Asset-Herausgeber

NATO, 15.6.2021 / flickr.com
Blickpunkt Ukraine

Monitor Luftkrieg Ukraine, Vol XVI

von Marcus Welsch

Analysen zum Schutz ukrainischer Städte und Infrastruktur

Der monatlich erscheinende Newsletter „Monitor Luftkrieg Ukraine“ bietet fundierte Analysen zu aktuellen Angriffswellen und langfristigen Entwicklungen im russischen Luftkrieg gegen die Ukraine. Er basiert auf einer umfassenden Datenbank, die seit Herbst 2022 jeden dokumentierten Luftangriff auf zivile Ziele erfasst. Ziel ist es, datenbasierte Empfehlungen zur kurz- und mittelfristigen Unterstützung der Ukraine zu formulieren. Die Inhalte richten sich an politische Entscheidungsträger, Experten im sicherheits- und militärpolitischen Bereich sowie an Fachjournalisten. Herausgegeben wird der Monitor von den „Kyjiwer Gesprächen“ in Zusammenarbeit mit dem OSINT- und Datenanalysten Marcus Welsch und der Konrad-Adenauer-Stiftung.

Asset-Herausgeber

Zusammenfassung

Der Luftkrieg Russlands gegen die Ukraine verharrt auf hohem Niveau mit erneuten Rekordwerten. Die russische Armee griff im April zivile Ziele mit 6.722 Flugkörpern an – der höchste Wert seit Beginn der Vollinvasion im Februar 2022. 6.583 davon waren Langstreckendrohnen (2 % mehr als im Vormonat), 91 Marschflugkörper und 48 ballistische Raketen.

Die Angriffe folgen dabei weiterhin dem Muster von etwa vier hochintensiven Angriffswellen pro Monat, bei denen jeweils mehr als 500 Drohnen eingesetzt werden. Die Größe der Angriffswellen wird wegen steigender russischer Produktionszahlen weiter zunehmen.

Die Abfangraten verbleiben bei Drohnen und Marschflugkörpern etwa auf dem hohen Niveau des Vormonats (jeweils 89 %). Bei ballistischen Raketen sank die Abfangrate deutlich auf 17 % (Durschnitt im 1. Quartal 2026: 37 %). Fehlender Nachschub an US-Abfangraketen aufgrund des hohen Verbrauchs im Irankrieg könnte dafür eine Ursache sein.

Die Zahl nicht abgefangener Drohnen stieg im April leicht auf 722 (März: 671), die der tatsächlich getroffenen Ziele auf 595 (Vormonat 515). Entscheidend bleiben der Erfolg von Abfangdrohnen und die Aufklärung von Flugrouten russischer Langstreckendrohnen.

Trend: Der Luftkrieg mittels Drohnen wird weiter zunehmen und mehr ukrainische Gebiete betreffen, sowohl in Frontnähe als auch im Westen des Landes. Der Anflugsektor über Belarus gewinnt weiter an Bedeutung, wie die stärkeren Angriffe auf das Gebiet Tschernihiw im April zeigen.

Angriffe auf die Eisenbahninfrastruktur, insbesondere auf Lokomotiven (+36%) und Güterwaggons (+115%) haben 2026 weiter zugenommen. Insgesamt sind seit 2022 rund 17.300 Schadensmeldungen registriert worden.

Die Folgen des Irankrieges gefährden die bisherige Sicherheitspolitik der westlichen Unterstützer der Ukraine sowie die Effektivität der bestehenden Abschreckungsmechanismen. Eine abgestimmte europäische Strategie zur Beendigung des Ukrainekriegs ist wichtiger denn je.

Positive Trends wie der technologische Vorsprung der Ukraine und geringfügige Gebietsverluste der russischen Armee dürfen nicht darüber hinwegtäuschen, dass Russland seinen Zermürbungskrieg fortsetzen wird. Besonders bei der Entwicklung autonomer Angriffssysteme hat das russische Militär zuletzt Fortschritte gemacht, die den weiteren Kriegsverlauf für 2026 schwer vorhersehbar machen.

