ZUSAMMENFASSUNG
- Im Januar hat die russische Luftwaffe ukrainische Städte und zivile Ziele mit 4.442 Langstrecken-Drohnen angegriffen – 13 % weniger als im Vormonat und der niedrigste Wert seit August 2025. Hinzu kamen 76 ballistische Raketen (31 % mehr als im Dezember) und 61 Marschflugkörper (50 % weniger als im Dezember).
- Russische Flugkörper verursachten gezieltere und umfangreichere Schäden, trotz leicht verbesserter Abfangraten bei Drohnen (83 %) und ballistischen Raketen (40 %). Insgesamt wurden im Januar 820 Flugkörper (davon 750 Drohnen) nicht abgefangen (Vormonat: 1052, davon 987 Drohnen).
- Russland setzte erstmals eine Geran‑5‑Drohne und zum zweiten Mal in diesem Krieg eine Mittelstrecken-Rakete vom Typ Oreschnik ein, die allerdings vor allem eine propagandistische Funktion erfüllte.
- Im Januar verschärfte sich die Lage für die Zivilbevölkerung deutlich. Drei Jahre Luftkrieg – mit 612 gezielten Angriffen auf die Energieinfrastruktur – haben das ukrainische Stromnetz nachhaltig destabilisiert.
- Am 31. Januar führten kaskadenhafte Ausfälle bis hin zur Drosselung von Atomkraftwerken zu einem überregionalen Blackout. Bei Temperaturen unter −15 °C kam es zu den schwersten Strom-, Wasser- und Heizungsausfällen seit Kriegsbeginn; allein in Kyjiw waren zeitweise mehr als eine Million Haushalte betroffen.
- Die zivilen Opfer des Luftkriegs haben stark zugenommen, innerhalb des vergangenen Jahres um mehr als 30 %. Schätzungen zufolge wurden seit Februar 2022 15.000 Zivilistinnen und Zivilisten getötet, darunter fast 800 Kinder. Die gezielte Jagd auf Menschen ist inzwischen mancherorts Teil der Ausbildung russischer Drohnenpiloten.
- Die russische Armee nutzt Starlink-Komponenten, um die Reichweite ihrer Drohnen zu erhöhen. Dies löste Ende Januar internationale Proteste aus. Starlink-Betreiber SpaceX versicherte daraufhin, die militärische Nutzung des Satellitennetzwerks durch die russischen Streitkräfte einschränken zu wollen.
- Eine norwegische Studie (NUPI/ Corisk) vergleicht zwei Optionen europäischer Ukraine-Politik vor dem Hintergrund schwindender US-Sicherheitsgarantien und des Risikos paralleler Großkonflikte in Europa und Asien. Bei unzureichender Unterstützung der Ukraine drohe ein russischer (Teil-)Sieg mit geschätzten zusätzlichen Kosten von 1,2–1,6 Billionen Euro bedingt durch die Folgen von Migration und Instabilität sowie enorme europäische Verteidigungsausgaben vor allem zur Abschreckung in Nordskandinavien und im Baltikum. Eine deutlich stärkere militärische Unterstützung der Ukraine wird als sicherheitspolitisch wirksamer und langfristig deutlich kostengünstiger bewertet.
Die Lage im Januar 2026. Analyse und Trends
Russische Flugkörper verursachen inzwischen trotz besserer Abschussraten gezieltere und umfangreichere Schäden als früher, mit anhaltenden Folgen für die Strom- und Wärmeversorgung der Bevölkerung. Zeitnahe Reparaturen werden durch kurze Angriffsintervalle erschwert. (↗ Armyinform, 20.1.2026).
Im Januar hat die russische Luftwaffe ukrainische Städte und zivile Ziele jedoch mit deutlich weniger Flugkörpern angegriffen als in den Monaten zuvor. Insgesamt wurden 4.442 Langstrecken-Drohnen gezählt – die niedrigste Zahl seit August 2025. Das sind 13 % weniger als im Dezember 2025 und durchschnittlich 143 Drohnen pro Nacht.
