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Otto-von-Bismsarck-Stiftung Friedrichsruh, A 166
Essay

Vom Mythos zum wissenschaftlichen Narrativ

von Dr. Jan Markert

Wie aus dem Kaiserreich ein „Bismarckreich“ wurde

Die Geschichte des ersten deutschen Nationalstaats ist bis heute untrennbar mit dem Namen Otto von Bismarcks verbunden. Das Bild vom „Eisernen Kanzler“ und „Reichsgründer“ geht jedoch auf einen geschichtspolitischen Mythos zurück, der schließlich auch von der Geschichtswissenschaft übernommen wurde.

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Bismarck bei Kaiser Wilhelm I., Gemälde von Konrad Siemenroth, 1887 Otto-von-Bismsarck-Stiftung Friedrichsruh, A 166
Bismarck bei Kaiser Wilhelm I., Gemälde von Konrad Siemenroth, 1887

Der erste Deutsche Kaiser Wilhelm I. steht bis heute im Schatten seines Reichskanzlers Otto von Bismarck. Das betrifft sowohl das kulturelle Gedächtnis als auch die Geschichtswissenschaft. Vor dem Tod des Monarchen 1888 hätte diese spätere historische Randfigurenexistenz das zeitgenössische Publikum wohl sehr überrascht. Denn in den etwa zwei Jahrzehnten nach der Reichsgründung 1871 wurde in der deutschen Öffentlichkeit nicht der Kanzler, sondern primär der Kaiser als „Reichsgründer“ inszeniert und zelebriert. Wie aber kam es dazu, dass Bismarck seinen Souverän aus der Geschichte verdrängte? Der politische Bismarckmythos, der vor allem in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts wirkmächtig war, mag eine Antwort auf diese Frage geben. Die Forschung dazu ist reichhaltig. Aber jenseits der Geschichtspolitik übernahm auch die Geschichtswissenschaft einen bismarckzentrierten Blick auf die preußische und deutsche Geschichte der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts. Dabei ist die bis in die Gegenwart reichende historiographische Traditionslinie des vermeintlichen „Bismarckreichs“ letztendlich ebenfalls ein Produkt des politischen Kanzlermythos. Dieser soll im Folgenden anhand einiger Schlaglichter rekonstruiert werden.

 

„fake history“ made in Friedrichsruh

Die Forschung mag Bismarcks Entlassung 1890 als historische Zäsur charakterisieren. Die zeitgenössischen Quellen zeichnen jedoch ein anderes Bild. Denn für die deutsche Öffentlichkeit war eine Zeitenwende bereits zwei Jahre zuvor mit dem Tod Wilhelms I. eingetreten. Mit dem 1797 geborenen Monarchen ging symbolisch das 19. Jahrhundert zu Ende, wie viele publizistische Beobachter schrieben. Bismarcks Entlassung wurde über Parteigrenzen hinweg mit Erleichterung registriert. Von seinem Altersruhesitz in Friedrichsruh aus dirigierte der zwangspensionierte Reichskanzler dann jedoch eine publizistische Kampagne gegen Wilhelm II., der ihm den Stuhl vor die Tür gesetzt hatte. Neben direkter Kritik am „Neuen Kurs“ begann Bismarck, den jungen Kaiser auch indirekt auf geschichtspolitischem Boden zu kritisieren. In Interviews, Presseartikeln sowie insbesondere den 1898 postum veröffentlichten Gedanken und Erinnerungen rückte er sich selbst in den Mittelpunkt der Reichsgründungsgeschichte und beanspruchte dadurch Kaiserreich und Kaiserkrone implizit als persönliche Schöpfungen, die Wilhelm II. nicht zu würdigen verstanden habe. Nicht wenige der von Bismarck kolportierten (und bis heute oft unkritisch zitierten) Geschichten sind allerdings frei erfunden. Das fiel bereits einigen Zeitgenossen Wilhelms I. auf, die sich nach der Lektüre der Kanzlermemoiren in ihren Briefen und Tagebüchern kritisch über diese „fake history“ äußerten.

