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Länderberichte

Russlands Demografie im Kontext des Kriegs

von Dr. Thomas Kunze, Christopher Hess, Leonardo Salvador

Langfristige Herausforderungen für die Russische Förderation

Die Russische Föderation, ähnlich wie viele westliche Gesellschaften, sieht sich mit der komplexen Herausforderung des demografischen Wandels konfrontiert. Dieser demografische Wandel birgt tiefgreifende Implikationen, einschließlich potenzieller wirtschaftlicher Einbußen durch den Verlust von Arbeitskräften und Verbrauchern, einer alternden Bevölkerungsstruktur, die zu steigenden Ausgaben in den Bereichen Renten- und Gesundheitsversorgung führen könnte, sowie einer potenziellen Verringerung der Innovationsdynamik. Zusätzlich zu diesen demografiepolitischen Herausforderungen hat der Krieg Russlands gegen die Ukraine eine weitere Dimension hinzugefügt. Der Konflikt hat nicht nur zu zahlreichen Kriegstoten geführt, sondern auch zur Flucht von bis zu einer Million Menschen.

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Vorgeschichte

Die Entwicklung der russischen Bevölkerung ist ein Spiegelbild der tiefgreifenden politischen und wirtschaftlichen Veränderungen, die das Land im Laufe seiner Geschichte durchlebt hat. Von der Zarenzeit bis zur heutigen Russischen Föderation lässt sich die Demografie Russlands in verschiedene Phasen einteilen. Vor 1917 war Russland vornehmlich ein Agrarland mit einer rasch wachsenden Bevölkerung. Dieses Wachstum war einerseits durch eine hohe Geburtenrate und andererseits durch eine verhältnismäßig geringe Lebenserwartung bedingt[1]. Die Russische Revolution von 1917 und der darauffolgende Bürgerkrieg von 1917 bis 1922 führten zu einem spürbaren Bevölkerungsrückgang. Kriegsverluste, Hungersnöte und Epidemien trugen erheblich zu dieser Entwicklung bei[2]. In der Sowjetära (1922-1991) führten Industrialisierung, Fortschritte in der medizinischen Versorgung und eine erweiterte Bildungslandschaft zu einer Zunahme der Bevölkerung. Besonders bemerkenswert ist der "Babyboom" in den Jahren nach dem Zweiten Weltkrieg[3]. Trotz dieses Bevölkerungswachstums erlebte die Sowjetunion auch Phasen erheblichen Bevölkerungsschwunds, vor allem während des "Großen Terrors" unter Stalin in den 1930er Jahren und des Zweiten Weltkriegs. Infolge des Krieges verlor die Sowjetunion schätzungsweise 27 Millionen Menschen, rund 14% ihrer Bevölkerung[4].

Die Phase der 1990er Jahre, geprägt von drohendem Staatszerfall und wirtschaftlichem Chaos, hinterließen in Russland eine tiefe demografische Narbe. Die Geburtenrate stürzte ab und führte zu alarmierenden Prognosen über ein mögliches "Aussterben der Russen". Die Statistiken waren in der Tat beunruhigend: Während die Fertilitätsrate 1987 noch bei 2,01 Kindern pro Frau lag, sank sie innerhalb von nur zehn Jahren auf 1,16 Kinder pro Frau im Jahr 1999. Parallel dazu fiel die Lebenserwartung unter den weltweiten Durchschnitt. Im Jahr 2000 äußerte Wladimir Putin seine Besorgnis und erklärte, dass das "Überleben der Nation" bedroht sei[5].

Langfristige Herausforderungen für die Russische Förderation
Entwicklung der Bevölkerungszahl Russlands in absoluten Zahlen (1960–2021)

Maßnahmen und deren Ergebnisse zur Erhöhung der Geburtenrate

Mit dem Beginn des neuen Jahrtausends setzte in Russland eine demografische Veränderung ein. Die Geburtenrate begann wieder zu steigen, beeinflusst von zwei wesentlichen Faktoren: Erstens führte die Stabilisierung von Wirtschaft und politischer Ordnung zu einem verbesserten gesellschaftlichen Klima, das die Gründung von Familien begünstigte. Zweitens erreichten die geburtenstarken Jahrgänge der 1980er Jahre das gebärfähige Alter. Zudem hatte die russische Regierung ab den 2000er Jahren Maßnahmen ergriffen, um die Geburtenrate zu fördern. Ab 2007 wurde ein System des Mutterschaftskapitals eingeführt, eine einmalige Zahlung, die Familien ab dem zweiten Kind bei Erreichen des dritten Lebensjahrs des Kindes gewährt wird. Dieses Kapital kann zur Finanzierung der Bildung, Verbesserung der Wohnbedingungen oder zur Tilgung von Krediten und Hypotheken verwendet werden. Seit seiner Einführung wurde der Betrag des Mutterschaftskapitals kontinuierlich erhöht. Seit 2014 können kinderreiche Familien in vielen Regionen auch staatlich zugeteiltes Land beanspruchen[6].