Die ukrainische Drohnenabwehr erzielte im Januar eine etwas bessere Abfangrate von 83 % (Dezember: 81 %). Insgesamt konnten 820 Flugkörper (davon 750 Drohnen) nicht abgefangen werden. Zum Vergleich: Im Dezember wurden 1052 Flugkörper (davon 987 Drohnen) nicht abgefangen.
Zum ersten Mal setzte Russland im Januar eine Geran‑5‑Drohne ein. Sie weist eine Reichweite von etwa 1.000 km auf und kann mit einer Luft-Luft-Rakete (R-73) ausgerüstet werden (↗ HUR, 11.1.2026).
Die Zahl der von Russland eingesetzten Marschflugkörper hat sich im Vergleich zum Vormonat auf 61 halbiert, die Abfangrate variierte je nach Typ (im Schnitt 62 %). Die Zahl ballistischer Raketen hat mit rund 76 wieder zugenommen (Dezember: 57).
Russland setzte neben den Iskander-M-Raketen zusätzlich modifizierte Ausbildungsraketen der Flugabwehrraketen-Reihe S-300/S-400 ein. Diese Boden-Luft-Raketen wurden bereits in der Vergangenheit zu Angriffen auf Boden-Ziele in der Ukraine verwendet. Dass dazu Ausbildungsmunition benutzt wurde, lässt Engpässe bei diesen für Russland wichtigen Flugabwehrraketen vermuten, die vor 2022 noch in großer Zahl zur Verfügung standen. Vermutlich zwingen die anhaltenden ukrainischen Angriffe Russland zur Priorisierung beim Einsatz der Flugabwehrmunition (↗ ISW, 20.1.2026). Anders als in den Vormonaten dokumentiert die ukrainische Luftwaffe (KPSZSU) im Januar keinen Angriff mit einer Kinzhal-Rakete.
Von Russland eingesetzte Flugkörper pro Monat
Die Abfangrate für ballistische Raketen stieg im Januar auf annähernd 40 %. Das ist der beste Wert seit August 2025 und hängt möglicherweise mit einer nicht näher beschriebenen Lieferung von US-amerikanischen Abfangraketen des Typs PAC-3 für die Patriot-Luftabwehrsysteme zusammen (↗ Präsidialverwaltung Ukraine, 23.1.2026).
In der Nacht zum 9. Januar hat Russland bei Angriffen auf die Stadt Lwiw zum zweiten Mal in diesem Krieg eine modifizierte Mittelstrecken-Rakete vom Typ Oreschnik eingesetzt. Ähnlich wie beim ersten Einsatz im November 2024 (↗ Monitor Vol. II) führte die Rakete keinen Sprengkopf mit. Die verhältnismäßig teuren Oreschnik-Raketen sind für die Bestückung mit nuklearen Sprengköpfen ausgelegt, die weniger auf Präzision angewiesen sind als konventionelle Angriffswaffen und dienen im Krieg gegen die Ukraine eher Propaganda-Zwecken (↗ ZDF, 16.1.2026).
FATALE ANGRIFFE AUF DIE ENERGIEVERSORGUNG
Seit Herbst 2022 versuchte Russland Winter für Winter, die ukrainische Energieversorgung zum Zusammenbruch zu bringen (↗ Monitor Vol. XII), lange jedoch ohne durchschlagenden Erfolg (↗ Monitor Vol. III). Seit Herbst 2025 verschärfte sich die Lage drastisch, weil die russische Armee ihre Angriffe noch gezielter und intensiver auf die Energieinfrastruktur konzentrierte und das Stromnetz nachhaltig beschädigte. Die Angriffsintervalle wurden dichter und Reparaturteams gezielt attackiert.
Die Folgen der Angriffe im Dezember und Januar trafen die Zivilbevölkerung in bislang unverhältnismäßigem Ausmaß und führten bei Temperaturen unter −15 °C zu den schwersten Strom-, Wasser- und Heizungsausfällen seit Beginn des Luftkriegs.
