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Essay

Was war der Cold War Liberalism?

von Prof. Joshua Cherniss

Zur historischen Eigenart, inneren Spannung und aktuellen Relevanz eines skeptischen Liberalismus

Angesichts einer global diagnostizierten Krise des Liberalismus fragen Historiker und Politikwissenschaftler nach dem intellektuellen Erbe liberaler und konservativer Denker des 20. Jahrhunderts. Der Beitrag rekonstruiert die oft missverstandenen Ideen und Überzeugungen der Cold War Liberals zwischen Antitotalitarismus, Wertepluralismus und sozialstaatlicher Verantwortung, lotet ihre ethischen und politischen Grundannahmen aus und fragt nach ihrer Tragfähigkeit für eine Gegenwart, in der Optimismus, Fortschrittsglaube und institutioneller Konsens brüchig geworden sind.

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Isaiah Berlin, 1. Januar 1985. Gemma Levine/Getty Images
Isaiah Berlin, 1. Januar 1985.

Was war der Cold War Liberalism? Was bedeuten die Ideen der Cold War Liberals für uns heute? Wir stellen diese Fragen im Schatten einer globalen Krise des Liberalismus. Es ist zugleich überraschend und nicht überraschend, dass Historiker und Politikwissenschaftler in diesem Zusammenhang zum Cold War Liberalism zurückkehren. Überraschend, weil diese Erscheinungsform des Liberalismus durch eine Epoche geprägt war, die nach 1989 von den meisten als endgültig der Vergangenheit angehörig betrachtet wurde. Nicht überraschend, weil der Cold War Liberalism durch Bedrohungen definiert war, die in mancher Hinsicht jenen der Gegenwart ähneln.

Gleichwohl besteht Uneinigkeit und Verwirrung darüber, was der Cold War Liberalism eigentlich war. Für einige handelt es sich um eine politische Gruppierung, die vor allem in den USA existierte und zu der die Präsidenten Harry S. Truman, John F. Kennedy und Lyndon B. Johnson, Gouverneur Adlai Stevenson, Vizepräsident Hubert Humphrey und der Diplomat George F. Kennan gehörten. Andere sehen ihn als eine intellektuelle Position, vertreten durch die Philosophen Isaiah Berlin und Karl Popper, den Philosophen und Soziologen Raymond Aron, den Theologen Reinhold Niebuhr, den Historiker Arthur Schlesinger Jr. und den Literaturkritiker Lionel Trilling. Die Verwirrung wird dadurch verstärkt, dass der Cold War Liberalism sowohl im Gegensatz zu anderen politischen und intellektuellen Positionen seiner Zeit als auch im Gegensatz zu früheren und späteren Formen des Liberalismus definiert werden kann. Beide Dimensionen – horizontale Ausdehnung über die Ära des Kalten Krieges hinweg und vertikale über die Geschichte des Liberalismus – erklären die Eigenart des Cold War Liberalism.

 

Verantwortung als grundlegendes Prinzip

Der Cold War Liberalism wurde durch die traumatischen und ernüchternden Erfahrungen von Totalitarismus und totalem Krieg geprägt, die viele Liberale dazu bewogen, sich von dem psychologischen Rationalismus und dem historischen Optimismus ihrer Vorgänger abzuwenden. Sie erkannten, dass Fortschritt nicht zwangsläufig und der Rückfall in die Barbarei stets möglich war. Dennoch sollte diese Sichtweise vielleicht nicht als Pessimismus, sondern besser – in Berlins Formulierung – als „historischer Skeptizismus“ charakterisiert werden, der alle simplen historischen Narrative und die Vorstellung zurückwies, die Zukunft sei vorherbestimmt. Berlin und andere Cold War Liberals kritisierten den Marxismus nicht nur wegen seines „Utopismus“, sondern auch wegen seiner Auffassung, die Geschichte werde von „gewaltigen unpersönlichen Kräften“ angetrieben. Dies sei sowohl unbegründet als auch ein „Alibi“ (oder eine Inspiration) für erzwungene Hungersnöte, Säuberungen, Massaker und sogar Vernichtung, die im Namen der „Geschichte“ begangen wurden. Die Intellektuellen des Cold War Liberalism verteidigten nicht nur politische Freiheit, sondern auch die Vorstellung historischer Handlungsfreiheit. Es ging ihnen darum, individuelles Handeln zu ermöglichen, menschliche Würde zu bekräftigen und dem Prinzip der Verantwortung zur Geltung zu verhelfen. Verantwortung wurde zum ethischen Leitbegriff der Cold War Liberals.