 

LAGE IM APRIL

Der Luftkrieg Russlands gegen zivile Ziele in der Ukraine ist in eine Zwischenphase eingetreten. Obwohl sich die Anzahl der eingesetzten Drohnen im April leicht erhöht hat, nimmt der Luftkrieg seit März nicht weiter zu. Dies trifft sowohl auf den Umfang der eingesetzten Flugkörper als auch die erzielte Zerstörung, also die nicht abgefangene Sprengladung (payload) von Drohnen und Raketen, zu. Vermutlich hält die russische Armee – wie in den vergangenen Jahren – die besonders zerstörerischen Raketensysteme für große Angriffswellen zurück.

 

Drohnenrekord im April: Höchstwerte seit Kriegsbeginn

Insgesamt wurden im April 6.583 Langstreckendrohnen auf zivile Ziele abgefeuert (2 % mehr als im März) – der höchste Wert seit Beginn der russischen Vollinvasion im Februar 2022. 65 % davon waren Shahed-Drohnen, der Rest Drohnen-Attrappen. Dazu kamen Angriffe mit 91 Marschflugkörpern und 48 ballistischen Raketen (etwa gleich viele wie im Vormonat). Insgesamt setzte Russland 6.722 Flugkörper gegen zivile Ziele ein – auch dies ein Höchstwert seit Februar 2022.

Grafik: Abfangrate russischer Langstreckendrohnen pro Monat Perspectus Analytics, KPSZSU
Grafik: Abfangrate russischer Langstreckendrohnen pro Monat

Die Abfangrate bei Drohnen ist im April leicht gesunken (von 90 auf 89 %). Bei Marschflugkörpern ist sie auf dem hohen Niveau des Vormonats geblieben (89 %). Die ukrainische Armee erhielt im April einen mobilen Trainingssimulator für F16-Kampfjets, die bei der Abwehr von Marschflugkörpern eine zentrale Rolle spielen (Ukrainisches Verteidigungsministerium, 30.4.2026).

Bei ballistischen Raketen ist die Abfangrate hingegen auf 17 % (Durchschnitt im 1. Quartal 2026: 37 %) gesunken. Aufgrund des Irankrieges sind wichtige Abfangraketen wie Patriot-PAC3-Interceptoren kaum noch lieferbar, was die Ukraine besonders verwundbar macht (Monitor Vol. XV).

Es besteht die Gefahr, dass sich der Luftkrieg kurzfristig zu Ungunsten der Ukraine entwickelt. Anzeichen dafür sind die im April leicht gestiegenen Zahlen nicht abgefangener Drohnen (722; März: 671) und getroffener Ziele (595; März: 515). Dies ist zwar deutlich weniger als in den Wintermonaten, in denen die Energieversorgung der Ukraine massiv attackiert wurde, weist aber darauf hin, dass die Erfolge bei der Flugabwehr stagnieren, während die Zahl eingesetzter Drohnen weiter leicht steigt.

Grafik: Anzahl nicht abgefangener russischer Langstreckendrohnen und tatsächliche Treffer pro Monat Perspectus Analytics, KPSZSU
Grafik: Anzahl nicht abgefangener russischer Langstreckendrohnen und tatsächliche Treffer pro Monat

Konstante Muster bei Drohnenangriffen

Die Angriffe folgen einem ähnlichen Muster wie im Vormonat, als die russische Luftwaffe begonnen hatte, die Dauer ihrer Angriffswellen zu verlängern: Statt einer Nacht erfolgt der Beschuss nun in einer Nacht und am darauffolgenden Tag, sodass innerhalb von 24 Stunden eine sehr hohe Zahl von Drohnen gegen ukrainische Städte und Infrastruktur eingesetzt wird (Rekord am 23./24.März: 948 Drohnen, vgl. Monitor Vol. XV).

Im April wurden vier intensive Angriffswellen mit mehr als 500 Drohnen innerhalb von 24 Stunden beobachtet – im März waren es vier Wellen mit über 400 Drohnen. Weil die Produktionszahlen in Russland vermutlich weiter steigen, kann die russische Armee solche Angriffsspitzen noch weiter erhöhen.