Mit Heinrich von Sybel trat allerdings auch ein namhafter Historiker in den Dienst der Friedrichsruher Geschichtspolitik. Bismarck wählte nicht nur die Quellen aus, die Sybel für seine mehrbändige Publikation Die Begründung des Deutschen Reiches durch Wilhelm I. verwenden konnte, die zwischen 1889 und 1894 erschien und bis in die 1930er Jahre mehrmals neu aufgelegt werden sollte. Der Altkanzler griff sogar redigierend in die Manuskripte ein. Der Buchtitel kann daher als Etikettenschwindel bezeichnet werden. Bereits in der zeitgenössischen Rezeption war spöttisch von der „Begründung des Deutschen Reiches trotz Wilhelm I.“ die Rede. Dem Narrativ vom Kanzler als „Reichsgründer“ folgte die zeithistorische Forschung bis zum Ende der Hohenzollernmonarchie. Da die Berliner Archive der Öffentlichkeit lange verschlossen blieben, musste die Geschichtswissenschaft notgedrungen auf Sybels Quellenarbeit und Bismarcks schriftliche Erinnerungen zurückgreifen. Das kann auch an der ersten „wissenschaftlichen“ Biographie Wilhelms I. beobachtet werden, die 1897 von Erich Marcks verfasst wurde und noch in den 1940er Jahren als Neuauflage erschien. Archivquellen konnte der Kaiserbiograph nicht verwenden, weshalb er auf die Memoirenliteratur zurückgreifen musste. Im Jahr 2009 wurde Marcks vom renommierten Preußenexperten Wolfgang Neugebauer vielsagend als „Verfasser einer noch heute nicht ersetzten Biographie Wilhelms I.“ bezeichnet. Marcks war ein überzeugter Anhänger des politischen Bismarckmythos, mit dem er nicht nur die deutsche Politik im Ersten Weltkrieg legitimierte, sondern, bis zu seinem Tod 1938, auch die Errichtung der nationalsozialistischen Diktatur. Für ihn trat Wilhelm I. mit Bismarcks Ernennung 1862 „aus der Stelle des Handelnden um einen Schritt zurück: die Last der Taten muß er nun in die Hände des andern legen. Die Zeit der Größe bricht an; die Zeit, die ihm im vollen Sinne zu eigen gehört, ist vorüber; sein Größtes hat er geleistet.“

 

Fotografie Wilhelm I. (um 1870.) Otto von Bismarck-Stiftung Friedrichsruh F 2021-062,1
Fotografie Wilhelm I. (um 1870.)

Gescheiterte Gegenerzählungen

Durch seine irrlichternde Herrschaftspraxis trug ungewollt auch Wilhelm II. zu der wachsenden Manifestation des bismarckzentrierten Geschichtsbildes bei. Der kaiserkritischen Öffentlichkeit diente der Bismarckmythos als bürgerlich konnotiertes Gegennarrativ zu der polarisierenden monarchischen Politikkultur. Losgelöst von tagespolitischen Kontroversen fungierte der „Eiserne Kanzler“ als politische Vorbildfigur, an der die wilhelminische Gegenwart gemessen wurde. Für die ohnehin unter Skandalen und Krisen leidende Herrschaft Wilhelms II. barg diese Entwicklung alles andere als unerhebliche erhebliche Risiken, denn sie unterminierte die Popularität und Autorität der Krone. Mit dem „Wilhelm der Große“-Mythos versuchte der letzte Hohenzollernkaiser schließlich, ein historisches Gegennarrativ gewissermaßen zu oktroyieren. Aber gegen den grassroots-Charakter des konkurrierenden Kanzlerkultes blieb die kaiserliche Geschichtspolitik in ihrer Wirkmacht begrenzt.