Nicht nur der Totalitarismus, sondern auch die Geisteshaltung, die der amerikanische Psychiater Robert Jay Lifton „Totalismus“ nannte, war der Erzfeind der Denker des Cold War Liberalism. Totalismus umfasste eine manichäische Aufteilung der Welt in rein Gutes oder rein Böses; das Verlangen nach völliger moralischer Transformation, um persönliche und kollektive Reinheit und Einheit zu erreichen; die Auslöschung der Trennung zwischen Individuum und Gruppe sowie die totale Unterordnung des Individuums unter die Gruppe; und die Erhebung offizieller Doktrin über persönliches Gewissen, Urteil und Erfahrung. Dem setzten viele Cold War Liberals einen ethischen und kulturellen Pluralismus entgegen. Dieser besagte, dass es verschiedene echte Werte und legitime Perspektiven gebe, die sich nicht zu einem geordneten System fügen. Werte wie Freiheit, Gleichheit, Ordnung, persönliche Integrität und das Wohlergehen der Gemeinschaft, individuelle Einzigartigkeit und sozialer Zusammenhalt stellen unausweichliche Ansprüche und weisen in gegensätzliche Richtungen, wodurch moralische Dilemmata entstehen. Diese Einsicht, verbunden mit dem Bewusstsein für die Irrationalität und Böswilligkeit des Menschen, fördert eine tragische Weltanschauung. Dies inspirierte die Cold War Liberals zu einer Bejahung des Konflikts als unvermeidliche Folge der Freiheit und als Bollwerk gegen Tyrannei.

 

Raymond Aron (1966). Foto von Erling Mandelmann. Erling Mandelmann / photo©ErlingMandelmann.ch / CC BY-SA 3.0
Raymond Aron (1966). Foto von Erling Mandelmann.

Freiheit als „negative Freiheit“

Freiheit war der oberste politische Wert der Cold War Liberals. Vier Merkmale ihres Freiheitsverständnisses sind besonders hervorzuheben. Erstens galt ihnen Freiheit als Schlüsselwert der Demokratie, und Demokratie wurde nicht nur als politische Ordnung kollektiver Selbstregierung definiert, sondern auch als Regierungsform, die sich durch die Regulation von Konflikten und die Gültigkeit individueller Freiheitsrechte auszeichnet. Für Aron bestand der Unterschied zwischen Demokratie und Totalitarismus darin, dass der Totalitarismus Konflikte durch Unterdrückung zu beseitigen suche, während Demokratien Konflikte institutionalisieren und sie dadurch zähmen, aber zulassen. Zweitens stand Berlins einflussreiche Identifikation von Freiheit als „negativer Freiheit“ im Zentrum – also der Schaffung eines gesicherten Bereichs, in dem Individuen „so wählen, wie Sie wählen möchten, weil Sie so wählen möchten, ohne Zwang, ohne Schikane, nicht verschlungen von einem gewaltigen System“. Drittens, damit verbunden, war Freiheit nicht nur gegen politische Macht, sondern auch gegen intellektuelle Uniformität gerichtet – wie eine Zeile aus Ralph Ellisons Roman Invisible Man widerspiegelt: „Woher kommt all diese Leidenschaft für Konformität überhaupt? – Vielfalt ist das Wort. Lasst den Menschen seine vielen Teile und ihr werdet keine tyrannischen Staaten haben.“ Der Gedanke der Freiheit war somit nicht nur mit einem politischen System, sondern auch mit einer Geisteshaltung oder einem Ethos verbunden, das gegen Antiliberalismus verteidigt und innerhalb des Liberalismus selbst kultiviert werden sollte. Die Cold War Liberals bemühten sich, in Trillings Worten, den Liberalismus an seine ursprüngliche Vorstellung von Verschiedenheit und Möglichkeit zu „erinnern“, die ein Bewusstsein für Komplexität und Schwierigkeit impliziere. Während Berlins Verteidigung negativer Freiheit darauf abzielte, Freiheitsansprüche von Idealen moralischer Perfektion zu trennen und Freiheit damit allgemein zugänglicher zu machen, erkannten die Cold War Liberals auch, dass die Verteidigung der Freiheit moralisch und intellektuell anspruchsvoll sein konnte.