Insgesamt haben sich Rhythmus und Zusammenstellung der Angriffswellen mit Langstreckendrohnen in den vergangenen zwölf Monaten kaum verändert: Die Zahl eingesetzter Drohnen scheint durch das maximale Produktionsvolumen bestimmt zu sein, die vermutlich ohne große Reservebildung (stockpile) eingesetzt werden.

 

Raketenangriffe: Russland füllt Arsenale für den Winter

Bei Marschflugkörpern und Raketen hingegen scheint die russische Armeeführung Angriffsdesign und -Umfang im Jahresverlauf unterschiedlich intensiv zum Einsatz zu bringen. In den Wintermonaten zeigen sich sowohl in den Monatssummen als auch im Umfang einzelner Angriffswellen - mit mehr als 50 Marschflugkörpern und Raketen pro Nacht- deutlich höhere Intensitätsprofile. Die aktuelle Phase deutet auf ein Auffüllen der Raketenbestände hin. Zugleich war in den vergangenen Jahren zwischen Mai und August meist ein Monat zu beobachten, dessen Angriffsintensität mit den Wintermonaten vergleichbar war.

 

Neue Eskalation bei Gleitbomben in Frontnähe

Für die frontnahen Regionen bedeutet vor allem der wieder stark zunehmende Einsatz von Gleitbomben eine erhebliche zusätzliche Belastung für die Zivilgesellschaft. Russland hat 2026 den Einsatz gelenkter Gleitbomben deutlich ausgeweitet und im März fast 8.000 sowie im April rund 7.000 Abwürfe verzeichnet – die höchsten Monatswerte seit Beginn der Vollinvasion (↗ Verteidigungsminsterium der Ukraine, 5.5.2026).

HINTERGRUND

Aussichten des Krieges 2026

Eisenbahninfrastruktur stärker im Visier

Es ist zu erwarten, dass Russland im Luftkrieg gegen die Ukraine seine Zermürbungsstrategie fortsetzt und vor allem front- und grenznahe Regionen ins Visier nimmt. Im April zeigt sich weiterhin eine breite Verteilung der Angriffsziele: Schwerpunkt bleibt neben der Energie- auch die Eisenbahninfrastruktur.

Bereits 2025 hatten Angriffe auf Züge, Bahnhöfe und Schienenwege sehr stark zugenommen. Eine Auswertung von 17.300 Schäden an der Infrastruktur der ukrainischen Eisenbahn seit Februar 2022 zeigt, dass besonders Angriffe auf Lokomotiven und Güterwaggons (ca. 75 Angriffe pro Monat) im Vergleich zum zweiten Halbjahr 2025 (ca. 42 pro Monat) stark zugenommen haben (↗ Interfax, 24.4.2026).

Wie in den Vormonaten griff Russland im April besonders Nachschubrouten der Armee und Infrastruktur für den Warenexport im Gebiet Odesa an (↗ Monitor Vol. XIV, Vol. Monitor. XV). Verstärkt beschossen wurde außerdem das Gebiet Tschernihiw an der Grenze zu Belarus.

Grafik: Anzahl Schadensmeldungen nach Regionen im April 2026 Perspectus Analytics, diverse Daten-Erhebungen
Grafik: Anzahl Schadensmeldungen nach Regionen im April 2026

Russland wird versuchen, den Luftkrieg über Belarus stärker auch auf die westlichen Teile der Ukraine auszuweiten. Bereits 2025 wurde der belarusische Luftraum verstärkt für Shahed-Drohnen Routen genutzt. Die ukrainische Luftwaffe hat im Februar zwar neu errichtete Relaisstationen zur Steuerung von Drohnen in Belarus zerstört (↗ United24, 27.2.2026). Dennoch ist zu befürchten, dass die russische Armee erneut versuchen wird, Belarus als erweiterten Angriffsraum im Drohnenkrieg zu nutzen.