Es gab allerdings auch fürstliche Bemühungen, um das Geschichtsbild Wilhelms I. jenseits der offiziösen Hofpublizistik auf wissenschaftlichem Parkett zu beeinflussen. Großherzog Friedrich I. von Baden, der Schwiegersohn Wilhelms I., unterstützte seit der Jahrhundertwende die Arbeiten des österreichischen Historikers Ottokar Lorenz, die dem ersten Hohenzollernkaiser eine führende Rolle in der Reichsgründung attestierten. Zwar konnte Lorenz für seine 1902 und 1903 erschienen Bücher Kaiser Wilhelm und die Begründung des Reichs 1866–1871 und Gegen Bismarcks Verkleinerer auf bis dato unbekannte Quellen zurückgreifen. Aber der offen neohagiographische Charakter seiner Publikationen führte dazu, dass diese zumindest im akademischen Publikum kaum rezipiert wurden. Auch Großherzogin Luise von Baden fand mit ihren Bemühungen keinen Erfolg, die historische Rolle ihres Vaters Wilhelm I. durch eine breitere Quellengrundlage in ein neues Licht zu rücken. Die in ihrem Auftrag 1912 von den Archivaren Georg Schuster und Paul Ballieu herausgegebenen Briefe ihrer Eltern aus der Zeit vor 1850 fanden ebenfalls kaum öffentliches, geschweige denn akademisches Interesse. Bis zum Kriegsausbruch 1914 wurden nur etwa 100 Exemplare verkauft, und die Verlagsanfragen bei wissenschaftlichen Zeitschriften zwecks Buchbesprechungen blieben weitgehend unbeantwortet. Damit erübrigte sich der Plan, weitere Bände zu veröffentlichen, die auch die Zeit der Reichsgründung und des frühen Kaiserreichs hätten abdecken sollen. Dagegen fanden die Kanzlermemoiren und weitere Publikationen von „Bismarckquellen“ vor 1918 reißenden Absatz. Interessanterweise sollte sich Wilhelm II. im niederländischen Exil rühmen, zeit seiner Herrschaft wiederholt verhindert zu haben, dass Briefe seines Großvaters das Licht der Öffentlichkeit fanden, während er gleichzeitig die Publikationspolitik der Familie Bismarck kritisierte. Der letzte Deutsche Kaiser hatte versucht, auf der geschichtspolitischen Ebene die historische Person Wilhelm I. durch die konstruierte Figur des „Heldenkaisers“ zu ersetzen. Dadurch hatte er die Debatte über das geschichtswissenschaftliche Bild seines Großvaters dem Bismarckmythos überlassen.

 

Wissenschaftliche Bismarck-„Denkmäler“

Nach dem Ende des Kaiserreichs und der skandalösen Flucht Wilhelms II. wurde monarchischen Narrativen schließlich auch der politische Boden entzogen. Die Öffnung der staatlichen und fürstlichen Archive trug schließlich sogar dazu bei, den Bismarckmythos wissenschaftlich zu tradieren. Mit der zwischen 1924 und 1935 erschienenen mehrbändigen Edition von Bismarcks Schriften, Reden und Gesprächsaufzeichnungen wolle „Deutschland in seiner tiefsten Erniedrigung dem Reichsgründer“ ein „Denkmal“ errichten, wie es die Herausgeber im Vorwort des ersten Bandes formulieren. Der letzte Band wurde schließlich dem „neuen Reich, […] dem Dritten Reich […] geschenkt“, das „die Stufe des Bismarckreiches fortgeführt“ habe. Einem vergleichbaren politischen Narrativ folgen auch die umfangreichen Editionen zur Berliner Außenpolitik vor und nach der Reichsgründung. Im Schatten der Versailler Friedensordnung sollten diese Quellen nicht nur das vermeintliche diplomatische Genius Bismarck unterstreichen, sondern auch die stabilisierende Funktion eines geeinten und mächtigen deutschen Nationalstaates für die internationale Politik. Bis heute greift die Forschung auf diese Editionen zurück, ergänzte und ergänzt sie durch weitere auf Bismarck fokussierte Quellenpublikationen, die zwar unser Bild jener Zeit erweitern, aber die Politikgeschichte gleichzeitig auf die Person des „Eisernen Kanzlers“ verengen. Für Wilhelm I. steht ein vergleichbarer geschlossener Quellenkorpus nicht griffbereit im Regal. Zwar begann die Kaiser-Wilhelm-Gesellschaft zur Förderung der Wissenschaften (heute Max-Planck-Gesellschaft) bereits 1917 mit den Vorbereitungen für eine umfassende Publikation der Korrespondenzen des ersten Hohenzollernkaisers, die nach 1918 unter der Projektleitung von Paul Fridolin Kehr mehrere Archivare und Historiker beschäftigte. Aber dieses monumentale Unterfangen scheiterte schließlich an Finanzierungsproblemen. Zwischen 1924 und 1931 erschienen die Briefwechsel des Monarchen mit dem Weimarer und Schweriner Hof sowie ausgewählten politischen Akteuren vor der Reichsgründung. Bereits der Umstand, dass diese Bände jeweils bei unterschiedlichen Verlagen publiziert werden mussten, verdeutlicht, wie gering das öffentliche (und damit finanzielle) Interesse war. Dennoch war diese Arbeit nicht ohne Gewinn für die Forschung. Erhebliche Teile des Originalnachlasses Wilhelms I. gingen im Zweiten Weltkrieg verloren. Ohne die in den 1920er und 1930er Jahren angefertigten Abschriften der Originalbriefe könnten diese Überlieferungslücken heute nicht mehr geschlossen werden. Heute ist der 27,5 laufende Meter umfassende Nachlass Wilhelms I. im Geheimen Staatsarchiv Preußischer Kulturbesitz in Berlin archiviert.