Zeitweise waren mehr als eine Million Haushalte in Kyjiw sowie hunderttausende weitere in Tschernihiw, Odesa und anderen Gebieten ohne Strom; aufgrund regional rotierender Abschaltungen hatten die Menschen häufig nur drei bis vier Stunden am Tag Strom in ihren Wohnungen.
Angriffe im Januar 2026 konzentrierten sich auf wenige ukrainische Regionen (Kyjiw, Charkiw, Dnipropetrowsk, Odesa, Saporischschja).
Perspectus Analytics, KPSZSU-, ISW-Tagesberichte
ÜBERREGIONALER BLACKOUT UND NOTABSCHALTUNGEN
Die monatelangen russischen Angriffe haben das ukrainische Stromnetz so stark geschwächt, dass selbst ein Moratorium für Angriffe auf die Energieinfrastruktur die Lage kurzfristig nicht stabilisieren kann.
Besonders deutlich wurde dies bei einem Blackout am 31. Januar, der nicht durch die russischen Angriffe jener Nacht verursacht wurde, sondern durch den Ausfall zweier Leitungen zu den Stromnetzen in der Republik Moldau und Rumänien sowie zwischen der West- und der Zentralukraine (↗ Schmyhal, 31.1.2026).
Bereits bestehende Schäden am Energiesystem führten dabei zu kaskadenhaften Abschaltungen im gesamten Netz. Auch die ukrainischen Atomkraftwerke mussten erneut heruntergeregelt werden (↗ Kyiv Independent, 31.1.2026). Der zusätzliche Ausfall dieser Kapazitäten war besonders gravierend, da die AKWs maßgeblich zur Stabilisierung der Versorgung beitragen.
Die Folge waren Notabschaltungen in mehreren Regionen. In Kyjiw wurde der Metro-Betrieb abrupt unterbrochen, Züge und Passagiere steckten in Tunneln fest. Bisher war die Metro in der Hauptstadt durch eine gesonderte Stromversorgung abgesichert gewesen.
Die Stromversorgung der kritischen Infrastruktur und die meisten Eisenbahnlinien wurden im Laufe des Tages wiederhergestellt, die Versorgung der Bevölkerung blieb jedoch unsicher. Zeitweise fielen auch die Wasserversorgung und Teile der batteriegestützten Notstromversorgung des Mobilfunknetzes aus.
Insgesamt ist das ukrainische Stromnetz inzwischen so stark beschädigt, dass selbst kleinere Störungen erhebliche Auswirkungen haben können. Die Stromversorgung des Landes hängt jetzt vor allem an den drei AKWs des Landes. Die verbleibenden thermischen Kraftwerke dienen überwiegend der Wärmeerzeugung. Vor allem die Stromversorgung für den Oblast Odesa gilt als kritisch. Die Region kämpft seit zwei Monaten mit permanenten Strommangel (↗ vgl. Monitor Vol. XII).
Das am 29. Januar von Trump verkündete „Moratorium“ für Angriffe auf die ukrainische Energieinfrastruktur ist kein substanzielles Zugeständnis Russlands. Mehrtägige Feuerpausen gab es seit Beginn des Luftkriegs immer wieder. Sie dienten Russland stets als Vorbereitung für die nächsten Angriffe. Das Ende des „Moratoriums“ mündete in den massivsten Raketenangriff des Winters am 3. Februar mit 71 eingesetzten ballistischen Raketen (↗ Kyiv Independent, 4.2.2026).
STRATEGISCHE ZIELE RUSSLANDS IM KRIEG GEGEN DIE ENERGIEVERSORGUNG
Dem Militäranalysten Konrad Muzyka zufolge richteten sich die russischen Angriffe seit dem Sommer 2025 aus strategischen Gründen vor allem gegen kleinere Umspannwerke und Knotenpunkte des Energienetzes nahe der Grenze zu Russland. Dadurch wurde die Ukraine gezwungen, ihre Reparaturteams und Luftverteidigungskapazitäten von wichtigen Zielen im Hinterland abzuziehen (↗ Rochan Consulting, 26.1.2026).