 

„Anständigkeit“

Die Cold War Liberals wurden nicht nur von Weltkrieg und Totalitarismus geprägt, sondern auch von der Großen Depression. Für sie war der herausragende liberale Ökonom weder Adam Smith noch Friedrich August von Hayek, sondern John Maynard Keynes. Sie identifizierten sich mit der „nichtkommunistischen Linken“ (Berlin) oder der „freien Linken“, die der „Tyrannei der unverantwortlichen Plutokratie“ (Schlesinger) entgegentrete. Ihr ethischer Leitbegriff, neben Verantwortung, war Anständigkeit. Anständige Politik schloss stalinistische Skrupellosigkeit aus; eine anständige Gesellschaft erfordert Sozialleistungen zur Verhinderung von Elend und Abhängigkeit sowie eine umsichtig agierende Regierung, um wirtschaftliche Stabilität zu fördern und Ungleichheiten von Vermögen und Macht entgegenzuwirken. In Anbetracht ihrer Bejahung von Konflikten und ihrer Skepsis gegenüber staatlicher und auch unternehmerischer Macht setzten sich die Cold War Liberals nicht nur für Wertepluralismus, sondern auch für Interessen- und Vereinigungsvielfalt ein. Sie verbündeten sich mit Gewerkschaften und Bürgerrechtsorganisationen – solange diese antikommunistisch waren. Cold War Liberals unterstützten im Allgemeinen Bürgerrechte und Dekolonisierung, ordneten diese Ziele jedoch häufig den Erfordernissen des Kampfes gegen den Kommunismus unter – etwas, was einige später bereuten.

In den internationalen Beziehungen suchten Cold War Liberals, allerdings nicht immer mit Erfolg, nach einen Mittelweg zwischen „Realismus“ und „Idealismus“. Nachdem sie in den 1930er Jahren Antifaschisten gewesen waren, brachen sie mit dem Pazifismus: Die Beschwichtigung von Staaten, die im Innern tyrannisch regiert wurden und außenpolitisch expansionistisch handelten (gleich ob Hitlers Deutschland oder Stalins UdSSR) schien Ihnen weder moralisch akzeptabel noch politisch klug. Im Gegensatz zu härteren Formen des Realismus sahen sie Raum für Moral in den internationalen Beziehungen. Anders als illiberale Cold Warriors glaubten sie, moralische Erwägungen sollten nicht nur die Ziele, sondern auch die Mittel beeinflussen: Nicht alle Maßnahmen, die gerechten Zielen dienten, seien akzeptabel. Während sie die Etablierung internationaler Institutionen und des Völkerrechts förderten, akzeptierten sie geleichzeitig die globale Macht der USA als Tatsache und potenziell größte Kraft für das relativ Gute in der Welt. Dies führte gelegentlich dazu, dass sie Handlungen unterstützten oder entschuldigten, die im Widerspruch zu ihrer erklärten Verpflichtung zu Klugheit und moralischer Integrität standen.

