent mit keiner Veränderung und 14 Prozent meinen gar, es werde noch schlechter kommen. Sechs Prozent gaben keine Einschätzung ab.

So wird auch verständlich, warum der Kampf um eine Flexibilisierung der Arbeitsgesetzgebung derzeit mit besonderer Heftigkeit geführt wird: Während man auch im Wirtschafts- und Arbeitsministerium der neuen Regierung diese Maßnahmen für die Wettbewerbsfähigkeit Argentiniens als unverzichtbar ansieht und damit entsprechende Signale an Investoren in aller Welt senden will, laufen die Gewerkschaftsdachverbände Sturm. Sie befürchten, daß noch mehr Dauer-Beschäftigte in Teilzeitarbeit abgedrängt werden, längere Probezeiten zu Mißbrauch einladen und die generelle Überprüfung von Tarifverträgen nur Verschlechterungen mit sich bringen kann. Für eine Auseinandersetzung aber sind die Gewerkschaften schlecht gerüstet: Ihr öffentliches Prestige ist gering, viele Bürger gehen davon aus, daß ihre Funktionäre nur die eigenen Interessen verteidigten.

Eine allerdings auf schwachen statistischen Füßen stehende Umfrage des Instituts Mora y Araujo, von Präsident de la Rúa genüßlich zitiert, gibt dieser Haltung eine Zustimmung von 84 Prozent. Ähnlich große Mehrheiten finden sich dafür, Tarife künftig regional auszuhandeln, zwischen Regionalgewerkschaften und einzelnen Arbeitgebern oder auf Betriebsebene. Gehässige Kommentare über golfspielende Gewerkschafter, Arbeiterführer in Armani-Anzügen mit Karibik- und Punta del Este-Urlaub und Haus im Country-Club häufen sich. Zusätzlich für negative Schlagzeilen sorgte der Führer der Lastwagenfahrer und Gewerkschaftsboß des Movimiento de los Trabajadores Argentinos (MTA), Hugo Moyano, mit seiner Forderung, die Konvertibilität der Landeswährung zum Dollar aufzugeben, um die Wettbewerbsfähigkeit des Landes zu verbessern, statt weiter am Arbeitsrecht herumzufummeln. Viele Analysten sehen hier, wie anderswo in der Welt, letzte Rückzugsgefechte der Arbeitnehmerbewegung zur Verteidigung von "Flächentarifverträgen".

Die Probleme summieren sich, wenn man die Auswirkungen staatlicher Sparmaßnahmen hinzuzieht: Die Verschlechterung des öffentliche Bildungssystems ist hier ebenso an vorderster Front zu nennen wie die des öffentlichen Gesundheitswesens. Beide treffen wiederum überproportional ärmere Bevölkerungsschichten. So wundert es nicht, daß von den rund 33 Millionen Einwohnern des Landes inzwischen vier Millionen als funktionale und eine weitere Million als totale Analphabeten einzustufen sind. Die Lebenserwartung liegt im Landesdurchschnitt bei 72 Jahren: Dabei kommen allerdings die Einwohner der Provinz Formosa nur auf 69,4 Jahre, während die des Bundesstaates La Pampa mit 74,8 durchschnittlichen Lebensjahren rechnen können. Während Formosa aber im Durchschnitt nur 360 Dollar jährlich für die Gesundheit pro Einwohner aufwendet, sind es im Großraum Buenos Aires immerhin 1500 Dollar. Allein daran wird die Ungleichheit der Lebensverhältnisse zwischen den verschiedenen Regionen des Landes und nicht zuletzt das hohe Konzentrationsniveau auf die Hauptstadt und ihr Umfeld deutlich.

Besondere Problemgruppen stellen, wie überall in Armutssituationen, die Alten und die Kinder dar:

Eine Studie im Auftrag der Universität von Buenos Aires wies nach, daß 34,5 Prozent der rund fünf Millionen Menschen über 60 Jahren in Argentinien keinerlei Rentenzahlungen erhalten. Diese Zahl dürfte sich künftig noch gewaltig erhöhen, da laut Statistik etwa 3,3 Millionen arbeitende Menschen derzeit keiner sozialversicherten Tätigkeit nachgehen. Und die gezahlten Renten sind schon niedrig genug: Zwei Drittel von ihnen liegen unter 300 Dollar monatlich, bei einem Preisniveau, das das der Bundesrepublik Deutschland um mindestens dreißig Prozent (so der aktuelle Kaufkraftvergleich des Statistischen Bundesamtes für Argentinien) übersteigt.

Armut ist auch der zentrale Grund für die zunehmende Kinderarbeit im Lande: 252.000 Kinder zwischen sechs und 14 Jahren gehen, so der Soziologe Artemio Lopez, einer Arbeitsbeschäftigung nach. Von den 4,5 Millionen Argentiniern unter 14 Jahren stuft er rund 45 Prozent nach den gängigen Kriterien als arm ein. Gerade bei ihnen ist auch die Zahl der Schulabbrecher überproportional hoch, genauer gesagt um 1063 Prozent höher als bei Kindern aus nicht-armen Haushalten. Bettelnde Kinder, solche, die Türen öffnen, Schuhe putzen und die Scheiben der Autos säubern, gehören inzwischen vielerorts zum Straßenbild. Einzelne Industriezweige, zum Beispiel die Tabak-Industrie in Salta, sind als Arbeitgeber besonders im Blickfeld von UNICEF und anderer Organisationen, die sich den Schutz der Kinder zur Aufgabe gemacht haben.

Hinter der öffentlich diskutierten Tagesordnung der neuen argentinischen Regierung, den Verhandlungen mit dem Währungsfonds etwa oder Maßnahmen zur Stabilisierung der Haushaltslage, lauert also eine zweite, die nicht zu unterschätzen ist. Die angespannte soziale Lage in verschiedenen Provinzen des Landes, insbesondere denen im nördlichen Grenzgebiet zu Bolivien, Paraguay und Brasilien, erinnert nicht umsonst manche Beobachter an die Lage in den besonders gebeutelten Anden-Staaten. Der Putsch in Ecuador und die Aktivitäten des venezolanischen Staatschefs Hugo Chávez werden auch am La Plata aufmerksam verfolgt. Zwar erwartet derzeit niemand ein Aufbrechen der demokratischen Stabilität, viele Alarmsignale aber nimmt man auch im eigenen Lande durchaus wahr.

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Olaf Jacob

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Leiter des Auslandsbüros Chile

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