 

Der „Reichsgründer“ im Nachkriegsdeutschland

Auch nach 1945 wurde der Bismarckzentrismus kaum infrage gestellt. Stattdessen stand für Wissenschaft und Öffentlichkeit die Frage im Raum, welche möglichen Kontinuitäten und Diskontinuitäten zwischen dem „Bismarckreich“ und der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft bestanden. Arnold Oskar Meyer hatte die von ihm während des Zweiten Weltkrieges verfasste (und postum 1949 veröffentlichte) erste wissenschaftliche Bismarckbiographie Bismarck. Der Mensch und der Staatsmann noch als „Beitrag zur nationalen Arbeit während des Krieges“ bezeichnet. Gewissermaßen als Gegenpol fungierte etwa zeitgleich die dreibändige Biographie Bismarck. Leben und Werk aus der Feder des liberalen Historikers Erich Eyck. Aber selbst Eyck konnte oder wollte sich nicht vom Bild des alle anderen überragenden „Reichsgründers“ lösen, dessen Politik er zwar kritisch deutete, aber nie hinterfragte. Über Bismarcks kaiserlichen Dienstherrn schrieb er, dessen „Briefe mit ihrem ungelenken Stil und häufig primitiven Gedankengang zeugen nicht von geistiger Überlegenheit.“ Kaum weniger schmeichelhaft ist das Urteil des DDR-Historikers Ernst Engelberg, dessen zwischen 1985 und 1990 erschienene zweibändige Bismarckbiographie als erste seit Meyer auf Archivquellen zurückgriff. Wilhelm I., so Engelberg, sei im Vergleich zu Bismarck „schwach in seiner Fähigkeit“ gewesen, „die Dinge zu sehen, wie sie sind.“ Und über die Rolle des Monarchen im Reichsgründungsprozess zieht er das vielsagende Fazit: „Drei Kriege, drei Siege, dreimal gefeiert ein tumber Tor!“ Lothar Gall wertete für seine 1980 erschiene Biographie Bismarck. Der weiße Revolutionär lediglich gedruckte Quellen aus. Nach 1949 lagen die für die „Ära Bismarck“ zentralen Quellenbestände vor allem in ostdeutschen Archiven. Aber gleichzeitig verengte das von der SED-Regierung vorgegebene Geschichtsbild die Forschungsperspektive auf Kaiser und Kaiserreich. Karl-Heinz Börner etwa, der für seine 1984 publizierte Wilhelmbiographie den archivalischen Nachlass des Monarchen zumindest punktuell heranzog, sieht sein Forschungssujet lediglich als Strohmann einer „Junkerklasse“ und „Militärpartei“, bevor Bismarck 1862 die Direktive übernommen habe. Letztendlich folgte die Forschung auf beiden Seiten des Eisernen Vorhangs noch implizit den von Bismarck, Sybel und Marcks verfassten Narrativen, ohne sich dieses Umstandes explizit bewusst zu sein. Sebastian Haffner sprach in seinem erstmals 1979 erschienenen Buch Preußen ohne Legende gar von „König Bismarck I.“ Daran änderte sich auch nach 1989 wenig. Bis heute interessieren Fach und Öffentlichkeit sich vor allem für die geschichtspolitische und geschichtsdidaktische Frage, wie Bismarcks Politik bewertet werden kann. Nur selten geht es im klassischen Ranke’schen Sinne darum, in welchem Grad er bei den großen und kleinen politischen Entscheidungen zwischen 1862 und 1888 involviert war.

 

