Herkunft, Ausbildung und Beginn des politischen Engagements
Annette Widmann kam am 13. Juni 1966 in Tübingen als Tochter eines Schuhfabrikanten zur Welt und wuchs in der Kreisstadt Balingen im Zollern-Alb-Kreis auf.
Nach dem Abitur am Gymnasium Balingen begann sie an der Universität Tübingen ein Studium der Politik- und Rechtswissenschaften, das sie ohne Abschluss beendete, um in die Politik zu wechseln. Mit ihrem Ehemann Martin Mauz lebt sie in Balingen.
Schon früh begann ihr politisches Engagement. 1984 trat sie der CDU und der Jungen Union bei, von 1986 bis 1989 war sie stellvertretende Landesvorsitzende der JU Baden-Württemberg. Von 1985 bis 2005 war sie Mitglied und von 1993 bis 2005 stellvertretende Vorsitzende im Vorstand des CDU-Kreisverbandes Zollernalb. 1991 wurde sie Mitglied im Landesvorstand der CDU Baden-Württemberg, dem sie bis 2021 angehörte. Darüber hinaus saß sie von 1999 bis 2009 im Kreistag Zollernalb.
„Demokratie lebt vom Mittun“ – Einzug in den Deutschen Bundestag
1998 kandidierte sie erstmals für den Deutschen Bundestag und es gelang ihr direkt der Einzug über die Landesliste Baden-Württemberg. In der Welt am Sonntag (16. Mai 1999) erläuterte sie die Beweggründe für ihre Kandidatur folgendermaßen:
„In der heutigen Zeit der Globalisierung und beschleunigten Veränderungen sowie des damit zunehmend verbundenen Verlusts von Identität und Zukunftsgewißheit will ich Bindungen – Familie, Partnerschaft und Heimatbezug – bewahren und Menschlichkeit in Wirtschaft und Gesellschaft fördern.“
Ein Anliegen sei es ihr auch, „am Generationenwechsel in unserer Demokratie mitzuwirken und ein modernes Bild der Frau zu vermitteln, auch innerhalb der CDU“ sowie „der Jugend eine Stimme zu geben“.
Diesem Anspruch folgend meldete sie sich am 25. Juni 1999 im Bundestag in der Debatte um die Errichtung eines Denkmals für die ermordeten Juden Europas zu Wort. Zusammen mit Mitgliedern der Jungen Gruppe der CDU/CSU-Fraktion hatte sie zwei Änderungsanträge eingebracht und warb dafür, „ein Mahnmal für alle Opfer der nationalsozialistischen Verbrechen gegen die Menschlichkeit [zu] errichten“.
Bei der Bundestagswahl 2002 gelang es Annette Widmann-Mauz mit 43,4 Prozent das Direktmandat des Wahlkreises Tübingen-Hechingen von Herta Däubler-Gmelin (SPD) zu erringen. Sie konnte ihr Direktmandat bis 2021, als sie zum letzten Mal zur Wahl antrat, bei jeder Bundestagswahl verteidigen.
Im Parlament begann sie schnell, sich einen Namen als Gesundheits- und Sozialexpertin zu machen und amtierte von 2002 bis 2009 sowohl als gesundheitspolitische Sprecherin der Unionsfraktion als auch als Vorsitzende der CDU/CSU-Arbeitsgruppe Gesundheit. Sie schloss sich im November 2000 dem Appell einer parteiübergreifende Gruppe prominenter Frauen an, die die Rentenpläne von Bundesarbeitsminister Walter Riester kritisierten und deren Überarbeitung forderten, da sie in den Plänen eine zu starke Benachteiligung von Frauen sahen.
2003 gehörte sie zu den Unionsabgeordneten, die mit der rot-grünen Bundesregierung und Bundesgesundheitsministerin Ulla Schmidt (SPD) über eine Reform der gesetzlichen Krankenversicherung verhandelten.