 

Warnung vor dualistischen Glaubenssätzen

Dennoch und trotz der Tendenz, Liberalismus als Gegenpol zu Totalitarismus (oder Kommunismus) zu definieren, widersetzte sich der Cold War Liberalism einer manichäischen Sichtweise des Kalten Krieges und beharrte darauf, dass, wie Aron sagte, „Politik niemals ein Konflikt zwischen Gut und Böse ist, sondern eine Wahl zwischen dem Vorzuziehenden und dem Verabscheuungswürdigen“. Die Cold War Liberals kritisierten Konformismus und Dogmatismus nicht nur unter den Anhängern des Kommunismus, sondern auch unter den Verfechtern des „Westens“. Berlin lehnte es ab, dass „die Antwort auf den Kommunismus ein ebenso glühender, militanter, irrationaler, despotischer usw. Gegenglauben ist“, und setzte sich für „die unschätzbar wertvollen Gaben der Skepsis und Ironie“ ein. Niebuhr erkannte eine „Ähnlichkeit in Technik und Temperament“ sowie im „Geist“ zwischen dem sowjetischen Kommunismus und dem McCarthyismus; er warnte: „Wenn wir untergehen sollten, wäre die Rücksichtslosigkeit des [sowjetischen] Feindes nur die sekundäre Ursache der Katastrophe. Die Hauptursache wäre, dass die Stärke einer riesigen Nation von Augen gelenkt würde, die zu blind sind, um alle Gefahren des Kampfes zu sehen“, aufgrund von „Hass und Eitelkeit“.

Solche Zwischentöne werden vergessen, wenn der Cold War Liberalism mit der Bejahung der globalen Macht der USA gleichgesetzt wird. Es ist jedoch richtig, den Cold War Liberalism mit Elementen der Nachkriegsordnung zu identifizieren, die derzeit unter Beschuss stehen: internationale Organisationen, die sich für die Geltung des Völkerrechts, freien Handel und Menschenrechte einsetzen; der globale Einfluss der USA im Namen der liberalen Demokratie; den Sozialstaat und die Regulierung von Finanz- und Industriepolitik; die Begrenzung und Rechenschaftspflicht der Macht durch Rechtsstaatlichkeit; eine „offene Gesellschaft”, die Einwanderer, vielfältige Kulturen und abweichende Meinungen willkommen heißt.

 

Grenzen des Cold War Liberalism

Die jüngsten Revolten gegen den Liberalismus und das Versagen des liberalen Establishments, darauf zu reagieren, zeigen die Grenzen des Cold War Liberalism auf. Die liberale Politik in der Ära des Kalten Krieges stützte sich auf Allianzen und Institutionen, Wohlstand und Stabilität, die das Vermächtnis des erfolgreichen Kampfes gegen den Faschismus waren. Trotz ihrer Betonung von Konflikt und Aufgeschlossenheit stützten sich die Cold War Liberals auf einen Konsens, der mit einem neuen Gesellschaftsvertrag einherging und antiliberale Ideologien tabuisierte. Im Laufe der Zeit erodierten diese Bedingungen, und die Gründe für sie gerieten in Vergessenheit. Darüber hinaus war der  Cold War Liberalism das Produkt des politischen und kulturellen Establishments der Vergangenheit; eine seiner größten Schwächen war das Vertrauen in die Weisheit und Durchhaltefähigkeit dieses Establishments und in die Fähigkeit des Westens (oder der USA) zu einer wohlwollenden Weltführerschaft. Dies führte allzu oft zu Selbstgefälligkeit gegenüber blinden Flecken und zu Entscheidungen, die sich als katastrophal erwiesen. Trotz der Forderungen nach Offenheit und Selbstkritik reagierten viele Cold War Liberals mit Wut, Misstrauen und Herablassung auf radikale Bewegungen, die in den 1960er Jahren an Bedeutung gewannen; allzu oft sahen sie nur Exzesse und Torheiten und ignorierten dabei die berechtigten Beschwerden und Erkenntnisse dieser Kritiker.