 

Ukraine hält technologische Oberhand, Russlands rüstet nach

Bei der technologischen Entwicklung im Luftkrieg hat die Ukraine inzwischen einen deutlichen Vorsprung bei der Drohnenentwicklung, wie selbst der russische Verteidigungsminister, Andrej Beloussow, intern einräumt (↗ ISW, 9.4.2026). Nichtsdestotrotz halte Russland an seiner Zermürbungstaktik fest und versuche, die Flugabwehr bis zum Zusammenbruch zu überlasten. Russland habe Fortschritte in der Aufklärung gemacht, betont der österreichische Militärexperte Gustav Gressel (↗ Die Presse, 25.4.2026), insbesondere bei der Zielerfassung und Auswertung seiner Luftangriffe. Zudem habe die russische Armee die Planung ihrer Angriffe optimiert und Kommandoketten vereinfacht. Dadurch können Angriffe in kürzeren Zeiteinheiten durchgeführt werden.

Nach anhaltender Kritik an der mangelnden russischen Luftverteidigung in Russland und der Zielgenauigkeit der Luftoperationen in der Ukraine ernannte das russische Verteidigungsministerium Aleksandr Tschajko zum neuen Oberbefehlshaber der russischen Luft- und Weltraumstreitkräfte (VKS). Tschajko war zuvor maßgeblich an russischen Militäroperationen in Syrien beteiligt, einschließlich Angriffen auf zivile Ziele und Infrastruktur, und trug später Verantwortung für russische Truppen im Raum Kyjiw, denen die Massentötungen von Zivilisten in Butscha zugeschrieben werden (↗ ISW, 4.5.2026).

 

Wettlauf gegen die Zeit: Vorbereitung auf den kommenden Winter

Der Militärexperte Gressel warnt, die Ukraine müsse im Lauf des Jahres die Raketen- und Drohnenproduktion in Russland effektiv unterbrechen, da sonst im kommenden Winter erneut intensive Raketenangriffe auf die Energieinfrastruktur drohen, während noch geringere Mengen an Abfangmunition zur Verfügung stünden als in den Jahren zuvor (↗ ORF, 24.4.2026).

Die Vorbereitungen zum Schutz vor der nächsten russischen Winterkampagne laufen bereits auf vollen Touren. Die Arbeiten zum Schutz kritischer Infrastruktur im Rahmen regionaler Energie-Resilienzpläne sind zu 46 % abgeschlossen (↗ DiXi Group, 15.4.2026).

Von den im vergangenen Winter beschädigten 9 Gigawatt (GW) Erzeugungskapazität wurden bereits etwa 4 GW wiederhergestellt. Außerdem sind 600 MW neuer Speicherkapazität ans Netz angeschlossen und technische Vorbereitungen für weitere 1,4 GW installiert worden (↗ DiXi group, 4.5.2026).

Bei den deutsch-ukrainischen Regierungskonsultationen kündigte das BMZ ein neues Finanzierungspaket in Höhe von 233 Mio. Euro zur Unterstützung des ukrainischen Energiesektors, der industriellen und der sozialen Infrastruktur an. IWF und Weltbank haben mit der US-Export-Import Bank ein Finanzierungsmechanismus über 300 Mio. US-Dollar für Energietechnik für die Naftogaz-Gruppe vereinbart (↗ DiXi Group, 21.4.2026). Die Europäische Kommission und die Europäische Investitionsbank (EIB) kündigten ein über 600 Mio. Euro starkes Wiederaufbaupaket für Energie, Wohnungsbau und Infrastruktur an.

 

Ausbau der ukrainischen Flugabwehr

Für den unmittelbaren Schutz der Städte bleiben Abfangdrohnen (↗ Monitor Vol. XI) in den nächsten Monaten entscheidend. Damit diese sich den angreifenden Shahed-Drohnen annähern können, muss die Ukraine eine sehr komplexe Voraufklärung leisten, um die Flugrouten berechnen zu können.

Im Unterschied zur Raketenabwehr nähern sich Abfangdrohnen ihren Zielen mit deutlich geringerer Geschwindigkeitsdifferenz. Dadurch ist das Abfangen technisch anspruchsvoller: Schon kleine Fehler bei der Berechnung der Flugbahn können dazu führen, dass die angreifende Drohne verfehlt wird

(↗ Talk4Ukraine, 20.4.2026).

