Veranstaltungsberichte

Extremismus und totalitäre Bestrebungen in Europa - Was können wir von unserer Vergangenheit lernen?

von Kai Zenner

Veranstaltung mit Herrn Minister a.D. Rainer Eppelmann

In Zeiten hitziger Debatten um den richtigen Umgang mit Flüchtlingen und anti-europäischen Strömungen in Politik und Bevölkerung rückte das Spannungsverhältnis zwischen Totalitarismus und Demokratie zuletzt wieder verstärkt in den Fokus. Als DDR-Bürgerrechtler hat unser Redner Rainer Eppelmann die politische Verfolgung in einer Diktatur hautnah miterleben müssen. Doch auch nach der Wiedervereinigung Deutschlands wirkte er als MdB und als Vorstandsvorsitzender der Bundesstiftung zur Aufarbeitung der SED-Diktatur intensiv an der schwierigen Übergangsphase von Diktatur zu Demokratie mit.

Extremismus und totalitäre Bestrebungen in Europa – was können wir von unserer Vergangenheit lernen?

25. April 2016 | 19.00 – 22.00 Uhr | Europabüro Brüssel

Ende April 2016 besuchte Herr Rainer Eppelmann (Vorsitzender der Bundestiftung zur Aufarbeitung der SED-Diktatur, DDR-Bürgerrechtler, Minister für Abrüstung und Verteidigung a.D sowie ehemaliger MdB) Brüssel und führte gemeinsam mit dem Europabüro der Konrad-Adenauer-Stiftung am 25. April mehrere Veranstaltungen zum Thema "Extremismus und totalitäre Bestrebungen in Europa – was können wir von unserer Vergangenheit lernen?" durch. Herr Eppelmann ging in seinen Vorträgen insbesondere auf das Span-nungsverhältnis zwischen Totalitarismus und Diktatur ein und zog einen Vergleich zwischen den historischen Geschehnissen und den aktuellen Entwicklungen in Europa.

I. Schulbesuche: Im Rahmen der Veranstaltung mit dem Europabüro der Konrad-Adenauer-Stiftung besuchte Herr Eppelmann am Vormittag des selbigen Tages die Brussels European School sowie die Internationale Deutsche Schule in Brüssel. Er berichtete den anwesenden Schülern von den Ereignissen zu Zeiten der SED-Diktatur und von seinen ganz persönlichen Erfahrungen. Als Vorsitzender der Bundesstiftung zur Aufarbeitung der SED-Diktatur setzt er sich gegen die Verharmlosung und Verklärung der der DDR Diktatur ein und hält regelmäßig Vorträge an Schulen, um auch der jüngeren Generation das Thema näher zu bringen. Herr Eppelmann zufolge sei eine solche "Reise der Erinnerung" notwendig, um den Wert der Demokratie stetig zu vermitteln.

Als Einstieg in seinen Vortrag ging Rainer Eppelmann auf die Zugehörigkeit zum SED-Regime und die damit einhergehenden Bildungschancen für junge Erwachsene ein. Die Erzählungen aus seinem eigenen Leben verdeutlichten, dass die Zugehörigkeit zum Sozialistischen System entscheidend für den weiteren Bildungsweg war. So berichtete Herr Eppelmann, dass ihm die Möglichkeit auf ein Studium verwehrt wurde, da er kein Mitglied der Freien Deutschen Jugend (FDJ) gewesen sei. Mithilfe dieses Rückblickes verdeutlichte er den Schülern die Vorteile der demokratischen Grundordnung, in der sie aktuell leben.

Um die Unrechtsherrschaft und die Bedeutung der SED-Diktatur für die damalige Bevölkerung verständlicher zu beschreiben, führte Herr Eppelmann weitere persönliche Erfahrungen an. So beschrieb er zunächst seine Zeit im Gefängnis, als Folge der Wehrmachtsverweigerung. Zudem berichtete er von Eingriffen in seine Privatsphäre in Form von Abhörung. Schließlich führte er die geplanten Attentate auf sein Leben an, von welchen er erst in späteren Jahren aus seinen Akten erfahren habe. Die eindrucksvollen persönlichen Berichte offenbarten die Härte mit der die damalige Regierung der DDR gegen oppositionelle Bewegungen vorging. Rainer Eppelmann sprach frei und Offen von seinem Leben in einer Diktatur und legte Wert auf die realistische und akkurate Übermittlung historischer Geschehnisse.