Präsident John F. Kennedy und andere verfolgen im Fernsehen die Berichterstattung über den Start des Astronauten Commander Alan B. Shepard Jr. an Bord von „Freedom 7“ beim ersten bemannten suborbitalen Flug der USA. Von links nach rechts: Justizminister Robert F. Kennedy; Sonderberater des Präsidenten für nationale Sicherheit McGeorge Bundy; Vizepräsident Lyndon B. Johnson; Sonderberater des Präsidenten Arthur Schlesinger Jr.; Stabschef der US-Marine Admiral Arleigh Burke; Präsident Kennedy; First Lady Jacqueline Kennedy. Büro des Sekretärs des Präsidenten, Weißes Haus, Washington, D.C. Cecil W. Stoughton - JFK Library JFKWHP-1961-05-05-A
Präsident John F. Kennedy und andere verfolgen im Fernsehen die Berichterstattung über den Start des Astronauten Commander Alan B. Shepard Jr. an Bord von „Freedom 7“ beim ersten bemannten suborbitalen Flug der USA. Von links nach rechts: Justizminister Robert F. Kennedy; Sonderberater des Präsidenten für nationale Sicherheit McGeorge Bundy; Vizepräsident Lyndon B. Johnson; Sonderberater des Präsidenten Arthur Schlesinger Jr.; Stabschef der US-Marine Admiral Arleigh Burke; Präsident Kennedy; First Lady Jacqueline Kennedy. Büro des Sekretärs des Präsidenten, Weißes Haus, Washington, D.C.

Lehren für die Gegenwart?

Bietet der Cold War Liberalism eine Orientierungshilfe für die Gegenwart, selbst wenn wir diese Mängel außer Acht lassen? Jan-Werner Müller, einer der besten Kenner des Themas, hat festgestellt, dass Liberale heute mit ganz anderen Gegnern konfrontiert sind. Die Cold War Liberals positionierten sich gegenüber Gegnern, die Intellektuelle und Utopisten waren. Eine solche Bezeichnung trifft auf Donald Trump kaum zu. Doch wie Laura Field in ihrem kürzlich erschienenen Buch Furious Minds zeigt, wurde die neue amerikanische Rechte von Intellektuellen geprägt und hat diese wiederum geprägt, deren Militanz, Fanatismus und Rücksichtslosigkeit gegenüber Mäßigung, Kompromissen, Selbstzweifeln und Selbstbeherrschung an frühere antiliberale Ideologien erinnern.

Kein Modell aus der Vergangenheit kann als Blaupause für die heutige Welt dienen; wir müssen unsere Augen für die Gegenwart öffnen und selbstständig denken. Dennoch können Verteidiger der liberalen Demokratie von ihren Vorgängern Erkenntnisse, Inspiration und Stärkung gewinnen. In dieser Hinsicht kann der Cold War Liberalism als klügerer Leitfaden dienen als optimistischere und ehrgeizigere Alternativen. Die jüngsten Ereignisse bestätigen die Lehre des 20. Jahrhunderts, dass die Geschichte keinem kohärenten oder beruhigenden Libretto folgt, dass moralischer Fortschritt nicht garantiert ist und dass Veränderung und Tragik zum menschlichen Leben gehören. Die Einsicht in das Tragische sollte Empathie für die Besiegten (einschließlich der Opfer der Globalisierung) und das Bewusstsein für die Notwendigkeit von Standhaftigkeit und Widerstandsfähigkeit im Angesicht von Rückschlägen und Niederlagen fördern. Das Fortbestehen ausgeprägter Meinungsverschiedenheiten und von Überzeugungen und Loyalitäten, die von optimistischeren Liberalen als Relikte aus unaufgeklärten, „primitiven” Zeiten angesehen werden, bestätigt die Weisheit der Cold War Liberals, die es vorzogen, den Liberalismus zu verteidigen, indem sie auf die Übel und das Elend des Illiberalismus und die gemeinsamen Güter – persönliche Freiheiten und Sicherheit vor materieller Not und grausamer, überwältigender Macht – verwiesen, anstatt auf historischen Fortschritt oder umstrittene Visionen einer moralischen Blüte.