Problemthema „Monarchie“

Der Bismarckzentrismus stieß im Nachkriegsdeutschland auch deshalb sowohl bei wohlwollenden wie kritischen Stimmen auf fruchtbaren Boden, da Monarchie und Monarchen als Forschungsgegenstände lange Zeit verpönt waren. Das dynastische Herrschaftsmodell galt im Geschichtsbild der Bundesrepublik als bereits im 19. Jahrhundert überholt. Stattdessen wurde von einem „bürgerlichen Jahrhundert“ gesprochen, in dem den gekrönten Häuptern lediglich die Rolle bisweilen störender Zaungäste der großen Politik zugesprochen wurde. Letztendlich wurde der bürgerliche Bismarckmythos der 1890er Jahre dadurch vollends von seinem Zusammenhang mit der Monarchie getrennt. Hans-Ulrich Wehler etwa spricht in seinem 1973 erstmals aufgelegten Werk Das Deutsche Kaiserreich 1871–1918 von einem „bonapartistischen Diktatorialregime“ unter Bismarck und einer „autoritären Polykratie“ um Wilhelm II. Damit wurde im Kontext der These von einem „deutschen Sonderweg“ allein dem Kanzler die Rolle eines autokratischen Herrschers zugestanden. Die große Westberliner Preußen-Ausstellung Preußen – Versuch einer Bilanz 1981 schenkte lediglich Friedrich II. (dem Großen) als einzigem Hohenzollernmonarchen nähere Beachtung. Nicht zufällig kamen die Impulse zu einem neuen Blick auf die Monarchie, die sich diesem Themenfeld multiperspektivisch annähert, aus der englischsprachigen Forschung. Es dauerte jedoch lange, bis sich auch die deutsche Forschung für Monarchie und Monarchen interessierte. Als beispielsweise der britische Historiker John Röhl nach einem Publikationsort für einen Sammelband suchte, der die Ergebnisse einer 1979 gehaltenen internationalen Tagung über Wilhelm II. festhalten sollte, erteilten ihm alle (west)deutschen Verlage, die er anfragte, eine Absage. Wie die Korrespondenzen in Röhls Nachlass in der Berliner Staatsbibliothek belegen, waren Historiker wie Verleger Anfang der 1980er Jahre der Meinung, der letzte Hohenzollernkaiser sei eine historisch irrelevante Figur gewesen. Erst nachdem Röhls Forschung international Aufsehen erregt hatte, begann sich auch in Deutschland die Geschichtswissenschaft für Wilhelm II. zu interessieren. Zwar streitet die Forschung bis heute darüber, in welchem Grad der dritte Deutsche Kaiser die Berliner Politik beeinflusste. Aber kein seriöser Historiker würde heute argumentieren, dieser Herrscher sei irrelevant gewesen. Bei Wilhelm I. dauerte es jedoch bis in die Gegenwart, bevor eine jüngere Historikergeneration begann, auch diesen Kaiser aus der monarchiehistorischen Aphasie zu befreien. Ob sich das Bild von Bismarck, Reichsgründung und Kaiserreich infolge dieser neuesten Forschung grundlegend verschieben wird, bleibt abzuwarten. Aber dass diese Debatte seit langer Zeit überfällig ist, kann wohl kaum bestritten werden.

 

 

Jan Markert ist Historiker und arbeitet als wissenschaftlicher Mitarbeiter am Forschungszentrum Europa der Universität Trier.

 

 

Weiterführende Literatur:

  • Herbert D. Andrews: Bismarck’s Foreign Policy and German Historiography, 1919–1945, in: The Journal of Modern History 37/3 (1965), S. 345–356.
  • Lothar Gall (Hrsg.): Das Bismarck-Problem in der Geschichtsschreibung nach 1945. Köln/Berlin (West) 1971.
  • Manfred Hank: Kanzler ohne Amt. Fürst Bismarck nach seiner Entlassung 1890–1898. München 1977.
  • Benjamin Hasselhorn: Geschichtsmythen. Die Macht historischer Erzählungen. München 2025.
  • Ulrich Lappenküper (Hrsg.): Das Bismarck-Problem in der Geschichtsschreibung. Biographische Perspektiven seit 1970. Paderborn 2017.
  • Jan Markert: Der verkannte Monarch. Wilhelm I. und die Herausforderungen wissenschaftlicher Biographik, in: Forschungen zur Brandenburgischen und Preußischen Geschichte. Neue Folge 31 (2021), S. 231–244.
  • Jan Markert: Wilhelm I. Vom „Kartätschenprinz“ zum Reichsgründer. Berlin 2024.
  • Jens Nordalm: Historismus und moderne Welt. Erich Marcks (1863–1938) in der deutschen Geschichtswissenschaft. Berlin 2003.
  • Markus Raasch (Hrsg.): Die Deutsche Gesellschaft und der konservative Heroe. Der Bismarckmythos im Wandel der Zeit. Aachen 2010.
  • Frederik Frank Sterkenburgh: Wilhelm I as German Emperor: Staging the Kaiser. London 2025.

 

Geschichtsbewusst" bildet eine Bandbreite an politischen Perspektiven ab. Der Inhalt eines Essays gibt die Meinung der Autorin oder des Autors wider, aber nicht notwendigerweise diejenige der Konrad-Adenauer-Stiftung.

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11. Februar 2021
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