Diese Strategien zeigten kurzfristig positive Ergebnisse in Bezug auf die Geburtenrate. Seit 2000 ist eine Zunahme der Geburtenzahlen zu verzeichnen, mit einem Höchststand von 1,78 Kindern pro Frau im Jahr 2015[7]. Innerhalb des Vielvölkerstaats Russland variieren diese Raten jedoch stark, abhängig von Region und ethnischer Zugehörigkeit. Zum Beispiel hatte die Republik Tuwa in Sibirien 2018 eine Fertilitätsrate von 2,97 Geburten pro Frau. Im ländlichen Raum lag dieser Wert sogar bei 5,73 Geburten pro Frau. Weitere hohe Fertilitätsraten weisen die nordkaukasische Republik Tschetschenien (2,6 Geburten pro Frau) und die sibirische Republik Altai (2,35 Geburten pro Frau) auf, wohingegen der Oblast Leningrad (1,12 Geburten pro Frau), die Republik Mordwinen (1,25 Geburten pro Frau) und der Oblast Smolensk (1,28 Geburten pro Frau) eher niedrige Raten aufzeigen. Ein Ost-West-Gefälle ist dabei erkennbar, wobei Sibirien, die Uralregion und der Nordkaukasus höhere Geburtenraten aufweisen als Westrussland[8].

Langfristige Herausforderungen für die Russische Förderation
Gesamtfruchtbarkeitsrate nach Regionen in Russland

Es ist eine weit verbreitete Annahme, dass ausschließlich muslimische Gemeinschaften in Russland ein Bevölkerungswachstum verzeichnen. Tatsächlich haben einige muslimische Völkerschaften wie die Tschetschenen und Inguschen sehr hohe Geburtenraten. Andere muslimische Völker, wie die Tataren, Baschkiren und verschiedene Tscherkessenstämme im Nordwestkaukasus, haben jedoch ähnliche Geburtenraten wie der Durchschnitt der Russen.

Parallel zur steigenden Geburtenrate hat sich die Gesamtbevölkerungszahl in der Russischen Föderation positiv entwickelt, wenn auch zeitverzögert. Nach dem Tiefpunkt von 142,7 Millionen im Jahr 2008 konnte ab 2009 eine Erholung beobachtet werden. Diese erreichte ihren Höhepunkt 2017, als die Bevölkerungszahl auf 146,9 Millionen anstieg[9]. Neben der steigenden Geburtenrate trug auch eine erhöhte Lebenserwartung dazu bei.

Die Regierung unter Wladimir Putin legte 2014 per Erlass fest, ein System zur „Förderung der körperlichen Fitness“ zu schaffen, um die öffentliche Gesundheit zu verbessern[10]. Seitdem werden Sport und ein gesunder Lebensstil propagiert. Neue Wohnkomplexe sind verpflichtet, neben Spielplätzen auch Sportplätze zu errichten. Darüber hinaus wurden strenge Alkoholverkaufsregeln eingeführt. Es gelang, den Alkoholkonsum pro Kopf von 2003 bis 2016 um 43% zu reduzieren[11]. So sind das Trinken in Parks, auf der Straße und an öffentlichen Plätzen verboten und ab 22 Uhr gilt ein Alkoholverkaufsverbot.

 

Heutige Entwicklungen

2019 initiierte die russische Regierung das Nationale Projekt "Demografie", welches bis 2024 andauert. Das Hauptziel dieses umfangreichen Projekts ist die Steigerung der Geburtenrate pro Frau auf 1,7 bis zum Jahr 2024. Um dieses Ziel zu erreichen, wurden diverse Initiativen gestartet. Hierzu zählen Maßnahmen zur Förderung der Erwerbstätigkeit von Frauen, die Etablierung besserer Bedingungen für die vorschulische Bildung von Kindern unter drei Jahren, die Stärkung des öffentlichen Gesundheitssystems und finanzielle Unterstützungen für Familien bei der Geburt von Kindern.[12] In einem jüngsten Schritt hat der russische Gesundheitsminister Michail Muraschko vorgeschlagen, den Verkauf von Medikamenten zur Schwangerschaftsunterbrechung einzuschränken. Er betonte, dass Medikamente für medikamentöse Abtreibungen "streng kontrolliert werden sollten". In Russland sind Abtreibungen bis zur 12. Schwangerschaftswoche auf Wunsch der Frau, bis zur 22. Woche im Falle einer Vergewaltigung und aus medizinischen Gründen unabhängig von der Schwangerschaftsdauer erlaubt. Medikamente für medikamentöse Abtreibungen werden auf ärztliche Verordnung in den frühen Stadien der Schwangerschaft verkauft[13].

Trotz dieser Bemühungen zeigt die demografische Entwicklung Russlands gemischte Ergebnisse. Laut einer Studie des Lewada-Zentrums aus dem Jahr 2021 wuchs die Bevölkerung Russlands in den letzten elf Jahren um 1,4%. Dieser Zuwachs war jedoch hauptsächlich auf Einwanderung zurückzuführen, während die natürliche Bevölkerungszahl weiterhin abnimmt. Es gibt zudem deutliche regionale Unterschiede in der Bevölkerungsentwicklung. Einige Regionen, wie das Tjumen-Gebiet oder das Krasnodar-Territorium, verzeichnen ein Wachstum, während andere, weniger wohlhabende Regionen wie die Republik Komi oder das Murmansk-Gebiet, schrumpfen. Ein weiterer Trend ist die verstärkte Urbanisierung: Schon jetzt lebt ein Drittel der gesamten Bevölkerung in russischen Metropolen[14].