In einem Gespräch mit der Welt (17. September 2004) stellte sie klar, dass eine Senkung der Krankenkassenbeiträge nicht möglich und eine Reform der gesetzlichen Krankenversicherung dringend erforderlich sei. 2007 war sie an den Gesprächen zur Vorbereitung einer Gesundheitsreform der zu diesem Zeitpunkt amtierenden Großen Koalition aus CDU/CSU und SPD unter Führung von Bundeskanzlerin Angela Merkel beteiligt.
Von 2002 gehörte sie – bis zum Jahr 2009 – dem Vorstand der CDU/CSU Bundestagsfraktion an und war 2001/2002 Fraktionsbeauftragte für Verbraucherschutz und Lebensmittelsicherheit.
Parlamentarische Staatssekretärin – Staatsministerin für Migration
Im zweiten Kabinett von Angela Merkel wurde sie 2009 Parlamentarische Staatssekretärin im Bundesministerium für Gesundheit, das zunächst von Philipp Rösler (FDP), später von Daniel Bahr (FDP) geleitet wurde. Dieses Amt behielt sie nach der Bundestagswahl 2013 in dem nun von Hermann Gröhe geführten Ministerium bei. Ein Schwerpunkt ihrer Arbeit lag dabei auf der Verbesserung der medizinischen Versorgung, etwa durch Maßnahmen gegen Ärztemangel und für eine bessere Verteilung von Ärzten zwischen Stadt und Land sowie kürzere Wartezeiten für Facharzttermine. Außerdem setzte sie sich besonders für eine frauengerechte Gesundheitspolitik und Themen der Pflege ein. In den Rahmen ihrer Tätigkeit fiel das 2015 mit großer Mehrheit im Bundestag verabschiedete Hospiz- und Palliativgesetz zur besseren Versorgung schwerkranker und sterbender Menschen.
Nach der Bundestagswahl im September 2017 und der Wiederauflage der Großen Koalition nach dem Scheitern der langwierigen Verhandlungen über eine sogenannte Jamaika-Koalition wechselte Widmann-Mauz, die lange als Bundesministerin für Gesundheit im Gespräch gewesen war, im März 2018 als Staatsministerin für Migration, Flüchtlinge und Integration in das Bundeskanzleramt. Im Gespräch mit dem Reutlinger General-Anzeiger (26. Februar 2028) erklärte sie: „Ich habe mich sehr gefreut, dass Angela Merkel mich gefragt hat. Das ist eine tolle Sache. Integration ist eines der wichtigsten Themen für die Zukunft unseres Landes. Das ist eine enorme Chance und eine wichtige Querschnittsaufgabe, die viel Verantwortung für unser Land bedeutet.“
Sie machte von Beginn an deutlich, dass sie geflüchtete Frauen in den Mittelpunkt ihrer Arbeit stellen und vor allem deren sprachliche Integration vorantreiben wolle, da sie in ihnen den Schlüssel für eine erfolgreiche Eingliederung sah: „Wir müssen Frauen stark machen. Das ist die Grundvoraussetzung dafür, dass sie sich auch in dieser emanzipierten Gesellschaft zurechtfinden. In Deutschland hat sowohl Gleichberechtigung als auch der Schutz der Familie einen hohen Stellenwert und wird vom Grundgesetz geschützt. Wenn wir das deutlich machen, können wir manche Vorbehalte abbauen.“ (Schwäbische Zeitung, 8. März 2018) In ihrem Amt gelang es ihr schnell, sich „Respekt“ zu verschaffen (Süddeutsche Zeitung, 25. September 2018), sie war aber auch nicht unumstritten. Ihr Ruf nach einem Einwanderungsgesetz traf auch in der eigenen Partei nicht immer auf Zustimmung, ebenso wie ihre Unterstützung für die Beibehaltung des Grundrechts auf Asyl. Die Debatte um die Einführung eines Kopftuchverbots für junge Mädchen und die Bereitschaft von Widmann-Mauz, dies zu prüfen stellte einen weiteren Streitpunkt dar. Wichtig war für sie auch die Entwicklung eines Maßnahmenkatalogs zum Kampf gegen Rassismus, in ihren Augen eine „eine Daueraufgabe, die uns noch lange beschäftigen wird“ (FAZ, 26. November 2020).