Die vertiefte Zusammenarbeit zwischen Deutschland und der Ukraine bei der Flugabwehr, etwa unter der Beteiligung der Firma Diehl Defence (↗ United24, 15.4.2026), weckt die Hoffnung, dass neue Abfangsysteme über die Drohnenabwehr hinaus entwickelt werden. Das im April geschlossene deutsch-ukrainische Abkommen zum Austausch militärischer Daten, so Gustav Gressel, unterstützt die Weiterentwicklung von Raketenabwehrsystemen und ist ein enormer Vorteil für die deutsche Rüstungsindustrie (↗ Talk4Ukraine, 20.4.2026).

 

Munitionsknappheit verschärft sich: Irankrieg trifft Ukraine hart

Der Irankrieg hat durch den hohen Verbrauch von in den USA gefertigten Abwehrraketen und anderen Systemen die Sicherheitslage auch in Europa deutlich verschärft (↗ Monitor Vol. XV). Eine Erhebung des Center for Strategic and International Studies (CSIS) in Washington ergab, dass die Engpässe an Flugabwehrraketen durch den Irankrieg noch größer ausfallen als angenommen. Bei manchen Raketen-Typen hätten die USA im Krieg gegen den Iran bereits die Hälfte ihrer Vorräte verbraucht. Die Ukraine betrifft dies insbesondere bei Abfangraketen vom Typ PAC-3 des Patriot-Systems.

Für die USA und andere Verbündete sei jedoch der knappe Bestand und die geringen Produktionskapazitäten von THAAD-Abfangraketen das größte Problem (↗ CSIS, 21.4.2026). Die Engpässe bei Lagerbeständen, Produktion und Nachschub schränkten zudem die militärischen Kapazitäten westlicher Verbündeter ein und erschwerten die Abschreckungsfähigkeit etwa im Indopazifik, gegenüber China oder in Europa – wovon insbesondere Russland profitiere. Dies setzt US-geführte Bündnisse insgesamt unter Druck, während die Achse Russland-Iran-China den Austausch von Erkenntnissen und Technologien verstärken und so die Komplexität künftiger Konflikte erhöhen wird (↗ CSIS, 9.4.2026).

Die Ukraine ist heute besser aufgestellt als 2025, als größere russische Durchbrüche an der Front befürchtet wurden. Im März hat die russische Armee zum ersten Mal seit langer Zeit mehr Gelände verloren, als sie erobern konnte (↗ Monitor Vol. XV). Auch im April waren in einigen Frontabschnitten Gebietsverluste der russischen Armee zu verzeichnen (↗ ISW, 2.5.2026). Außerdem flog die Ukraine im März erstmals mehr Angriffe mit Langstreckendrohnen auf russisches Gebiet als Russland auf die Ukraine (ABC, 6.4.2026).

Russland müsse bereits zum dritten Mal in diesem Jahr seine Pläne verschieben, den Donbas komplett zu besetzen, betont Dmytro Kornijenko, OSINT-Analyst der Plattform Resurgam. Die Verluste der russischen Armee überstiegen den Nachschub, den Russland an Vertragssoldaten rekrutieren könne, während der Kreml eine Mobilmachung derzeit nicht riskieren wolle.

Gleichzeitig, so Kornijenko, bleibe der Druck auf die ukrainische Armee um den Festungsgürtel im Gebiet Slowjansk-Kramatorsk und an der russisch-ukrainischen Grenze in Sumy und Tschernihiw hoch. Hinzu komme die Gefahr einer neuen Offensive gegen die Ukraine von Belarus aus (↗ FAZ, 29.4.2026).

Militärexperte Gustav Gressel konstatiert einen technologischen Vorsprung der Ukraine, während sich Russlands Armee zunehmend erschöpft zeige und hohe Verluste erleide. Er verweist auf Verbesserungen im Verteidigungsministerium der Ukraine, wo Mychaijlo Fedorow als neuer Minister nicht nur innere Abläufe, Beschaffungswesen und Personalpolitik effektiver gestaltet hat, sondern Kampfhandlungen inzwischen systematisch und KI-gestützt auswerten lässt. Seither seien etwa Angriffe mittlerer Tiefe (30 bis 100 km) gegen russische Truppen deutlich erfolgreicher geworden, so Gressel (↗ Talk4Ukraine, 20.4.2026).