Die demografische Situation Russlands bleibt insgesamt weiterhin angespannt. Zwischen Januar und April 2023 wurden 3,1% weniger Kinder geboren als im Vorjahreszeitraum, was einen Negativrekord darstellt. Der Krieg in der Ukraine hat zudem zu einem Exodus, insbesondere junger Menschen, geführt. Die Gesamtbevölkerung Russlands schrumpfte im letzten Jahr um mindestens 524.000 Menschen auf rund 146,4 Millionen[15].

Im Hinblick auf den Krieg in der Ukraine schätzt die "New York Times", dass bis zu 120.000 russische Soldaten im Krieg gefallen sind und zwischen 170.000 und 180.000 verletzt wurden[16]. Darüber hinaus haben im Jahr 2022, insbesondere nach der Teilmobilmachung im September, hunderttausende Russen das Land verlassen, um dem Militärdienst zu entgehen. Ein signifikanter Verlust von rund 100.000 IT-Spezialisten im selben Jahr zeigt zudem die Abwanderung der intellektuellen Elite des Landes[17].

 

Ausblick

Historische Ereignisse wie Kriege und Massenmigrationen beeinflussen stets die Bevölkerungsstruktur. Der Krieg in der Ukraine und die Flüchtlingswellen nach dem 24. Februar 2022 bestätigen zwar diese Regel, allerdings ordnet sich eine dadurch entstehende demographische Delle in einen langfristigen Trend ein. Erwartungen der internationalen Arbeitsorganisation (ILO) zufolge wird Russlands Bevölkerung bis 2050 auf 130 Millionen sinken[18]. Der prognostizierte Bevölkerungsschwund für Russland ähnelt damit den Trends in Europa.

Obwohl eine weitere mögliche Mobilisierung sowie negative Kriegsentwicklungen die Abwanderung und Anzahl an Kriegstoten potenziell erhöhen könnten, betreffen die Konsequenzen vor allem die sozialen, wirtschaftlichen und politischen Ebenen. Ein weiterer Exodus von qualifizierten Fachleuten aus Russland bedeutet einen potenziellen Verlust für Russlands Innovations- und Wirtschaftspotential.

 

 

[1] Vgl. https://www.britannica.com/place/Russia/Russia-from-1801-to-1917

[2] Vgl. https://biblioscout.net/content/pdf/99.140005/jgo201904062701.pdf

[3] Vgl. https://www.tandfonline.com/doi/abs/10.1080/00324720215934

[4] Vgl. https://www.tandfonline.com/doi/abs/10.1080/0966813022000017177?journalCode=ceas20

[5] Vgl. https://www.rand.org/pubs/conf_proceedings/CF124.html

[6] Vgl. https://www.bpb.de/themen/europa/russland-analysen/nr-382/305911/analyse-russlands-familienpolitik/

[7] Vgl. https://data.worldbank.org/indicator/SP.DYN.TFRT.IN?locations=RU

[8] https://eng.rosstat.gov.ru/

[9] https://de.statista.com/statistik/daten/studie/19330/umfrage/gesamtbevoelkerung-in-russland/

[10] Vgl. https://gto.ru/files/uploads/documents/56ea78e5e5b19.pdf

[11] Vgl. http://www.euro.who.int/en/health-topics/disease-prevention/alcohol-use/news/news/2019/10/alcohol-related-deaths-drop-in-russian-federation-due-to-strict-alcohol-control-measures,-new-report-says

[12] https://cdn.tass.ru/data/files/ru/demografiya.pdf

[13] Vgl. https://meduza.io/news/2023/07/17/minzdrav-rf-predlozhil-ogranichit-prodazhu-preparatov-dlya-preryvaniya-beremennosti

[14] Vgl. https://re-russia.net/review/90/

[15] Vgl. https://www.tagesspiegel.de/internationales/geburtenrate-in-russland-sinkt-auf-rekordtief-eine-der-schlechtesten-entwicklungen-weltweit-9971355.html

[16] Vgl. https://www.mdr.de/nachrichten/welt/osteuropa/politik/ukraine-krieg-fuenfhunderttausend-tote-verletzte-soldaten-100.html

[17] Vgl. https://www.spiegel.de/ausland/russen-fliehen-vor-kriegsdienst-sie-machen-fuer-niemanden-eine-ausnahme-a-7716af8e-f36d-4dc6-bb1b-875f9c0820a7

[18] Vgl. https://www.nzz.ch/wirtschaft/russland-fehlen-die-russen-ld.1344456

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Dr. Thomas Kunze

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Regionalbeauftragter der Konrad-Adenauer-Stiftung für Zentralasien (komm.) und Beauftragter für die Russische Föderation

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