Sie unterstützte in ihrem Amt zudem maßgeblich das 2019 vom Zentralrat der Juden entwickelte Projekt „Schalom Aleikum. Jüdisch-muslimischer Dialog“, das einen Austausch auf Augenhöhe zwischen Juden und Muslimen fördern wollte. Dialog in einem „konzilianten Ton“ sei für sie immer wichtig gewesen, betonte sie in einem Gespräch mit der Stuttgarter Zeitung (18. März 2025).
Mit Amtsantritt der „Ampel“-Regierung unter Olaf Scholz im Dezember 2021 schied sie aus ihrem Amt aus.
Bundesvorsitzende der Frauen Union
Neben der Gesundheitspolitik galt das Engagement von Widmann-Mauz insbesondere der Frauenpolitik. Von 1995 bis 2015 führte sie die Frauen Union Baden-Württemberg an und forderte in dieser Rolle immer wieder eine stärkere Repräsentation von Frauen in der baden-württembergischen Landesregierung ein. „Zur Berufung von mehr Frauen hätte es keines besonderen Mutes bedurft“, merkte sie auf dem Landesparteitag der CDU im Mai 2001 in Fellbach an und kritisierte, dass Ministerpräsident Erwin Teufel nur eine Ministerin und eine Staatssekretärin in sein Kabinett berufen hatte.
2011 wurde sie stellvertretende Bundesvorsitzende der Frauen Union (FU) und am 26. September 2015 auf der 31. Bundesdelegiertagung der FU in Kassel als Nachfolgerin von Maria Böhmer mit 93,2 Prozent zur Vorsitzenden gewählt.
Im Gespräch mit der Schwäbischen Zeitung (17. November 2017) gab sie an, Ziel ihrer Arbeit als Vorsitzende werde auch sein, mehr Frauen als Direktkandidatinnen bei Wahlen durchzusetzen:
„Wahlkreiskandidaten kann man nicht teilen oder dritteln. Deshalb müssen wir neue Instrumente entwickeln und die Voraussetzungen dafür schaffen, dass Politik auch auf der örtlichen Ebene für Frauen interessanter wird und sie sich auch Kampfkandidaturen stellen. In den CDU-Bezirken und auf Landesebene müssen wir unsere Personalpolitik noch strategischer weiterentwickeln. Die Frauen Union unterstützt durch Mentoring-Programme systematisch den Erfahrungsaustausch. Wir stärken Netzwerke unter Frauen und unterstützen die Vernetzung, die dauerhaft auch nicht auf Frauen beschränkt bleiben darf. Außerdem müssen wir auf die Vereinbarkeit von Familie, Erwerbsarbeit und Politik im Ehrenamt achten.“
Auf dem Bundesparteitag der CDU 2019 in Leipzig merkte sie kritisch an, das seit 1996 in der Partei geltende Frauenquorum von 30 Prozent werde von vielen immer noch als „unverbindliche Obergrenze“ betrachtet und forderte für ein „Reißverschlussverfahren“ zur paritätischen Besetzung von Listenplätzen.
Im Gespräch mit Zeit Online (8. Dezember 2021) plädierte sie dafür, den Gang der CDU in die Opposition auch als „Chance“ zu begreifen: „Die CDU muss sich inhaltlich neu positionieren und in den Debatten werden neue profilierte Persönlichkeiten hervortreten. In den Bundesländern und Kommunen, in denen wir regieren, kommt es darauf an, dass mehr Frauen führen und prominent gestalten.“ Die Frauenquote von zunächst 40 Prozent für Parteiämter, auf die sich die CDU nach langen Gesprächen verständigt hatte, sei zwar kein „Allheilmittel“, aber vielleicht doch eine Chance, Frauen in Führungspositionen auf allen Ebenen zu gewinnen, so Widmann-Mauz.