 

Politische Plausibilität

Der Cold War Liberalism bietet möglicherweise auch eine bessere Perspektive als seine Nachfolger: der Neoliberalismus und der liberale Egalitarismus von John Rawls und seinen Anhängern. Seine Anerkennung der Macht der Unvernunft ist plausibler als das Vertrauen dieser späteren Ausprägungen des Liberalismus entweder in die wirtschaftliche Rationalität des Marktes oder in eine „öffentliche Vernunft“, die gemeinsame Prinzipien der Gerechtigkeit identifizieren kann. Der Cold War Liberalism war politischer als beide und seine Vertreter weigerten sich, vor den harten Urteilen und undurchsichtigen Kompromissen der Politik in eine rein wirtschaftliche Rationalität oder philosophische Abstraktion zu flüchten. Er unterscheidet sich auch vom Neoliberalismus – und ist ihm vielleicht sogar vorzuziehen –, indem er historische Unausweichlichkeit und wirtschaftlichen Determinismus ablehnt. Hayek forderte trotz seines Engagements für die Freiheit, dass sich der Einzelne den „unpersönlichen Kräften“ des Marktes unterwerfen solle, da eine komplexe Gesellschaft „notwendigerweise darauf basiert, dass sich der Einzelne an Veränderungen anpasst, deren Ursache und Natur er nicht verstehen kann“. Hayeks Bewunderin Margaret Thatcher beharrte darauf, dass es „keine Alternative“ gebe. Für die Cold War Liberals gab es immer Alternativen – und damit die Verantwortung, eine Wahl zu treffen.

Den Cold War Liberalism sowohl gegen den liberalen Egalitarismus Rawls' als auch gegen den Neoliberalismus zu positionieren, bedeutet jedoch nicht, ihn mit einem reaktiven Zentrismus gleichzusetzen. Die von den Cold War Liberals befürwortete Mäßigung war, wie Müller und Aurelian Craiutu betont haben, keine Frage strategischer „Triangulation“ oder einer bequemen Festlegung der eigenen Position durch einen Kompromiss zwischen den gegnerischen Seiten. Vielmehr handelte es sich um eine rigorose ethische Praxis sorgfältiger Urteilsbildung und entschlossenem Engagement für die Aufrechterhaltung integrer Institutionen und die angemessene Berücksichtigung konkurrierender Ansprüche.

 

Moderat und kämpferisch

Doch die Cold War Liberals waren nicht immer moderat. Müller hat festgestellt, dass es innerhalb des Cold War Liberalism ein Schwanken zwischen Bescheidenheit und Kompromissbereitschaft einerseits und der Sehnsucht nach einem moralisch klaren „guten Kampf“ andererseits gab. Diese Sehnsucht kann gefährlich sein, aber auch emotional stärkend und politisch wirksam, wenn sie zu Taten anspornt, wenn sich Mäßigung als zu wenig inspirierend, emotional erschöpfend und einschränkend erweist, um in einem Kampf gegen leidenschaftliche Gegner erfolgreich zu sein. Vielleicht ist Schlesingers Aufruf, den Liberalismus zu einem „kämpferischen Glauben“ zu machen, heute aktueller als Niebuhrs und Berlins Warnung vor militanten Glaubensrichtungen als solchen. Dennoch bleibt das Bemühen um ein Gleichgewicht zwischen prinzipieller Überzeugung und Offenheit, Entschlossenheit und Flexibilität nachahmenswert.

In der Tat kann der Cold War Liberalism als Modell für die Suche nach einem Gleichgewicht wertvoll sein: zwischen Selbstkritik und Offenheit für die Notwendigkeit, angesichts des Wandels umzudenken und sich anzupassen, und entschlossenem Bekenntnis zu grundlegenden liberalen Werten; und zwischen klarer, verantwortungsbewusster Anerkennung der Realität und Bekenntnis zu Anstand und Integrität. Ein solches Gleichgewicht ist eine Frage des Charakters, ständiger Übung und wachen Urteilsvermögens. Als solches ist es anspruchsvoller als dogmatischere oder rein prozedurale Formen des Liberalismus. Aber wenn die Realität unsere Dogmen durcheinanderbringt und politische Kräfte unsere Institutionen überwältigen, könnte eine Rückkehr zu der Politik des Urteilsvermögens, des Charakters und des Handelns, die die Cold War Liberals entworfen haben, eine Alternative sein. Wenn wir unserer Verantwortung gerecht werden wollen, ist dies eine Option, vor der wir nicht ausweichen sollten.

