Veranstaltungsberichte

1700 Jahre jüdisches Leben in Deutschland

von Johannes Christian Koecke

Jahresauftakt zu Konrad Adenauers 145. Geburtstag

Die Pandemie ist nicht alles, aber sie ist zurzeit in allem. Auf diese Formel ließe sich unser Versuch bringen, den Auftakt des Jahres 2021, traditionell am 5. Januar, dem Geburtstag Konrad Adenauers, zu begehen. 2021 ist das Jahr, in dem die erste urkundliche Erwähnung einer jüdischen Gemeinde in Deutschland vor 1700 Jahren gefeiert wird. Aus der ursprünglich geplanten Festveranstaltung in der Kölner Synagoge an der Roonstrasse, jener Synagoge, für deren Wiederaufbau 1959 Konrad Adenauer sich so eingesetzt hat, wurde eine kürzere Digitalschalte.

Prof. Dr. Jürgen Rüttgers, Vorsitzender des Kuratoriums der Stiftung Bundeskanzler Adenauer Haus in Rhöndorf, Dr. Josef Schuster, Präsident des Zentralrats der Juden, und Prof. Dr. Norbert Lammert, Vorsitzender der Konrad-Adenauer-Stiftung, gaben zu Beginn dieses bedeutsamen Jubiläumsjahres der deutsch-jüdischen Geschichte  einleitende Statements ab. Im Laufe des Jahres soll dann eine „richtige“ Veranstaltung in der Kölner Synagoge persönlichen Austausch und Diskussion mit dem Publikum ermöglichen.

 

 

Alle drei Vortragenden führten die wechsel-, oft leidvolle, durch die Shoa fast beendete Geschichte der Juden in Deutschland vor Augen, die in zwei Phasen – nach dem Krieg in geringer Zahl und dann wachsend nach Wegfall des Eisernen Vorhangs – nun wieder zu einer Stabilität geführt hat, die durch Antisemitismus und Rassismus von neuem bedroht ist. Es gibt um die 100.000 Jüdinnen und Juden, die in den jüdischen Gemeinden registriert sind, wie Josef Schuster erwähnte. Jüdisches Leben ist also, anders als man es nach dem Krieg denken musste, in Deutschland wieder möglich (wenn auch längt nicht so zahlreich wie vor der Shoa), aber es ist auf eine neue Art und Weise gefährdet. Josef Schuster erwähnte zwei ihn beunruhigende Tendenzen:

 

Zum einen wird der immer in der Bundesrepublik vorhandene Antisemitismus nun offensichtlicher und un-verschämter. Antisemitische Hetze im Internet mit Klarnamen, Drohbriefe mit Unterschrift, antisemitische Abgeordnete in Parlamenten, antiisraelische Demonstrationen – das sind Zeichen dafür, dass sich Antisemiten offensichtlich sicherer und von einem gesellschaftlichen Rückhalt auf bedenkliche Weise getragen fühlen, meinen, sich nicht mehr verstecken zu müssen.

 

Die andere Entwicklung ist weniger anstößig, aber aus jüdischer Sicht genauso bedeutsam. Seit einigen Jahren gibt es politische Initiativen, zwei aus der Sicht von Nichtjuden „umstrittene“ religiöse Praktiken juristisch einzuschränken: die Beschneidung von Jungen kurz nach der Geburt und das betäubungslose Schächten von Schlachttieren. (Beides betrifft Muslime genauso). Jüngst hat der Europäische Gerichtshof ein Urteil verkündet, dass EU-Staaten das Verbot von Schächtungen erlaubt. In beiden Fällen werden hohe und akzeptierte Rechtsgüter von der Gegenseite ins Feld geführt: körperliche Unversehrtheit und Tierwohl. Dennoch betonte Josef Schuster, dass beide Rituale für das Judentum essentiell sind und eine Einschränkung nicht hingenommen werden könne.

 

So ließ sich schon in diesem kurzen Auftakt sehen, welche Diskussionen zu diesem Jubiläum noch zu führen sind – und dass sich hehre Worte in konkreten Entscheidungen wiederfinden müssen. Die Konrad-Adenauer-Stiftung wird mit etlichen Veranstaltungen dieses Jahr begleiten.