Zuvor hatten Gas- und Kohlekraftwerke im Zentrum der Angriffe gestanden. Strategisch wichtige Kohlebergwerke wurden bereits vor 2025 zerstört und dadurch stillgelegt. Auch Wasser- und Blockheizkraftwerke wurden systematisch angegriffen (↗ Texty.org, 6.11.2025).
2026 könnte die Gasversorgung zur entscheidenden Herausforderung für die Ukraine werden. Schon im Oktober 2025 waren 60 % der ukrainischen Erdgasproduktion zerstört (↗ vgl. Monitor Vol. X). Der Angriff auf eine Gas-Kompressorstation in Orliwka (Oblast Odesa) im August 2025 zeigt, dass Russland auch auf Import- und Lagerlogistik zielt (↗ OSW, 12.8.2025).
Darüber hinaus sind die Angriffe auf die ukrainische Eisenbahninfrastruktur als Teil der laufenden Luftangriffe zur Gefechtsfeldabriegelung (Battlefield Air Interdiction, BAI) der russischen Streitkräfte zu verstehen, um die Logistik der ukrainischen Verteidigung zu verhindern. Dies betrifft zunehmend auch zivile Strukturen, wie Autobahnen und den Eisenbahnverkehr (↗ vgl. Monitor Vol. XII).
15.000 ZIVILE OPFER
Die zivilen Opfer des Luftkriegs gegen die Ukraine haben stark zugenommen, innerhalb des vergangenen Jahres um mehr als 30 %. 2025 wurden bei russischen Angriffen etwa 2.400 ukrainische Zivilistinnen und Zivilisten getötet und fast 12.000 verletzt. Die Gesamtzahl der zivilen Todesopfer seit Februar 2022 beträgt schätzungsweise 15.000, hinzu kommen 40.000 Verletzte – darunter 758 getötete und 2.445 verletzte Kinder (↗ Bloomberg, 12.1.2026).
63 % aller zivilen Opfer im Jahr 2025 wurden in Frontgebieten getötet. Überproportional oft waren dies ältere Menschen, die meist durch gezielte Angriffe russischer Kurzstrecken-Drohnen starben. Solche Angriffe stiegen innerhalb des vergangenen Jahres um 120 % (↗ HRMMU, 12.1.2026), was unter anderem auf die deutlich erhöhte Reichweite von FPV-Drohnen zurückzuführen ist.
GEZIELTE DROHNENJAGD AUF MENSCHEN
Die russische Armee greift in der Ukraine nicht nur planmäßig Krankenhäuser und medizinische Einrichtungen an, sondern jagt Zivilistinnen und Zivilisten gezielt mit FPV-Drohnen, bei denen der Pilot das Kamerabild der Drohne in Echtzeit sieht. (↗ DW, 27.8.2024).
Die russische Armee setzt FPV-Drohnen offenbar bei der Ausbildung von Drohnenpiloten ein und lässt diese zu Trainingszwecken Menschen jagen, um sie für den Einsatz an der Front zu schulen. Dazu gehören auch Angriffe auf private PKWs, Versorgungsfahrzeuge und sogar die Müllabfuhr, wie aus dem Gebiet Charkiw berichtet wurde (↗ Armyinform, 24.1.2026).
Geolokalisierte Aufnahmen belegen, wie russische FPV-Drohnen Ende Januar in Hrabowske südöstlich der Stadt Sumy Zivilisten jagten und diese töteten, als sie versuchten, das besetzte Gebiet zu verlassen. Am gleichen Ort griffen Drohnenpiloten einen verwundeten Mann an, der neben einer durch eine Drohne getöteten Frau lag. Im Dezember hatte die russische Armee mit einer Angriffsserie in der Region etwa 50 Zivilpersonen gewaltsam vertrieben (↗ ISW, 27.1.2026).
RUSSISCHER MISSBRAUCH VON STARLINK
Versuche amerikanischer Forschungseinrichtungen belegen schon länger, dass Starlinksignale auch indirekt zu komplexen Navigationen genutzt werden können und in Konfliktregionen zum Einsatz kommen. Die ukrainische Armee nutzt auf vielen Ebenen das vom US-Raumfahrtunternehmen SpaceX betriebene Satellitennetzwerk Starlink. Zahlreiche Anwendungen, die der Ukraine einen technischen Vorsprung verschaffen, basieren auf dieser Infrastruktur, die auch zunehmend bei der Navigation von Deep Strikes in Russland eine wichtige Rolle spielen wird (↗ Benjamin Cook, 14.1.2026).