Das Potential technischer Innovation, die in der Ukraine derzeit diskutiert werden, umfasst die Einführung einer „Deep-Strike-Architektur“ der nächsten Generation, die auf neuer Sensorfusion, robusten Navigationssystemen, autonomen Technologien und integriertem Schwarmverhalten unter anderem von Drohnen basiert. Durch den Ausbau des Drohnenabwehrsystems (C-UAS) mit kostengünstigen präzisionsgelenkten Raketensystemen (ähnlich der estnischen Mark 1-Abfangrakete), Abfangdrohnen mit autonomer Endphasenlenkung (einschließlich schneller, strahlgetriebener Varianten) oder teilautonomen lasergelenkten Geschütztürmen, könnte sich die Ukraine weitere Vorteile verschaffen (↗ Sahaidachnyi Security Center, 1.2026)

Bild: Estnische Mark-1-Abfangrakete zur Drohnenbekämpfung Frankenburg Technologies
Bild: Estnische Mark-1-Abfangrakete zur Drohnenbekämpfung

Russische Armee und Technologieanpassung nicht unterschätzen

Der aktuelle technologische Vorsprung der ukrainischen Armee sei zwar sehr groß, gleichwohl solle man diese Entwicklung nicht überbewerten, warnt Gustav Gressel. Bisher habe die russische Armee bisher auf alle Probleme mit Anpassungen reagiert (↗ Die Presse, 25.4.2026).

Auch Kateryna Bondar, Fellow im Wadhwani AI Center beim CSIS und frühere Beraterin der ukrainischen Regierung, warnt in der New York Times davor, die Anpassungsfähigkeit der russischen Armee zu unterschätzen: „Russland ist nicht als technologischer Vorreiter in den Krieg gegen die Ukraine eingetreten, hat aber schnell gelernt.“

Nach vier Jahren Krieg habe Russland einen zunehmend pragmatischen Ansatz militärischer Innovation entwickelt, der sich vor allem an praktischer Wirksamkeit, industrieller Skalierbarkeit und unmittelbarem Nutzen im Gefecht orientiere, so Bondar.

Unbemannte Systeme und künstliche Intelligenz wurden dabei zu strategischen Prioritäten erklärt: Bis 2030 soll der unbemannte Rüstungssektor auf etwa eine Million Fachkräfte anwachsen; zugleich werde angestrebt, dass bis zu 95 % der zentralen Industriezweige KI einsetzen können. Die russische Rüstungsindustrie, die Testung und der Einsatz von Waffen seien inzwischen enger verzahnt, Innovationen würden schneller adaptiert, wie die kontinuierliche Weiterentwicklung der Shahed-Drohnen zeigt (NYT 21.4.2026).

Auch westliche Partner der Ukraine sind angesichts dieser neuartigen Bedrohungen alarmiert, den technologischen Anschluss nicht zu verlieren.

 

Ebenso gefährlich: Wenn Russland Europa unterschätzt

Gustav Gressel warnt aber auch, dass umgekehrt Russland Europas Stärke unterschätzen und die aktuelle sicherheitspolitische Übergangsphase nutzen könnte, um mit einem schnellen Angriff – zum Beispiel auf das Baltikum – die NATO zu überraschen und den Zusammenhalt der Allianz zu brechen.

Doch auch wenn Europa derzeit nicht über ausreichend Truppen verfüge, die Russland im Falle eines Angriffs standhalten könnten, habe es „industrielles und innovatives Potenzial, das sich mit der Zeit zu einem entscheidenden Faktor entwickelt“. Entscheidend sei dann, dass die europäischen Gesellschaften einen Krieg mittrügen, und ob es Europa gelänge, externe Einflussfaktoren wie die chinesische Unterstützung Russlands wirksam zu begrenzen (↗ BR, 19.4.2026).

Abschreckung könne gelingen, wenn man die Lehren der Ukraine aus diesem Krieg ernst nimmt den Erfahrungsvorsprung, den die Ukraine mit einem sehr hohen Preis bezahlt hat, zu nutzen lernt: Die „Integration der Ukraine in Europa ist ein Sicherheitsgebot der Stunde“, so Gustav Gressel (↗ Talk4Ukraine, 20.4.2026).