II. Adenauer-Forum: Für die Abendveranstaltung fanden sich rund 60 Vertreter der EU-Institutionen, aus Botschaften, der Wirtschaft und von Verbänden im Rahmen eines Adenauer-Forums im Europabüro ein, um einen Eindruck in die nunmehr historischen Geschehnisse der damaligen DDR zu erlangen und den Erfahrungen von Herrn Eppelmann zu lauschen. Im Fokus des Vortrages stand die zentrale Frage: "Diktatur oder Demokratie? Nicht so wichtig?". Rainer Eppelmann hat beide Staatsformen miterlebt und betonte im Laufe des Abends mehrmals, dass der Blick zurück auf die gemeinsame Geschichte verdeutliche, dass es keine Alternative zur Demokratie gebe.

Einblick in die Geschichte

Anfänglich gab Rainer Eppelmann einen Rückblick auf die geschichtlichen Entwicklungen im Osten Deutschlands. Er beschrieb eindrücklich das Leben unter der DDR-Führung, welches seiner Ansicht nach getreu des Leitspruchs von Walter Ulbrich "es muss demokratisch aussehen, aber wir müssen alles in der Hand haben" das Recht auf Entscheidung und Selbstbestimmung der Bürger massiv eingeschränkt habe. Laut Herrn Eppelmann wurden die Unterschiede im Osten und Westen des alten Deutschlands, insbesondere bei der wirtschaftlichen Entwicklung, in der DDR deutlich wahrgenommen. Er fügte hinzu, dass die Bezeichnung des 20. Jahrhunderts als "Zeitalter der Extreme" des Historikers Eric Hobsbawn sehr treffend sei.

"Spannungen zwischen Diktatur und Demokratie begegnete man bereits seit dem Jahr 1918". Rainer Eppelmann ergänzte, dass die Montagsdemonstrationen am 9. Oktober 1989 in Leipzig einen Wendepunkt in der europäischen und internationalen Geschichte dargestellt hätten. Er bekräftigte, dass an diesem Tag die Angst die Seiten gewechselt habe. Den Mauerfall beschrieb Herrn Eppelmann als eine Sternstunde der Weltgeschichte und zudem als einen emotionalen Höhepunkt vieler DDR-Bürger. Es habe sich um die erste friedliche Revolution gehandelt, ohne welche das heutige Deutschland und der Friede innerhalb Europas nicht möglich geworden wären.

Vergangenheit und Gegenwart

Nie zuvor habe ein geeintes Deutschland in Frieden, Freiheit, Demokratie und Freundschaft mit allen Nachbarn gelebt. Herr Eppelmann mahnte angesichts dessen eine neue Perspektive an, die langfristige Linien mit einbeziehe und größere Zusammenhänge herstelle. Der Ausbruch des 1. Weltkrieges sei die Urkatastrophe des 20. Jahrhunderts gewesen, aus der kommunistische Diktaturen und totalitäre Systeme resultierten. Herr Eppelmann stellte eine Verbindung zwischen den vergangenen Geschehnissen und der momentanen Situation in Europa her. Er gab zu verstehen, dass die europäische Integration ohne die Katastrophen in der Vergangenheit undenkbar gewesen wäre. Der Montanunion sei eine Initiative gegen Zerstörung und Krieg gewesen und die später daraus entstandene Europäische Union ein faszinierendes Projekt für Frieden, Freiheit, Demokratie und Rechtsstaatlichkeit. Ihre Wurzeln lägen in dem gemeinsamen Ziel: "Nie wieder Krieg".