Die Nutzung des Starlink-Signals durch Russland wurde bereits im Februar 2024 diskutiert (↗ LB.ua, 11.2.2024). Im September 2024 wurde über russische Langstrecken-Drohnen vom Typ Shahed berichtet, die mit Starlink-Antennen bestückt waren (↗ Reuters, 29.1.2026).
Im Dezember 2025 erklärte der ukrainische Militärgeheimdienst HUR, auch die modifizierte russische Molnija-2 Drohne sei mit Starlink-Komponenten ausgestattet (↗ HUR, 22.12.2025), wodurch die Reichweite von 30 auf bis zu 230 Kilometer erweitert werden kann (↗ Unian, 29.12.2025). Andere Modelle sollen sogar bis zu 500 Kilometer weit gesteuert werden können (↗ Beskrestnov, 26.1.2026).
Das stellt die ukrainische Armee beim Schutz ihrer Versorgungswege vor neue Herausforderungen.
Auch zivile Fahrzeuge wurden von Drohnen mit Starlink-Empfängern angegriffen (↗ Suspilne, 29.1.2026). Ende Januar wurde in der Region Charkiw ein Personenzug vermutlich durch eine modifizierte Langstrecken-Drohne vom Typ Shahed getroffen, was zu einem Schlagabtausch zwischen dem polnischen Außenminister Radosław Sikorski und Starlink-Besitzer Elon Musk führte (↗ CBS News, 28.1.2026).
Das ukrainische Verteidigungsministerium kündigte an, gemeinsam mit Starlink-Betreiber SpaceX einen Verifizierungsmechanismus einzuführen, um eine Starlink-Nutzung durch die russische Armee zu verhindern (↗ EuroNews, 2.2.2026).
HINTERGRUND. Europas Preis unzureichender Ukraine-Hilfe
Ein Sieg Russlands in der Ukraine würde Europas Sicherheit gefährden – und hohe Kosten verursachen. Zu diesem Ergebnis kommt eine im November veröffentlichte Studie des Norwegischen Instituts für Internationale Angelegenheiten (NUPI) und der unabhängigen Analysefirma Corisk, die zwei alternative Pfade europäischer Ukraine-Politik vergleicht und deren sicherheitspolitischen Konsequenzen und Kosten analysiert (↗ NUPI/Corisk, 11.2025).
Durch einen (Teil-)Erfolg in der Ukraine, so die Studie, würde Russland nicht nur militärisch gestärkt, sondern auch ermutigt, seine Machtansprüche in Europa auszudehnen, während die USA gleichzeitig nur noch begrenzt in der Lage oder willens seien, weiterhin die Sicherheit Europas zu garantieren, insbesondere im Fall eines heißen Konflikts mit China im Indopazifik. Schon jetzt steht Europa nicht mehr im Fokus der neuen US-Verteidigungsstrategie (↗ DLF, 24.1.2026).
Die NUPI-Studie verweist darauf, dass Russland und China ein gemeinsames Interesse daran haben, die USA militärisch zu binden und ihren globalen Einfluss zu schwächen: Es sei wahrscheinlich, dass große Kriege in Asien und Europa gleichzeitig stattfinden – zwischen China und den USA sowie zwischen Russland und Europa.
Europa müsse sich deshalb darauf einstellen, einen Krieg gegen Russland auch ohne umfangreiche Unterstützung der USA zu führen. Ein möglicher Konflikt der USA mit China würde die (Flug-) Abwehrkapazitäten für den Schutz US-amerikanischer Soldaten in den Pazifikraum verlagern und die Unterstützung für Europa reduzieren. Dass US-amerikanische Boden- und Luftstreitkräfte in nennenswertem Umfang in Europa eingesetzt würden, ohne dass ihre Logistikwege und Basen ausreichend geschützt sind, sei kaum realistisch.