 

 Strategien für ein mögliches Ende des Krieges

Die Kyjiwer Denkfabrik Sahaidachnyi Security Center setzt in ihrer Analyse „Stratagems for the Victory of Ukraine“ dem Ende des Krieges eine grundlegende Abkehr von klassischen Siegesvorstellungen voraus.

Anders als in traditionellen Konzepten wie dem manoeuvre warfare, der sich um Entscheidungsschlachten und Geländegewinne dreht, oder in moderateren Ansätzen wie der strategischen Abschreckung (strategic deterrence) oder der faktischen Niederlage (functional defeat), wird Sieg hier als terminal defeat verstanden – als endgültige Niederlage, bei der die russische Armee ihre Kampf- und Angriffsfähigkeit unwiederbringlich verliert.

Dieses Ziel soll nicht durch breite militärische Überlegenheit erreicht werden, sondern durch eine hochselektive Operationslogik, etwa durch Deep Precision Strikes, die kritische Militärinfrastruktur in Russland systematisch ausschalten.

Zusätzlich soll durch Maßnahmen der Abschreckung (deterrence vector) Zeit gewonnen und die ukrainische Armee stabilisiert werden. Automatisierung, KI-Integration, Schonung der Kräfte und Ausbau der industriellen Basis stehen dabei im Fokus. Der Sieg werde dann durch einen systemischen Kipppunkt ausgelöst, an dem Russlands Kriegführung irreversibel kollabiere und strategisch sinnlos werde (↗ Sahaidachnyi Security Center, 1.2026).

Walerij Saluschnyj hingegen, einstiger Oberkommandant der ukrainischen Streitkräfte und heute Botschafter der Ukraine in Großbritannien, warnt vor überhöhten Erwartungen an einen möglichen militärischen Kollaps Russlands. Er betont die strukturellen Grenzen der ukrainischen Armee (Personal, Ressourcen, Zeit) und sieht den Krieg weniger als einen steuerbaren Prozess hin zu einem strategischen Endpunkt als einen langfristigen Überlebenskampf (war of survival). Beide Seiten befinden sich in einer strategischen Pattsituation („Zugzwang“), in der jede Handlung hohe Kosten verursacht. Der Ausgang hängt daher weniger von einem klaren Sieg ab, sondern davon, welche Seite zuerst an Kraft verliert und wie sich China und die USA verhalten werden. Dabei käme es vor allem auf Anpassungsfähigkeit, Durchhaltevermögen und Ressourcenkontrolle an, um die politischen Entscheidungen am Ende des Krieges maßgeblich zu prägen (↗ KShDU Media, 22.4.2026).

Europa fehle es hingegen an einer Strategie zur Beendigung des Krieges, kritisiert die Sicherheitsexpertin Claudia Major in der New York Times. Russland werde seine Kosten-Nutzen-Rechnung jedoch kaum verändern, solange westliche Länder die Ukraine nicht entschlossener unterstützten: „Im Moment geht es nur darum, die Ukraine im Spiel zu halten, bis sich in Moskau etwas verändert - sei es, dass jemand stirbt, aus dem Fenster fällt oder die Wirtschaft kollabiert“, sagte sie. „Aber das ist keine wirkliche Strategie.“ (↗ NYT, 25.4.2026).

Dabei zeigt der Kriegsverlauf deutlich: Trotz steigender wirtschaftlicher Kosten und taktischer Rückschläge ist der Kreml nicht von seinen Maximalforderungen abgerückt und wird den Krieg ungeachtet eigener Verluste fortsetzen. Der Sicherheitsexperte Gustav Gressel argumentiert: Auf einen echten Waffenstillstand zu hoffen, den Moskau lediglich als operatives Mittel betrachtet, um sich für neue Angriffe zu wappnen, bleibe ein "unrealistischer Traum". Der Abnutzungskrieg würde eher mit einem Sieger enden. "Für Europa sind die Sicherheitsrisiken eines russischen Sieges gravierend". Ein "ukrainischer Sieg infolge eines Zusammenbruchs des russischen Staates“, sei hingegen eine echte Alternative, auf die es hinzuarbeiten gelte (↗ EPIK, 6.5.2026).