Abschied aus der Politik
Am 18. Juli 2024 kündigte Annette Widmann-Mauz an, 2025 nicht mehr für den Bundestag zu kandidieren, da sie „den Staffelstab an jüngere Hände“ weitergeben wolle. Auf dem 34. Bundesparteitag der CDU 2022 war es ihr – zum Erstaunen vieler – nicht gelungen, wieder ins Präsidium gewählt zu werden; es gab acht Kandidaten für sieben Posten, sie unterlag knapp. „Spätestens da dürfte ihr klar geworden sein, dass in der Friedrich-Merz-CDU andere Frauen aufsteigen können – sie aber nicht mehr“, mutmaßt die Süddeutsche Zeitung (20. Juli 2024) im Rückblick auf dieses Ereignis.
Bei der Abstimmung im Bundestag über das von der Union in den Bundestag eingebrachte sogenannte Zustrombegrenzungsgesetz gehörte sie zu den zwölf Abgeordneten der CDU/CSU-Fraktion, die der Abstimmung fernblieben. Diese zwölf Stimmen waren ausschlaggebend, dass der Gesetzentwurf keine Mehrheit fand. Ihr Vorgehen begründete sie mit den Worten: „Es ist mit meinen Wertvorstellungen nicht vereinbar, mich an der Verabschiedung eines Gesetzentwurfs zu beteiligen, der nur mit Zustimmung der AfD hätte zustande kommen können, einer in Teilen gesichert rechtsextremen Partei – aus Verantwortung aus unserer Geschichte und für die Demokratie in unserem Land.“ (Schwäbisches Tagblatt, 3. Februar 2025)
Im März 2025 erklärte sie, auch den Bundesvorsitz der Frauen Union abgeben zu wollen, denn ein politisches Mandat und die kontinuierliche Präsenz im parlamentarischen Betrieb stellten in ihren Augen wesentliche Grundlagen für den Einfluss der Frauen Union dar, um deren Positionen und Forderungen erfolgreich zu realisieren. Vor diesem Hintergrund sei der Rückzug für sie die „logische Konsequenz“, konstatierte sie im Gespräch mit dem Reutlinger General-Anzeiger (21. März 2025). Sie zeigte sich zufrieden, mit den bislang erreichten politischen Weichenstellungen – etwa im Bereich des Sexualstrafrechts, bei der Entgelttransparenz, der gleichberechtigten Teilhabe in Führungspositionen, der besseren Vereinbarung von Familie und Beruf, der Einführung des Rechts auf Ganztagsbetreuung –, wies aber auch darauf hin, dass man in Deutschland „noch immer nicht bei der vollständigen, tatsächlichen Gleichstellung“ von Männern und Frauen angekommen sei. Auch hier bleibt sie ihrem Lebensmotto „Optimismus ist Pflicht“, einem Satz des Philosophen Karl Popper, treu.
Der 36. Bundesdelegiertentag der Frauen Union der CDU Deutschlands wählte am 24. Mai 2025 in Reutlingen einen neuen Bundesvorstand. Bundesgesundheitsministerin Nina Warken wurde zur neuen Vorsitzenden der Frauen Union der CDU Deutschlands und Annette Widmann-Mauz zur Ehrenvorsitzenden gewählt.
Lebenslauf
- geboren am 13. Juni 1966 in Tübingen
- 1984 Eintritt in die CDU und die Junge Union
- 1986–1989 stv. Landesvorsitzende der JU Baden-Württemberg
- 1995–2015 Landesvorsitzender der Frauen Union Baden-Württemberg
- 1999–2009 Mitglied des Kreistags Zollernalb
- 1998–2025 MdB
- 2000–2009 Mitglied im Vorstand der CDU/CSU-Fraktion im Deutschen Bundestag
- 2000–2005 Vorsitzende der Frauengruppe der CD/CSU-Fraktion
- 2009–2017 Parlamentarische Staatssekretärin im Bundesministerium für Gesundheit
- 2015–2025 Bundesvorsitzende der Frauen Union
- 2018–2022 Mitglied im Präsidium der CDU
- 2018–2021 Staatsministerin für Migration, Flüchtlinge und Integration im Bundeskanzleramt