Europa ist wegen der weltweit geringen Produktionskapazitäten für hocheffektive Flugabwehrsysteme und -raketen bereits jetzt nur eingeschränkt dazu in der Lage, sich vor ballistischen Raketen aus Russland zu schützen (↗ vgl. Monitor Vol. VIII).
Bei der Abschreckung und Abwehr russischer Machtansprüche ist die Verteidigung Skandinaviens und des Baltikums von zentraler Bedeutung. Dies gilt insbesondere mit Blick auf ein mögliches russisches Vordringen in Nordfinnland und im nordskandinavischen Raum, wo Russland versuchen könnte, die Pufferzone um die Kola-Halbinsel – ein Kerngebiet seiner nuklearen Abschreckung – durch einen Angriff auf NATO-Gebiet zu erweitern.
Nachdem Russland Finnland bereits mit einer ähnlichen Rhetorik bedroht hat wie zuvor die Ukraine (↗ vgl. Monitor Vol. VIII), zeigen neueste Satellitenbilder für den Zeitraum Juni 2024 bis Oktober 2025 umfangreiche russische Bauaktivitäten am Militärstützpunkt Rybka bei Petrosawodsk (Republik Karelien) sowie den Aufbau einer neuen Militärbasis in Kandalakscha (Oblast Murmansk) nahe der finnischen Grenze. Demnach reaktiviert Russland aufgegebene Standorte, stationiert neue Verbände und schafft damit militärische Voraussetzungen für eine langfristige Ausrichtung auf eine mögliche Konfrontation mit der NATO in Skandinavien (↗ ISW, 1.2.2026).
Vor diesem weltpolitischen Hintergrund entwickelt die Studie zwei Szenarien:
SZENARIO 1: UNZUREICHENDE MILITÄRISCHE UNTERSTÜTZUNG DER UKRAINE UND RUSSISCHER (TEIL-)SIEG
Wenn die militärische Unterstützung der Ukraine nicht deutlich verstärkt wird, gehen die Autoren der Studie von der Gefahr eines russischen (Teil-)Siegs aus: Die Ukraine könnte etwa die Hälfte ihres Territoriums verlieren, bliebe politisch und wirtschaftlich instabil und wäre langfristig auf umfangreiche Hilfe aus Europa angewiesen.
Allein die daraus entstehenden Flüchtlings- und Sozialkosten beziffert die Studie für Europa auf 524 bis 952 Milliarden Euro innerhalb der nächsten vier Jahre. Hinzu kämen massive zusätzliche Verteidigungsausgaben, um weitere russische Angriffe zu verhindern – insbesondere im Baltikum und Nordeuropa.
Insgesamt lägen die Kosten dieses Szenarios bei 1,2 bis 1,6 Billionen Euro in den ersten vier Jahren. Europa müsste zudem deutlich mehr Truppen in Nord- und Osteuropa stationieren, als derzeit in öffentlichen Debatten angenommen wird.
SZENARIO 2: ENTSCHLOSSENE MILITÄRISCHE UNTERSTÜTZUNG DER UKRAINE
Eine substanziell stärkere Unterstützung der ukrainischen Armee würde kleinere militärische Erfolge ermöglichen, die Russland überhaupt erst zu ernsthaften Verhandlungen zwingen könnten. Die Ukraine erhielte damit eine realistische Zukunftsperspektive, einschließlich der Möglichkeit für viele Ukrainerinnen und Ukrainer, in ihr Land zurückzukehren.
Um dies zu erreichen, müssten europäische Länder mehr Drohnen, vor allem aber deutlich mehr Panzer und Artilleriesysteme bereitstellen. Zusätzlich sollte eine verbesserte Luftverteidigung die Ukraine merklich entlasten (↗ vgl. Monitor Vol. IX). Die Kosten dafür schätzen die Autoren auf 522 bis 838 Milliarden Euro in den nächsten vier Jahren. Das sind weniger als die Ausgaben der EU zur Bewältigung der COVID19-Pandemie 2020 oder für den Euro-Rettungsschirm 2010–2013.