 

Joshua Cherniss ist außerordentlicher Professor für Politikwissenschaft an der Georgetown University, Washington, D.C. Seine Arbeiten konzentrierten sich vor allem auf das politische Denken in Europa und Amerika im 20. Jahrhundert, insbesondere auf die Verteidigung und Kritik des Liberalismus, Fragen und Konzepte der Ethik politischen Handelns sowie Geschichtsauffassungen.

 

Weiterführende Literatur:

  • Afflerbach, Ian: Making Liberalism New: American Intellectuals, Modern Literature, and the Rewriting of a Political Tradition. Johns Hopkins University Press, 2021.
  • Anderson, Amanda: Bleak Liberalism. University of Chicago Press, 2016.
  • Aron, Raymond : Démocratie et totalitarisme. Gallimard, 1965.
  • Aron, Raymond: The Opium of the Intellectuals. Secker and Warburg, 1957.
  • Berlin, Isaiah: Liberty, ed. Henry Hardy. Oxford University Press, 2002.
  • Berlin, Isaiah: Russian Thinkers, ed. Henry Hardy and Aileen Kelly. Penguin, 2008.
  • Cherniss, Joshua L.: Liberalism in Dark Times: The Liberal Ethos in the Twentieth Century. Princeton University Press, 2021.
  • Ciepley, David: Liberalism in the Shadow of Totalitarianism. Harvard University Press, 2006.
  • Craiutu, Aurelian: Faces of Moderation: The Art of Balance in the Age of Extremes. University of Pennsylvania Press, 2017.
  • Diggins, John Patrick: The Proud Decades : America in War and Peace, 1941-1960. W. W. Norton, 1989.
  • Ellison, Ralph: Invisible Man . Random House, 1952.
  • Forrester, Katrina: In the Shadow of Justice: Postwar Liberalism and the Remaking of American Philosophy. Princeton University Press, 2019.
  • Judt, Tony: Postwar: A History of Europe Since 1945. Penguin, 2005.
  • Katznelson, Ira: Desolation and Enlightenment: Political Knowledge After Total War, Totalitarianism, and the Holocaust. Columbia University Press, 2020.
  • Kornhauser, Anne M. : Debating the American State: Liberal Anxieties and the New Leviathan, 1930–1970. University of Pennsylvania Press, 2015.
  • Mattson, Kevin: When America Was Great: The Fighting Faith of Post War Liberalism. W. W. Norton, 2004.
  • Menand, Louis: The Free World: Art and Thought in the Cold War. Farrar, Straus and Giroux, 2021.
  • Moyn, Samuel: Liberalism Against Itself: Cold War Intellectuals and the Making of Our Times. Y ale University Press, 2023.
  • Müller, Jan-Werner: “Fear and Freedom: On ‘Cold War Liberalism'”. European Journal of Political Theory, 7(1), 45–64.
  • Müller, Jan-Werner: “What Cold War Liberalism Can Teach Us Today”. New York Review of Books, November 26, 2018.
  • Müller, Jan-Werner: Furcht und Freiheit: für einen anderen Liberalismus. Suhrkamp Verlag, 2019.
  • Müller, Jan-Werner, ed.: Isaiah Berlin’s Cold War Liberalism. Palgrave, 2019.
  • Niebuhr, Reinhold: The Children of Light and the Children of Darkness. Charles Scribners Sons, 1944.
  • Niebuhr, Reinhold: The Irony of American History. Charles Scribners Sons, 1952.
  • Pells, Richard H.: The Liberal Mind in a Conservative Age: American Intellectuals in the 1940s and 1950s. Harper and Row, 1985.
  • Popper, Karl: The Open Society and its Enemies. Routledge & Kegan Paul, 1945.
  • Popper, Karl: The Poverty of Historicism. Routledge, 1957.
  • Schlesinger, Arthur M.: The Vital Center: The Politics of Freedom. Houghton Mifflin, 1949.
  • Trilling, Lionel: The Liberal Imagination: Essays on Literature and Society. Viking Press, 1950.

 

"Geschichtsbewusst" bildet eine Bandbreite an politischen Perspektiven ab. Der Inhalt eines Essays gibt die Meinung der Autorin oder des Autors wider, aber nicht notwendigerweise diejenige der Konrad-Adenauer-Stiftung.

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