Das Vakuum als Fundament
Um die Informationskriegsführung des Regimes zu verstehen, lohnt ein Blick auf zwei Daten. Am 8. Januar 2026 reagierten die iranischen Behörden auf landesweite Proteste gegen Misswirtschaft, steigende Lebenshaltungskosten und politische Repression mit einem nahezu vollständigen Ausfall der Telekommunikation; zugleich töteten sie Schätzungen zufolge bis zu 30.000 Demonstrantinnen und Demonstranten. Auch am 28. Februar, dem Beginn koordinierter Luftangriffe durch die USA und Israel, brach der Datenverkehr laut Cloudflare um 98 Prozent gegenüber der Vorwoche ein.
Diese Abschaltungen dienen nicht nur dazu, neue Proteste zu unterbinden, sondern schaffen gezielt ein Informationsvakuum, das im Anschluss mit staatlich gesteuerter Propaganda gefüllt wird. Die Wirkung richtet sich dabei weit über den Iran hinaus und zielt auch auf die Wahrnehmung im Ausland ab. Entscheidend ist, wie Außenstehende den Krieg einordnen, welche politischen Konsequenzen daraus entstehen und ob unterstützende Regierungen unter Druck geraten.
Vor diesem Hintergrund lassen sich drei zentrale Strategien erkennen.
1. Das Siegesnarrativ
Seit Kriegsbeginn liegt ein zentraler Schwerpunkt auf der Inszenierung einer schlagkräftigen iranischen Gegenoffensive. Das Regime verbreitet koordiniert Material von realen Einschlägen und Zerstörungen und setzt zugleich massiv auf KI-generierte Inhalte. Die New York Times identifizierte allein in den ersten zwei Kriegswochen über 110 solcher Bilder und Videos mit Millionen Aufrufen, darunter gefälschte Explosionen im Ausland oder angeblich zerstörte US-Kriegsschiffe. Auch Bildmaterial aus dem Computerspiel Arma 3 wurde von revolutionsgardennahen Kanälen als Kriegsdokumentation ausgegeben.
Das Ziel ist zweifach: Nach außen soll die internationale Unterstützung für die Angriffe geschwächt und Angst vor Gegenreaktionen geschürt werden, nach innen die Illusion der Handlungsfähigkeit des Regimes bestehen bleiben.
2. Der äußere Feind als innere Legitimation
Bereits während der Proteste im Dezember 2025 und Januar 2026 entwickelte das Regime ein Narrativ mit klarer Dramaturgie. Die Proteste wurden als vom Ausland gesteuerte Operationen umgedeutet, unter anderem mithilfe erzwungener Geständnisse, die unter Folter extrahiert und im Staatsfernsehen ausgestrahlt wurden. Mit Beginn der Angriffe wurde dieses Narrativ nach innen nahtlos fortgeschrieben: Wer protestiert, handelt im Interesse des Feindes.
Gleichzeitig verbreiteten iranische Staatsmedien Bilder von Protesten gegen die US-Einwanderungsbehörde ICE, um die eigene Repression zu relativieren und internationale Öffentlichkeiten gezielt zu verunsichern und moralisch zu paralysieren.
3. Verwirrung als Ziel
Die dritte Strategie zielt nicht auf ein einzelnes Narrativ, sondern auf die Erosion des Informationsraums selbst. Innerhalb kürzester Zeit nach Kriegsbeginn zirkulieren bereits tausende Beiträge mit widersprüchlichen, irreführenden oder recycelten Inhalten. Eine Wired-Recherche dokumentierte allein Hunderte Posts mit irreführenden Inhalten auf X, von denen viele binnen Minuten nach Raketeneinschlägen zirkulierten. Das Ziel ist keine Deutungshoheit, es ist Übersättigung. Wer nicht mehr unterscheiden kann, was stimmt, zieht sich aus dem Diskurs zurück und fordert keine politischen Konsequenzen.
X als zentrale Arena
In diesem Informationskrieg spielt X eine Sonderrolle. Die Plattform verzeichnete während der Angriffe Rekordnutzung und bietet mit ihrer geringen Moderationsdichte ideale Bedingungen für die schnelle Verbreitung propagandistischer Inhalte. Das iranische Regime betreibt dort aktiv Propagandaaccounts, darunter den persisch- und englischsprachigen Khamenei-Account, der nach der Meldung seines Todes umgehend ein religiöses Symbolbild zur Kontinuität und Nachfolge veröffentlichte und bis heute aktiv ist. Erst am 3. März schloss X Accounts für 90 Tage von der Monetarisierung aus, die KI-generierte Kriegsbilder ohne Kennzeichnung verbreiten – eine Maßnahme, die staatlich gesteuerte Accounts kaum trifft, da sie ohnehin nicht auf Einnahmen angewiesen sind.
Neue Realitäten der Informationskriegsführung
Was sich im Iran-Krieg beobachten lässt, die Kombination aus Informationsblockade nach innen und Propagandaflut nach außen, ist kein Sonderfall, sondern Ausdruck einer Entwicklung, die autoritäre Regime seit Jahren systematisch vorantreiben.
Neu ist weniger das Muster als die technologische Grundlage, auf der es heute operiert. Künstliche Intelligenz senkt die Produktionskosten für glaubwürdiges Täuschungsmaterial drastisch, während digitale Plattformen weiterhin Inhalte belohnen, die Aufmerksamkeit erzeugen, unabhängig von ihrem Wahrheitsgehalt.
Der Iran-Krieg steht damit für eine neue Phase, in der KI-gestützte Desinformation nicht mehr nur begleitendes Instrument ist, sondern als zentrales strategisches Mittel hybrider Kriegsführung eingesetzt wird.
Zum Autor:
Linus Siebert ist Gründer und Geschäftsführer von FORTITUDE, einem spezialisierten Beratungsunternehmen zum Schutz vor Desinformationskampagnen. Mit seiner Expertise in strategischer Kommunikation, im Umgang mit Informationsmanipulation und in Krisenkommunikation unterstützt er Unternehmen, Verbände, NGOs und politische Akteure dabei, Desinformation frühzeitig zu erkennen, wirksam darauf zu reagieren und Vertrauen sowie Glaubwürdigkeit zu stärken.
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Rund um die Themen Kommunikation, Kampagnenmanagement und Digitale Strategie gibt der Blog Einblicke in aktuelle Trends der Politischen Kommunikation. Kommunikationsexpertinnen und -experten geben innovative, praktische Tipps für die politische Kampagne und für die Umsetzung.