Das unmissverständliche Fazit der Studie: Nicht die stärkere Unterstützung der Ukraine ist der teure Weg, sondern ihr Scheitern. In der Gesamtschau beider Szenarien wird deutlich, dass Europa sich die strategische Ambiguität nicht länger leisten kann und endlich eine kohärente Strategie formulieren und entschlossen umsetzen muss, die politische Ziele, militärische Unterstützung, langfristige Sicherheitsinteressen und finanzielle Kosten miteinander verbindet.
Methode
Die Datenbank wird regelmäßig mit den Tagesberichten des Institute for the Study of War (ISW) in Washington abgeglichen. (↗ ISW) Die erfassten Abschüsse stammen aus Berichten der ukrainischen Luftwaffe (↗ KPSZSU), für die Erwähnung regionaler Ziele und Schäden werden - wenn vorliegend - die Angaben ziviler und militärischer Verwaltungen herangezogen und durch zusätzliche OSINT-Quellen abgeglichen und gelten als weitgehend plausibel.
Die genaue Quantifizierung von Luftangriffsschäden ist im Kriegsfall problematisch. Zu genaue Angaben würden der russischen Kriegsführung bei der Bewertung und Planung neuer Angriffe in die Hände spielen. Deswegen unterliegt die Berichterstattung Einschränkungen. (↗ Expro, 2.1.2025)
Diese Datenauswertung konzentriert sich deswegen auf die Analyse der Angriffe und ihre Dynamik und weniger auf die Auswertung der Schäden.
7Mit Datenpunkten über 41 Monate und über 79.700 ausgewerteten Angriffen lassen sich robuste Trends aufzeigen.
Die monatlichen Zahlen der Flugkörper sind Näherungswerte, da Unregelmäßigkeiten im ukrainischen Zähl- und Meldesystem festgestellt wurden. Abweichungen zu anderen OSINT-Zählungen liegen bei etwa 10 % und darunter, oft unter 3 %.
Ein Vergleich mit der Flugkörperauswertung des Center for Strategic and International Studies (CSIS) in Washington über einen Zeitraum von über zwei Jahren ergibt eine Abweichung von lediglich 1,6 %. (↗ CSIS)
Bei Angriffen, die keine eindeutige Quantifizierung zulassen, wurden die niedrigeren naheliegenden Werte skaliert. Die Abschussraten bei hoher Intensität können aufgrund von ausgebliebenen Meldungen höher ausfallen als angegeben, es wird von einer Abweichung von unter 5 % ausgegangen.
Über den Autor
Marcus Welsch ist selbstständiger Analyst, Dokumentarfilmer und Publizist. Welsch beschäftigt sich mit OSINT-Journalismus und Datenanalysen seit 2014, besonders zum russischen Krieg gegen die Ukraine, zu militärischen und außenpolitischen Themen, sowie zum deutschen Diskurs darüber.
In Kooperation mit den Kyjiwer Gesprächen führt Marcus Welsch seit 2023 Recherchen und Podiumsdiskussionen zur westlichen Sanktionspolitik durch.
Seit 2015 betreibt er die Daten- und Analyse-Plattform ↗ Perspectus Analytics.
Über die Kyjiwer Gespräche
Die Kyjiwer Gespräche sind eine unabhängige zivilgesellschaftliche Plattform zur Förderung des Dialogs zwischen der Ukraine und Deutschland.
Gegründet 2005 als ein internationales Konferenzformat zu gesellschaftlichen und politischen Themen, unterstützen sie seit 2014 zivilgesellschaftliche Initiativen zur Stärkung lokaler Demokratie in der Ukraine.
Seit der russischen Vollinvasion 2022 liegt der Schwerpunkt auf gesellschaftlicher Resilienz, sozialem Zusammenhalt sowie sicherheitspolitischen Themen wie der militärischen Unterstützung für die Ukraine und der westlichen Sanktionspolitik.
Die Kyjiwer Gespräche sind ein Programm des Europäischen Austausch gGmbH.
KONTAKT
Kyjiwer Gespräche
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