Methode

Die Datenbank wird regelmäßig mit den Tagesberichten des Institute for the Study of War (ISW) in Washington abgeglichen (↗ ISW). Die erfassten Abschüsse stammen aus Berichten der ukrainischen Luftwaffe (↗ KPSZSU). Für die Erwähnung regionaler Ziele und Schäden werden – wenn vorliegend – die Angaben ziviler und militärischer Verwaltungen herangezogen und durch zusätzliche OSINT-Quellen abgeglichen und gelten als weitgehend plausibel.

Die genaue Quantifizierung von Luftangriffsschäden ist im Kriegsfall problematisch. Zu genaue Angaben würden der russischen Kriegsführung bei der Bewertung und Planung neuer Angriffe in die Hände spielen. Deswegen unterliegt die Berichterstattung Einschränkungen (↗ Expro, 2.1.2025).

Diese Datenauswertung konzentriert sich deswegen auf die Analyse der Angriffe und ihre Dynamik und weniger auf die Auswertung der Schäden.

Mit Datenpunkten über 44 Monate und über 98.500 ausgewerteten Angriffen lassen sich robuste Trends aufzeigen.

Die monatlichen Zahlen der Flugkörper sind Näherungswerte, da Unregelmäßigkeiten im ukrainischen Zähl- und Meldesystem festgestellt wurden. Abweichungen zu anderen OSINT-Zählungen liegen bei etwa 10 % und darunter, oft unter 3 %.

Ein Vergleich mit der Flugkörperauswertung des Center for Strategic and International Studies (CSIS) in Washington über einen Zeitraum von über zwei Jahren ergibt eine Abweichung von lediglich 1,6 % (↗ CSIS).

Bei Angriffen, die keine eindeutige Quantifizierung zulassen, wurden die niedrigeren naheliegenden Werte skaliert. Die Abschussraten bei hoher Intensität können aufgrund von ausgebliebenen Meldungen höher ausfallen als angegeben, es wird von einer Abweichung von unter 5 % ausgegangen.

Über den Autor

Marcus Welsch ist selbstständiger Analyst, Dokumentarfilmer und Publizist. Welsch beschäftigt sich mit OSINT-Journalismus und Datenanalysen seit 2014, besonders zum russischen Krieg gegen die Ukraine, zu militärischen und außenpolitischen Themen sowie zum deutschen Diskurs darüber.

In Kooperation mit den Kyjiwer Gesprächen führt Marcus Welsch seit 2023 Recherchen und Podiumsdiskussionen zur westlichen Sanktionspolitik durch.

Seit 2015 betreibt er die Daten- und Analyse-Plattform ↗ Perspectus Analytics.

 

Über die Kyjiwer Gespräche

Die Kyjiwer Gespräche sind eine unabhängige zivilgesellschaftliche Plattform zur Förderung des Dialogs zwischen der Ukraine und Deutschland.

Gegründet 2005 als ein internationales Konferenzformat zu gesellschaftlichen und politischen Themen, unterstützen sie seit 2014 zivilgesellschaftliche Initiativen zur Stärkung lokaler Demokratie in der Ukraine.

Seit der russischen Vollinvasion 2022 liegt der Schwerpunkt auf gesellschaftlicher Resilienz, sozialem Zusammenhalt sowie sicherheitspolitischen Themen wie der militärischen Unterstützung für die Ukraine und der westlichen Sanktionspolitik.

Die Kyjiwer Gespräche sind ein Programm des Europäischen Austausch gGmbH.

Asset-Herausgeber

Kontakt Dr. Jan Philipp Wölbern
Dr. Jan Philipp Wölbern
Stv. Leiter Auslandsbüro Ukraine
jan-philipp.woelbern@kas.de +380 444927443
Kontakt

Maryna Mchedleshvili

Maryna Mchedleshvili bild
Verwaltungskraft Buchhaltung
maryna.mchedleshvili@kas.de +380 44 4927443

comment-portlet

Kommentare

Bitte melden Sie sich an, um kommentieren zu können.

Asset-Herausgeber