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Politsnack

Für wen machen wir eigentlich Wahlkampf?

von Anna Maria Faust

Wenn politische Sichtbarkeit zum Selbstzweck wird

Wie viel Social Media im Wahlkampf dient tatsächlich dazu, Bürger zu erreichen – und wie viel davon ist politische Selbstinszenierung? Anna Maria Fausts Gastbeitrag hinterfragt den zunehmenden Fokus auf Gruppenfotos, Veranstaltungsreels und digitale Sichtbarkeit und plädiert für eine Rückbesinnung auf das Wesentliche: echte Begegnungen, persönliche Gespräche und politische Kommunikation, die sich an den Bürgern orientiert.

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„Wir müssen unbedingt ein Foto machen“ war einer der Sätze, den ich im Berliner Wahlkampf am häufigsten gehört habe. Denn mittlerweile ist an der CDU-Basis angekommen, dass Social Media ein wichtiger Teil unserer Kampagne sein muss.

 

Und auch ich bin mit einer fertig ausgearbeiteten digitalen Kampagne in den Wahlkampf gestartet. Diese habe ich aber nach wenigen Tagen verworfen.

 

Der (Wahl)kampf um die meisten Gruppenfotos

 

Parteien und Kandidaten produzieren Reels, fotografieren Veranstaltungen, entwickeln Formate und versuchen, mit möglichst vielen Inhalten Aufmerksamkeit zu erzeugen. Das ist richtig und wichtig. Es ist jedoch ein Trugschluss zu denken, dass uns jeder Social-Media Auftritt im Wahlkampf hilft.

 

Wie viele Menschen interessieren sich tatsächlich dafür, wie viele Personen auf unserem Gruppenbild stehen?  Denn genau daraus besteht ein großer Teil unseres Contents: Gruppenbilder von Infoständen, Veranstaltungen und Terminen. Möglichst viele Menschen vor einem Banner, neben einem Kandidaten oder mit einem prominenten Gast. Für uns zeigt das: Wir sind aktiv, wir sind viele, wir machen (zumindest optisch) Wahlkampf.

 

Jetzt mache ich mich wahrscheinlich bei einigen unbeliebt: Wir müssen uns ehrlich fragen, ob wir unseren digitalen Auftritt für die Bürger machen oder um uns selber sagen zu können: „Bei mir standen heute mehr Personen am Stand als bei dir!“

 

Analog ist nicht gleich altmodisch

 

Wir sprechen ständig davon, dass wir digitaler werden müssen. Das stimmt. Aber vielleicht müssen wir auch wieder stärker darüber sprechen, was persönliche politische Kommunikation eigentlich leisten kann. Social Media kann Menschen erreichen, die wir an der Haustür niemals treffen würden. Aber daraus folgt nicht, dass jeder Wahlkampftermin zwingend digital verlängert werden muss. Ich habe in den letzten Monaten immer wieder Veranstaltungen erlebt, die mit hochrangigen Politikern oder anderen prominenten Gästen beworben wurden.

 

Aber machen wir uns ehrlich: Für wen veranstalten wir diese Termine eigentlich?Denn bei keiner dieser Veranstaltungen habe ich Bürger gesehen. Stattdessen traf ich immer wieder auf dieselben Gesichter. Parteimitglieder, Mandatsträger, Wahlkämpfer. Und anschließend wird ein Gruppenbild gemacht und ein Reel mit einem Zusammenschnitt aus Videos mit Musik, jedoch ohne wirklichen Inhalt geposted.

 

Natürlich ist daran nichts falsch. Auch ich freue mich über gute Bilder und darüber, politische Unterstützung sichtbar zu machen. Aber es entsteht dabei ein merkwürdiger Wettbewerb: Wer hat die meisten Veranstaltungen? Wer holt den prominentesten Politiker? Wer hat den größten Infostand? Wer kann am Ende die meisten Gruppenbilder auf Instagram vorweisen? Und damit verschiebt sich der Zweck.

 

Am Infostand merkte ich ebenfalls, dass ein Übermaß an Wahlkämpfern eher abschrecken als einladen kann. Ein politisches Gespräch kann Überwindung kosten. Wer eine kritische Frage hat, mit einer Position der Partei nicht einverstanden ist oder ein persönliches Anliegen loswerden möchte, möchte nicht unbedingt gleich mit fünf Personen auf einmal diskutieren. Aus einem vermeintlich offenen Infostand wird so schnell eine kleine Bühne, auf die man sich als Bürger erst einmal bewusst begeben muss.

 

Vielleicht sollten wir deshalb manchmal weniger Menschen vor dem Stand versammeln und dafür mehr echte Gespräche führen. Denn ein Wahlkampfstand sollte kein Fotomotiv sein, sondern ein Ort, an dem Bürger gerne stehen bleiben und ins Gespräch kommen.

 

Nicht jeder Post muss ein Post sein

 

Mein Learning daraus ist deshalb nicht, dass Social Media unwichtig wäre. Im Gegenteil. Wir müssen dort präsent sein, wo Menschen kommunizieren und Informationen konsumieren. Gerade für junge Menschen ist digitale politische Kommunikation ein unverzichtbarer Bestandteil moderner Wahlkämpfe.

 

Aber wir müssen uns vor jedem Inhalt eine simple Frage stellen: Soll dieser Beitrag Bürger erreichen oder wollen wir uns nur gegenseitig zeigen, dass wir heute wieder Wahlkampf gemacht haben?

 

Wenn die letzte Antwort zutrifft, ist vielleicht nicht jeder Post nötig. Wir sollten uns als Parteien, Kandidaten und Wahlkämpfer immer wieder daran erinnern, für wen wir eigentlich Wahlkampf machen. Für die Bürger.

 

 

Die Autorin des Gastbeitrags Anna Maria Faust war im Berliner Wahlkampf 2026 als Wahlkampfleitung von Dr. Felor Badenberg tätig.

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Kontakt

Susanna Seperant

Susanna Seperant
Referentin Politische Kommunikation
susanna.seperant@kas.de +49 30 269963970

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Über diese Reihe

Rund um die Themen Kommunikation, Kampagnenmanagement und Digitale Strategie gibt der Blog Einblicke in aktuelle Trends der Politischen Kommunikation. Kommunikationsexpertinnen und -experten geben innovative, praktische Tipps für die politische Kampagne und für die Umsetzung.

Saskia Gamradt

Saskia Gamradt
Referentin Politische Kommunikation
saskia.gamradt@kas.de +49 30 26996-3252

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