In Bezug auf die aktuelle Migrationsdebatte und den vermehrten Flüchtlingszustrom nach Europa ging Herr Eppelmann auf ein verändertes Deutschland ein. Ihm zufolge sei nach dem Jahr 1945 "Du Deutscher" das vermutlich schlimmste Schimpfwort gewesen. Er zog einen Vergleich zu dem heutigen Image der Bundesrepublik und verwies darauf, dass diese mittlerweile zu den beliebtesten Ländern der Welt zähle. So lange die deutsche Wirtschaft weiter wachsen werde, gäbe es auch einen Anreiz um zu immigrieren. Damit drückte er seine Ansicht aus, dass die wirtschaftliche Stärke Deutschlands Migranten anziehe. Diesbezüglich fügte er weiter hinzu, dass die Angst der Deutschen, erneut alles zu verlieren, das Elend der Flüchtlinge vergessen lasse.

Rainer Eppelmann verdeutlichte den Gästen des Adenauer-Forums, dass Deutschland bereits eine Demokratie gehabt habe, bevor es seinen Henker frei gewählt habe. Er verwies damit auf die Reichstagswahlen im März 1933. Die Früchte kurzsichtiger Handlungen spüre man noch heute, ebenso die Auswirkungen der Kolonialepoche. Er erläuterte dass, obgleich Frieden in Europa herrsche, sich andere Regionen der Welt im Krieg befänden und das friedliche Miteinander hierzulande nicht für immer garantiert werden könne. Im Hinblick auf die ehemalige DDR und viele Länder des ehemaligen Ostblocks äußerte Herr Eppelmann des Weiteren die Ansicht, dass diese über 40 Jahre hinweg teilweise völlig andere kollektive Erfahrungen machten, als die westeuropäischen Staaten. Diese Diskrepanz dürfe man nicht leugnen, sondern müsse anerkennen, dass Differenzen nicht so schnell aufzuholen seien.

Das heutige Selbstverständnis

In seinem Vortrag ging Herr Eppelmann auf die Unterschiede zwischen den Generationen ein. Er sagte, dass die jüngere Generation Demokratie als etwas Selbstverständliches wahrnehme, da sie nichts anderes kenne. Zudem würden wir oftmals vergessen, wie gut es uns in Europa gehe. Wiederholt ging er darauf ein, dass es im Alltag einen entscheidenden Unterschied mache, ob man in einer Diktatur leben müsse oder in einer Demokratie leben könne. Der Stellenwert der Demokratie sei uns wenig bewusst, allerdings würde jeder ein selbstbestimmt Leben anstreben. Als Kritikpunkt führte Herr Eppelmann an, dass die Ignoranz und Unwissenheit innerhalb der Gesellschaft weiter zunehme und das europäische Bewusstsein dabei zurückbleibe. Es fehle an einem Konzept angesichts der heutigen Krisen und einer wachsenden Europa-Skepsis.

Handlungsbedarf für die Zukunft

Rainer Eppelmann bezeichnete Gedenktage und Jubiläen als "Schrittmacher unserer Erinnerungskultur" und Bestandteil der öffentlichen Erinnerung. Sie dienten gleichermaßen als Mahnung und Mutmacher. Er betrachtet sie als Möglichkeit, die Vergangenheit zu reflektieren. Er zitierte dabei Erich Kästner: "Wer das, was schön war, vergisst, wird böse. Wer das, was schlimm war, vergisst, wird dumm." Die Reise in die Erinnerung ist für Herrn Eppelmann eine Notwendigkeit. Sie lasse zudem erkennen, dass es einen größeren geschichtlichen Zusammenhang gäbe und dass das Spätere aus dem Früheren verstanden werden müsse. Er merkte an, dass es für unsere Zukunft wichtig sei, dass Geschichte für den Alltag berührbar gemacht werde.

Schließlich sagte Herr Eppelmann, dass das Jahr 1989 nicht das Ende der Geschichte sei. Stattdessen seien wir zu aktiven Gestaltung der Geschichte aufgerufen. Der Redner trat dafür ein, dass die Erfahrungen der Vergangenheit uns zur Pflege und Verteidigung der Demokratie verpflichten. Wir hätten den Auftrag, Demokratie attraktiv und sympathisch zu gestalten. Schlussendlich gab er zu verstehen, dass Geschichte nicht einfach passiere. Sie werde von uns Menschen gemacht und wir seien daher zur aktiven Mitgestaltung unserer Zukunft aufgerufen.

XENIA STOLL

JESSICA KLASSEN

KAI ZENNER